Where is the Wikitorial?

Die LA Times wollte ein Zeichen setzen und die Leser mit einem Wiki ein Editorial überarbeiten lassen – das Experiment dauerte nicht lange

Die Los Angeles Times hatte eine Idee, um sich als innovativ oder als Online-Avantgarde zu präsentieren, nachdem die Zeitungen sich in einer Krise befinden und sie von anderen Publikationsformen bedrängt werden. Da Blogs und Wikis für Manche als mediale Zukunft, als neue oder gar revolutionäre Art des (Citizen)Journalismus gelten, haben viele "normale" Online-Publikationen der Mainstreammedien neben den üblichen Inhalten, die durch die Redaktion laufen, begonnen, auch Blogs anzubieten, die von Journalisten oder Gästen betrieben werden. Mittlerweile gehört dies fast schon zum guten Ton und gelten die Medien, die keine Blogs haben, als hinter der Zeit.

Die LA Times ging, die Konkurrenz überbietend, noch weiter und bot ihren Lesern im Zuge einer Umstrukturierung der editorial pages an, ein Editorial, also den Leitartikel, gemeinsam mit der Hilfe eines Wiki umzuschreiben oder zu verändern.

Von den Bloggern.wurde der Schritt der LA Times unter Michael Kinsley, dem Gründer von Slate allgemein, wenn auch oft mit Vorsicht begrüßt. Seit Juni ist Kinsley für das Editorial und die Kommentare der LA Times verantwortlich und wollte mit dem Experiment wohl ein deutliches Zeichen setzen.

Allerdings bleibt das Experiment mit dem Wikitorial irgendwie auf halbem Weg stecken. Die Leser, die sich registrieren müssen, aber weiterhin anonym bleiben können, und über 13 Jahre alt sein sollen (warum eigentlich gerade über 13?), dürfen lediglich die Vorgabe eines "Profis" überarbeiten, ergänzen, verbessern, kommentieren .. Das zeugt einerseits davon, dass man den Lesern nicht wirklich traut, denn der "Originalartikel" bleibt weiterhin als solches vorhanden, man kann ihn nur dann mit dem vergleichen, was die Leser aus ihm gemacht haben. Letzten Freitag gab es also das erste Editorial mit dem Titel Der Krieg und seine Konsequenzen und dazu das Wikitorial "Dreams About War and Retribution".

Am Sonntag ist das Wikitorial bereits wieder vom Netz genommen worden. Wo es einst zu lesen war, liest man jetzt:

Where is the Wikitorial?

Unfortunately, we have had to remove this feature, at least temporarily, because a few readers were flooding the site with inappropriate material. Thanks and apologies to the thousands of people who logged on in the right spirit.

Angenommen wurde die Möglichkeit des Mitschreibens angeblich gut. Hunderte von Lesern hatten sich bereits am Freitag beteiligt. Aber es kam auch schnell zu Problemen. So konnte ein Leser die Überschrift durch "Fuck USA" ersetzen. Das konnte wieder richtig gestellt werden, doch dabei ging offenbar einiges an Text verloren. Jimmy Whales, der Gründer von Wikipedia, schaffte es, das Editorial in zwei Texte aufzuteilen, um so einen "gesäuberten" Alternativtext weiter zu führen, der aber auch mittlerweile gesperrt wurde. Berichtet wird, dass u.a. obszöne Bilder in das Wikitorial eingebaut worden sind – und vermutlich schlugen Kriegsgegner und –befürworter aufeinander ein.

Nun schweigt man sich zwar darüber aus, was man lieber nicht den Lesern präsentieren will. Statt Diskurs also rückstandsloses Sperren. Haben sich nur einige Trolle, wie man sie überall in Foren findet, als Vandalen mit unanständigen Ausdrücken, Provokationen oder Unsinn ausgetobt, das – sehr moderat gegenüber der Bush-Regierung und ihrem Irak-Krieg kritische – Editorial zerrissen, die Journalisten oder Wiki-Mitschreiber beleidigt? Man hatte schon in der Ankündigung mit solch einem Verhalten gerechnet, schließlich ist ein Meinungsartikel stets umstritten und nicht wie ein Wikipedia-Lexikonartikel auf Annäherung an Objektivität ausgerichtet. Sicherheitshalber hatte man daher erst mal nur ein Wikitorial angekündigt. Gnädig gab man das Wikitorial in die Hände der Leser, die sich beteiligen wollen:

It partly depends on you. You can help by participating and by avoiding hostile behavior. Wikis can build community, but they also rely on a sense of community. We also count on you to suggest improvements.

Who knows where this will lead? It may lead straight into the dumpster of embarrassing failures.

Or it may lead to a new form of opinion journalism, reflecting the opinions of everyone who chooses to participate.

Wenn es also ein Erfolg wird, schreibt es sich die Times aufs Banner, wenn das Experiment scheitert, waren es die Leser. Jetzt sind einige wenige Bösewichte schuld, dass die kollektive Meinungsbildung vorerst für die Leser und die Schreiber nicht mehr einsehbar ist. Aber der Vandalismus der Trolle könnte auch von der halben Geste verstärkt worden sein, den Lesern scheinbar eine Mitwirkung anzubieten und gleichzeitig doch die Hand drüber zu halten, was das Thema und eben auch was die Inhalte betrifft, wie man jetzt sehen konnte. Gleichzeitig aber konnten sich Leser anonym registrieren, mussten also ihre Identität nicht überprüfen lassen, was auch eine Herausforderung zum Trollen und Blödsinn Machen sein kann. Ob die Trolle wirklich so schlimm waren, lässt sich jetzt nicht mehr nachvollziehen, sehen aber kann man doch, dass die Verantwortlichen der Times auch dem Wiki-Prinzip nicht vertraut haben. Dann würde man nämlich erst einmal davon ausgehen, dass die übrigen Leser eingreifen und den Text allmählich wieder in andere Bahnen bringen, aber ihn nicht ziemlich schnell und ohne Angabe von Gründen sperren.

Die kollektive Selbstkorrektur funktioniert des öfteren auch bei Wikipedia und anderen kollaborativen Projekten nicht, aber hier war wohl die Idee schon ein provokatives Konstrukt, zumal man auch noch mit dem Irak-Krieg ein besonders heißes Thema aufgegriffen hat, das die Nation mehr und mehr spaltet. Wikis setzen ein Mindestmaß an konstruktiver Mitarbeit voraus. Meinungsartikel sind dafür nicht geeignet (einige Vorschläge machte Robert Niles). Wir haben in Demokratien ja auch keine Einheitspartei, sondern mehrere Parteien und deren Anhänger mit unterschiedlichen, sich auch widersprechenden Meinungen. Das lässt sich nicht in einem Artikel zusammen fügen.

Um solche Differenzen Wiki-mäßig spiegeln zu können, müssten sich theoretisch unabhängige Gruppen und Allianzen bilden können, die in eigenen Wikis ihre Gedanken formieren und auf Konfrontation mit den abweichenden Meinungen gehen können (Trolle wären aber auch dann nicht zu vermeiden, es sei denn, jede Gruppe könnte sie nach ihren Kriterien aussperren). Dann aber würde die Website einer Zeitung selbst demokratische Meinungsbildung betreiben und nicht mehr nur zu ihr beitragen.

Eine solche Meinungsbildung aber sollte in der politischen Öffentlichkeit und durch sie entstehen – was auch einem schrillen Dissenz einen Raum gibt . Und hier sind im Internet Blogs, Newsforen, Wikis und andere Publikationen, die von unabhängigen Individuen und Gruppen betrieben werden, aber nicht von Unternehmen (Medien), die auf Gewinn orientiert sind, oder Parteien, ganz entscheidend. Die Unabhängigkeit des Citizen-Journalismus oder der Blogosphere macht ihre Bedeutung aus. Werden sie eingemeindet, erlischt tendenziell eben die Frische, die Eigenwilligkeit, das Störrische, die Verbohrtheit, der Witz etc., der die Blogs u.ä. von den professionellen Medien unterscheidet.

Update:

Inzwischen hat die Times eine Erklärung für die Sperrung gegeben. Insgesamt hätten sich mehr als 1.000 Menschen registriert. Zu Beginn sei es gut gelaufen. Aber Nachts wären dann immer wieder obszöne Fotos gepostet worden (die man gestern noch im Slashdot-Thread sehen konnte). Daraufhin hat der Verantwortliche das Wiki geschlossen.

Man will möglicherweise das Experiment fortsetzen, aber nur dann, wenn man "Vandalismus" ausschließen und einen "hohen Standard" erreichen könne. Jetzt überlegt man offenbar, die Beiträge vor der Veröffentlichung zu überprüfen oder nur eine geschlossene Gruppe zuzulassen.

(Florian Rötzer)

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