Wie Uri Geller den Dritten Weltkrieg verhinderte

Eine Medien-Realsatire

Traditionell pflegen die Medien am 2.April ihre am Vortag platzierten Aprilscherze aufzudecken. Vergleicht man jedoch historische Sachverhalte mit den einstmals aktuellen Medienrealitäten, so scheint sich der 1.April auf das gesamte Jahr hin zu erstrecken. Am amüsantesten erweist sich dieser Befund anhand der unglaublichen Medienkarriere des Uri Geller.

Geboren wurde Geller am 20. Dezember 1946 in Tel Aviv als Sohn von Jitzchak und Margarete Geller, geborene Freud (entfernt verwandt mit Sigmund Freud). Gellers Eltern stammten ebenso wie die seiner Vorgänger Erik Jan Hanussen und Harry Houdini aus Österreich-Ungarn.

Während seiner Kindheit will Geller im Alter von vier Jahren ein mysteriöses Erlebnis mit einer Lichtsphäre in einem Garten gehabt haben. Beim anschließenden Mittagessen habe sich erstmals ein Löffel gebogen. In anderen Interviews gibt er an, erst in der Grundschule seine Kräfte entdeckt zu haben.

Im Alter von elf Jahren zog Geller mit seiner Mutter nach Zypern, wo sein neuer Stiefvater in Nicosia ein Hotel eröffnet hatte. Dieser erzählte ihm damals die unwahrscheinliche Geschichte von Hanussen, der mit seinen Taschenspielertricks als falscher Hellseher zum Propheten der Nazis aufgestiegen war. Geller diente bei den Fallschirmjägern und wurde 1967 im Sechstagekrieg verwundet. Während seiner Genesung arbeitete er in einem Jugendcamp, wo er Freundschaft mit dem gerade einmal 13jährigen Shimshon "Shipi" Shtrang sowie mit dessen älterer Schwester Hannah schloss.

Shipi hatte nicht nur oft verrückte Ideen, sondern entdeckte auch Gellers telepathische Fähigkeiten. Nach einer anderer Version soll er ein Zauberbuch über Hellsehtricks besessen haben, das Experten für Tony Corindas "Thirteen Steps to Mentalism" (1958) halten. Die beiden zeigten eine Hellsehdarbietung, die in ähnlicher Form schon von Houdini und Hanussen präsentiert worden war. Shipi ist bis heute Gellers engster Freund und Mitarbeiter, Hannah wurde Gellers Freundin und 1991 seine Frau.

Geller unterschied sich von Anfang an von konventionellen Zauberkünstlern. Er versteckte sich nicht hinter einem Künstlernamen; anstatt abendlicher Garderobe entschied sich der jugendliche Beau stilsicher für Jeans und legeres Hemd. Die Show kam so gut an, dass Geller an den Manager Baruch Cotni herantrat und professionell arbeitete. 1970 hatte er auf der Bühne eine Vision: Er fühle, dass Nasser im Sterben liege. Kritiker vermuten jedoch, man habe ihm durch den Vorhang von Nassers Tod berichtet. Bei vielen Zuschauern, die ja erst nach der Vorstellung von dem Ereignis erfuhren, entstand der Eindruck, Geller habe Nassers Tod vorausgesehen oder gespürt. (Dies erinnert strukturell an Hanussens Pose als Fronthellseher, der im ersten Weltkrieg von einem Freund bei der Feldpost über Ereignisse in der Heimat heimlich vorabinformiert war.)

Gellers Erklärungen für seine speziellen Fähigkeiten waren unterschiedlich. Mal behauptete er, sie vom Geheimdienst erlernt zu haben. Später hieß es, Außerirdische hätten ihn hiermit zur Abwendung des dritten Weltkrieges ausgestattet. Dann verlautbarte er, nicht zu wissen, woher seine Kräfte kämen, vermutlich habe sie jeder. Auf einer Party reichte er einen verbogenen Löffel herum, von dem er behauptete, ihn mit seinen speziellen Kräften verbogen zu haben - was überraschend gut ankam.

Der junge Showstar wurde berühmt. Sogar Staatschefin Golda Meir hatte auf eine Reporterfrage nach der Zukunft Israels (erkennbar ironisch) entgegnet: "Warum fragen Sie nicht Uri Geller?" Die israelische Gesellschaft spaltete sich in Geller-Fans und Geller-Skeptiker. Für Geller ergriff vor allem der Dekan der juristischen Fakultät der Hebräischen Universität Partei, Prof. Dr. Amnon Rubinstein Partei. Diesem gestand Geller, bei einem Hellsehkunststück "auf Druck seines Managers" einen Trick angewandt zu haben. Rubinstein drängte Geller, fortan auf Tricks zu verzichten und seine "echten Fähigkeiten" wissenschaftlich untersuchen zu lassen.

Geller brachte es in dieser Zeit nicht nur zu Ruhm, sondern auch zu einem Vermögen von einer Viertelmillion israelischer Pfund. Wegen Gellers zunehmenden Gagenforderungen hatte er sich langfristig mit Cotni überworfen und war zu dem Künstleragenten Micky Feld gewechselt, sodass Cotni auf Rache sinnte. Für Cotni kopierte der Zauberkünstler Eytan Ayalon Gellers Darbietung und wurde in Israel ebenfalls über Nacht berühmt.

Der Physikprofessor und Amateurzauberer Klassen lud Gellers neuen Produzenten Feld, der an Gellers übersinnliche Fähigkeiten glaubte, in sein Haus ein und verblüffte ihn mit Tricks. Feld war schockiert, wollte seinem Vertragspartner aber nicht in den Rücken fallen. Ein Student der Computerwissenschaften, der zunächst von Gellers Show beeindruckt war, erkannte plötzlich ein Experiment mit Spielkarten als einen ihm bekannten Kartentrick. Mit drei weiteren Studenten besuchte er mehrfach Gellers Shows. In der Jerusalem Post konnte man 1970 nachlesen, dass das Quartett Gellers Effekte nicht nur nachahmen konnte, sondern sogar übertraf. Deren Tricks wurden allerdings nicht offengelegt, Geller jedoch als Betrüger bezeichnet.

Drei Monate später berichtete die Zeitung, dass Geller gerichtlich wegen Vertragsbruchs zur Kostenerstattung für eine Eintrittskarte verurteilt worden war, da der Computerexperte für einen "echten Telepath" bezahlt hatte. Auch Ayalon war seine Hellseherrolle unangenehm geworden, und er legte seine Tricks in einer Pressekonferenz offen.

Geller versuchte sein Glück in Italien, jedoch ohne Publikumserfolg. Interesse an Gellers Fähigkeiten zeigte jedoch ein Mafioso, der diese beim Glückspiel einsetzen wollte. Von Italien aus schickte Geller bzw. ein übereifriger Freund aus PR-Gründen ein gefälschtes Foto an die Presse, welches den Löffelbieger scheinbar mit der populären Filmschauspielerin Sophia Loren zeigte. Angeblich soll das Treffen wirklich stattgefunden haben, das Foto sei nur symbolisch gewesen. Der Schwindel flog auf.

Eigentlich hätte die Komödie jetzt zu Ende sein müssen. Paradoxerweise dürfte die PR-Katastrophe jedoch der Anstoß zu Gellers Weltkarriere gewesen sein: Genauso, wie seinerzeit Cagliostro wegen seiner aufgeflogenen Betrügereien die Heimat verlassen musste, um dann sein restliches Leben auf der Reise zu verbringen, so zog auch Geller in die Welt. Bevor Geller Israel verließ, hatte er jedoch die Bekanntschaft eines seltsamen Mannes gemacht.

Der Parapsychologe Dr. Andrija Puharich, den selbst Geller als neurotisch, paranoid und größenwahnsinnig beschreibt, war im Umgang mit Wundermännern erfahren. Puharich hatte jahrelang den brasilianischen Wunderheiler José Arigó beforscht, der in Trance unter Einfluss eines Geistes Menschen "operierte".

In seinem Buch Uri (1974) schildert Puharich, wie er Ende 1970 den Magier in einem Nachtclub aufgesucht hatte. Puharich sah in Geller den lang ersehnten Beweis für seine anderen Theorien. In bemerkenswerter Offenheit habe Geller ihm damals geschildert, er sei nur an Geld, Autos und Frauen interessiert, nicht aber an parapsychologischer Forschung. Dennoch schlossen beide Freundschaft. Am 19. Dezember 1971 soll Puharichs Präzisionsuhr stehen geblieben sein. Puharich hatte mit Geller über Möglichkeiten sinniert, wie der Welt Frieden zu bringen sei und versucht, ihm unter Hypnose seine Geheimnisse zu entlocken. Er zeichnete Teile des Gesprächs auf und will hinterher eine metallische Stimme auf seinem Band gefunden haben, die befahl: "Halte dich von der israelischen Armee fern. Bete für Frieden. Bete, wenn deine Uhr angehalten wird." Fünf Minuten später habe sich die Kassette entmaterialisiert. Puharich habe, wie ihm befohlen, für Frieden gebetet, bis die Uhr wieder funktioniert habe.

Nach Gellers gemeinsam gefeiertem Geburtstag sei er mit ihm in die Wüste ans Schwarze Meer gefahren, wo er gefilmt habe, wie ein blau leuchtendes Ufo Geller in Trance versetzt habe. Kassette und Film seien wiederum entmaterialisiert worden. Puharich setzte Gellers fast weihnachtliches Geburtsdatum in Beziehung zum "Heiligen Land" und der Bibel und stilisierte den Magier als eine Art Messias. Das Wesen, welches das Ufo kontrollierte, taufte Puharich "Intelligence in the Sky - IS". Drei Tage nach dem Vorfall las er in der Zeitung, der Präsident der Ägyptischen Republik Sadat habe den für den 26. Dezember angesetzten Krieg abgesagt. Puharich konstruierte einen Zusammenhang mit seinem magischen Friedensapostel und dem spirituellen Ereignis in der Wüste.

Hatten Shipi und Geller dem frommen Mann einen Streich gespielt und eine Lichtshow inszeniert? Hatte sich die Episode nur in Puharichs Fantasie abgespielt oder hing sie gar mit Puharichs Drogenexperimenten zusammen? Geller distanzierte sich Jahre später von der UFO-Episode und anderen Behauptungen in Puharichs Buch "Uri" und verlautbarte, Puharich habe dieses aus Geldgier geschrieben. Inzwischen ist die Ufo-Story wieder offizieller Bestandteil der Geller-Vita. Puharichs Einladung in die USA wies er zunächst zurück. Stattdessen versuchte der 25-jährige Geller mit Shipi und Freundin Hannah sein Glück in dem Land, das vier Jahrzehnte zuvor Hanussen aufgesessen war.

Geller hatte Freunde in Westdeutschland, auch war seine Mutter in Berlin geboren worden. Uris neuer Impressario Yasha Katz erwies sich als guter PR-Agent. Die BILD-Zeitung, zu deren redaktionellen Grundsätzen ausdrücklich die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen gehörte, war dankbar für eine denkbar gut aussehende, charmante, wenn nicht gar charismatische Integrationsfigur und brachte eine sechsteilige Serie über den ungewöhnlich jungen Hellseher, die selbst Geller heute als "Publicity" abtut.

BILD kontaktierte den 32-jährigen Plasmaphysiker Dr. Friedbert Karger vom Münchner Max Planck Institut für Plasmaforschung, der für seine Forschung über den Poltergeist von Rosenheim bekannt war. Karger bezeugte für BILD in einem Hotel eine Ringverbiegung und die Beeinflussung einer Uhr, für die er keine Erklärung fand. Geller gab im Münchner Hilton erfolgreiche Vorstellungen und schloss Freundschaft mit Playboy Gunther Sachs, mit dessen Schwägerin er eine Affäre hatte.

Auf Initiative der BILD-Zeitung ließ Geller am 12. Juni 1972 um 12.47 Uhr für Journalisten die Hochfelln-Seilbahn für drei Minuten stehen bleiben. Selten ist einem so trivialen Ereignis wie einem unterbrochenen Stromkreis derart große Aufmerksamkeit widerfahren. Beim Gastspiel von Werner Hornungs Zaubertheater im Hamburger Operettenhaus sprang Geller für einen ausgefallenen Hellsehzauberkünstler ein. Dort lernte er den Musikproduzenten Werner Schmid kennen, der ein esoterisches Musical plante und ihm eine Karriere als Sänger anbot. (Geller setzte diesen finsteren Plan später um und besang eine LP.) In Hamburg war die Publikumsresonanz nicht ganz so sensationell wie in München. So gewann Puharich Geller endlich dazu, ihn in das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten zu begleiteten, um Geller dort bei führenden Parapsychologen einzuführen. Vorher fotografierte Geller noch schnell aus dem Flugzeug drei Ufos über Schweinfurt. Der wunderliche Puharich verfügte neben seinen Ufo-Kontakten auch über andere Verbindungen zum Weltall.

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