Wie es zum Bürgerkrieg in der Ukraine kam

Protestierende in Kiew am 18. Februar 2014. Bild: Mstyslav Chernov/CC-BY-SA-3.0

Durch Verarmung, Oligarchisierung und Entstaatlichung wurde der Boden für einen radikalen, ukrainischen Nationalismus geschaffen. Daraus sollten auch in Deutschland Lehren gezogen werden

Als ich das erste Mal für einen längeren, dreimonatigen Aufenthalt in die Ukraine kam, das war im Februar 1992, hatte ich ausgesprochen positive Gefühle für die gerade erst unabhängig gewordene Ukraine. Die neue gelb-hellblaue Fahne schien mir wie ein frohes Zeichen, eine Verbindung von Sonne und Meer. Ich packte meine Geschenke für meine ukrainische Gastfamilie in blau-gelbes Papier ein.

Damals dachte ich, die Sowjetunion sei auch an ihrer Überzentralisierung gescheitert. Eine Dezentralisierung könne bei einer Demokratisierung des Super-Staates helfen, ohne dass die sozialen Grundrechte dabei verloren gehen.

Ich wohnte damals bei einer befreundeten Intellektuellen-Familie in Kiew, berichtete als Journalist für die Berliner TAZ und den Deutschlandfunk darüber, wie die Ukrainer mit den Folgen von Tschernobyl umgehen, über einen Streik der Trolleybus-Fahrer von Kiew und wie sich die Ukrainer trotz der tiefen Wirtschaftskrise trotzdem über Wasser hielten.

Dezentralisierung oder vollständige Unabhängigkeit?

Mein Freund Andrej, ein junger ukrainischer Philosoph mit starken Sympathien für die ukrainische patriotische Intellektuellen-Vereinigung Ruch, erklärte mir damals das Ergebnis, der von Gorbatschow initiierten Abstimmung über die Zukunft der Sowjetunion, die im März 1991 in allen ehemaligen Sowjet-Republiken stattfand. Andrej meinte, in der Ukraine hätten die Menschen mitnichten - wie ich meinte - für einen Fortbestand einer dezentralisierten Sowjetunion gestimmt, sondern für die vollständige Unabhängigkeit von Moskau.

Bei dem sowjetischen Referendum am 17. März 1991 sprachen sich 113 Millionen Menschen (76 Prozent der Abstimmenden) für und 32 Millionen (22 Prozent) gegen eine föderative Union gleichberechtigter Sowjet-Republiken aus. Besonders viele Ja-Stimmen für eine reformierte Sowjetunion gab es in Zentralasien. Spitzenreiter war Turkmenistan mit 97 Prozent Ja-Stimmen, gefolgt von Tadschikistan und Kirgistan mit jeweils 96 Prozent.

Die vergleichsweise niedrigste Zahl der Stimmen für eine Reform der Sowjetunion gab es in Russland (71 Prozent Ja-Stimmen) und der Ukraine (70 Prozent Ja-Stimmen). Diese vergleichsweise niedrige Zahl der Ja-Stimmen hing offenbar damit zusammen, dass sich diese industriell gut entwickelten Republiken weniger von einer Machverteilung innerhalb der Sowjetunion versprachen als die ärmeren Republiken im Süden und Osten des Riesenreiches.

Der sogenannte Putsch der Alt-Kommunisten in Moskau im August 1991 - die dilettantische Durchführung ließ an einem wirklichen Putschwillen zweifeln -, gaben den Unabhängigkeits-Bestrebungen von Moskau in den 15 Sowjetrepubliken einen neuen starken Schub.

In der Ukraine fand am 1. Dezember 1991 bei einer Wahlbeteiligung von 84 Prozent eine zweite Abstimmung für eine unabhängige Ukraine statt. Nun stimmten 92 Prozent der Ukrainer für die Unabhängigkeit.

Auffällig ist, dass es bei der Abstimmung in der Ukraine die meisten Nein-Stimmen gegen die Unabhängigkeit schon damals auf der Krim, sowie in den Gebieten Odessa, Donezk, Lugansk und Charkow gab. In diesen Gebieten wurde vorwiegend Russisch gesprochen und es gab starke wirtschaftliche Verflechtungen mit Russland.

Das Unabhängigkeitsstreben der 15 Sowjetrepubliken zielte auf mehr Selbstbestimmung und Selbstverwaltung, richtete sich - außer in den baltischen Staaten - allerdings nicht gegen die wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit mit Russland, wie das heute in der Ukraine der Fall ist. Und auch nach dem geheimen Treffen am 8. Dezember 1991 im weißrussischen Sanatorium "Beloweschaja Puschtscha", auf der die Führer von Russland, der Ukraine und Weißrussland - Boris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislaw Schuschkewitsch - die Auflösung der Sowjetunion beschlossen, wurden nicht alle Verbindungskanäle gekappt. Zeitgleich wurde eine "Gemeinschaft unabhängiger Staaten" gegründet. Sie sollte sicherstellen, dass man über Grundfragen der Wirtschafts-, Sozial- und Sicherheitspolitik weiter in Kontakt blieb.

Die Ukraine hatte - mit ihrem Territorium von 1991, von den Karpaten bis zum Donbass - niemals als eigenständiger Staat existiert. Dieses Territorium zusammenzuhalten, von denen einzelne Teile im Osten (Teile von Lugansk), Westen (Galizien) und Süden (Krim) erst in den 1920er Jahren von Lenin, 1939 von Stalin und 1954 von Chrustschow zum Territorium der Ukraine hinzugefügt wurden, bedurfte besonderer Staatskunst.

Eine von der Bertelsmann-Stiftung 2003 veröffentlichte Untersuchung beschreibt die Schwierigkeiten der Nationenbildung zutreffend:

Die Anfangsphase der unabhängigen Ukraine war in erster Linie von der nationalen Konsolidierung geprägt. Ein Schlüsselfaktor war dabei die Erhaltung der nationalen Einheit trotz der regionalen und ethnischen Unterschiede zwischen der sowjetrussisch geprägten Ostukraine, der eigentlichen Kern-Ukraine im Westen sowie der historisch zu Russland zählenden Krim.

Bertelsmann Transformation Index 2003
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