Wie Führer entstehen

Forscher analysieren, unter welchen Bedingungen sich in Gruppen einzelne Führer herausbilden und welche Eigenschaften sie mitbringen

In einer idealen Welt kann jeder Mensch seinen eigenen Vorstellungen und Ideen folgen, frei, wie es ihm beliebt. Sobald aber mehr als zwei Individuen eine Welt bevölkern, kommt es in der Praxis unausweichlich zu Konflikten: Die Freiheit des einen beschneidet die Freiheit des anderen. Das Problem ist auf verschiedene Weise lösbar: Entweder, ein Wille ordnet sich dem anderen unter (das nennt man dann Diktatur) oder es wird ein Kompromiss gefunden, bei dem beide einen Teil ihrer Ideen aufgeben müssen. Womit wir bei der Demokratie sind. Spieltheoretisch entstehen in jedem Fall Kosten.

Diktatur und Demokratie unterscheiden sich nur darin, wie die Kosten des Kompromisses verteilt werden: Gerecht auf alle Mitglieder der Gruppe, oder ungerecht auf einige Personen, die dann die Rolle der Folgenden einnehmen. Doch welches Modell funktioniert wann? Und sind manche Individuen eher für eine bestimmte Rolle eher prädisponiert als für eine andere?

Diese Fragen versuchen die Zoologen Rufus Johnstone und Andrea Manica von der britischen University of Cambridge in den aktuellen Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) zu beantworten. Die Forscher simulieren dazu spieltheoretisch eine Bevölkerung von n Subjekten. Um weitere Einflüsse auszuschließen, wird den Subjekten kein Geschlecht zugeschrieben. Die Kosten der Demokratie fließen über ein Belohnungssystem in das simulierte Spiel ein.

Jeder Spieler hat bei seinen Entscheidungen die Möglichkeit, entweder seinem eigenen Plan zu folgen (er "führt") oder per Zufall eine der aktuellen Entscheidungen eines Gruppenmitglieds zu kopieren (er "folgt"). Die Wahrscheinlichkeit, mit der das Subjekt seinen eigenen Willen verfolgt, sehen die Forscher als Grad der intrinsischen Führerpersönlichkeit des Subjekts. Die Belohnung fällt bei dem Spiel umso größer aus, je mehr Mitspieler dieselbe Option wählen. In der Natur ist das nachvollziehbar: Der Jagderfolg steigt, wenn mehr Gruppenmitglieder kooperieren, oder das Risiko sinkt, selbst zum Opfer zu werden.

Folgt der Spieler aber nicht der eigenen Entscheidung, wird der Proportionalitätsfaktor durch den Grad des Konflikts reduziert, der in der Gruppe herrscht - das sind die Kosten, die mit der Übernahme der Gruppenentscheidung verbunden sind. Ob ein Gruppenmitglied sich auf diese Weise als Führer erweist, hängt also nicht nur vom eigenen Verhalten ab, sondern auch von dem der Folgenden.

Einfachste Anwendung dieses Modells ist die Zweierbeziehung. Hier gibt es nur vier Konfigurationen, was Führer und Folgende betrifft. Das Ergebnis einer evolutionären Simulation entspricht dem, was man vom Tanzen kennt: Am effizientesten ist das Paar, wenn einer führt und der andere folgt. Alle anderen Konstellationen führen über kurz oder lang zu einer Pattsituation. In größeren Gruppen ist die Situation komplizierter. Hier kommt es vor allem auf den Grad des Konflikts an.

Wenn es gelingt, alle Mitspieler auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören, der Konfliktgrad also gering ist, kann sich eine einzelne Führerpersönlichkeit leichter etablieren - das Ergebnis könnte einem Ratgeber für erfolgreiche Diktatoren entnommen sein. Ist die Gruppe allerdings von einem größeren Konfliktgrad geprägt, kommt es zu einer Führerschwemme: Viele Mitspieler werden versuchen, ihre Meinungen und Ziele durchzusetzen. Das ist ökonomisch nachvollziehbar, weil die Belohnung für das Folgen von den wachsenden Kosten eines Kompromisses für das Individuum aufgebraucht wird.

Und wer wird zum Führer? Die Forscher verweisen dabei auf empirische Studien, die den "Führergrad" des mathematischen Modells mit Eigenschaften wie Extraversion, Selbstbewusstsein und Neugier korrelieren. Das liegt, meinen die Studienautoren, wohl daran, dass das Geschäft des Führens riskant ist: Zwar zeitigt es die höchsten individuellen Gewinne, es weist aber, abhängig vom Verhalten der Folgenden, auch die größte Schwankungsbreite auf. Wer sich für das Führen entscheidet, muss mit diesem Risiko leben können.

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