Wie das Fracking-Wunder loslegte

Fracking in North Dakota, 2011. Bild: Joshua Doubek/CC BY-SA 3.0

Wirtschaftsplanung "on the run". Der Fracking-Schock, Teil 2

Der Fracking-Boom ist weder ein spontanes konjunkturelles Ereignis noch eine technische Revolution, sondern das Ergebnis energiepolitischer Steuerungsmaßnahmen, die spätestens im Jahr 2005 unter der Regierung George W. Bush konkrete Formen annahmen (siehe Teil 1: Wie die Fracking-Industrie entstand). In den folgenden Jahren zog die Öl- und Gasindustrie enorme Investitionen an. Ausgerechnet beim Regierungswechsel zu einem Präsidenten aus der Demokratischen Partei im Jahr 2009 hatte sich die Fracking-Industrie so weit entwickelt, dass in diesem Jahr die Trendwende erreicht wurde: Erstmals seit 1986 stieg die Förderung von Erdöl in den USA wieder an.

Anzeige

Seitdem die Shale-Politik im Jahr 2005 einsetzte, wuchsen die Beschäftigungszahlen in den vier Bundesstaaten mit den höchsten Anteilen von Öl und Gas kontinuierlich. Am stärksten nahm die Beschäftigung in North Dakota und Texas zu, also dort, wo die Shale-und Tight-Öl-Produktion die höchsten Produktionssteigerungen zu verzeichnen hatte. Während die Beschäftigungszahlen in den gesamten USA zwischen 2006 und 2012 krisenbedingt um 0,05 Prozent pro Jahr zurückgingen, stieg sie in diesen beiden Staaten um 3,4 und 1,5 Prozent.

Ein Vergleich zwischen konventioneller Ölförderung und Fracking-Produktion zeigt, dass die Entwicklung ganz klar auf die neuen Fördertechnologien zurückzuführen ist. Während die absolute Menge des konventionell geförderten Erdöls von Anfang 2007 bis Frühjahr 2015 fast genau konstant blieb, gehen die beeindruckenden Steigerungsraten ganz klar auf das Hydraulic Fracturing zurück. Die Schieferöl-Produktion in den wichtigsten 15 Förderregionen legte nach Angaben der EIA in diesen Jahren um 783 Prozent zu.

Für den Zeitraum 2008 bis 2011, also dem Beginn des Shale-Booms, veröffentlichte die EIA die vergebenen Förderlizenzen für die 18 damals wichtigsten Regionen1. Die 188 Genehmigungen teilten sich auf immerhin 75 Firmen auf, von denen die meisten nur ein oder zwei Flächen ausbeuteten, d.h. die Fracking-Revolution wurde tatsächlich zumeist von regional aktiven mittelständischen Firmen getragen. Von den im FT-500 vertretenen Multis war zu diesem Zeitpunkt namentlich nur die Occidental Petroleum Company mit einem größeren Feld vertreten.

Das mit Abstand größte Unternehmen im Feld war zu dieser Zeit Chesapeake Energy mit 11 Förderlizenzen auf insgesamt knapp 2.000 Hektar. Bereits seit Anfang der 1990er Jahre spezialisierte sich die Firma auf die Erdgasförderung durch Horizontal Drilling. Inzwischen handelt es sich um den zweitgrößten Gasförderer der USA.

Mit jeweils acht Förderlizenzen auf wesentlich kleinen Flächen mischten außerdem mit Devon Energy und XTO Energy zwei mittlere Erdölförderer in dem neuen Geschäftsbereich mit. Zugunsten des Frackinggeschäfts in den USA stieß Devon Energy im Jahr 2010 sogar seine internationalen Förderrechte in Brasilien, Mexiko und in Aserbaidschan ab. XTO Energy, zu diesem Zeitpunkt der größte Gasförderer der USA, wurde im Jahr 2009 von ExxonMobil für 36 Milliarden Dollar aufgekauft, was dem weltgrößten Ölmulti frühzeitig ein großes Standbein im Fracking-Geschäft sicherte.

Weitere 19 Firmen hielten in diesem Zeitraum landesweit zwischen drei und sieben Lizenzen. Zu den ganz großen Frackern gehörte mit Equitable Resources (EQT) auch eines der ältesten Erdgasunternehmen der USA. Sie hielten zwar nur zwei Lizenzen, allerdings über 13.000 Hektar, eine der größten damals für die Förderung vergebenen Flächen. Der absolut überwiegende Teil der Firmen, von Abraxas bis Williams förderte jedoch nur in einem oder in zwei Feldern. Allerdings expandierten in den folgenden Jahren beinahe alle der Fracking-Pioniere.

Im Umfeld der Wirtschaftskrise und der eskalierenden Kriege im Irak und in Afghanistan geriet der Wahlkampf des Jahres 2008 zu einer Generalabrechnung mit der Politik der Regierungen von George W. Bush. Dessen Vizepräsident, Dick Cheney, gab frühzeitig bekannt, dass er sich nicht erneut für ein politisches Amt zur Wahl stellt. Die Republikaner nominierten mit dem langjährigen Vorsitzenden des Streitkräfteausschusses, John McCain, einen Kandidaten dessen Wirtschafts- und Außenpolitik sicher in der aggressiven unilateralistischen Tradition der Bush Ära stand.

Anzeige

Im Wahlkampf 2008 verpassten ihm die Demokraten den Spitznamen "Exxon-John", weil die großen Energieunternehmen der USA seine Ambitionen mit insgesamt zwei Millionen Dollar unterstützt hatten. Dank eines transparenten Systems für Wahlkampfspenden konnte das Democratic National Committee errechnen, dass die Angestellten von Exxon, Chevron und British Petroleum dem Gegenkandidaten aus der Bush-Tradition zusätzlich 200.000 Dollar zukommen ließen.2

Im Gegenzug besuchte John McCain umstrittene Off-Shore-Plattformen von Exxon und Chevron, stimmte im Senat gegen die Unterstützung für regenerative Energien und gegen eine höhere Besteuerung der großen Ölunternehmen. Allein dieser letzte Aspekt ersparte den International Oil Companies fiskalische Kosten von etwa 13 Milliarden Dollar.

Barack Obama und Joe Biden stellten im Wahlkampf hingegen ein neues energiepolitisches Konzept vor, das im wesentlichen auf einen ökologischen Umbau der Wirtschaft abzuzielen schien. Ihre Strategie sah nicht weniger als eine sozial-ökologische Wende der amerikanischen Wirtschaft vor. Kurzfristig sollten die Energiepreise an den Zapfsäulen und in den Haushalten deutlich gesenkt werden.

Mithilfe staatlicher Investitionen in Höhe von 150 Milliarden Dollar in neue klimafreundliche Technologien wollte das Team in den nächsten zehn Jahren fünf Millionen neue Arbeitsplätze schaffen, was auch dazu beitragen sollte - kleine außenpolitische Nebenbemerkung - in dieser Zeit mehr Öl einzusparen, "als wir derzeit aus dem Nahen Osten und Venezuela importieren".

Ein Deal mit der Autoindustrie sollte dafür sorgen, dass bis 2015 über eine Million in Amerika produzierte Hybrid-Fahrzeuge auf der Straße sind. Bis zum Jahr 2012 sollten 10 Prozent des verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energiequellen stammen, und gemeinsam mit der Industrie sollten Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent reduziert werden.

Von den umweltpolitischen Aspekten dieser Pläne blieb nach dem Amtsantritt so gut wie gar nichts übrig, auch wenn bestimmte Vorgaben wie niedrigere Energiepreise und größere Unabhängigkeit von Importen sehr wohl erreicht wurden - allerdings auf einem völlig andere Weg als zunächst angekündigt.

Einer der letzten Punkte aus dem Biden-Obama-Papier widmet sich den heimischen Ölquellen. Hier erwähnen die Autoren, dass etwa 85 Milliarden Barrel "technisch förderbares" Rohöl in bereits bekannten Feldern stecken. Diese Zahl entspricht vermutlich nicht zufällig den zu diesem Zeitpunkt bekannten Fracking-Ressourcen.

Anzeige