Wie der Homo sapiens die Kunst entdeckte

Stammbaum der Gattung Homo. Bild: Chris Stringer. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Der Neandertaler, der Cro-Magnon, die Musik und die Malerei

Das Britische Museum in London zeigt demnächst - im Februar - eine Ausstellung mit Kunstobjekten aus der Eiszeit. Im Guardian, gewissermaßen der englischen Frankfurter Rundschau, lief dazu ein Artikel unter dem Titel "When homo sapiens hit upon the power of art." Zu Deutsch, etwa, "Wie der Homo sapiens einst mit Macht die Kunst entdeckte." Obwohl ich Tausende Kilometer von London entfernt lebe und die Ausstellung nicht gesehen habe, möchte ich dem Autor Robin McKie von vornherein ernsthaft widersprechen.

Dazu wäre sicher eine kleine Zusammenfassung dessen, was McKie sagt bzw. schreibt, nützlich, aber ich verweise Interessierte auf das Original. Das spart mir an dieser Stelle Arbeit und Zeit.1

Schädel eines Cro-Magnon-Mannes. Bild: User:120. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Hier zitiere ich trotzdem in Auszügen aus dem Guardian-Artikel. Der beginnt mit dem Satz: "Eine umwerfende Ansammlung von Artefakten aus der Eiszeit, zusammengetragen aus Museen in ganz Europa, bietet einen spektakulären Überblick über die Explosion jener technischen und imaginativen Fähigkeiten die, Experten zufolge, der Menschheit die Entdeckung der Kunst ermöglichten."2

An diesem Satz missfallen mir schon gleich einmal zwei Dinge. Im englischen Text steht, wo ich "Menschheit" gesetzt habe, "the human race". Das heißt also, "die menschliche Rasse" - spezifisch der in Europa lebende Homo sapiens - hat hier, in Europa, während der Eiszeit, vor 13.000 bis 42.000 Jahren, die mentalen Fähigkeiten erworben, um Kunst machen zu können.

Halt. Moment mal. Da frage ich doch sofort weiter: Unterscheidet sich dieser Homo sapiens in Europa von jenem anderen Homo sapiens, den es nun schon seit rund 100.000 Jahren in Afrika gab, und der beispielsweise vor ca. 60- bis 70.000 Jahren sein Ränzlein schnürte und nach Australien aufbrach?

Nein, das wollte natürlich niemand gesagt haben, denn unsere Vorfahren kamen ja aus Afrika. "Es gibt Hinweise, dass unsere Vorfahren in Afrika vor 150.000 Jahren bereits Pigmente benutzten und dass sie später, vor rund 70.000 Jahren, geometrische Muster auf Objekte ritzten", wird Steven Mithen, ein Professor an der Reading University, zitiert. (Der Ort heißt so ausgesprochen "redding", also nicht "rieding", nicht die "Lese-Uni".)

"Aber erst, als die modernen Menschen vor mehr als 40.000 Jahren Europa erreichten, gab es diese Explosion der technischen Kreativität - als die Kunst, wie wir den Begriff heute verstehen, auf einmal die Bildfläche betrat. Die Resultate waren atemberaubend. Tatsächlich denke ich, dass sie bis heute niemals übertroffen worden sind."3

Skelett eines Neandertalers im American Museum of Natural History. Bild: Claire Houck. Lizenz: CC-BY-SA-2.0

Mithen hat einmal ein Buch geschrieben zum Thema, Wie kam der Neandertaler zur Erfindung der Musik? - das ich interessant, aber letztlich auch unbefriedigend fand. Der Grund dafür ist relativ einfach: Es gibt nicht wirklich genug Beweismaterial, um ernsthafte Aussagen über die Musikalität der Neandertaler machen zu können. Aber es gibt ein paar Funde von Flöten oder möglichen Objekten, Knochen mit entsprechend weit auseinanderliegenden, hinein gebohrten Löchern, die man als Flöten betrachten könnte.

Auch in dieser Ausstellung gibt es eine 40.000 Jahre alte Knochenflöte, aus dem hohlen Knochen eines Geiers gefertigt, gefunden in "Hohle Fels in southern Germany", wozu Google Maps anmerkt: " We could not understand the location hohle fels southern germany." Tja, der Guardian! Wikipedia hat immerhin einen Eintrag zu Hohler Fels, dort findet sich alles Weitere.

Karte der Hauptfundstätten von Neandertaler-Überresten. Bild: User:120. Lizenz: CC-BY-SA-2.5

Hierzu hätte Mithen ja nun etwas sagen können, aber stattdessen wird ein anderer Experte zitiert: "Die Flöte wurde vor unglaublichen 40.000 Jahren hergestellt, sie ist eines der ältesten Instrumente der Welt. Es ist ein extrem komplexes Instrument. Die Durchmesser der Löcher und ihre Positionierung hinten und vorne auf dem Flötenkörper ist sehr sorgfältig ausgearbeitet worden. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, welche Art von Mundstück verwendet wurde. Wenn man ein reed oder einfaches Rohrblatt einsetzt, erhält man einen oboenartigen Klang, während man mit einem Leder-Mundstück einen Klang wie von einer hochgestimmten Blockflöte bekommt. Wie auch immer, es zeigt, dass unsere Vorfahren sich symbolisch ausdrücken konnten, nicht nur visuell, sondern auch mit Klängen."4

An dieser Stelle, scheint mir, liegt wieder einmal das Karnickel im Ketchup. Die Flöte ist, wie man aus der einfachen Beobachtung von heutigen Hirtenvölkern ersehen kann - z. B. in Kurdistan - das trivialste Instrument, das praktisch Jeder an jedem Tag basteln kann. Im Frühjahr bricht man einen entsprechenden frischen Zweig ab, und rubbelt ihn in der Manier, wie Schulkinder sich gegenseitig "Brennesseln" machen, wenn sie die Haut am Unterarm jeweils mit der linken und rechten Hand in entgegengesetzte Richtungen drehen. Die frische Borke löst sich vom inneren holzigen Zellstoff. Man schneidet Löcher in einigem Abstand hinein, setzt ein Mundstück aus dem Zellstoff ein, wie einen halbierten Zigarettenfilter, und hey pronto. Schon hat man eine Art primitive Penny Whistle, auf der es sich wunderbar pentatonisch zwitschern lässt.

Auch in der Steinzeit ging die Holzfertigung jeweils der Knochen-, Stein- und Metallfertigung voraus. Die schlichte Holzflöte, die nur einen Tag oder wenige Stunden hält, bis sie eintrocknet und nicht mehr funktioniert, dient zur Einübung der Technik, bis die Flöte aus entsprechenden Knochen als nächster Schritt folgt. Die Existenz einer einzigen solchen Flöte dient uns als Beweis, dass es überall dieses Instrument gab. Natürlich hat niemand die Flöten in ein Köfferchen gelegt und für die Ewigkeit aufgehoben, die Beweislage ist also dürftig. Aber genauso würde in Amerika ein einziger Maiskolben auf die Existenz von Mais deuten, eine einzige Tonpfeife auf die Existenz des Tabakrauchens und so weiter.

Heutige Instrumente in Armenien, etwa ein Duduk, der mit einem Mundstück geblasen wird und vage schalmeienähnlich klingt, lassen erahnen, wie ein solches Instrument damals geklungen haben könnte. Der mit der eigenen menschlichen Stimme hervorgerufene Flötengesang heutiger Kurden lässt uns vermuten, dass ihre Vorfahren auch schon in dieser Art sangen - bzw. dass ihr Flötenspiel so ähnlich geklungen haben dürfte. Schräg! Aber es geht natürlich noch schräger.

Jedenfalls, das Flötenspiel führt bei Hirtenvölkern zwangsläufig zum Dudelsack, in dem die Luft in einem ledernen Beutel aufgespeichert wird und durch eine Anzahl von gleichzeitig mitgeblasenen Pfeifen auf einem konstanten Akkord ein harmonisches Fundament errichtet, über dem dann die Spielpfeife ihr Melodiechen bläst. Dieses Prinzip des "drone" oder Dröhnen, kennt man auch aus Schauspielschulen, wo die Schauspieler im Kreis auf dem Boden knien und in einer "Voice Box" ihre Stimme vom Fußboden reflektieren lassen. Vermutlich haben auch schon die Neandertaler ihre Stimme aus einer hohlen Schädel culotte zurückschallem und sich andröhnen lassen. Ähnliche Instrumente dürften Schwirrhölzer gewesen sein, oder Tambourine , also die frühen "primitiven" Instrumente.

Alle Musikinstrumente basieren letztlich, wie ich meine, auf der menschlichen Stimme - bzw. auf Veränderungen der menschlichen Stimme, etwa wenn man einen gleichmäßigen Ton ausströmen lässt und sich dazu rhythmisch auf die Brust trommelt oder Imitationen anderer Geräusche produziert, wie Vogelgesängen und Tierstimmen, die man mit der menschlichen Stimme imitiert. Und zuguterletzt sind alle heutigen Instrumente Potenzierungen der menschlichen Stimme (bis auf die Tuba, die aber auch menschliche Geräusche imitiert).

Musik ist die universale Homo-sapiens-Kennzeichnung, wie die Streifen beim Zebra

Das Zauberhafte und Wundersame an der menschlichen Musikalität ist ihre Existenz überhaupt. Wieso beginnen bereits zweijährige Kinder, kaum, dass sie stehen können, zu Musik zu tanzen? Musik hören, Tonsysteme und Tonschritte unterscheiden - können bereits Katzen. Das Interessante ist, dass unsere engsten Verwandten, die Schimpansen, offenbar völlig desinteressiert sind an Musik. Wenn der Unterschied zwischen Schimpansen und Homo sapiens, genetisch gesehen, fast verschwindend gering ist, dann steckt in diesem winzigen Bruchteil, das sich unterscheidet, eine Bombe. Denn ohne Musik könnte man uns als Menschen abschreiben. Musik ist die universale Homo-sapiens-Kennzeichnung, wie die Streifen beim Zebra. Menschen, die keine Musik mögen und die nicht tanzen wollen, sind nicht allein um ein wichtiges "Hobby" ärmer, es fehlt ihnen ein relevantes Stück ihrer Grundausstattung.

Kurzum, wenn wir bei Menschen der Eiszeit eine Flöte finden, überrascht uns das wenig. Es beweist nur, dass sie tatsächlich moderne Menschen waren. Die Frage bleibt allerdings: Vor 40.000 Jahren? Hätte so eine Flöte damals nicht auch von einem Neandertaler gebaut werden können? Und wenn die Flöte sich zufällig auch noch auf C-Dur reimt - oder wenn doch mehrere Flöten gefunden würden, die auf eine ähnliche Tonart zurück geführt werden könnten - etwa auf solch schräge Töne wie sie dieser kurdische Flötensänger eben produzierte - wer beweist uns dann, dass dies eine Kulturleistung des Cro-Magnon-Menschen gewesen sei und nicht die eines Neandertalers? Denn vor 40.000 Jahren gab es ihn in Europa - und noch auf weitere 10.000 Jahre hinaus. Den Neandertaler.

Jedenfalls, um nun aber doch einmal auf ihn zu sprechen zu kommen: der Cro-Magnon-Mensch. Wer einmal ein Bild von diesen Einwanderern in Europa gesehen hat - es gibt ja nur Bilder ihrer Schädel - der weiß, dass sie erstaunlich modern aussahen. Das Hauptmerkmal der Cro-Magnon-Schädel sind ihre rechteckigen Augenhöhlen, als hätten sie schon damals zu viel TV geglotzt und sich dabei eckige Augen geholt. Ansonsten sehen sie komplett modern aus - "wie du und ich" - und wenn sie aus Afrika kamen, dann sehen sie auch überhaupt nicht afrikanisch aus.

Das hohe Lied auf die Cro-Magnons

Interessanterweise liebt es die Anthropologie (gerade in den USA und in England) heute wieder, das hohe Lied auf die Cro-Magnons zu singen. Dies seien die ersten wahren Kulturschaffenden Europas gewesen, heißt es, als befänden wir uns heute nicht etwa im Jahr 2013, sondern wieder im Jahr 1913, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als man den zivilisierten Cro-Magnon zum Ersten Franzosen und den brutalen Neandertaler zum Ersten Deutschen hochstilisieren konnte - auch der Artikel im Guardian bildet hierin keine Ausnahme.

Schädel eines Cro-Magnon-Menschen im Museo civico di Scienze Naturali, Mailand. Bild: Stefano Bolognini. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Da wird eine Schnitzarbeit eines eiszeitlichen Künstlers gelobt: "Diese Schnitzerei wurde von einem Mitglied der Cro-Magnons gefertigt, den Jäger-und-Sammler-Nachkommen der ersten modernen Menschen, die vor 45.000 Jahren nach Europa einwanderten und die hier durch die letzte Eiszeit hindurch überlebten, die vor 40.000 Jahren begann und bis vor 10 .000 Jahren anhielt. Rentiere mit ihrem fetthaltigen Fleisch und ihrem dichten Pelz waren für das Überleben der Stammesmitglieder wichtig und diese Skulptur aus der Ortschaft Montastruc [das ist der Name des Fundorts] mit ihren feinzisiellierten Brustkörben [es handelt sich um zwei Rentiere], ihren Geweihen und dem deutlich markierten beginnenden Winterfell, zeigt uns deutlich, so der Direktor des Britischen Museums, Neil Gregor: "Diese Arbeit wurde von jemandem geschaffen, der viel Zeit damit verbracht hatte, die Rentiere zu beobachten."5

Dazu der Guardian-Mann weiter: "Objekte wie dieses demonstrieren allerdings noch mehr als bloße Handwerkskunst. Sie zeigen uns, dass der Homo sapiens - und damit steht er unter den Tierarten einzigartig da - ein Gefühl für Einbildungskraft aufbrachte. Diesen Kunsthandwerkern ging es nicht darum, einfach nur die Natur zu imitieren. Sie schmückten sie aus."

Wo ich hier "Tierarten" hingeschrieben habe, da stand bei Robin McKie doch "species", und es ist denkbar, dass er an dieser Stelle den Cro-Magnon gegen den Neandertaler ausspielen wollte - die einzige andere menschliche Spezies, die damals gerade in Europa zugegen war. Es ist wirklich beinahe so, als ob sich die britische Paläanthropologie, Jahrzehnte nach dem Großen Hoax des Piltdown Menschen wieder einmal darauf versteifen möchte, dass der Erste Europäer zugleich der Erste Brite und der Erste Weiße und der Erste Kulturmensch war. Oder anders rum. Und ganz genau so liest es sich auch in Brian Fagans Buch Cro-Magnon - How the Ice Age Gave Birth to the First Modern Humans aus dem Jahr 2009. Ein enthusiastischer Text, eine Art heroische Beethoven-Hymne auf den Cro-Magnon.

Im Guardian-Artikel kommt noch die übrige britische Paläo-Prominenz hinzu, um die Ausstellung wissenschaftlich aufzuwerten - insbesondere Professor Chris Stringer vom Britischen Naturhistorischen Museum in London. Ich vermute, dass Stringer (einer der frühesten und enthusiastischsten Vertreter der "Out of Africa"-These) sich mittlerweile dazu durchgerungen hat, dass der moderne Mensch aus Afrika kam, aber erst in Europa zum "echten" Homo sapiens wurde. Ebene, zum Cro-Magnon.

Augen-Erbschaft des Neandertalers?

Dabei ist - bemerkenswerterweise - in den vergangenen 20 Jahren das Genom des Neandertalers und des modernen Europäers entschlüsselt worden, und es hat sich herausgestellt, dass der heutige Europäer tatsächlich einen kleinen Teil Neandertaler-DNS in sich trägt. Dazu gab es bei der BBC unlängst eine wirklich wunderschön gemachte Wissenschaftssendung, bei der die beiden Moderatoren einen Wissenschaftler fragten, wie viel Prozent Neandertaler denn nun jeweils in ihnen stecke? (Das hatte man natürlich bereits vor der Sendung analysiert.) Und es blieben also immer noch erstaunliche 4 Prozent für sie und 6 Prozent für ihn. Im Bildhintergrund sah man die statistischen Treppen, die auch 8 oder 14 Prozent anzubieten hatten - vermutlich bei anderen Mitgliedern der Sendung, die augenblicklich nicht anwesend waren. Man lachte dazu, wie über ein sündiges Geheimnis.

Die Zurückweisung des Neandertalers enthielt schon früher für mich immer ein leicht vatermörderisches Element, aber nachdem die Wissenschaftler um Svante Pääbo inzwischen nachgewiesen haben, dass der moderne Europäer tatsächlich genetisch zum Teil ein Erbe des Neandertalers ist, scheint man auf der ideologischen Seite nun umso williger zu sein, den Cro-Magnon wieder als das edlere Element in dieser Konstellation aufzuwerten. Wie man mit den Cousins der Neandertaler umgehen wird, den Denisoviern, deren Lebensraum sich einst von Sibirien bis Indonesien erstreckte und deren Nachkommen noch heute auf Neuguinea leben, wird sich erst zeigen. Der Homo sapiens kam aus Afrika? Gewiss, aber auch aus Asien. Seine Geschichte ist sehr viel bunter, als es die Schwarz-Weiß-Zeichner uns glauben machen wollten.

Der Mann mit den charakteristischen TV-Augen

Interessant finde ich dabei, dass die Cro-Magnon-Enthusiasten sich für das Genom des Cro-Magnon bislang noch nicht mal sonderlich interessiert und auch nach dem Mann mit den charakteristischen TV-Augen noch nirgends sonst auf der Welt archäologisch Ausschau gehalten haben. Meine eigene These, mit der ich nicht lange hinter dem Berg halten will, lautet dabei: Der Cro-Magnon stammt aus Äthiopien. Denn, wenn auch in Äthiopien heute ein buntes Gemisch verschiedenster Afrikaner umherläuft - die alteingesessensten Äthiopier selbst sind diejenigen Afrikaner, die am meisten wie Europäer aussehen (bzw. die die größte Ähnlichkeit mit den Indern besitzen, die mit uns nicht nur durch die indo-europäischen Sprachen verbunden sind). Statt Phantasie-Romane über die Cro-Magnons zu schreiben, könnte man sich mit handfesten genetischen Daten in der Hand einmal unter den heutigen Bevölkerungen Afrikas umsehen, welches Völkchen dort denn die genaueste genetische Entsprechung bietet. Denn eines ist klar. Die Cro-Magnons kamen aus Afrika, sie wurden nicht von irgendwelchen Außerirdischen nach Europa eingeflogen.

Wenn ich eben sagte, dass die Musikalität - Gesang und Tanz - unsere natürlichste und menschlichste Grundausstattung ist - und wir uns dabei, trotz unserer unbeschreiblich fast-identischen genetischen Ähnlichkeit mit dem Schimpansen dennoch vom Schimpansen so total unterscheiden - und dass auch die Erfindung solcher Instrumente wie Flöte und Dudelsack fast zwangsläufig aus dem Fleischkonsum, aus dem Knacken von Knochen, dem Verzehr von Knochenmark, dem Durchblasen zerbrochener Knochen, dem Präparieren der Felle für Wassersäcke usw. resultierte - so halte ich doch die Entwicklung der ab-bildenden/visuellen Kunst - Zeichnen, Malerei, Bildhauerei - für eine ganz andere Entwicklung.

Höhlenmalerei in Lascaux

Die Kunst Europas unterscheidet sich tatsächlich von der Kunst der übrigen Welt. In diesem Punkt haben die Organisatoren der Ausstellung im British Museum völlig Recht. Die ältesten erhaltenen Kunstobjekte Europas zeichnen sich durchgängig durch eine eigene, bis heute fortgesetzte, immer weiter eingehaltene Tradition aus, deren prägende Elemente Realismus, Naturalismus und eine gewisse karikaturistische Humorigkeit sind.

Darin unterscheidet sich die Kunst Europas von allen Kunstbestrebungen anderer Menschen auf der Welt, sei es in Afrika, Ozeanien oder Sonstwo. Und ich möchte arg bezweifeln, dass man, hat man (in Afrika oder in einer der Schädelsammlungen westlicher Museen) erst einmal die Original-Cro-Magnons ausfindig gemacht, bei ihnen Kunstobjekte finden würde, die jene Charakteristiken aufweisen, die man heute den europäischen Kunstwerken aus der Cro-Magnon-Zeit zuordnet.

Das Interessante an der europäischen Kunst der Eiszeit ist darüber hinaus, dass sie sofort in kompletter Perfektion erscheint. Urplötzlich, als wäre sie aus einem Wandschrank des Universums herausgeklappt, ist sie da. Das wäre gerade der Witz an Chauvet. Wäre die Höhle echt, müsste man sich fragen, Wie ist das möglich? Wie kann die europäische Eiszeit-Kunst gleich von allem Anbeginn an so perfekt auftreten, und sich dann zusehends zerdröseln?

Die Antwort kann eigentlich nur bei den Neandertalern liegen. Wenn uns die viereckigen Augen der Cro-Magnons auffallen, so müssten uns eigentlich noch mehr die riesigen Augenhöhlen der Neandertaler auffallen. Ihre Augen waren sicherlich deshalb so groß, um einen Schutz gegen das Gefrieren der Flüssigkeit im Auge zu bieten, aber ebenso, um das genaue und klare Sehen bei schlechten Sicht-/Licht-Verhältnissen zu ermöglichen. Also Nachtsichtigkeit. Wie viel Raum dieser Aspekt der sensuellen Wahrnehmung in ihrem Gehirn beanspruchte, erkennt man an dem massiven "Dutt" oder "Chignon" an ihrem Hinterkopf, das ist jene Stelle im Schädel, an der die Seh-Information verarbeitet wird. Die Neandertaler waren ausgeprägte Augenmenschen.

Der englische Literatur-Nobelpreisträger William Golding hat in seinem Neandertaler-Roman Die Erben bereits auf diesen Aspekt ihrer Anatomie hingewiesen. Die Neandertaler in seinem Roman "sehen Bilder", die sie sich wortlos, telepathisch, gegenseitig zuwerfen. Und wir dürfen annehmen, wenn heutige Europäer noch einige DNS-Prozent Neandertaler in sich beherbergen, dann konnten manche Cro-Magnons, die ja als erste Sex und Kinder mit ihnen hatten, einen sehr viel höheren Anteil an Neandertaler-Genen verzeichnen, womit sie auch das Auge der Neandertaler geerbt haben dürften. Wenn der British-Museum-Chef weiter oben zitiert wird, diese Schnitzarbeit sei von jemandem gefertigt worden, der stundenlang ein Rentier studiert habe, so können wir auf das fast eidetische Bildgedächtnis der Neandertaler und ihre Cro-Magnon-Nachfahren verweisen. Sie projizierten schlichtweg das einmal gesehene Bild wie einen Film in ihrem Hinterstübchen - im Kopf.

Jetzt mag man mir einen Überschuss an Phantasie attestieren, aber zufällig findet sich genau in diesem Moment im britischen New Scientist ein Artikel unter dem Titel "Stummfilme der Steinzeit" wonach Europäer der Eiszeit vor 15.000 Jahren bereits Höhlenzeichnungen und erste Animationen entwarfen, um in einem gigantischen Theater Geschichten zu erzählen und zu illuminieren. "Stumm" werden diese Filme natürlich nicht gewesen sein - aber ein bisschen kintoppmäßig war es mit all dem Geflacker der kleinen Öllämpchen wohl schon.

Es gibt nach meinem Dafürhalten keinen Grund, warum wir diese antiken Shows anders sehen sollten als die großen Kino-Ereignisse unserer Tage - wobei die großen Kino-Erlebnisse natürlich heute um die 30 bis 50 Jahre zurückliegen (denn Piraten der Karibik Teil 5 mit Johnny Depp in einem Zwergerltheater schafft da nicht ganz die Limbo-Schranke). Aber die Leute damals vor 15.000 Jahren waren moderne Europäer - und ihre Höhlen-Shows gingen bruchlos über ins griechische Theater, in Literatur, Bildhauerei und Malerei.

Ich denke, es war weniger der Cro-Magnon, dieser Zeitgenosse der letzten Neandertaler (der ihn überlebte und vielleicht selber vor neuen, späteren Einwanderungswellen zurückwich), der uns die visuelle Kunst Europas beschert hat. Es war einfach nur ein kleines Detail, das Auge des Neandertalers, das - hier und da, partiell, in manchen Völkern mehr, in anderen weniger - überlebt hat.

Ein Bekannter, aus Italien stammend, aber in Neuseeland aufgewachsen (was nicht eben eine sonderlich visuell orientierte Kultur hat), erzählte mir, wie er seinen alten Vater in Südtirol besucht habe. Dabei sei er in unzähligen Dorfkirchen vor den hyper-realistischen Kruzifixen mit dem zerschundenen Jesus gestanden und habe nur so mit den Ohren geschlackert. So wie ich mit den Ohren schlackere, wenn ich die edlen Topolino-Ausgaben sehe, die in Italien die Norm sind. Man stelle sich nur einmal vor, im Christentum hätte sich (ähnlich wie in Teilen des Islam) das Verbot jeder bildlichen Darstellung Gottes und der Heiligen Familie durchgesetzt. Wir hätten heute Höhlen und Grotten voller Gemälde - denn dieser Drang ist nicht zu unterdrücken.

Man kann die europäische Kunst, die großen Maler Italiens, Spaniens, Frankreichs, Hollands, auch als Erbe des Neandertaler sehen. Andere Völker mögen andere Illuminationen geliefert haben - in Philosophie, Wissenschaft, Musik - aber bei der bildenden Kunst versagten sie. Man denke nur an die leblosen Bilder eines Albrecht Dürer. Sie alle wurden Opfer des toten Auges. Vielleicht war es das Auge des Cro-Magnon.