Wie der Homo sapiens die Kunst entdeckte

Der Mann mit den charakteristischen TV-Augen

Interessant finde ich dabei, dass die Cro-Magnon-Enthusiasten sich für das Genom des Cro-Magnon bislang noch nicht mal sonderlich interessiert und auch nach dem Mann mit den charakteristischen TV-Augen noch nirgends sonst auf der Welt archäologisch Ausschau gehalten haben. Meine eigene These, mit der ich nicht lange hinter dem Berg halten will, lautet dabei: Der Cro-Magnon stammt aus Äthiopien. Denn, wenn auch in Äthiopien heute ein buntes Gemisch verschiedenster Afrikaner umherläuft - die alteingesessensten Äthiopier selbst sind diejenigen Afrikaner, die am meisten wie Europäer aussehen (bzw. die die größte Ähnlichkeit mit den Indern besitzen, die mit uns nicht nur durch die indo-europäischen Sprachen verbunden sind). Statt Phantasie-Romane über die Cro-Magnons zu schreiben, könnte man sich mit handfesten genetischen Daten in der Hand einmal unter den heutigen Bevölkerungen Afrikas umsehen, welches Völkchen dort denn die genaueste genetische Entsprechung bietet. Denn eines ist klar. Die Cro-Magnons kamen aus Afrika, sie wurden nicht von irgendwelchen Außerirdischen nach Europa eingeflogen.

Wenn ich eben sagte, dass die Musikalität - Gesang und Tanz - unsere natürlichste und menschlichste Grundausstattung ist - und wir uns dabei, trotz unserer unbeschreiblich fast-identischen genetischen Ähnlichkeit mit dem Schimpansen dennoch vom Schimpansen so total unterscheiden - und dass auch die Erfindung solcher Instrumente wie Flöte und Dudelsack fast zwangsläufig aus dem Fleischkonsum, aus dem Knacken von Knochen, dem Verzehr von Knochenmark, dem Durchblasen zerbrochener Knochen, dem Präparieren der Felle für Wassersäcke usw. resultierte - so halte ich doch die Entwicklung der ab-bildenden/visuellen Kunst - Zeichnen, Malerei, Bildhauerei - für eine ganz andere Entwicklung.

Höhlenmalerei in Lascaux

Die Kunst Europas unterscheidet sich tatsächlich von der Kunst der übrigen Welt. In diesem Punkt haben die Organisatoren der Ausstellung im British Museum völlig Recht. Die ältesten erhaltenen Kunstobjekte Europas zeichnen sich durchgängig durch eine eigene, bis heute fortgesetzte, immer weiter eingehaltene Tradition aus, deren prägende Elemente Realismus, Naturalismus und eine gewisse karikaturistische Humorigkeit sind.

Darin unterscheidet sich die Kunst Europas von allen Kunstbestrebungen anderer Menschen auf der Welt, sei es in Afrika, Ozeanien oder Sonstwo. Und ich möchte arg bezweifeln, dass man, hat man (in Afrika oder in einer der Schädelsammlungen westlicher Museen) erst einmal die Original-Cro-Magnons ausfindig gemacht, bei ihnen Kunstobjekte finden würde, die jene Charakteristiken aufweisen, die man heute den europäischen Kunstwerken aus der Cro-Magnon-Zeit zuordnet.

Das Interessante an der europäischen Kunst der Eiszeit ist darüber hinaus, dass sie sofort in kompletter Perfektion erscheint. Urplötzlich, als wäre sie aus einem Wandschrank des Universums herausgeklappt, ist sie da. Das wäre gerade der Witz an Chauvet. Wäre die Höhle echt, müsste man sich fragen, Wie ist das möglich? Wie kann die europäische Eiszeit-Kunst gleich von allem Anbeginn an so perfekt auftreten, und sich dann zusehends zerdröseln?

Die Antwort kann eigentlich nur bei den Neandertalern liegen. Wenn uns die viereckigen Augen der Cro-Magnons auffallen, so müssten uns eigentlich noch mehr die riesigen Augenhöhlen der Neandertaler auffallen. Ihre Augen waren sicherlich deshalb so groß, um einen Schutz gegen das Gefrieren der Flüssigkeit im Auge zu bieten, aber ebenso, um das genaue und klare Sehen bei schlechten Sicht-/Licht-Verhältnissen zu ermöglichen. Also Nachtsichtigkeit. Wie viel Raum dieser Aspekt der sensuellen Wahrnehmung in ihrem Gehirn beanspruchte, erkennt man an dem massiven "Dutt" oder "Chignon" an ihrem Hinterkopf, das ist jene Stelle im Schädel, an der die Seh-Information verarbeitet wird. Die Neandertaler waren ausgeprägte Augenmenschen.

Der englische Literatur-Nobelpreisträger William Golding hat in seinem Neandertaler-Roman Die Erben bereits auf diesen Aspekt ihrer Anatomie hingewiesen. Die Neandertaler in seinem Roman "sehen Bilder", die sie sich wortlos, telepathisch, gegenseitig zuwerfen. Und wir dürfen annehmen, wenn heutige Europäer noch einige DNS-Prozent Neandertaler in sich beherbergen, dann konnten manche Cro-Magnons, die ja als erste Sex und Kinder mit ihnen hatten, einen sehr viel höheren Anteil an Neandertaler-Genen verzeichnen, womit sie auch das Auge der Neandertaler geerbt haben dürften. Wenn der British-Museum-Chef weiter oben zitiert wird, diese Schnitzarbeit sei von jemandem gefertigt worden, der stundenlang ein Rentier studiert habe, so können wir auf das fast eidetische Bildgedächtnis der Neandertaler und ihre Cro-Magnon-Nachfahren verweisen. Sie projizierten schlichtweg das einmal gesehene Bild wie einen Film in ihrem Hinterstübchen - im Kopf.

Jetzt mag man mir einen Überschuss an Phantasie attestieren, aber zufällig findet sich genau in diesem Moment im britischen New Scientist ein Artikel unter dem Titel "Stummfilme der Steinzeit" wonach Europäer der Eiszeit vor 15.000 Jahren bereits Höhlenzeichnungen und erste Animationen entwarfen, um in einem gigantischen Theater Geschichten zu erzählen und zu illuminieren. "Stumm" werden diese Filme natürlich nicht gewesen sein - aber ein bisschen kintoppmäßig war es mit all dem Geflacker der kleinen Öllämpchen wohl schon.

Es gibt nach meinem Dafürhalten keinen Grund, warum wir diese antiken Shows anders sehen sollten als die großen Kino-Ereignisse unserer Tage - wobei die großen Kino-Erlebnisse natürlich heute um die 30 bis 50 Jahre zurückliegen (denn Piraten der Karibik Teil 5 mit Johnny Depp in einem Zwergerltheater schafft da nicht ganz die Limbo-Schranke). Aber die Leute damals vor 15.000 Jahren waren moderne Europäer - und ihre Höhlen-Shows gingen bruchlos über ins griechische Theater, in Literatur, Bildhauerei und Malerei.

Ich denke, es war weniger der Cro-Magnon, dieser Zeitgenosse der letzten Neandertaler (der ihn überlebte und vielleicht selber vor neuen, späteren Einwanderungswellen zurückwich), der uns die visuelle Kunst Europas beschert hat. Es war einfach nur ein kleines Detail, das Auge des Neandertalers, das - hier und da, partiell, in manchen Völkern mehr, in anderen weniger - überlebt hat.

Ein Bekannter, aus Italien stammend, aber in Neuseeland aufgewachsen (was nicht eben eine sonderlich visuell orientierte Kultur hat), erzählte mir, wie er seinen alten Vater in Südtirol besucht habe. Dabei sei er in unzähligen Dorfkirchen vor den hyper-realistischen Kruzifixen mit dem zerschundenen Jesus gestanden und habe nur so mit den Ohren geschlackert. So wie ich mit den Ohren schlackere, wenn ich die edlen Topolino-Ausgaben sehe, die in Italien die Norm sind. Man stelle sich nur einmal vor, im Christentum hätte sich (ähnlich wie in Teilen des Islam) das Verbot jeder bildlichen Darstellung Gottes und der Heiligen Familie durchgesetzt. Wir hätten heute Höhlen und Grotten voller Gemälde - denn dieser Drang ist nicht zu unterdrücken.

Man kann die europäische Kunst, die großen Maler Italiens, Spaniens, Frankreichs, Hollands, auch als Erbe des Neandertaler sehen. Andere Völker mögen andere Illuminationen geliefert haben - in Philosophie, Wissenschaft, Musik - aber bei der bildenden Kunst versagten sie. Man denke nur an die leblosen Bilder eines Albrecht Dürer. Sie alle wurden Opfer des toten Auges. Vielleicht war es das Auge des Cro-Magnon. (Tom Appleton)