Wie das Auswärtige Amt auf spanische Zahlen hereinfällt

Sogar bei Protesten in Katalonien wird peinlichst auf Sicherheit geachtet. Foto: Ralf Streck

Abgeraten wird auf Basis der "Madrider Zahlenspielerei" nur von Reisen nach Aragon, Katalonien und Navarra, aber nicht von Reisen in den erneuten Infektionsherd Madrid. Kommentar

Das Auswärtige Amt hat wegen der Ausbreitung von Covid-19 von "nicht notwendigen, touristischen Reisen in die autonomen Gemeinschaften Aragón, Katalonien und Navarra" in Spanien "aufgrund erneut hoher Infektionszahlen und örtlichen Absperrungen abgeraten" (Hervorhebung im Original). "Spanien war von Covid-19 vergleichsweise stark betroffen", schreibt das Außenamt und fügt an, dass die Zahl der Neuinfektionen "inzwischen jedoch stark gesunken" sei.

"Allerdings gibt es derzeit neue regionale Infektionsherde in Aragón, Katalonien und Navarra."

Und wieder stürzt man sich allein auf die Zahl der neu ermittelten Fälle und das Resümee aus der falschen Analyse wird von den Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und anderen munter nachgeplappert. Eine kritische Überprüfung findet nicht statt. An dieser Stelle wurde mehrfach darauf hingewiesen, auch gerade wieder im Zusammenhang mit dem erneuten Aufflammen von Infektionen in Spanien, dass es alles andere als intelligent ist, sich an festgestellte Neuinfektionen zu klammern.

Diese Zahl ist stark anfällig für Schummelei. Wie kürzlich hier ausgeführt ("Harter Schlag" für Spaniens Tourismusindustrie), können Zahlen, die aus verschiedenen autonomen Gemeinschaften im spanischen Staat kommen, nicht stimmen, beziehungsweise zeichnen sie ein völlig verzerrtes Bild durch Weglassen von Tests. Es gibt zudem auch noch andere Zahlen, die aussagekräftiger sind.

So weist allein die Zahl der Einlieferungen von Covid-19-Patienten in Hospitäler darauf hin, dass in angeblich "sauberen" Gebieten wie Madrid oder Andalusien etwas nicht stimmen kann. Beide von der Rechten regierten Regionen weisen in den letzten sieben Tagen auch nach offiziellen Angaben des Gesundheitsministeriums mehr Einweisungen als Katalonien (bei ähnlicher Bevölkerungszahl) aus.

Im Fall Madrid ist sie vom letzten Freitag (43) sogar weiter auf 55 gestiegen. Eine sehr schlechte Tendenz, die sich auch in anderen Regionen wie Valencia, den Balearen oder den Kanarischen Inseln zeigt. In Katalonien ist sie dagegen von 33 auf 31 gefallen.

Komisch ist aber, dass es den Ratschlag gibt, Katalonien nicht zu besuchen, obwohl es seit längerem deutlich mehr Corona-Einweisungen in Madrid als in Katalonien gibt. Katalonien hat mit viel Aufwand allerdings in den letzten 14 Tagen mehr als 10.000 "Positive" ermittelt, Madrid dagegen nur 2000. Heißt das, dass in Madrid das Virus nicht zirkuliert? Ausgerechnet dort, wo es am Schlimmsten im Frühjahr gewütet hat? Nein!

Die folgenden beiden Screenshots von den Webseiten des öffentlich-rechtlichen spanischen Fernsehens, basierend auf Daten des Gesundheitsministeriums, zeigen, wie die Rechtsregierung in Madrid die Zahlen schönt. In der ganzen zurückliegenden Zeit hat Madrid bisher nicht einmal 38.000 PCR-Tests durchgeführt. Es wird ganz nach dem Motto von Trump gehandelt: "Wenn wir aufhören zu testen, haben wir weniger Fälle."

Schauen wir uns nun Katalonien an. Hier wurden dagegen fast eine halbe Million PCR-Tests durchgeführt! Mit fast 468.000 etwa 12 Mal so viele wie in Madrid. Denn in Katalonien ist die Regierung ernsthaft bemüht, Infizierte zu ermitteln und zu isolieren. Das gelingt mit vielen Tests natürlich auch besser. Deshalb sinkt die Zahl der Einlieferungen in Krankenhäuser, statt wie zum Beispiel auch in Aragon weiter zu steigen.

Daten aus Katalonien

Dort ist sie trotz der geringen Bevölkerungszahl in den letzten sieben Tagen auf 136 gestiegen. Auch dort ist man aber mit Tests eher zurückhaltend, wenngleich die Region, die nur etwa ein Viertel der Bevölkerung von Madrid hat, mit gut 51.000 PCR-Tests deutlich mehr als die Hauptstadtregion aufweisen kann. Festgestellt wurden dort in den letzten zwei Wochen fast 4.500 neue Infizierte.

Daten aus Madrid

Verzerrtes Bild

Bei den Empfehlungen und bei Beurteilung von Daten sollte das Auswärtige Amt eigentlich etwas sorgfältiger sein, als sich schlicht auf die Zahl der "neu ermittelten Infizierten" zu stürzen. Denn die sagt, wie im Fall von Madrid, angesichts der Abwesenheit von Tests, praktisch nichts aus. Setzt man verschiedene Faktoren nicht in Beziehung zueinander, kommt man dann zu absurden Empfehlungen. In Katalonien nämlich, wo Infizierte festgestellt und selektiv in Quarantäne geschickt werden, ist man viel eher auf einer sichereren Seite.

Der Autor dieser Zeilen, der sich gerade in Katalonien aufgehalten hat und sich angesichts der ergriffenen Maßnahmen und des Verhaltens der Bevölkerung sicher fühlte, würde jedenfalls nicht empfehlen, in ein Gebiet wie Madrid zu reisen, in dem verantwortungslos von der Rechtsregierung mit der Lage und der Bevölkerung umgegangen wird, um der Wirtschaft nicht zu schaden.

Es ist offensichtlich, dass die Dunkelziffer infizierter Personen in Madrid enorm sein muss. Die wird und soll offenbar nicht festgestellt werden, um negative Reiseempfehlungen wie vom Auswärtigen Amt zu vermeiden. In Berlin ist man deshalb dieser Strategie auf den Leim gegangen. Aber ganz geheuer ist der rechten Truppe in Madrid, die sich von der ultrarechten Vox stützen lässt, offenbar auch der eigene Kurs selber nicht mehr.

Deshalb wurde nun ebenfalls in Madrid eine allgemeine Maskenpflicht eingeführt und Zusammenkünfte wieder auf 10 Personen beschränkt. Denn trotz der weitgehenden Abwesenheit von Tests stieg die offizielle Zahl neuer Infektionen zuletzt um mehr als 400% an.

Allerdings, das sei hier einschränkend gesagt, werden spätestens am Wochenende wieder hunderttausende Hauptstädter zum Sommerurlaub ins gesamte Land und Europa ausströmen, womit kein Flecken mehr sicher ist. Denn etliche davon dürften asymptomatisch mit dem Covid-19 infiziert sein. Es wiederholt sich also, sollte die sozialdemokratische Zentralregierung nicht eilig eingreifen (wovon nicht ausgegangen werden kann), was bereits im Frühjahr passiert ist.

Da Madrid als Infektionsherd nicht ermittelt und abgesperrt wird, wird das Virus von dort aus am Wochenende wieder breit ins ganze Land und darüber hinaus in alle Länder getragen. Erfolge in anderen Regionen bei der Bekämpfung werden damit zunichte gemacht. Insofern ist die Entscheidung Großbritanniens oder Norwegens einleuchtender, Reisende aus Spanien insgesamt in eine präventive Quarantäne zu stecken.

Absurde Zahlen

Hier wurde schon öfter über die absurden Todeszahlen in Spanien berichtet, die ebenfalls weder Hand noch Fuß hatten, nun zeigt sich gerade, dass die Staatsregierung deutlich zurückrudern muss. Der Autor dieser Zeilen ging stets davon aus, dass die Zahl der Pandemie-Toten bei fast 50.000 liegen muss, da mindestens 60% auf die offizielle Zahl von gut 28.000 aufgeschlagen werden müssen.

Aktuell hat das spanische Statistikamt (INE) die Übersterblichkeit für das Frühjahr beziffert - allerdings nur bis zum 24. Mai. Obwohl es während des Lockdowns zum Beispiel praktisch keine Verkehrstoten und Tote am Arbeitsplatz gab, lag die Übersterblichkeit im Vergleich zu früheren Jahren bis zum 24. Mai bei fast 44.000.

Spitzenreiter, wie soll es nach den bisherigen Ausführungen auch anders sein, ist natürlich Madrid mit fast 73%, da man Tausenden alten Menschen einfach die medizinische Versorgung verweigerte und sie in Altenheimen wegsterben ließ. Das waren mit fast 8.000 fast ein Fünftel der 43.000 Bewohner in Madrider Altenheimen. Die, da ja nicht getestet wurde, natürlich in der offiziellen Covid-Totenstatistik weiter nicht auftauchen. Auch hier ließ und lässt man sich aus Spanien bis zum Worldometer mit faulen Zahlen bisher weiter an der Nase herumführen. (Ralf Streck)