WhatsApp-Deal macht Dotcom-Blase 2.0 deutlich

Gegen den Kaufpreis von 19,5 Milliarden Dollar war auch die absurde Übernahme von Netscape durch AOL zur Zeit des "Neuen Markts" nur ein kleiner Fisch

Dass die Geldschwemme neue Blasen erzeugen würde, mit denen die Notenbanken weltweit die Märkte zur Bekämpfung der Krise nach dem Platzen der Immobilienblase 2007 fluten (2013: Jahr der gefährlichen Geldschwemme), war vorherzusehen. Nun macht die Übernahme von WhatsApp durch Facebook deutlich, dass mit diesem Geld auch im Internetgeschäft erneut eine Blase entsteht. Es bildet sich die Dotcom-Blase 2.0 dort heraus, wo man vor 15 Jahren noch vom "Neuen Markt" sprach. Geprägt waren diese Blase von spekulativen Gewinnerwartungen und stark steigende Aktienkurse bei angeblich zukunftsweisenden und stark wachsenden Technologieunternehmen. War die Immobilienblase ein Ergebnis der lockeren Geldpolitik, mit der nach der geplatzten Dotcom-Blase deren Auswirkungen bekämpft wurden, schließt sich nach dem Platzen der Immobilienblasen nun der Kreis wieder. Um die Auswirkungen der bisher größten Spekulationsblase zu bekämpfen, wurden die Geldschleusen noch stärker geöffnet. Willkommen in der spätkapitalistischen Blasen-Welt!

Erinnert sich noch jemand an Netscape? Das war eine der scheinbar zukunftsträchtigen Firmen, für die der ehemalige Online-Riese AOL 1998 vor dem Platzen der Dotcom-Blase 2000 insgesamt 4,2 Milliarden US-Dollar hingeblättert hat (AOL kauft Netscape auf!). Statt zum weltweit größten Internetprovider und einer "neuen Superpower der High-Tech-Industrie" zu werden, war der Deal ein fataler Fehltritt. Zwar gibt es AOL noch, doch inzwischen ist der einstige Riese relativ unbedeutend geworden. Das Deutschlandgeschäft wurde an HanseNet verkauft und für den Netscape-Browser Netscape wurden 2008 die Weiterentwicklung und der Support ganz eingestellt.

Dieser Deal, der in die Sackgasse führte, war eines der größten Geschäfte der Dotcom-Blase. Auf einem ähnlichen Niveau rangierte 1999 die Übernahme von GeoCities durch Yahoo und das Ergebnis war ähnlich. Zwar hält sich Yahoo noch in der Internet-Spitzengruppe, doch GeoCities wurde 2009 eingestellt, weil das Projekt nicht wirtschaftlich war. Mit 5,7 Milliarden Dollar zahlte Yahoo noch mehr Geld für Broadcast.com. Damit konnte der Internetkonzern zwar die Web-Angebote durch Nachrichten, Sport- und Musikübertragungen und andere Multimedia-Angebote ergänzen, doch bezahlt gemacht hat sich das für das kriselnde Unternehmen bis heute nicht.

Inzwischen sind einige Jahre ins Land gegangen und nach der Dotcom-Blase andere Spekulationsblasen geplatzt. Doch extrem niedrige Zinsen und die historisch einmalige expansive Geldpolitik, mit der die Notenpressen seit dem Ausbruch der Finanzkrise auf Hochtouren betrieben werden, lässt das Fieber bei Akteuren wieder steigen. Ein deutliches Zeichen war schon die Übernahme von Skype durch Microsoft im Jahr 2010. Für Skype blätterte Microsoft bereits 8.5 Milliarden Dollar hin.

Doch zwei Jahre später sammelte Facebook über den Börsengang im Mai 2012 den Rekorderlös von 16 Milliarden Dollar ein und erzielte damit den bislang höchsten Erlös, den ein Internet-Unternehmen bei seinem Börsengang jemals einstreichen konnte. Mit der Übernahme von Instagram für eine Milliarde Dollar lief sich Facebook erst für den nächsten großen Deal warm. Schließlich wurde vergangene Woche angekündigt, dass WhatsApp für 19,5 Milliarden Dollar übernommen wird.

Man muss schon beide Augen zudrücken, um sich angesichts des neuen Hype nicht an die Dotcom-Blase erinnert zu fühlen. Es sind Firmen, die praktisch über nichts verfügen, die nun angeblich wieder einen Wert haben, der den vieler Großunternehmen übersteigt. Ein paar Computer, an denen bei WhatsApp etwa 50 Menschen arbeiten, sollen so viel Wert sein wie die beiden großen Unternehmen Lufthansa und Hochtief zusammen? Wieder einmal wird in einem noch größeren Umfang im Bereich des Internet und der Social Media pro Nutzer etwa ein Preis von 40 Dollar für die bisher 450 Millionen Nutzer bezahlt. Dabei ist erneut völlig unerheblich, welchen Umsatz oder Gewinn das gekaufte Unternehmen macht und wie diese horrenden Kaufpreise wieder eingespielt werden sollen. WhatsApp ist zudem werbefrei und erst nach einem Jahr soll der Dienst 99 Cent pro Nutzer Jahresgebühr kosten. Nach Steuern und Abgaben bleiben pro Nutzer nur winzige Beträge hängen.

Die Argumente, warum es sich bei dem Deal statt um eine Blasenbildung sogar um einen "Hammer-Deal" handeln soll, sind absurd. Verwiesen wird meist darauf, dass Chat-Anwendungen am Handy die traditionellen SMS überholt haben: Schon 2012 schon wurden täglich 19 Milliarden Nachrichten über diverse Chat-Apps versendet. Es waren dagegen nur noch 17,6 Milliarden SMS. Vergessen wird dabei, dass es inzwischen reichlich Konkurrenz für WhatsApp gibt und anders als für eine SMS für eine Chatnachricht kein Geld eingenommen wird.

Geld für die Übernahme des Messaging-Dienstes ist dagegen vor allem in Aktienanteilen an die Whatsapp-Gründer geflossen, hinter denen die Risikokapital-Beteiligungsgesellschaft Sequoia Capital steht. Die Millionen (Zahlen zwischen 8 und 60 Millionen Dollar werden gehandelt), die Sequoia in die Startup-Firma gesteckt haben soll, haben sich durch den Kauf von Facebook vervielfacht. Das Wall Street Journal hat berechnet, dass die Anteile von Sequoia Capital an WhatsApp nun einen Gegenwert von etwa 3 Milliarden Dollar haben.

Dass von den 19,5 Milliarden lediglich vier Milliarden real als Geld fließen, der Rest mit Facebook-Aktien bezahlt wird, deutet wiederum auf die völlige Überwertung der Aktien des Käufers hin. Es zeigt sich, dass eine Spirale der gegenseitigen Überbewertungen erneut auf diesem Markt beschleunigt wird, wie man das schon gut Ende des vergangenen Jahrtausends beobachten konnte. Tatsache ist auch, dass Marc Zuckerberg mit dem Kauf einen Befreiungsschlag versucht und sich einen gefährlichen Konkurrenten für eine Unsumme einverleibt. Denn das Wachstum von Facebook ist deutlich hinter dem von WhatsApp zurückgeblieben. In den USA hängt der Facebook-Messenger schon deutlich hinter WhatsApp zurück.

Junge Leute verbringen immer mehr Zeit mit den Messengern und immer weniger in den sozialen Netzwerken. Das hatte auch Facebook selbst bei der Veröffentlichung der letzten Quartalszahlen eingestehen müssen. Ist der Deal also schon ein deutliches Zeichen, dass der Facebook-Stern in der schnelllebigen Internet-Zeit schon wieder verbleicht und die Herde längst weiterzieht? Statt auf Innovation zu setzen, mit der Facebook einst bekannt und beliebt wurde, geht man nun auf Einkaufstour. Ohne Innovation wird sich die Herde aber alsbald angesichts neuer Entwicklungen auch von WhatsApp wieder abwenden. Die Internet-Welt ist voll von Beispielen solcher Hypes. An viele scheinbar unverzichtbare Sterne von einst erinnert sich heute kaum noch jemand. Zudem sorgen sich viele Nutzer um die Sicherheit ihrer Daten, wenn Facebook nun auch noch Zugang zu den WhatsApp-Daten erhält. Deshalb denken etwa 25% in Deutschland über einen Wechsel nach und der Schweizer Dienst Threema steht wegen seiner Verschlüsselung hoch im Kurs.

Letztlich basiert der horrende Preis, den Mark Zuckerberg gezahlt hat, wie bei vielen Startups der ersten Dotcom-Blase auf einer kaum zu erfüllenden Erwartung, dass mit einem Dienst wie WhatsApp tatsächlich in der Zukunft viel Geld zu verdienen sein könnte. Erneut wird bei Facebook und Co. wieder auf vermeintliche Gewinne in der Zukunft oder schlicht darauf spekuliert, am Verkauf der Aktien bei steigenden Börsenkursen verdienen zu können. Diese Hoffnung wird derzeit insofern getragen, dass die Geldschwemme eben auch dazu führt, dass die Aktienkurse in den vergangenen Jahren enorm gestiegen sind. Der deutsche Leitindex Dax notierte zum Jahresabschluss 2013 mit mehr als 9.500 Punkten auf einem Rekordhoch.

Insgesamt verzeichnete der Dax 2013 einen eindrucksvollen Gewinn von 25,48%. Am Jahresanfang 2012 notierte er noch bei etwa 6000 Punkten. Der Gewinn belief sich in den letzten beiden Jahren, auch dank der Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB), auf deutlich über 50%. Und an anderen Aktienmärkten sieht das nicht anders aus. Es heizen sich also wieder verschieden Prozesse mit dem vielen Geld der Notenbanken auf. Und das ist, wie schon richtig festgestellt wurde, ein "Aktienboom mit Crashgarantie".

Tatsächlich beschränkt sich allerdings diese Entwicklung, anders als noch in der Dotcom-Blase, nicht mehr auf Aktienmärkte und Internet-Firmen. Wir haben es mit einer allgemeinen Blasenentwicklung zu tun. Schon 2009 hatten Experten wie Nouriel Roubini vorhergesagt, dass die extrem lockere Geldpolitik der US-Notenbank (FED) eine "neue Monsterblase" schafft. Die Preise würden "weit über das hinausgetrieben, was durch die wirtschaftlichen Fundamentaldaten oder die Wachstumsaussichten gerechtfertigt ist", erklärte Roubini (Politik der Notenbanken führt zur "Monsterblase").

Verändert hat sich seither, dass inzwischen auch die EZB unter Mario Draghi in die Nullzinspolitik eingestiegen ist, um über extrem niedrige Zinsen dafür zu sorgen, dass die Geldschwemme auch in Staatsanleihen der Krisenländer fließt. Damit fallen deren Zinsen und die Schulden werden scheinbar wieder bezahlbar. Während man sich in der FED inzwischen aber Gedanken macht, wie die gefährliche Geldschwemme zurückgefahren werden kann (Pulver verschossen: Die von der EZB geöffneten Geldschleusen werden immer gefährlicher), dreht Draghi in Europa den Geldhahn sogar immer stärker auf, um Rettungserfolge zu produzieren und die Konjunktur anzukurbeln. Das Ziel der Geldwertstabilität bei einer Inflation von 2% gerät immer weiter in den Hintergrund.

Subventioniert werden darüber nicht nur Banken, sondern es wird auch ein fataler Trugschluss genährt, selbst wenn Irland angeblich "erfolgreich" aus dem Rettungsschirm aussteigen konnte und Portugal das ebenfalls im Juni gelingen dürfte. Doch das ist reine Show und wurde vor allem über die extrem lockere EZB-Geldpolitik ermöglicht. Denn das grundlegende Problem hat sich über die "Rettung" von Irland, Portugal und Spanien nur weiter verschärft. Deren Verschuldung nähert sich immer stärker der Griechenlands an. Und angesichts der fatalen Entwicklung dort kann in Griechenland nicht einmal eine solche Show abgezogen werden. Fakt ist, dass die Verschuldung in allen Krisenländern mit den Bankenrettungen in immer gefährlichere Bereiche vorgedrungen ist.

Auch hier haben sich Schuldenblasen herausgebildet, die dann mit verheerenderen Auswirkungen platzen werden, wenn die Nullzinspolitik aufgegeben werden muss oder die Zinsen aus anderen Gründen wieder steigen. Strategen beim Internationalen Währungsfonds (IWF) denken darüber nach, wie nach dem Muster Zyperns über "finanzielle Repression" und die teilweise Enteignung der Sparer wieder etwas Druck aus der Schuldenblase abgelassen werden kann, um sich auf einen neuen Krisenschub vorzubereiten. Und diese Überlegungen finden auch in Deutschland breiten Zuspruch genauso bei der Bundesbank wie bei Sozialdemokraten.

Denn längst wird auch vor einer zunehmend desolaten Finanzsituation gewarnt (Führt die desolate Finanzsituation zum Zusammenbruch der Finanzmärkte?), die immer stärker das Risiko des Zusammenbruchs der Finanzmärkte in sich trägt. Vermutlich wird der nächste Krisenschub von den Entwicklungen in Schwellenländern ausgelöst werden. Experten erwarten längst, dass die Blasen in den Schwellenländern in einem "Boom-Bust-Zyklus enden werden". Die Blasenbildung in China ist dafür genauso nur ein Beispiel wie die steigende Verschuldung der Staaten, Unternehmen und Haushalten in Schwellenländern. In vielen aufstrebenden Ländern sind längst massive Währungsturbulenzen zu beobachten, weil massiv Kapital aus ihnen abgezogen wird.

Neben dem Bereich Internet und Sozialen Netzwerken bilden sich derzeit Blasen aber auch an Immobilienmärkten heraus. Besonders gefährlich dürfte hier die Entwicklung in China sein, wo schon seit mehreren Jahren auf die Entstehung einer gefährlichen Blase hingewiesen wird. Auch in China wurden lange Jahre ungezügelt Kredite vergeben und dort passierte genau das, was zuvor in Spanien, Irland oder den USA zu beobachten war. Die Immobilienpreise stiegen in vielen Städten auf extrem hohe Werte. Und längst wachsen die Ängste davor, dass die hohe Verschuldung von Haushalten und Unternehmen zu massiven Zahlungsausfällen führt.

Auch die Regierung in Peking ist besorgt und versucht Druck aus der Immobilienblase abzulassen. Doch das wirkt sich negativ auf das Wachstum aus und hat in einer globalisierten Welt wiederum Rückkopplungseffekte auf den Weltmarkt, auf dem China immer bedeutender geworden ist. Tatsächlich gibt es schon Anzeichen dafür, dass die chinesische Immobilienblase schon am Platzen sein könnte. Die Preise steigen nicht mehr so stark wie bisher und in einigen Bereichen werden sie schon gesenkt.

"Die Risiken im Sektor sind untergewichtet, und die Preisabschläge sind Signale, die die Aufmerksamkeit der Investoren verdienen", erklärte der Nomura-Analyst Zhiwei Zhang. "Eine scharfe Abkühlung bei Immobilienanlagen ist möglich und würde die Systemrisiken erhöhen", machte Zhang auf eine Bombe mit enormer Sprengwirkung aufmerksam. Viele Daten weisen auf ein starkes Überangebot hin. Und aus den USA, Spanien oder Irland ist bekannt, was eine Preiskorrektur bedeutet. Schnell sind Kredite auf Immobilien nicht mehr durch ihren Wert gedeckt und das kann eine fatale Spirale auslösen, in denen Banken schnell auf Absturzkurs geraten.

Dass die Gefahren der Blasenentwicklung wahrgenommen werden, zeigt auch das Ergebnis der aktuellen Bloomberg Global Poll. Die an der Umfrage teilnehmenden Investoren, Analysten und Händler sind zu 82% der Auffassung, dass Aktien von Internet- und Social-Media-Unternehmen entweder auf oder nahe einem nicht haltbaren Niveau gehandelt werden. Und chinesische Preise für Wohnungen sind laut 73% der Teilnehmer auf einem vergleichbar hohen Niveau. Dafür sei die Liquidität verantwortlich, mit der Zentralbanken noch immer die Konjunktur ankurbeln wollen. "Immobilien sind der offensichtliche Kandidat für eine Blase", erklärte zum Beispiel auch Kenneth Broux, Stratege bei Société Générale SA in London, der an der Umfrage teilnahm. Auch für das Handelsblatt ist "die Umfrage ein Alarmsignal".

Interessant ist, sich die Entwicklungen grundsätzlich anzuschauen, mit der sich von einer Blase zur nächst größeren Blase gehangelt wird. So machte der ehemalige US-Finanzminister Lawrence "Larry" H. Summers erst kürzlich darauf aufmerksam, dass sogar die Effekte eine Blasenbooms immer bescheidener werden. "Die Auslastung der Kapazitäten blieb schwach, die Arbeitslosigkeit fiel nicht unter ein bemerkenswertes Niveau, es gab keine Inflation. Selbst eine große Blase war nicht ausreichend, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in exzessive Höhen zu treiben", resümierte er.

Summers, das zeigte Tomasz Konicz kürzlich auf, beschwört inzwischen sogar eine dauerhafte expansive Geldpolitik als Notwendigkeit (Aufwachen im Blasenland). Das ist deshalb umso erstaunlicher, da er sich durchaus bewusst darüber ist, dass die Spekulationsblasen und die lockere Geldpolitik in der vergangenen Dekade nur noch dazu fähig waren, ein "moderates Wachstum" zu generieren. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Summers zu denen gehörte, die mit der massiven Deregulierung der Finanzmärkte in den USA den Grundstein für die Finanzkrise 2007 legte.

Somit ist verständlich, warum letztlich die Blasen immer größer werden müssen, auch wenn die Effekte auf die Wirtschaft gleichzeitig immer schwächer werden. Denn, wie sogar Summer herausgefunden hat, war die bisher größte Spekulationsblase aller Zeiten nach dem Platzen der Dotcom-Blase nur fähig, die US-Wirtschaft auf einen moderaten Wachstumskurs zurückbringen. Entsprechend dazu werden, nachdem uns 2007 die Finanzkrise um die Ohren geflogen ist, zur Bekämpfung ihrer Auswirkungen über die lockere Geldpolitik gerade über den gesamten Erdball neue Blasen aufgebläht. Und damit wird immer deutlicher, dass wir uns global in einem gefährlichen Teufelskreis befinden, der innerhalb dieses Systems nicht mehr zu durchbrechen ist.

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