Wie der endlose Krieg in Afghanistan weitergeht

Trump will die Zahl der US-Soldaten erhöhen, notwendig wäre aber nicht wieder mehr Militär, sondern eine politische Lösung

Zu Beginn letzter Woche verkündete US-Präsident Donald Trump, dass der längste Krieg, den die USA je geführt haben, weitergehen soll. Entgegen früherer Behauptungen meinte Trump, dass die Präsenz von US-Truppen in Afghanistan weiterhin notwendig ist, um "Terroristen zu töten" (Trumps neue Afghanistan-Politik: Terrorbekämpfung, aber kein Nation Building).

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Berichten zufolge soll die Anzahl der US-Soldaten im Land um 4.000 Truppen erhöht werden. Damit wären fast 14.000 US-Soldaten am Hindukusch stationiert. Doch selbst diese Angabe sollte man nur mit Vorsicht genießen. Die Trump-Administration zieht nämlich auch gegen jedwede Transparenz regelrecht in den Krieg. In Zukunft soll nicht mehr bekannt gegeben werden, wie viele US-Soldaten am Hindukusch und anderswo stationiert sind. In gewisser Hinsicht führt Trump damit auch die Anti-Transparenz-Linie der Obama-Administration fort. Bereits unter dieser begann das Pentagon zum Ende vergangenen Jahres, Untersuchungen zu zivilen Opfern bei Angriffen nicht zu veröffentlichen.

Als ich vor einigen Wochen mit dem Taxi durch die Straßen Kabuls fuhr, endete ich abermals im Stau der verstaubten und versmogten afghanischen Hauptstadt. Sowohl ich als auch der Taxifahrer wunderten uns, was denn nun wieder los sei. "Wahrscheinlich nur ein weiterer Politiker, der sich für zu wichtig hält, um sich unter das einfache Volk zu bewegen", kommentierte der Fahrer. Ich nahm selbiges an, doch einige Augenblicke darauf wurden wir eines Besseren gelehrt. Schwerbewaffnete US-Militärfahrzeuge patrouillierten durch die Straße - mitten in der Kabuler Innenstadt. Mein Fahrer wurde wütend. "Wofür halten sich diese Bastarde eigentlich?", sagte er wütend.

Seine Wut war nachvollziehbar - vor allem, wenn man weiß, dass derartige Szenarien von Aufständischen wie den Taliban oftmals als Grund genannt werden, wenn Bombenattentate innerhalb der Stadt passieren. In vielen Fällen bleiben die schwer gepanzerten US-Soldaten unverletzt, während afghanische Zivilisten getötet werden. Die US-Truppen wissen das - und scheinen es einfach zu ignorieren.

Dass Donald Trump, der sich eigenen Aussagen zufolge in den letzten Monaten "sehr detailliert" mit Afghanistan beschäftigt hat, meint, die Realität am Hindukusch mit 4.000 weiteren Truppen zu ändern, ist naiv. Es gab Zeiten, in denen in Afghanistan über 100.000 NATO-Soldaten stationiert waren. Sie alle konnten den Krieg nicht beenden, sondern führten lediglich zu seiner Eskalation.

Auch für viele Afghanen ist klar, dass mehr Soldaten lediglich eine Verlängerung des Krieges darstellen würden. "Mehr Soldaten bedeuten vor allem mehr Krieg, und das will niemand hier nach all den Jahren. Wir sind kriegsmüde", meint Sameh, ein junger Buchhändler, der einen Stand nahe des Kabuler Basars führt. "Vielleicht sollten Washington aus Afghanistans Geschichte lernen. Sie hat gezeigt, dass westliche Soldaten hier einfach keine Chance haben", sagt er.

Mit der Erhöhung der Truppen ist Donald Trump in die Fußstapfen seiner Vorgänger getreten. Während die Afghanistan-Invasion unter der Bush-Administration begann, erhöhte Barack Obama die Truppenanzahl im August 2010 auf fast 100.000 Soldaten. Viele Beobachter waren sich anfangs einig, dass Trump diesem Weg nicht folgen wird. In seiner Zeit als Geschäftsmann vertrat Trump immer wieder eine sehr anti-interventionistische Haltung bezüglich des Krieges in Afghanistan. Seine Wende in diesem Punkt macht deutlich, wie sehr der Militärapparat hinter dem Präsidenten die Strippen zieht.

Dabei ist es vor allem eine politische Lösung, die Afghanistan dringend braucht. Doch davon, so scheint es zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ist die westliche Staatengemeinschaft weiter weg als jemals zuvor seit 2001. Die Taliban, die in den Friedensprozess eingeschlossen werden sollten, kündigten in Bezug auf Trumps Plänen bereits an, den Krieg gegen die US-Soldaten fortzuführen, bis der letzte von ihnen Afghanistan verlassen hat.

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Es ist allerdings nicht nur die Präsenz der Truppen am Boden, die den Krieg weiterhin anheizen wird. Es sind auch ihre Taten, die hauptsächlich aus brutalen Luftbombardements und Massakern von Spezialeinheiten in meist abgelegenen Dörfern bestehen. All diese Dinge gehören weiterhin zum Alltag in Afghanistan und haben sich in das Gedächtnis vieler Menschen, die in den ländlichen Regionen des Landes leben, eingebrannt. Sie schüren den Hass und führen zu Extremismus und Radikalisierung. Den Taliban fällt es leicht, in diesen Regionen des Landes zu rekrutieren.

Trump tut ihnen damit einen Gefallen, indem er etwa von der "Tötung von Terroristen" schwadroniert. Doch wer gilt als Terrorist? Seit 2012 ist bekannt, dass jede männliche Person im wehrfähigen Alter im Umfeld eines Drohnen-Angriffs als "feindlicher Kämpfer" betrachtet wird. Demnach sind fast alle männlichen Afghanen, auch minderjährige, Terroristen.

Seit Beginn der Präsidentschaft Donald Trumps haben sich die Luftangriffe im Land, ausgeführt durch Drohnen und bemannte Flugzeuge im Land, bereits massiv erhöht. Laut dem in London ansässigen Bureau of Investigative Journalism (BIJ) fanden fast 2.000 Luftangriffe seit der Übernahme Trumps statt. Allein im vergangenen Monat (Juli) gab es mindestens 358 US-Luftangriffe, die Hälfte davon in der östlichen Provinz Nangarhar, wo laut UN die meisten Zivilisten als anderswo im Land durch die amerikanischen Angriffe getötet werden.

Auch Menschenrechtsbeobachter sind sich einig, dass dies zu einer weiteren Radikalisierung führen wird. "Jeder tote Zivilist, der durch US- oder NATO-Streitkräfte verursacht wurde, erhöht die feindliche Haltung ihnen gegenüber und die Unterstützung für aufständische Kräfte", meint Patricia Gossmann, die Afghanistan-Rechercheurin von Human Rights Watch. (Emran Feroz)

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