What happened to my British Rock’n’Roll?

Über Blairpop, das Badboy-Image Pete Dohertys und die nackte Urgewalt, die die Arctic Monkeys live versprühen

Es war Mitte Oktober letzten Jahres, als Brendan O’Neill, stellvertretendender Herausgeber von Spiked, über die britische Indierock-Szene herzog und im Spectator (The Shaming of Britpop) kurzerhand das Ende des Britpop verkündete. Seine Behauptung: "Weichgespülte" Musiker würden alte Ideale verraten und den Punkrock damit zu Grabe tragen. "Die unabhängige Musikszene", so seine Ausführungen, "wird von einigen der unerträglichsten, mittelklassigsten, nicht-rauchendsten, drogenabstinentesten und Safer-Sex praktizierendsten Blair-Langweilern und Arschkriechern beherrscht, die man jemals dort zu Gesicht bekommen hat." Statt Aufstand, Rebellion und Gewalt regierten nur noch Konformität, Anpassung und gute Manieren; statt die lausigen Verhältnisse auf der Insel anzuprangern und dagegen zu protestieren, sorge man sich nur noch um Love & Peace und eine gesicherte Existenz; und statt das bürgerliche Lager mit abnormen Lebensstilen und obszönen Gesten aufzuschrecken oder gar herauszufordern, verlege man sich auf den Verzehr von Heilwasser und das Tragen von Designerklamotten.

Wir hatten massiven Spaß! Wir hatten alles im Überfluss. Nur: glücklicher bin ich allerdings heute.

David Gilmour

Stellvertretend für dessen Tod und Niedergang nennt O’Neill die Konsensrocker von "Coldplay" und "Franz Ferdinand". Beide Bands träten nur noch in geschniegelten Anzügen, gescheitelten Frisuren und modischen Accessoires auf, sie verweigerten jeglichen Genuss von Drogen, Nikotin und Alkohol und machten für "Fair Trade" oder "Safer Sex" Reklame. Längst verkörperten Rockstars wie Chris Martin oder Alex Kapranos das genaue Gegenbild zum rotzigen Punkrock vergangener Jahre. Damals signalisierten Musiker mit grimmigen Gesten, was sie vom verdammten Establishment hielten. Während beispielsweise die "Sex Pistols" die Anarchie im Vereinigten Königreich ausriefen, den Union Jack besudelten und die englische Königin verspotteten, forderten "The Clash" Publikum und Zuhörer zur offenen Rebellion gegen die Mächtigen im Land auf.

Ein Vierteljahrhundert später scheinen solche Ausdrucksformen nur noch Schnee von gestern zu sein. Der Britpop würde von Jungs dominiert, die sich vor allem durch politisch korrektes Denken, ehrenhaftes Auftreten und durch Wohlerzogenheit auszeichneten, die sie in einem der vielen noblen britischen Internate gelernt hätten. Leute wie Martin, Kapranos oder auch James Blunt sähen nicht nur aus wie Blair, sie klängen und dächten auch wie er. Schreibt der eine Briefe an den englischen Premier, um diesen für sein Engagement gegen die globale Armut zu loben, verfasst der andere regelmäßig Kolumnen über gesunde Ernährung. Auf diese Weise sei aus galligem Britpop reingewaschener "Blairpop" geworden. Jede Mutter einer heiratsfähigen Tochter, so O’Neills Klage, würde sich freuen, wenn sie einen dieser gut aussehenden und wohlerzogenen Rocker zum Schwiegersohn bekäme.

Mittlerweile färbe diese Haltung sogar auf Newcomerbands ab. Auch randständige Gruppen wie die "Kaiser Chiefs" aus Leeds zelebrierten Dissidenz, Revolte und Rebellion nur noch im Zustand des "Als ob". In dem Song "I predict a riot" etwa verkehrten sie soziale Widerstandsformen gar ins Gegenteil. Statt die Fans zum Aufstand gegen Unterdrückung und Obrigkeit anzustacheln, werde darin vor "Leuten in Trainingsanzügen" gewarnt, die Mittelschichtkinder nachts ihrer Habseligkeiten beraubten. Bei Lichte betrachtet könnte ein solcher Song auch aus der Feder eines Apparatschiks von New Labour stammen, der sich über das prollige Verhalten ungezogener Jugendlicher erregt und strengere Zuchtmittel anmahnt.

Begonnen hätte die Misere an dem Tag, als die Gallagher-Brüder den britischen Premier nach dessen triumphalen Wahlsieg von 1997 in seinem Amtssitz aufgesucht hätten, um mit ihm und seiner Frau Chérie Kanapees zu speisen. Damals hätte ein Freund in einem Anfall von Wut gar seine gesammten Oasis-CDs aus dem Fenster geworfen - um sie sich aber ein paar Wochen später wieder zu kaufen. Ausgerechnet die Bad Boys und Working Class Heroes prollig-fetzigen Rocks, die den Art-Rock "magersüchtiger und verzogener Millionärstöchter" aufgemischt haben, hätten da gemeinsame Sache mit dem "unhippen" Blair gemacht.

Was O’Neill zu diesem bissig-bitteren Abgesang auf den zeitgenössischen Britpop stimuliert hat, wissen wir nicht. Zumal er am Ende seines Rundumschlags auch wenig Glorreiches am Rock und Punk vergangener Jahre finden will. Damals, wir erinnern uns, feierten Rocksänger nächtelang wilde Orgien, sie verwüsteten Hotelzimmer, entjungerten kreischende Mädels und taumelten stockbesoffen oder zugedröhnt auf den Bühnen versiffter Clubs herum. Nur mühsam konnten sie sich dabei auf den Beinen halten, häufig klammerten sie sich verzweifelt an Mikrofonständer, um nicht kopfüber ins Publikum zu kippen. Viele von ihnen haben Lebenswandel und exzessive Selbstverschwendung deshalb mit ihrem eigenen Leben bezahlt oder sind nur haarscharf am Verlust desselben vorbeigeschrammt.

Wenn die heutige Britpop-Szene Lehren daraus gezogen hat, sich lieber fit hält und gesund ernährt, um den mehrmonatigen Tourstress durchzustehen und ihrem Publikum auch was zu bieten, so kommt dies sowohl Musikern als auch Fans zugute. Wer von den Rockfans möchte als Gegenleistung für teuer erstandene Eintrittskarten ein lausiges Konzert besoffener Musikanten bekommen, die den Ton nicht treffen, den Einsatz verpennen oder den Text vergessen haben? Und wer von den Jungspunden möchte im späteren Alter schon wie Keith Richards herumlaufen?

David Gilmour hat dieses Leben unter Strom und im ständigen Rausch gerade in einem überaus spießigen Interview mit der "SZ am Wochenende" auf den Punkt gebracht: "Was passiert, wenn die Wirkung nachlässt? Man fällt tief. 100.000 jubelnde Menschen sind fantastisch fürs Ego. Kurz darauf aber sitzen Sie alleine in einem Hotelzimmer. Möglich, dass Sie in der Stille dann einige Gespenster sehen - und vielleicht erlauben sich diese Gespenster auch noch, Ihnen lieb zuzuwinken!"

Andererseits scheint O’Neill entgangen zu sein, dass der Besuch in Downing Street Number 10 wenig am Bad Boy-Status des Oasis-Sängers geändert hat. Weder ist es danach ruhiger um ihn geworden, noch hat er sich danach gar zum "Blairpopper" entwickelt. Im Gegenteil: Nicht nur im Flugzeug, wo er Alkohol benebelt junge Mädchen oder Stewardessen angemacht oder sich mit seinem Bruder Noel gezankt hat, strickte Liam munter weiter an seinem Image. Auch im Nachtklub eines Münchner Nobelhotels zettelte er zusammen mit einem Bandmitglied eine wüste Schlägerei an, bei der nicht nur ein Teil seiner Schneidezähne draufging, sondern auch noch das Konzert anderntags abgesagt werden musste.

Und mit Pete Doherty, dem Sänger der "Libertines" und "Babyshambles", besitzt der Britpop längst einen neuen Bad Boy, der sich allergrößte Mühe gibt, in die Fußstapfen des unbotmäßigen, unkontrollierten und rebellischen Punkrockers zu treten. Eigentlich müsste er den Beifall und das Gefallen O’Neills finden. Wie kein anderer Rocker lebt und repräsentiert der Sänger der "Babyshambles" das Antibürgerliche, Rohe und Gewalttätige. Er trägt "Sex und Drogen", wie der "Daily Telegraph" wissen will, "wieder in den Rock 'n' Roll" und kommt sogar jener von O’Neill so hochgeschätzten Figur des "Mancunian Rocker" höchst nahe, einer Mixtur aus sexy US-Punk und britischen Glamour-Rock, wie ihn einst Morrissey und "The Smiths" auf der Insel verkörpert haben.

Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Ausgerechnet Doherty, der sich weder um Gott noch Teufel schert, Crack, Koks und Heroin konsumiert wie andere Leute Burger, Bier und Sonne, und dem ganzen Glaubwürdigkeits-Getue des Rock, den "Oasis" mal wieder bedient haben, eine kräftige Blutauffrischung gibt, hält der Ankläger für "atemberaubend langweilig". Vielleicht, weil Doherty eher ein verfemter Dichter als ein echter Prolet ist, was aber, nebenbei bemerkt, auch wieder überraschend ist, weil die "Babyshambles" tatsächlich wie die Widergänger der Clash klingen, nur unfertiger, dekadenter, schlampiger, und ihre Platten auch von Mick Jones produziert werden, einem ehemaligen Clash-Mitglied.

Genau genommen sind Pete Doherty und die "Babyshambles" heute das, was Oasis vielleicht für die oder in den 1990ern waren: eine kulturelle Bewegung. Sie stoßen in jene Wahrhaftigkeits-Lücke, die Oasis seit ihrer Kreativpause hinterlassen hat. Wie Oasis-Fans zeigen sich auch die Fans der "Babyshambles" als überaus leidensfähig. Weder sie noch jene sind ihren Lieblingen gram, wenn Konzerte wegen Unpässlichkeit oder Lustlosigkeit ausfallen. Als beispielsweise das Oasis-Konzert in München wegen Liams Keilerei kurzfristig abgesagt werden musste, schien der Ausfall slowenische Fans, die extra mit einem Reisebus aus Ljubiljana nach München gereist waren, herzlich wenig zu stören. Statt zu randalieren und wüste Beschimpfungen in Richtung der Band loszulassen, sangen sie mit Inbrunst und Hingabe "Don’t look Back in Anger", während sie sich aus der Bordküche ihres Busses verpflegten.

Und auch das "Babyshambles"-Publikum nimmt Absagen, Verschiebungen oder Eseleien ihres Heroen allem Anschein nach nicht sonderlich krumm. Mit Gleichmut reagieren sie, wenn sie kurz vor Konzertbeginn erfahren, dass ihr Liebling wieder mal im East End Londons verschollen ist und den Flieger verpasst hat; geduldig warten sie stundenlang auf ihr Idol, bis der sich endlich nach Mitternacht bequemt, sternhagelvoll auf die Bühne zu trotten und dabei eine Stunde lang undefinierbare Laute und Töne ins Mikrofon zu stammeln (Warte, warte noch ein Weilchen).

Sogar professionelle Berichterstatter seriöser Blätter scheinen solche peinliche Auftritte genussvoll zu erleben. Auch ihnen macht es offenbar wenig aus, fünf Stunden lang im Biergärten herumzulungern, auf die Stunde X zu warten, um anderntags das Genöle des Sängers als Epiphanie eines Außerirdischen zu feiern (Heiliger der letzten Tage). Aufgrund der Aura, die den Sänger mittlerweile umgibt, trauen sich nur wenige, die Dinge beim Namen zu nennen (So ein Mist). Ohne die tatkräftige Mithilfe des Boulevards und ihrer Medien sowie der Assisistenz prima Musiker wie dem Gitarristen Mark Walden bliebe vom knabengesichtigen Rockstar allenfalls ein begabter Songwriter übrig, der ständig zwischen "death and glory" wandelt und dabei sein zweifellos vorhandenes Talent rückhaltlos verschleudert.

Ich denke manchmal, es muss eine Art Handbuch für den angehenden Rockstar geben: Drogen, Frauen, verträumter Blick. Undsoweiter.

David Gilmour

O’Neill ist ganz offenbar ein Linker alten politischen Schlages, der mit Bohème und verfemter Dichtkunst, mit romantischem Ästhetizismus und Dandytum wenig bis gar nichts anfangen kann. Für ihn gilt nur jener Rock für wertvoll und hörenswert, der sich "ehrlich" und "authentisch" gibt, sich zu den Werten der Arbeiterklasse bekennt und Kritik an den sozialen Lebensverhältnissen übt, in Worten wie in Taten. Und offensichtlich missfallen ihm auch die vielen lieben Geschichten vom Boulevard, die sich an der Drogensucht Dohertys und seiner Romanze mit "Lady Cool Britannia" entzündet und ihn mittlerweile zum Alter Ego Prinz Harrys gemacht haben. Ein echter Vertreter des Britpop hat für den Ankläger gefälligst ein Working Class Hero zu sein, einer, der "glaubwürdig" und "wahrhaftig" ist und mit Texten, Songs und Verhalten die Lebenslügen des verdammten Mainstreams attackiert.

In Dohertys Tollheiten will er keine wirkliche (politische) Haltung erkennen, allenfalls einen verwirrten Geist und bemitleidenswerten Bürgerschreck, der durch den Boulevard stolpert, zwischen Depression und Ichspaltung hin- und heroszilliert, von nihilistischer Todessehnsucht getrieben wird und sein Junkie-Image mittlerweile zum Kult erhoben hat.

Bis zu einem gewissen Grad können wir O’Neills Klagelied durchaus folgen. Viele der jungen Bands, die sich auf der Insel zusammenfinden und die derzeit wieder Lust und Interesse am Rock’n’Roll machen, kommen direkt von Musik- oder Kunsthochschulen. Man denke nur an Bands wie "Art Brut", "Bloc Party", "Editors" oder "Maximo Park". Und es stimmt auch, dass sich die meisten der neuen Bands weniger für die Arbeiterklasse, für den "Glaubwürdigkeits-Deal" des Rock oder linke Kulturkritik interessieren als für Mode, Lifestyle und anderem modischen Schnickschnack.

Hinzu kommt, dass Modedesigner wie Hedi Slimane seine neuesten Kollektionen im Klang- und Soundgewitter von "Razorlight" oder "The Rakes" präsentieren. Vor allem der Dior-Chefdesigner für Männermode und Hobby-Fotograf lässt sich zu gern von Stilen, Formen und Posen des Rock’n’Roll inspirieren, von Kate Moss genauso wie von Pete Doherty, dem er ab und an sogar die Hosen schneidert. Und auch Filmemacher wie Michael Winterbottom, der bislang eher durch bissige Sozialkritik aufgefallen ist, beginnen sich plötzlich, wie in "Nine Songs" zu beobachten ist, für den Zusammenhang von Sex und Rock’n’Roll zu interessieren.

Das Bündnis, das Kunst und Mode auf der einen und Rock und Pop auf der anderen eingehen, ist aber nicht wirklich neu. Bereits "Pink Floyd", "Yes" und "Genesis", die Bombast- und Art-Rocker der 1970er, gegen die später die "Sex Pistols" aufbegehrt haben, hatten ihre Heimat bekanntlich in den Kunstakademien des Landes. Und auch die Geschichte des Punk, die Bands wie "The Damned" oder die "Buzzcocks", die "Stranglers" oder die "Undertones" auf der Insel mitgeschrieben haben, ist von Mode, Ästhetik und Stilbewusstsein überhaupt nicht zu trennen. Von Beginn an war Punk, wenn wir Malcolm McLaren und Vivienne Westwood folgen, ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell, das die Revolte der Jugend als rotzigen Markennamen benutzt hat.

O’Neills Kriegsführung wider den zeitgenössischen Britpop erscheint uns daher höchst kleingeistig und banal: Natürlich ist es ein "natürliches" Privileg der Jugend, gegen die Werte, Normen und Ansprüche der Erwachsenenwelt zu revoltieren; natürlich sind Rock und Punk glänzende Medien, um diese Haltung von einer Generation zur nächsten zu transferieren; und natürlich haben Rock und Punk wenig mit Disziplin und Respekt, mit höflichen Tischmanieren oder gesicherten Lebensverhältnissen zu tun. Niemand wird das ernsthaft in Zweifel ziehen wollen. Doch auf dem Weg dorthin hat man es immer mit Reibungsverlusten, Übersetzungsproblemen und anderen Lesarten zu tun, die eine Eins-zu-Eins-Übertragung des Rock’n’Roll verhindern. Jede Generation ist nicht nur anders, sie muss auch die Antworten und Lösungen auf die Probleme ihrer Zeit eigenständig finden und geben.

Banal und kleinmütig erscheint auch der Hinweis, dass es der Sinn von Stilen, Gesten und symbolischen Ausdrucksformen ist, den Mainstream zu irritieren. Längst ist die moderne Gesellschaft so liberal verfasst, dass sie derlei Gerede oder Getue lässig abfedert. Sie goutiert politisches Widerstandspotential ebenso wie sie es zu einem erfolgreichen Businessmodell umformuliert. Wer sich davon noch intellektuell reizen oder faszinieren lässt, wer an die Werte des wahren und echten Rock und Punk glaubt, an Ehrlichkeit, Unverfälschtheit oder was immer die auch sein sollen, daran, dass diese unbedingt mit Links-Sein und Rebellion verbunden bleiben müssen; oder wer noch auf Wertezertrümmerung, Wertezermalmung und Werteumkehrung hofft, die Rock oder Punk initiieren oder befördern, der ist entweder selber schuld oder dem ist einfach nicht mehr zu helfen.

Man braucht sich nur der Altrocker Jagger und McCartney zu erinnern, die einst den "Street Fighting Man" markiert, den "Revolver" auf die bürgerliche Gesellschaft gerichtet oder "den armen Jungen" gefeiert haben, der "nichts anderes tun könne, als in einer Rock’n’Roll-Band zu spielen", sich mittlerweile aber von der Queen zum Ritter haben schlagen lassen; man braucht nur die Bekenntnisse des Who-Sängers Roger Daltreys (Wir haben vermutlich einen Weltkrieg verhindert) zu lesen, der vierzig Jahre später zugibt, dass das mutwillige Demolieren von Gitarren und Verstärkern auf der Bühne Teil der Show und des Rituals war, um beim Publikum und der Presse erhöhte Aufmerksamkeit zu finden; man muss nur auf den politischen Haudegen Joschka Fischer hinweisen, der sich wegen seiner Straßenkämpfer-Vergangenheit tatsächlich für den letzten wahrhaften Rock’n’Roll-Politiker hält.

Werden heute auf den öffentlichen Bühnen solche Posen und Gesten artikuliert, wird die Revolution ausgerufen oder Instrumente blindwütig zerstört; oder werden bei Presseterminen Whiskeygläser bis an den Rand mit Ice-Tea gefüllt, um dem Trugbild des alkoholabhängigen Rockers zu entsprechen, dann weiß man, dass all diese Attitüden und Gesten höchstens der Aufrechterhaltung des Mythos von Rock und Pop dienen, aber nichts mehr bedeuten. Wer politische Haltung und linke Popkritik im aktuellen Britpop vermisst, der kann sich immer noch die neue, aber auch wunderschöne Scheibe der "Pet Shop Boys" reinziehen. Dort wird erfolgreich und im glamourösen Stil des Schwulen-Pop Polit- und Blair-Kritik betrieben.

Pop-politisch betrachtet war es immer schon ein Privileg von Rock, Pop und Punk (wie auch aller anderen sozialen Bewegungen), dass sie Erwartungen geweckt und Versprechungen gegeben haben, die später nicht erfüllt oder eingehalten worden sind. Im Blick auf all die hehren Ideale und Ziele, die sie, aber auch Feminismus, Multikulturalismus, Postmoderne usw. verfolgt haben, muss man daher immer von einem "erfolgreichen Scheitern" sprechen. Sie haben sich realisiert, ohne dass sich ihre hochfliegenden Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte jemals erfüllt haben.

Mental und ideologisch lebt O’Neill offenbar immer noch in der Welt der Mods, Punks und Rocker. Und musikalisch scheint er sich weiter im Zeitalter der großartigen "John Peel Sessions" aufzuhalten. Das allein ist nicht zu bemängeln. Im Retro-Look betrachtet war es vielleicht auch eine herrliche, unbelastete und wilde Zeit. Im Nachhinein schaut immer alles etwas Rosiger, Feiner und Schwülstiger aus. Zu beanstanden ist aber, dass er sich nicht weiterbewegt hat und mit aller Macht und wider jede Erfahrung an den Werten und Grundsätzen einer untergegangenen oder, schlimmer noch, so nie wirklich existenten Zeit festhält. Gewiss ist es alles andere als leicht, sich von alten Gewohnheiten, Überzeugungen und Lebensentwürfen verabschieden zu müssen und sich mit der schnöden Realität abzufinden. Da geht es Popkritikern nicht anders als Neokons, Fußballbossen oder Sozialrevolutionären. Vor allem Fundamentalisten fällt es schwer, sich mit dem Verlust vertrauter Glaubenslehren, Lebensentwürfe und Sinnkonzepte abzufinden und sich von globaler Demokratieverbreitung, Alleinregierung oder der Weltrevolution zu verabschieden.

All das wäre nicht der Kommentierung wert, wenn es nicht auch auf dem Festland eine Vielzahl dieser üblen Sorte von Popkritikern und/oder Poptheoretikern gäbe, die der festen Überzeugung sind, dass gute Musik oder guter Geschmack ausnahmslos links zu sein hat. Wer sich dieser popkulturellen Heilslehren nicht beugt, macht entweder schlechte Musik oder sich zum nützlichen Idioten einer gefräßigen Musikkapitalisierungsmaschinerie. Erst vor einiger Zeit haben wir über einige dieser Leute referiert, die Rock und Pop an linke Deutungsmuster knüpfen und junge und erfolgreiche Bands wie Franz Ferdinand des Verrats bezichtigen (Neokons ante portas).

Guckt man sich deren Argumente und Motive aber etwas näher an, dann entdeckt man eine überaus hohe Neigung zum Selbstmitleid. Die bittere Erfahrung, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben und mit seinen Idealen an die Wand gefahren zu sein, führt dort vor allem zu eins: zu Enttäuschungen. Dabei verbirgt sich hinter all der Wehleidigkeit und Weinerlichkeit, die die linke Popkritik umgibt, ein simples Selbstmissverständnis: dass gute Musik etwas mit Moral und richtigen Einstellungen zu tun hat, mit dem Willen zur Einheit von Sound und Leben, von Musik und Revolte.

Doch nicht darum geht es, um die richtige moralische Haltung, um Arbeiterklassecharme, Glaubwürdigkeitskrise oder artgerechte Stilformen, sondern um überraschende und brillant gespielte Breaks, Riffs und Beats, die das Herz zum Beben und die Seele zum Schwingen bringen. Ob diese dann modisch, politisch oder sonstwie korrekt daherkommen oder stillos peinlich, zerbrechlich oder schlampig wie bei den "Babyshambles" sind, ist für den Rocksound selbst völlig belanglos.

Statt herumzujammern und über den Britpop herzufallen, sollte sich O’Neill vielmehr fragen, warum der britische Indierock ständig so viele Talente und Jungspunde hervorbringt, die durch Spiellust, Unbekümmertheit und Kreativität, aber auch durch einen hohen Grad von Professionalität überzeugen, während andere Länder (siehe das Festland) allenfalls über ein paar Leuchttürme verfügen, die man an den fünf Fingern einer Hand abzählen kann. Gleich ob in Newcastle oder Birmingham, Leeds oder Sheffield, London oder Manchester - immer wieder sprießen neue (Natur)Begabungen wie Bambussprösslinge aus dem Boden. Auch wenn Bands wie "The Kooks" oder "The Bravery", "The Rifles" oder "Dirty Pretty Things", was Klasse und Qualität angeht, sich unterscheiden mögen und folglich alsbald wieder aus den Schlagzeilen verschwinden werden - niemals wird dabei ein gewisses Niveau unterschritten. Sie beherrschen nicht nur ihr musikalisches Handwerk aus dem Effeff, man hat häufig auch das Gefühl, dass sie den Beat einfach in den Genen haben.

Dass beim Hochjubeln bestimmter Bands von Kritikern bisweilen maßlos übertrieben wird, liegt in der Natur des Geschäfts. Beispielsweise werden Pete Doherty, die "Libertines" und die "Babyshambles" von einigen Kritikern überschätzt. Weil er die Selbstdemontage der "Libertines" mit einer zerstörerischen Lust und Vehemenz vorangetrieben hat, wie man sie zuvor allenfalls bei den Sex Pistols erlebt hat; weil er Oscar Wilde und Joris-Karl Huysmans zitieren kann und irgendwie ein Kreuzung von Morrissey mit Sid Vicious und William Blake darstellt, verzeiht man ihm häufig auch seine mangelnde musikalische Begabung.

Sicher feierte er mit Carl Barat und den "Libertines" vor vier Jahren ein furioses Debut, das von Kritikern schnell als britische Antwort auf New York, die Strokes und den kalten Technosound Zentraleuropas gefeiert wurde. Und sicherlich gehört "Albion", eine bittersüße Hymne auf das alte England, oder der Song "Babshambles" mit zum Besten, was die Szene derzeit zum Download feilbietet. Doch all diese "Perlen" können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er weder singen noch ein Instrument richtig spielen kann. Carl Barat tat deshalb gut daran, seinen kongenialen Partner zu feuern, die "Libertines" aufzulösen und mit den "Dirty Pretty Things" neue Wege zu beschreiten.

Nicht überschätzt werden können hingegen die "Arctic Monkeys". Anders als Doherty kann Alex Turner singen und Gitarre spielen. Wer deren hemdsärmliges Abschlusskonzert in der hoffnungslos überfüllten Münchner Elserhalle erlebt hat, wird das ausnahmslos bestätigen. Erst auf der Bühne entfalten Songs wie "From the Riz to the Rubble", Fake Tales of San Francisco" oder "Still Take you Home", ihre richtige Wirkung. Man glaubt fast, Poseidon toben und rumoren zu hören, so wuchtig und rotzig hingeknallt kommen sie daher. Wie Franz Ferdinand oder "Maximo Park", bei deren Plattenfirma sie auch unter Vertrag stehen, entwickeln sie auf der Bühne eine Aggressivität und Härte, die in ihrer ganzen Kompromisslosigkeit das Publikum schier zum Rasen bringt. Lässig und ohne jeden Firlefanz schrubben die beiden Frontmänner, Alex Turner und Jamie Cook ihre Gitarren, während die Rhythmusmaschinerie, vor allem das fantastische Schlagzeugspiel Matt Helders, den Sound unerbittlich vorantreibt, um ihn urplötzlich wieder zu unterbrechen und ihm in eine andere Wendung oder Richtung zu geben. Nur bei Franz Ferdinand hat die Masse in den letzten Jahren stärker gewogt und geschwitzt als bei den Arctic Monkeys.

Dabei legen die vier gerade mal Zwanzigjährigen, die erst vor vier oder fünf Jahren überhaupt zu spielen angefangen haben, eine erstaunliche Professionalität und Lässigkeit an den Tag, die staunen lässt. Ohne jede Bühnendekoration dreschen und prügeln sie ihren etwa einstündigen Part unters Volk, um danach ohne jede Zugabe oder Verbeugung ratzfatz zu verschwinden. Ein kurzer belangloser Plausch mit nuschelnden Ansagen zum nächsten Stück, der vom kurzen Nippen an der Schwarzbierflasche begleitet wird, ist alles, was zwischen den Songs passiert. Erstaunlicherweise protestiert das Publikum auch kaum. Anders als bei den "Kings of Leon", wo danach Papp- und Bierbecher auf die Bühne flogen, zieht es sich anschließend zufrieden, ausgepowert und restlos begeistert zum Blabla an die Theke zurück.

Erst nach dem dritten Longplayer wird man wissen, ob die Arctic Monkeys die großen Erwartungen, die sie wecken, auch werden halten können. Die jüngst erschienene EP stimmt leicht optimistisch. Auf ihr zeigt die Band, dass sie auch herrliche Balladen komponieren und spielen kann. Zwar klingt auch dort noch alles irgendwie unfertig und roh, aber genau das macht den Reiz und die Faszination aus. Und wenn sie ihr Versprechen noch wahr machen, künftig mehr auf ihren Instrumenten zu üben, um auch technisch besser zu werden und weniger Fehler zu spielen, dann könnte auf sie zutreffen, was einst Jon Landau über Bruce Springsteen anno 1975 nach seinem Auftritt in London geschrieben hat: "I saw Rock and Roll Future" Damals trug diese Hoffnung den Namen des Amerikaners. Es könnte gut sein, dass sie bald mit den Arctic Monkeys verbunden sein könnte.

Brendan O’Neill und alle anderen linken Klageführer kann man deshalb beruhigen. Britpop ist nicht tot. Im Gegenteil: Er ist lebendiger denn je, er hat weiter große Zukunft und muss sich auch nicht neu erfinden. Dass er auf Sozialkritik verzichtet, dafür eher vom Alltagsleben auf den Straßen, in den Clubs oder in den Städten berichtet, von den Sorgen, Nöten und latenten Kämpfen, die junge Leute aktuell zu bestehen haben, ist eher zu begrüßen als zu verteufeln. Wer anderes möchte, sollte sich entsprechende Zeitschriften oder Bücher kaufen oder einfach weiter Diedrich Diederichsen oder Dietmar Dath lesen.

Auch wenn die Arctic Monkeys statt exakt geschnittener Frisuren und schnieker Hosen, wuschelige Haare, Jeans und T-Shirts tragen und eher die arbeitende Klasse als Schüler privater Bildungsanstalten zu ihren Konzerten kommt (auch ältere Gymnasiallehrer haben wir gesichtet), werden den linken Popveteranen solche Party- und Mädchengeschichten nicht reichen. Und es wird ihnen auch nicht reichen, dass der "New Musical Express" letztes Jahr Alex Turner noch vor Noel Gallagher zum "coolest man on the planet" gekürt und damit dokumentiert hat, dass die Jungspunde alle Chancen haben, die legitime Nachfolge von Oasis anzutreten.

Doch allem Anschein nach ist ihnen solches pop-intellektuelles Gerede vollkommen schnurzegal. "Who the fuck are the Arctic Monkeys?" fragen sie voller Ironie auf ihrer neuen EP. "Whatever people say I am, that’s what I’m not" nennen sie auch ihren ersten Longplayer. Und "Don’t believe the hype" murmelt Alex Turner gleich zu Beginn des (Live-)Videos zur Hymne "I Bet You Look Good On The Dancefloor", um danach auf der Bühne den hippen MySpace.com-Rummel, der um die Band tobt oder einfach erzählt wird (Die Blog-Band), mit aller Urgewalt, die ihnen eigen ist, schnurstracks ins Abenteuerland zu verweisen. Um sie hautnah und am eigenen Leib zu erfahren, können wir allen nur dringend raten, sich das beim nächsten Mal selbst anzutun. (Maria und Rudolf Maresch)

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