Wie EU-Beamte die Zukunft des Internets sehen

Die 2. Paradiso Conference in Brüssel

Die fabelhafte Welt der EU ist eigentlich nur aus dem Kampf gegen angeblich unhygienischen Schafskäse, durch das Glühbirnenverbot und Silvana Koch-Mehrin bekannt. Die rund 50.000 EU-Beamten zahlen auf ihre Einkommen im Schnitt 8,72% Steuern. So werden nämlich auf ein Bruttogehalt von 11.000 Euro in Brüssel laut Tabelle 872 Euro Steuern fällig. Dies ist so belastend, dass zum Ausgleich nur 2 Prozent Krankenversicherung entrichtet werden müssen.

Da EU-Beamte in der Regel keine Arbeit haben, sondern ihre Stelle als Belohnung oder Abfindung von ihren nationalen Seilschaften erhielten, widmen sie sich unter anderem der Zukunft des Internets. Unter dem Titel "Paradiso - Internet for the Future" veranstaltet die Europäische Kommission vom 7.-9. September eine Konferenz in Brüssel. Sie soll, selbstverständlich beraten von high-level experts, "Neue Wege der Innovation von Internet und Gesellschaft" aufzeigen.

Wer wäre für diese Aufgabe geeigneter, als die EU-Beamten selbst? Diese drängen sich unter die tatsächlich qualifizierten Referenten und nehmen ihnen die kurzen Rede-Slots weg. Wenn man etwas von EU-Beamten darüber hören möchte, welche innovative Rolle das Internet für die Zukunft Europas spielt, kann man dies auf diesem You-Tube-Video tun, das stolz von den Veranstaltern auf die Startseite gesetzt wurde: Dort sieht man einen Signore Mario Campolargo, Unterdirektor einer gigantischen EU-ABM-Maßnahme namens Information Society, hilflos über Challenges und Change stammeln. Wer die fünf Minuten durchhält, bekommt ein Gefühl dafür, was leistungsgerechte Zahlung in Brüssel bedeutet. Selbstverständlich ist Campolargo ein Hauptakteur der Konferenz.

Den Veranstaltern und der EU scheint dabei nicht aufzufallen, dass alle von ihnen auf ihrer Webseite empfohlenen Technologien, also YouTube (Flash), Facebook, LinkedIn, iPhone-App und Twitter von Firmen außerhalb Europas entwickelt wurden. Die EU wirbt damit für börsennotierte US-Firmen. Für uns Europäer gibt es zum Trost dafür, dass wir keine eigenen Social-Web-Applikationen haben, anlässlich der Konferenz einen Malwettbewerb für Kinder. Sinniger Titel: Die Zukunft des Internets.

Die Abwesenheit europäischer Internettechnologie hat eine lange Geschichte, die den Titel "7. EU-Forschungsrahmenprogramm" trägt. In diesem werden allein seit 2007 neun Milliarden Euro für "Informations- und Kommunikationstechnologien" zur Verfügung gestellt.

Dass dabei trotzdem keine Technologie entsteht, die in irgendeiner Form neue soziale Netzwerke schafft, auf die dann auch die EU zurückgreifen könnte, ist zunächst verblüffend. Blickt man aber auf die Antragsbedingungen für das 7. Forschungsrahmenprogramm wird es verständlich: Man müsste zunächst erst einmal 500.000 Euro für gekaufte Scheinpartner und Berater investieren, mehrere Universitätsinstitute aus Frankreich und Polen als Partner haben und dann Leute wie Mario Campolargo als Hauptreferenten einladen.

Die Firma, die im Auftrag der EU-Kommission die Konferenz organisiert, bietet deshalb sinnvollerweise auf ihrer eigenen Webseite Hilfestellung bei der Beantragung von EU-Mitteln an. Dass Sigma Orionis von dieser "Hilfestellung" etwas versteht, kann als erwiesen gelten: Alleine von September bis Dezember 2011 veranstalten die Franzosen fünf Konferenzen im 7. EU-Rahmenprogramm. Natürlich ist ihr eigener CEO, Roger Torrenti, auch erster Redner der Konferenz. Unter den weiteren Startrednern findet sich auch ein Vertreter einer Firma, deren Namen in diesem Zusammenhang überrascht: Elmar Husmann von IBM. Gut, dass sich IBM auf der Referenzliste von Sigma Orionis findet. Im Panel der Diskussionsgruppen darf dann sogar Amelia Andersdotter von der EU-Fraktion der Piratenpartei mitmachen. O-Ton der Veranstalter: "Alle Organisationen sind eingeladen, die Visionen führender Experten für Internet und Gesellschaft kennenzulernen."

Statistisch gesehen, sind allerdings die Hälfte der geladenen Redner EU-Beamte und deren Berater, die sich damit gegenseitig in Sachen Innovation beraten, denn die Konferenz soll selbst Anregungen für weitere Förderungen im 7. EU-Rahmenprogramm geben. Dass allerdings die hochverschuldeten europäischen Gesellschaften eine Zukunft bei einem Steuersatz von 7 Prozent haben, ist eher unwahrscheinlich.

Zumindest die Bilanz der Firma Sigma Orionis könnte aber durch diese Aktivitäten für 2011 und Folgejahre besser werden als die der Vorjahre. Auf weitere Innovationen für Internet und Gesellschaft dürfen wir also gespannt sein.

Ich bevorzuge aus Brüssel eher hervorragende Pommes und Pralinen.

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