Wie erkennt man künftige gesellschaftliche Ereignisse?

Die Forschungsbehörde der US-Geheimdienste will Methoden entwickeln, um aus öffentlich zugänglichen Daten aus möglichst vielen Quellen kommende Unruhen, Wirtschaftskrisen oder politische Krisen antizipieren zu können

Die Zeiten ändern sich, auch für die Geheimdienste. Die überwachen nicht nur mit Satelliten und Flugzeugen Territorien, sondern strafen auch schon mal präventiv und auf Verdacht wie die CIA, die mit bewaffneten Drohnen mutmaßliche Terroristen jagt und tötet. Zwar werden weiterhin Agenten in Betrieben, Behörden und Organisationen eingeschleust und Spione beworben, aber an Informationen kommt man auch heran, indem man sich in Netzwerke hackt oder die weltweiten Informations- und Kommunikationsströme abhört bzw. auch nur die Informationen aus offen zugänglichen Quellen sammelt und auswertet.

Die Datenströme sind gewaltig und überfordern die technischen und humanen Kapazitäten der Auswertung. Das könnte auch beruhigend sein. Es wachsen nicht nur die Speicher- und Data-Mining-Kapazitäten, sondern auch die Datenströme. Gleichwohl sind die Geheimdienste wie eh und je interessiert an der möglichst vollständigen Aufklärung, wozu alles an Daten erhoben und gesammelt werden muss, worauf man nur irgendwie einen Zugriff haben kann.

Schon länger waren daher die Geheimdienste daran interessiert, aus den Daten, die aus der Vielzahl der sich stetig vermehrenden öffentlich zugänglichen Informationsquellen strömen, abzuschöpfen, um hier eher auf Verdächtiges oder Interessantes zu stoßen. Die bei der obersten US-Geheimdienstbehörde Office of the Director of National Intelligence angesiedelte IARPA (Intelligence Advanced Research Projects Activity) will nun möglichst alle Quellen erschließen, um gesellschaftliche Ereignisse und Trends vorhersehen oder möglichst schnell erkennen zu können. Die würden sich nämlich ankündigen durch oder seien begleitet von Veränderungen in der Kommunikation, im Konsum und in der Bewegung von Bevölkerungen. Daher würde es die IARPA interessieren, so heißt es in der Ausschreibung, neue Methoden zu entwickeln, um "durch die Verbindung öffentlich verfügbarer Daten unterschiedlicher Arten und von unterschiedlichen Quellen unerwartete Ereignisse antizipieren oder entdecken" zu können.

Das ist nicht wenig anspruchsvoll. Die Geheimdienste wollen also den Hegelschen Maulwurf, der die Arbeit des (Zeit)Geistes symbolisiert, schon möglichst weit unten in der Erde wühlen hören, bevor das "seelenlose, morschgewordene Gebäude zusammenfällt" und etwas Neues entsteht, als die Eule der Minerva sein, die immer zu spät kommt. Wie kann man in die Zukunft schauen, offenbar dadurch, dass man dem Volk auf den Mund schaut und auch sonst schaut, was es so treibt. Man sollte also "Open Source Indikatoren", so heißt auch das Projekt, wie "Suchanfragen im Internet, Blogs, Mikroblogs, den Internetverkehr, die Finanzmärkte, Verkehrskameras, Einträge in Wikipedia und vieles andere" zusammenführen und zu analysieren, natürlich kontinuierlich und automatisch. Es habe sich gezeigt, dass solche Daten nützlich seien, um frühzeitig Ereignisse wie ausbrechende Epidemien zu erkennen.

Also will man nun neue Methoden um auch "politische oder humanitäre Krisen, Aufstände und Massengewalt, wirtschaftliche Instabilität. Ressourcenknappheiten und Reaktionen auf Naturkatastrophen" zu entdecken, möglichst eben, bevor sie vorhanden sind. Die Frage, die die Geheimdienstforschungsbehörde gerne von Wissenschaftlern beantwortet und in automatische Analyseverfahren umgesetzt sehen will, besteht natürlich im wesentlichen auch darin, aus welchen Indikatoren man vorzeitig künftige Entwicklungen ablesen, also aus welchen Spuren man in die Zukunft schauen könnte. Dazu scheint man auf die Massen von Daten, nicht auf deren Tiefe setzen zu wollen, also auf Staubsauger statt auf mikroskopische Analyse. Und irgendwie hätte man auch gerne neuartige statistische Methoden um probabilistische Warnungen generieren zu können, um dann politisch oder wirtschaftlich nach bestimmten Interessen in den Gang der Dinge eingreifen oder diesen steuern zu können.

Das Anliegen ist vermessen, wie es sich für eine am Modell der Darpa orientierte Forschungsbehörde gehört. Aber es steckt auch im Kern der Wissenschaft, die beispielsweise aus der Berechnung und Vorhersage von Planetenbahnen und Konstellationen wie Sonnen- oder Mondfinsternissen hervorgegangen ist. Daraus muss man schließen, dass Geheimdienste nicht nur ein Produkt der Aufklärung sind, sondern das Unternehmen, Ereignisse wissenschaftlich vorhersehen zu wollen, die sich bislang der (natur)wissenschaftlichen Erklärung entzogen haben. Dumm ist nur, dass Geheimdienste ebenso wie Techniken zur Früherkennung von Ereignissen selbst zum Teil der Welt gehören, die sie beobachten. (Florian Rötzer)

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