Wettlauf mit der Zeit

Die chinesische Stadt Urumqi wird zu den Megacities der Zukunft gehören. Ob Aspekte der Nachhaltigkeit in ihrer Geschichte eine Rolle spielen, entscheidet sich schon jetzt

Der globale Trend zur Urbanisierung ist ungebrochen, und er wird sich, wenn die Prognosen halbwegs zutreffen, in den kommenden Jahren weiter beschleunigen. Während Mitte der 70er Jahre noch 38% der Weltbevölkerung in Städten lebten, werden es 2007 schon mehr als 50% sein, und spätestens 2030 dürften sich zwei Drittel vorwiegend in großen Ballungsräumen aufhalten. Momentan wachsen die Städte rund um den Globus um 60 Millionen Bewohner pro Jahr, und die Zahl der sogenannten Megacities, in denen deutlich über fünf, nach einer Definition der Vereinten Nationen sogar mehr als zehn Millionen Menschen leben, nimmt unaufhaltsam zu.

Im Jahr 1900 verzeichnete London als damals größte Stadt der Welt 6,5 Millionen Einwohner, und noch 1940 gab es mit London, Paris, Tokyo und New York insgesamt nur vier Städte mit über fünf Millionen. Mitte der 70er Jahre wurden dann bereits fünf Megacities gezählt, 2015 werden es wohl 26 sein.

Diese Entwicklung stellt die Politik und die betroffenen Menschen vor neue Herausforderungen, ermöglicht aber auch das fortwährende Eingreifen in einen dynamischen Prozess. Das Bundesministerium für Bildung und Forschun sieht jedenfalls gute Chancen, unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit gezielt Einfluss auf die Zukunft der Megacities zu nehmen. Seit Mitte dieses Jahres werden deshalb 16 Kooperationsprojekte zwischen deutschen Kommunen, wissenschaftlichen Einrichtungen und Unternehmen auf der einen und Partnerstädten in Afrika, Asien und Südamerika auf der anderen Seite im Rahmen des Programms Forschung für die Nachhaltige Entwicklung der Megastädte von morgen gefördert. Die Unterstützung umfasst eine zweijährige Set-up-Phase, die dem Auf- und Ausbau von Kontakten mit Projektpartnern, Behörden oder Nicht-Regierungsorganisationen dienen und bis Mitte 2007 abgeschlossen werden soll. Anschließend ist eine Verlängerung der Förderung um weitere neun Jahre möglich.

Blick auf des Zentrum von Urumqi. Bild: Uni Heidelberg

Das Beispiel von Urumqi zeigt, wie vielfältig die Aufgaben sind, die kurz- und mittelfristig bewältigt werden müssen, um tatsächlich eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten. Denn in der Hauptstadt der autonomen Provinz Xinjiang trifft im Nordwesten Chinas eine rasante wirtschaftliche Entwicklung auf soziale und gesellschaftliche, architektonische und ökologische, energie- und gesundheitspolitische Problemstellungen. Unter Federführung des Geographischen Instituts der Universität Heidelberg beschäftigen sich Wissenschaftler, Politiker und Wirtschaftsfachleute aus der deutschen Universitätsstadt seit September mit dem Projektthema Urumqi: Steuerung umweltsensitiver Stoffkreisläufe zur nachhaltigen Stadtentwicklung in einem Trockengebiet.

Urumqi gehört zu den am Rand der Gurbantünggüt-Wüste liegenden Oasenstädte, die von den Gletschern des Tien-Shan-Gebirges mit Wasser versorgt werden und als Teil der alten Seidenstraße Handel und Wandel aufgeschlossen gegenüber stehen. Die reichen Bodenschätze haben in der gesamten Region Xinjiang eine regelrechte Goldgräberstimmung entfacht und dafür gesorgt, dass in den letzten Jahren ein Wirtschaftswachstum von 17% verzeichnet wurde, das noch einmal 8% über dem an sich schon hohen chinesischen Gesamtniveau lag.

Vielerorts entstanden gigantische Industrieanlagen, neue Wolkenkratzer, Straßen und Autobahnen. Kohle, Erdgas und Erdöl müssen nun nicht mehr zwingend in andere Regionen transportiert, sondern können vor Ort verarbeitet werden. Urumqi bildet das Zentrum dieser explosionsartigen Entwicklung. Durch die Eingemeindung von Nachbarstädten der Region Changji ist mittlerweile ein Ballungsraum mit vier Millionen Menschen entstanden, und in den nächsten Jahren könnte sich diese Zahl verdoppeln, zumal der Verschmelzungsprozess politisch gewollt ist und das altehrwürdige Urumqi immer häufiger unter dem Namen der neuen Megacity „U-Chang“ firmiert.

Damit das Vorzeige- auch ein Erfolgsprojekt wird, müssen unterschiedlichste Interessen berücksichtigt und wahre Herkulesaufgaben gelöst werden. Der Klärungsbedarf beginnt bei Meinungsverschiedenheiten über die langfristigen Zielvorstellungen und die aktuelle Ausformung des Kommunismus, den Wert von Geld und Arbeit oder die Bedeutung von Herkunft und Kultur. Die Bevölkerungsmehrheit in Urumqi-City hat beispielsweise chinesische Vorfahren, während im Umland Uyguren, Bai, Mandschu, Kirgisen, Kasachen oder Tartaren in der Überzahl sind. Der Umgang der chinesischen Zentralregierung mit den Uyguren – amnesty international spricht im Jahresbericht 2005 wie so oft von „massiven Repressionen gegen die muslimische Volksgruppe“ – ist sicher kein gutes Beispiel für die Bewältigung möglicher Konflikte. Zumal sich die ethnischen Auseinandersetzungen in einer optischen Vorherrschaft der Han-Chinesen und einer sozialen Deklassierung der anderen Bevölkerungsgruppen widerspiegeln, die in slumartigen Wohngebieten am Rande oder außerhalb des Zentrums wohnen.

Darüber hinaus gilt das Trockengebiet der Provinz Xinjiang als ökologisch hochsensibel. Durch den Klimawandel droht das schnee- und eisbedeckte Tien-Shan-Gebirge abzuschmelzen und damit die – durch den steigenden Verbrauch – ohnehin bedrohte Wasserversorgung zu gefährden. Auf der Agenda der deutsch-chinesischen Kooperationspartner steht deshalb nicht nur der Ausbau von künstlichen und natürlichen Reservoirs sowie die Umsetzung moderner Recycling-Methoden für das Abwasser, sondern auch die Entwicklung von Konzepten für einen sparsameren Umgang mit Wasser in Landwirtschaft, Industrie und Privathaushalten.

Das größte Kapital der Region enttarnt derweil seine Schattenseiten und erweist sich für viele Menschen als existenzgefährdende Bedrohung. Xinjiang verfügt über 30% der chinesischen Erdöl- und Kohlevorkommen, leidet aber unter so extremer Luftverschmutzung, dass Tuberkulose mittlerweile die häufigste Todesursache ist. Eine deutliche Verbesserung der Innenraumlufthygiene ist deshalb ebenso notwendig wie die Reduzierung der Feinstaubbelastung, und in diesem Bereich drängen sich die einfachen und schnellen Lösungsmöglichkeiten ausnahmsweise auf. Ein Drittel der in China erzeugten Windenergie kommt bereits jetzt aus Xinjiang, und der mögliche Gesamtertrag aus Sonnen- und Windenergie, den Experten auf 2-3 kW/qm schätzen, wurde bislang erst ansatzweise erschlossen. Daneben soll die nachhaltige Stadtentwicklung durch ein bewussteres Konsumentenverhalten begünstigt werden. Auf deutscher Seite geht man davon aus, dass in den Bereichen Industrie-Design und Wohnungsbau noch gewaltige Einsparpotenziale zu entdecken sind.

Diese gibt es sicher auch in der Abfallwirtschaft, folgerichtig steht sie als vierter Themenschwerpunkt neben Wasser, Energie und Gesundheit im Zentrum der gemeinsamen Bemühungen. In Xinjiang werden derzeit Jahr für Jahr 5,5 Millionen Tonnen Industrieabfälle produziert, 40% stammen direkt aus Urumqi, hinzu kommen die Überbleibsel aus Privathaushalten, öffentlichen Einrichtungen und landwirtschaftlichen Betrieben. Zu den Projektzielen gehört deshalb auch die Umsetzung neuer Recycling- und ökologisch verträglicher Deponierungskonzepte sowie die Reduzierung von Abfallmengen und Abfallschädlichkeit.

Ein Blick auf die anderen Förderprojekte zeigt, dass die Megacities der Zukunft überall auf der Welt mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert werden. In den meisten verlaufen die Wachstumsprozesse so schnell und eruptiv, dass sie nur unter größten Schwierigkeiten den Standards einer nachhaltigen Entwicklung angepasst werden können. Die südindische Stadt Hyderabad, in der 2001 noch 5,5 Millionen Menschen lebten, wird in zehn Jahren vermutlich 10,5 Millionen Einwohner haben. In Ho Chi Minh City werden in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren bis zu einer Million neue Wohneinheiten gebraucht. Für Dar es Salaam in Tansania bedeutet Verstädterung oft auch die Verelendung großer Bevölkerungskreise. In der peruanischen Hauptstadt Lima leben derzeit acht Millionen Menschen, von denen zwar 86% an die Trinkwasserversorgung und nur 81% an das Kanalisationssystem angeschlossen sind. 90% des Abwassers fließt ungefiltert in den Ozean.

Es wird nahezu unmöglich sein, diese und viele andere Probleme, rechtzeitig und umfassend in den Griff zu bekommen. Doch zu dem Versuch gibt es keine Alternative. (Thorsten Stegemann)

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