Wichtiger Zeuge der US-Anklage gegen Assange gesteht Falschaussage

"Fall Assange vor dem Aus": Tweet von Edward Snowden. Bild: @snowden

FBI soll ehemaligen WikiLeaks-Aktivisten angestiftet haben. Snowden sieht Fall Assange vor dem Aus

Ein Schlüsselzeuge gegen den in Großbritannien inhaftierten Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, Julian Assange, hat seine Aussagen offenbar widerrufen. Der unter anderem wegen Fälschung, Betrugs und Unterschlagung verurteilte Isländer Sigurdur Ingi Thordarson (28) packte im Interview mit der isländischen Zeitung Stundin aus. Er habe sich 2010 und 2011 bei WikiLeaks eingeschlichen, um sich vorgeblich als Hacker zu betätigen.

WikiLeaks hatte sich damals durch Enthüllungen zu Bankenkorruption im skandinavischen Inselstaat einen Namen gemacht. Mit einheimischen Aktivisten bereitete Assange dort zudem die bahnbrechende Publikation von Collateral Murder vor, das WikiLeaks 2010 erstmals ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit bringen sollte. Das Video zeigt Angriffe von Kampfhubschraubern der US-Armee auf Zivilisten im Osten der irakischen Hauptstadt Bagdad.

Der damals 18-jährige Thordarson verwaltete zu dieser Zeit einen WikiLeaks-Chatroom und gab sich insgeheim gegenüber Dritten als Bevollmächtigter und sogar als Assange selbst aus. Am Ende soll er unter anderem 50.000 US-Dollar unterschlagen haben, indem er auf eigene Rechnung WikiLeaks-T-Shirts verkaufte.

Thordarson wurde nach einem Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen und Finanzbetrugs von der isländischen Justiz wegen psychischer Probleme als vermindert schuldfähig befunden. Das FBI warb ihn gegen WikiLeaks an, versprach ihm Straffreiheit. Nun soll Thordarson gegenüber der isländischen Zeitung Stundin zugegeben haben, dass er vom FBI zu Falschaussagen gegen Assange verleitet wurde.

Instrument gegen WikiLeaks und Island?

Er widerrief zugleich belastende Angaben und bekannte, dass Assange ihn nie gebeten hat, Telefonaufzeichnungen von Abgeordneten zu hacken oder darauf zuzugreifen. Vielmehr habe er, Thordarson, die US-Behörden mit Internas von Wikileaks versorgt.

US-Behörden könnten sogar hinter Thordarsons kriminellen Aktivitäten gegen Island stecken: Er soll in Chats Hacker aufgefordert haben, auf Material von isländischen Unternehmen zuzugreifen oder isländische Websites mit DDoS-Attacken anzugreifen. Dies könnte initiiert worden sein, um US-Geheimdiensten Zugang zu Islands Regierung zu verschaffen, indem man fachkundige Hilfe anbot. Thordarson soll auch über den vom FBI unter Druck gesetzten LulzSec-Hacker Sabu in kriminelle Aktivitäten verwickelt gewesen sein.

Im Juni 2011 war ein DDoS-Angriff gegen die Websites mehrerer Regierungsinstitutionen Islands durchgeführt worden. Mastermind war womöglich das FBI, das den Angriff autorisiert oder sogar initiiert haben könnte. Stundin zitiert Ögmundur Jónasson, damals Innenminister in Reykjavik, zu den US-Aktivitäten: "Sie versuchten, Dinge hier (in Island) zu nutzen und Menschen in unserem Land zu benutzen, um ein Netz zu spinnen und Julian Assanges habhaft zu werden."

Jónasson erinnert sich, so Stundin, dass das FBI am 20. Juni 2011 zum ersten Mal mit den isländischen Behörden in Kontakt trat und vor einer unmittelbar bevorstehenden und ernsten Bedrohung durch einen Angriff auf Regierungscomputer warnte. Für ein paar Tage seien FBI-Agenten nach Island geflogen, um offiziell ihre Hilfe anzubieten. Am 4. Juli wurde ein formelles Rechtshilfeersuchen an Island geschickt, um die gegenseitige Hilfeleistung zu besiegeln.

Schwerer Nachweis illegaler Handlungen

Später will Jónasson die FBI-Intrige durchschaut und die Kooperation beendet haben. Das FBI seinerseits bekam Wind von den kriminellen Aktivitäten seines V-Mannes Thordarson und ließ ihn zunächst fallen, bevor er 2013 und 2014 verurteilt wurde. Laut einem psychiatrischen Gutachten, das dem Gericht vorgelegt wurde, wurden bei Thordarson psychische Probleme diagnostiziert und er bekam eine milde Strafe.

2019 kamen erneut US-Behörden auf ihn zu, weil unter Trump eine Anklage gegen Julian Assange wieder aktuell geworden war: Unter Obama habe man vor dem New York Times-Problem" zurückgeschreckt: Vorwürfe gegen WikiLeaks hätten juristisch auch gegen die US-Zeitung gegriffen, die eine Zeit lang mit der Enthüllungsplattform kooperierte. Für Trump war die NYT ohnehin "Fake News" und er kümmerte sich nicht um die Folgen für das Ansehen der USA als Rechtsstaat.

Da sich die US-Anklage nach wie vor schwertut, Julian Assange gesetzeswidrige Handlung nachzuweisen – und jetzt mit einem ihrer Hauptzeugen weitere Bezichtigungen wegbrechen –, könnte Edward Snowden Recht behalten, wenn er das Aus des ganzen Schauprozesses prognostiziert. Eigentlich war die US-Anklage jedoch schon mit der Enthüllung der manipulierten Anklage in Schweden durch den UNO-Sonderberichterstatter zum Thema Folter, Nils Melzer, unglaubhaft geworden. Der Schweizer Jurist hatte nachgewiesen, dass die Anklage gegen Assange wegen angeblicher Sexualdelikte manipuliert war.

Siehe auch:

(Hannes Sies)