Wettrüsten bei Hyperschall-Raketen und -Fluggeräten

Boeing X-51A Waverider. Bild: USAF

Die Hyperschall-Technik eröffnet einen weltweiten Angriff in wenigen Minuten, was die Reaktionszeit drastisch verkürzt und die meisten Raketenabwehrsysteme aushebelt

Vermutlich haben die USA den Takt mit dem 2003 ausgegeben Plan eines Global Strike bzw. "Prompt Global Strike" (CONPLAN 8022) vorgegeben und einen Rüstungswettlauf von Hyperschall-Drohnen oder -Raketen angeschoben.

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Primäres Ziel ist es nicht, einen umfassenden Angriff auf ein Land etwa mit Atomraketen zu ermöglichen, sondern mit Interkontinentalraketen mit konventionellen oder nuklearen Sprengladungen, ballistischen Raketen oder Hyperschallgeschwindigkeits-Gleitfluggeräten ein beliebiges lokales Ziel irgendwo auf der Erde innerhalb einer Stunde zu treffen. Beispielsweise wird daran gedacht so die gegnerische Regierung oder militärische Führung ausschalten (decapitation) zu können (Globale Angriffs- und Zerstörungskapazität).

2011 führte das Pentagon den angeblich erfolgreichen ersten Test der Hyperschall-Rakete AHW (Advanced Hypersonic Weapon), nachdem 2010 ein Test mit der Weltraumdrohne Falcon Hypersonic Technology Vehicle 2 (HTV-2) gescheitert war, die mit der Hilfe einer Trägerrakete auf eine Höhe von 100 km gebracht werden und dann mit Mach 20 ein Ziel auf der Erde ansteuern sollte. Auch 2014 scheiterte ein weiterer Test. Ein Test mit dem Scramjet X-51A (WaveRider) soll jedoch erfolgreich verlaufen sein.

Jetzt befinden wir uns jedenfalls nicht nur mitten in einem nuklearen Rüstungslauf, sondern auch in einem, in dem der Staat die Nase bei der Entwicklung von Drohnen oder Raketen vorne hat, die in kurzer Zeit mit Überschallgeschwindigkeit ein Ziel irgendwo auf der Welt treffen können, also die Drohung eines Gobal Strike umsetzen kann. Vermutlich liegen die USA mittlerweile zurück, während Russland und China weiter in der Entwicklung sein könnten.

Hochgefährlich ist die Entwicklung, weil die Vorwarnzeiten immer geringer werden, also die Reaktionszeit immer kürzer wird. Im Prinzip nähert man sich dem maschinellen Börsenaktivitäten in Millisekunden, die einen menschlichen Eingriff oder auch eine Überlegung unterbinden, weil das zu viel Zeit kosten würde. Die Zeitverkürzung erzwingt eine Autonomie der Systeme, in deren zwar von Menschen entwickeltem Kalkül diese aber keine Rolle mehr spielen dürfen. In gewisser Weise folgt technisch auf das freie Spiel der Marktkräfte das freie Spiel der KI-Systeme, die im Bruchteil von Minuten oder Sekunden entscheiden müssen, wie auf einen vermuteten Angriff reagiert werden muss.

Russland hat schon seit vielen Jahren mit der Entwicklung begonnen, bekannt ist, dass mit dem Hyperschallgleitfahrzeug Yu-71, in russischen Medien die ballistische Interkontinentalrakete RS-28 Sarmat, Tests unternommen wurden. Sie soll mit Mach 15 geflogen sein. Angestrebt werden 20 Mach und eine Reichweite von 20.000km.

Letztes Jahr war angeblich erfolgreich eine Langstreckenrakete des Typs RS-18 (SS-19 Stiletto) getestet worden, die mit einem Hyperschall-Gleitflugzeug vom Baikonur-Weltraumhafen abgeschossen wurde. Zudem wird der Hyperschall-Seezielflugkörper Zirkon entwickelt, der mit Mach 8 fliegen soll und von U-Booten abgefeuert wird (Fortschritte im atomaren Wettrüsten). Die russische Zeitschrift "Expert" kommt zum Schluss:

Die Erfolge der Amerikaner bei der Entwicklung manöverfähiger Wiedereintrittskörper wirken deshalb ziemlich bescheiden. Der von ihnen erreichte Technologiestand auf diesem konkreten Gebiet ist allenfalls mit den späten sowjetischen Entwicklungen vergleichbar. Mehr noch: Es gibt stichhaltige Hinweise darauf, dass die USA in dieser Hinsicht nicht nur Russland unterlegen sind, sondern auch China, dem dritten Teilnehmer am globalen Hyperschall-Rennen.

Expert

Aus China berichtet die South China Morning Post, dass dort der schnellste Windkanal auf der Welt gebaut werde, um Simulationen von Überschallgeschwindigkeiten bis 12 km/s, also von 35 Mach, durchzuführen.

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Eine Rakete, die mit dieser Geschwindigkeit fliegen könnte, würde die Westküste der USA von China aus in weniger als 14 Minuten erreichen. Der Windkanal soll 2020 fertiggestellt sein. Das werde, so Zhao von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, die Überschallflugtechnik vor allem im militärischen Sektor fördern, weil dadurch Probleme am Boden entdeckt und gelöst werden können.

Bislang befindet sich der leistungsstärkste Windkanal in den USA, der aber hinter den Kapazitäten des chinesischen, sofern er dies erreichen kann, zurückliegen würde, weil er "nur" mit 10 km/s oder 30 Mach operieren kann. Deutschlands stärkster Windtunnel ist der H2K der DLR, der knapp über 11 Mach schafft.

China soll sieben erfolgreiche Tests des Überschallgleiters WU-14 durchgeführt haben, der eine Geschwindigkeit zwischen Mach 5 und 10 erreicht hat.

Ein aktueller Bericht der Rand-Organisation warnt, dass zwar bislang nur die USA, Russland und China in der Entwicklung von Hyperschall-Flugkörpern fortgeschritten seien, aber dass die Gefahr der Weiterverbreitung der "neuen Bedrohungsklasse" bestünde. Dadurch würden auch andere und kleinere Staaten wie Nordkorea glaubwürdiger die großen Staaten bedrohen können, was schneller zum Ausbruch eines Krieges führen könne.

Als neue Bedrohungen gelten sie, weil sie manövrierbar sind, in geringerer Höhe als ballistische Raketen und schneller als 5000 km/h fliegen können, wodurch sie die meisten Raketenabwehrsysteme wirkungslos machen und die Reaktionszeiten (OODA - Observe, Orient, Decide, Act) verkürzen. "Die Verbreitung der Hyperschall-Technik ist in Europa, Japan, Australien und Indien unterwegs, andere Nationen beginnen, eine solche Technik zu erforschen. Die Verbreitung kann viele Grenzen überschreiten, wenn die Hyperschall-Technik auf dem Weltmarkt angeboten wird."

Jetzt sei noch die Zeit, die Proliferation durch ein Abkommen zu verhindern, heißt es, was auch bedeuten würde, dass die USA, Russland und China mit dieser Technik den anderen Staaten überlegen blieben. Das war etwa mit dem Atomwaffensperrvertrag geschehen, mit dem sich die damaligen Atomwaffenstaaten ihr Privileg sicherten. Der hat allerdings auch nicht verhindern können, dass Pakistan, Israel, Indien, die dem Vertrag erst gar nicht beitraten, und Nordkorea, das ihn gekündigt hat, sich auch mit Atomwaffen ausstatten konnten (Florian Rötzer)

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