Wie ähnlich sind Tiere und Menschen?

Die Frage, wie sehr sich Mensch und Tier ähneln, wurde schon im 19. Jahrhundert heiß diskutiert. Die Idee der gemeinsamen Abstammung, hier nahegelegt mit einer Abbildung aus Thomas H. Huxleys Essay "Evidence as to Man's Place in Nature" von 1863, stieß auf viel Gegenwehr. Da Huxley, anders als sein Zeitgenosse Charles Darwin, den öffentlichen Disput nicht scheute, bekam er später den Spitznamen "Darwins Bulldogge".

Warum "The Medium is the Message" auch für die Wissenschaft gilt

Wendungen wie "Menschen und andere Tiere" oder "menschliche und nichtmenschliche Primaten" bringen zum Ausdruck, dass die Trennlinie zwischen Mensch und Tier vielleicht gar nicht so deutlich ist, wie dies traditionell gedacht wurde. Als Vertreter dieser Tradition werden gerne René Descartes oder Immanuel Kant zitiert. Für Ersteren waren Tiere nur Automaten, für Letzteren moralisch nur insofern interessant, als Menschen durch das Quälen von Tieren verrohen und dann auch anderen Menschen Leid zufügen könnten.

In der Biologie, Psychologie, Hirnforschung, Anthropologie und Philosophie haben sich in den vergangenen Jahrzehnten viele Forscherinnen und Forscher mit der Frage beschäftigt, wie ähnlich Tiere und Menschen sind. Ich erinnere mich an den Vortrag eines namhaften Hirnforschers, der meinte, vom Mäuse- zum Menschengehirn gebe es eher quantitative als qualitative Unterschiede: bloß mehr vom Gleichen.

Man kann sich jetzt vor Augen führen, dass ein Mäusegehirn mit ca. 0,4 Gramm Gewicht 71 Millionen Neuronen hat, das eines Meerschweinchens bei ca. 3,8 Gramm 240 Millionen und wir Menschen bei rund 1,5 Kilogramm 86 Milliarden. Die in der Forschung beliebten Makaken aus der Familie der Rhesusaffen kommen bei ca. 87 Gramm auf etwa mehr als 6 Milliarden Nervenzellen.

Mit einer neuen Methode zählte die brasilianische Hirnforscherin Suzana Herculano-Houzel die Anzahl der Nervenzellen in den Gehirnen von Menschen und verschiedener Tiere. Schaut man nur aufs Gewicht und die Zahl, scheint es tatsächlich keinen prinzipiellen Unterschied zu geben. Quelle: Suzana Herculano-Houzel, The Human Brain in Numbers: A Linearly Scaled-up Primate Brain Frontiers in Human,Frontiers in Human Neuroscience, 2009

Wenn man so zählt, Gewicht und Nervenzellen, dann sieht man tatsächlich nur einen quantitativen, keinen qualitativen Unterschied. Das ist aber nicht überraschend, sondern schlicht in der Zählweise so angelegt. Vielleicht würde man gemäß dieser Logik wenigstens schlussfolgern dürfen, dass ein Spiegelei mit 60 Gramm Gewicht, jedoch keinen Nervenzellen, qualitativ anders ist als ein Menschengehirn. Oder handelt es sich bei null gegenüber 86 Milliarden doch wieder nur um einen quantitativen Unterschied? Und wie verhält sich das bei einer Kartoffel?

Wenn man anders schaut und etwa Gehirnstrukturen betrachtet, kommen andere Fragen auf: Denken wir an die F5 genannte Region im Gehirn der bereits erwähnten Makaken. Dort fanden vor einiger Zeit italienische Hirnforscher Nervenzellen, die später als "Spiegelneuronen" weltberühmt werden sollten. Menschen haben aber keine Region F5. Manche argumentieren, dass unser Broca-Areal, das für die Erzeugung von Sprache wichtig ist, der Region entspricht. Quantitativ oder qualitativ?

Schematische Darstellung des prämotorischen Kortex von Makaken von Driss Boussaoud und Kollegen, BMC Neuroscience, 2005. Die sogenannten Spiegelneuronen fand man bei Zellableitung in der Region F5, hier nach einer anderen Konvention der Region PMv-r entsprechend. Bild: Boussaoud et al/CC BY 2.0
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