Wie amerikanisch bleibt ICANN?

Nagelprobe vor der Unabhängigkeit

Die wichtigste Entscheidung, die das ICANN-Direktorium bei seiner jüngsten Tagung im argentinischen Mar del Plata gefällt hat, war, zunächst keine Entscheidung zu treffen. Die heikle Kontroverse, die jetzt auf die lange Bank geschoben wurde, geht darum, wer zukünftig die Registry für die Top Level Domain .net betreiben kann. Dabei geht es zwar vordergründig um ein Millionengeschäft, hintergründig aber handelt es sich um ein ziemlich diffiziles politisches Problem. Die .net Re-Delegation hat unweigerlich die Frage heraufbeschworen, wie "amerikanisch" ICANN bleiben wird, wenn es denn im Oktober 2006 aus der Abhängigkeit vom US-Handelsministerium entlassen werden soll.

Millionengeschäft .net

Unter .net sind rund 4 Millionen Internet Domains, sieben Prozent des gesamten Domainnameraumes, registriert. Im Moment wird .net von VeriSign Inc., die auch die Registries von .com und einigen ccTLDs wie .tv managen, verwaltet.

Die Erstdelegation geht auf einen Entscheid der US-Regierung zurück, die in den späten 80er Jahren Network Solutions (NSI) in Herndon/Virginia die Aufgabe zur Registrierung von Domain Namen unter .com, .net und .org sowie die Operation des A Root Servers übertrug. Damals wurden Forschung und Entwicklung des Internet über die "National Science Foundation" (NSF) finanziert, nachdem das US-Verteidigungsministerium kurz zuvor seine Förderung eingestellt hatte.

Als Anfang der 90er Jahre die Kommerzialisierung des Internet begann, stellte auch die NSF die finanzielle Förderung ein und erlaubte 1993 im Gegenzug NSI Inc. Das Erheben einer Gebühr von 35.00 $ pro Jahr für jeden in den Domains .com, .net und .org registrierten Namen. Mit einem Schlag war ein Millionenmarkt geschaffen der NSI Inc. zu einem der Hauptprofiteure des "Dot Com Booms" der späten 90er Jahren machte.

Die Auflösung des Monopols von NSI Inc. bei der Registrierung von Domain-Namen war einer der Gründe, der die Clinton-Administration 1997 veranlasste, ICANN zu erschaffen. ICANN sollte den Wettbewerb in dem neu entstandenen Domain Name Markt fördern (Vorsicht Baustelle).

ICANN tat sich bei der Bewältigung dieser Aufgabe durchaus schwer (ICANN gegen NSI), nicht zuletzt auch deshalb, weil NSI Inc. über hervorragende Kontakte zum US-Kongress verfügte, der wiederum das US-Handelsministerium, die Aufsichtsbehörde für ICANN, an der kurzen Leine hielt. Dazu kam, dass NSI Inc. in den ersten Jahren der Hauptfinanzier für ICANN war. Immerhin aber setzte ICANN durch, dass sich im Bereich der Registrare ein Hauch von Wettbewerb entfalten konnte. Heute gibt es über 300 Registrare weltweit, die Domainnamen im gTLD Bereich registrieren.

Schwieriger erwies sich die Demonopolisierung im Registry-Geschäft. Nur nach mühseligen Verhandlungen war es ICANN gelungen, im Jahr 2000 NSI Inc. in ein Netzwerk von Verträgen einzubinden, die u. a. NSI Inc. Verpflichteten, das Registrar- und das Registry-Geschäft zu entflechten und schrittweise die Verwaltung der TLDs .org und .net abzugeben. Als kurz darauf NSI Inc. von VeriSign gekauft wurde, ging das zähe Ringen jedoch weiter. VerSign gelang es nicht nur, die Registrar-Registry-Entflechtung in Grenzen zu halten, nachdem es vor drei Jahren .org abgegeben hatte, kämpft es nun darum, die Oberhoheit für .net behalten zu können. Auch die Zulassung neuer TLDs im Jahr 2000 hat die Marktsituation nicht dramatisch gekippt. VeriSign kontrolliert momentan über 60 Prozent des Domain-Name-Marktes, die restlichen 260 Registries und 300 Registrare teilen sich in die verbleibenden weniger als 40 Prozent.

Fünf Kandidaten

Der Vertrag von 2000 sieht vor, die .net Re-Delegation bis zum Jahr 2005 abzuschließen. Als ICANN im vergangenen Jahr das Ausschreibungsverfahren startete, fühlten sich daher auch europäische Registries, darunter die deutsche DENIC und das in Genf ansässige Registrarkonsortium CORE ermutigt, den Hut in den Ring zu werfen. Wenn man es ernst meint mit Wettbewerbsförderung, so die durchaus nachvollziehbare Überlegung, dann müsste ein starker nicht-amerikanischer Betreiber zum Zuge kommen. DENIC verwaltet immerhin sieben Millionen Domain Namen unter .de, hat also unter Beweis gestellt, dass es mit großen Datenmengen umgehen kann.

Das ermutigte auch Afilias, die in Irland eingeschriebene Registry für .info, sich zu bewerben. Daneben tauchte mit Sentan ein weiterer Kandidat auf hinter dem sich ein Joint Venture zwischen dem US-Unernehmen NeuLevel und dem japanischen Registry Service JPRS verbarg. NeuLevel betreibt die Registries für .biz und .us und hat auch einen Kooperationsvertrag mit der chinesischen Registry CNNIC. Alle Kandidaten legten exzellente Anträge vor und liessen bereits den Wettbewerbswind spüren. Afilias bot z.B. eine sehr preiswerte Namensregistrierung an. Andere setzten auf innovative Zusatzdienste

VeriSign ließ sich jedoch von dem Aufmarsch der Konkurrenz wenig beeindrucken und marschierte gleich zum US-Kongress. Bei einem Hearing zur Sicherheit des Internet Ende September 2004 im Senatsausschuss für Wirtschaft und Wissenschaft machte VeriSigns Vizepräsident Ari Balogh deutlich, dass die Gewährleistung der Sicherheit und Stabilität des Internet Vorrang vor allem anderen haben müsse und sein Unternehmen bei der Neuvergabe von .net nicht diskriminiert werden dürfe. VeriSign sei immerhin die "Trust Company".

Die fünf Kandidaturen brachten ICANN in eine schwierige Lage. Der Versuch aber, sich der eigenen Entscheidungsverantwortung zu entziehen und eine Bewertung an einen Dritten abzuschieben, produzierte noch größeren Ärger. Zunächst wurde die Unabhängigkeit des gewählten neutralen Bewertungsgremiums Telecordia wegen offensichtlicher personeller Verflechtungen zwischen Gutachtern und Bewerbern bezweifelt. Und dann zeichnete sich das finale Ranking durch einen hohen Grad von Subjektivismus und Ignoranz aus. Die rein amerikanische Consulting Firma setzte quasi reflexartig die amerikanischen Unternehmen auf die ersten Plätze - VeriSign vor Sentan - und ließ in der Reihenfolge Afilias sowie die reinen Europäer DENIC und CORE kalt abblitzen, wobei man sich noch grobe Schnitzer in der Bewertung einzelner Fakten leistete.

Politischer Überbau vs. ökonomischer Unterbau?

Das Heikle an dem Vorgang ist, dass es bei der .net Entscheidung eben nicht nur darum geht, wer zukünftig das Millionengeschäft mit .net machen soll, sondern vor allem darum, wie international sich der Wettbewerb auf dem Domain-Name-Markt entwickeln wird. Praktisch geht es darum, ob sich hier die Geschichte des Softwaremarktes wiederholt. Wird VeriSign das Microsoft des Internet?

Aus Sicht des US-Handelsministeriums wäre eine solche Lösung nicht die Schlechteste. Wenn man tatsächlich im Oktober 2006 ICANN in die politische Unabhängigkeit entlassen will, dann bleibt zumindest ICANN wirtschaftlich abhängig vom amerikanischen Marktführer.

Die Zwickmühle für das ICANN-Direktorium, in dem Amerikaner in der Minderheit sind, ist nun, zwischen wirtschaftlichen und politischen Argumenten abzuwägen. Vint Cerf, Chairman des ICANN-Direktoriums, hat in Mar del Plata immer wieder betont, dass die Förderung des Wettbewerbs nur ein Kriterium sei, Sicherheit und Stabilität des Netzes seien ebenso wichtig. Das Risiko ist natürlich dann am Geringsten, wenn man alles zu lässt,wie es bislang funktioniert hat.

Ob es deswegen nun tatsächlich zu einer Zerreißprobe kommt oder ob das ICANN-Direktorium einfach die Empfehlungen von Telecordia abnickt, ist momentan eine interessante Spekulationsfrage, die zwangsläufig auch in den WSIS-Prozess (Weltgipfel zur Informationsgesellschaft) hineinspielt, in dem zahlreiche Länder fordern, das gesamte Regime der globalen Internet-Verwaltung zu ändern und es einer UN-Oberaufsicht zu unterstellen (Wie die Katze um den heißen Internet-Brei).

ICANN versucht der WSIS-Kritik, es sei eine reine amerikanische Veranstaltung, mit zahlreichen symbolischen Aktionen zu entkräften. Der CEO ist ein Australier. ICANN hat jetzt ein Büro in Brüssel und bald auch in Asien, Afrika und Lateinamerika. Über die Hälfte der ICANN-Mitarbeiter sind mittlerweile Nicht-Amerikaner und die ICANN-Tagungen finden seit eh und je schon überall in der Welt statt. Man könne sich sogar vorstellen, sagte ICANNs CEO Paul Twomey im Dezember 2004 in Kapstadt, das Hauptquartier aus dem kalifornischen Marina del Rey in ein anderes Land zu verlegen.

Die symbolträchtigen Signale sind durchaus mehr als Kosmetik. In der Substanz aber, und dazu gehört neben der Kontrolle über die Root Server und die IP-Adressen auch die Beschaffenheit des Domain-Name-Marktes, hat sich wenig getan.

Dabei ist der Vorwurf der US-amerikanischen Dominanz nicht einmal den Amerikanern alleine zu machen. Die Europäer haben es Mitte der 90er Jahre schlicht verschlafen, aus einer .eu Domain ein wettbewerbsfähiges Business zu machen (EU-Kommission fordert die Top Level Domain .eu). Stattdessen jagte man die Zulassung der auf der ISO 3166-1 Liste bereits vorhandenen .eu Domain in Form einer EU-Direktive durch die europäischen Instanzen, die Europäische Kommission, den Europäischen Rat, das Europäische Parlament und die europäischen Ausschreibungsprozeduren mit dem Ergebnis, dass sieben Jahre nach der ICANN-Gründung Mitte 2005 immer noch keine Domain Name unter .eu registriert werden kann. Für einen solchen Schuss ins eigene europäische Knie kann man nun wahrlich nicht VeriSign oder ICANN zur Rechenschaft ziehen.

Dies macht ICANN denn auch eher gelassen und so schaut die Internet Corporation trotz aller .net Stürme und WSIS-Gewitter eher nach vorn als zurück. In Mar del Plata wurde die fünfte "Regionale Internet Registry" (RIR) für Afrika (AFRINIC) offiziell gegründet. Zwei neue Top Level Domains - .travel und .jobs - erblickten das Licht der Welt. Und Fortschritte gab es auch bei den so genannten "Accountability Frameworks", mit denen die Beziehungen zwischen ICANN und den Länder-Registries (ccTLDs) stabilisiert werden sollen. Insofern nähert sich ICANNs "politischer Überbau" durchaus den globalen WSIS-Prinzipien an, beim "ökonomischen Unterbau" hingegen zementieren sich die vorhandenen Strukturen. (Wolfgang Kleinwächter)

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