Wie geht es weiter mit Englisch in der EU — nach dem Brexit?

Enklisch in Handys

Es stellt sich die Frage, ob "die Deutschen" überhaupt eine Affinität zum Englischen besitzen? Man denke zurück an Frau Merkels Besuche bei Putin und Trump. Aus DDR-Zeiten ist überliefert, dass die junge Angela eifrig Russisch studierte. Denkbar also, dass sie in Putins privatem Wohnzimmer auch mal locker vom Hocker über ein paar laue Witze des russischen Kollegen mitlachen konnte. Bei Trump konnte sie nur stillschweigend daneben sitzen, und peinlich berührt in die Kameras grinsen. Wenn sie wenigstens einen dummen Witz auf Englisch drauf gehabt hätte! "Come on, Donald, don't be such a chump!"

Die deutsche Bundeskanzlerin steht jetzt auf Augenhöhe mit ihrer gesamteuropäischen Zwillingsschwester, Plisch und Plum in weiblicher Gestalt. Beim ersten morgendlichen Telefonat heißt es da nur: "Na, Ursula?" und: "Na, und du?Angela? Alles klar?" und: "Auf der Andrea Doria? Aber alle mal, Urselchen. Mach du nur immer brav weiter so."

Geplatzte EWG-Träume

Kein Wunder, dass die Briten sich so sehnen — nach dem Brexit, bevor die deutsche Camarilla sie alle mit in den Dreck zieht. Sie müssen sich vorkommen, als lebten sie wieder unter der Fuchtel von Queen Victoria, regiert von einem Königshaus, dessen Mitglieder alle miteinander Zuhause Deutsch sprechen. Dabei hatten sie es so eilig gehabt, die Briten, damals, 1973, der EWG beizutreten, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Englisch würde die Sprache des alltäglichen Verkehrs sein, und Großbritannien würde das dominante Element in Großeuropa sein.

Aber Pustekuchen. Da drüben saßen die Feinde von einst und sprachen unverblümt ihr unverständliches Enklisch in ihre Handys. Das Wort "handy" kannte man bis dahin als Adjektiv, es kam einem etwas gelegen, es war nützlich. "That's come in handy", sagten die Engländer. "Das trift sich ja gut, dass wir jetzt gerade ein Taschentelefon zur Hand haben." Handy. Schulkinder benutzten das Wort, um die Sonderschüler, die jetzt auf die High Schools abgeschoben wurden, als ihre "Handys" zu bezeichnen. Von handicapped, oder behindert. "She's one of our handies," erläuterte die Gymnasiastin dem Besucher des Schulfestes, der sich über die jaulende Gesangsdarbietung in der Aula wunderte.

Und umgekehrt natürlich genau so. Wann hat man je schon einmal erlebt, dass ein Engländer einen einzigen deutschen Satz annähernd grammatisch richtig hinkriegen konnte? Ich habe mich einmal in einem englischen Buchladen in Wien mit einer Verkäuferin auf Deutsch unterhalten, und nach einiger Zeit fiel mir auf, dass sie gar nicht die üblichen englischen Sprachfehler produzierte. Ich sagte zu ihr: "Sie sprechen aber gut Deutsch. Gar nicht wie eine Engländerin — fast wie eine Perserin." Worauf sie antwortete: "Aber ich bin ja eine Perserin."

Englisch und Wienerisch

Also, es ist eine beobachtbare Tatsache, selbst wenn man nicht einmal sonderlich aufmerksam hinhört. Dabei habe ich den Eindruck, als ob der angelsächsische Teil des Englischen durchaus mit dem Wienerischen verwandt ist — aber eben getrennt durch ein 1000jähriges Auseinanderdriften. Das Englische wird heute noch phonetisch so geschrieben, wie es der Österreicher aussprechen möchte: "I learn English" möchte der Wiener genau so sagen, wie es da steht. Er soll aber "Ai löhrn Ing-glish" sagen.

Das englische Wort "tough" wurde früher einmal ganz anders ausgesprochen —- so, wie das österreichische Wort "tsaach" heute immer noch daher kommt. Es bedeutet "zäh, schwierig". Sogar Norweger verstehen Voralberger, d.h. Menschen aus dem österreichischen Landesteil Vorarlberg, wenn die ihren Dialekt sprechen, statt sich um "Schriftdeutsch" zu bemühen. Man kann sagen, dass sich das Germanische an der Peripherie in seiner usprünglicheren Form länger erhalten hat, während es sich im Zentrum zum "Deutschen" wandelte, zu einer sehr hermetischen und fremdenfeindlichen Sprache.

Der Deutsche deklariert, beinahe sofort, dass er das Österreichische "nicht verstehen" kann. Wenn der Deutsche einen Krimi von Friedrich Glauser liest, dem gebürtigen Wiener, der zur Ikone des schweizerischen Krimis wurde, gibt er nach drei Seiten auf und greift nach der englischen Übersetzung. Wörter aus anderen Sprachen sondert er aus in ein separates File. Er nennt sie "Fremdwörter" und besteht so lange darauf, den Fahrschein oder die Eintrittskarte ein "Billett" zu nennen, bis er das französische Fremdwort durch ein englisches ("Ticket") ersetzen kann.

Gelegentlich importiert er ein englisches oder amerikanisches Wort, das man dort eher selten gebraucht, und wirft damit um sich als sei er ein Yoyo-Champion. "Shitstorm," beispielsweise, das Unwort des Jahres 2019. Es kommt mir so vor, als hätte man in Deutschland endlich eine Möglichkeit gefunden, Ernst Jüngers "Stahlgewitter" in den Mund zu nehmen, ohne sich die Zunge zu verbrennen. "Storm of Steel" (wie das Buch regulär in der Übersetzung betitelt ist), wirkt dagegen eher fad. Also dann schon lieber "Shitstorm".

Holländer

Die Engländer blicken über den Ärmelkanal und sehen dort "die Deutschen", "the Dutch." Das sind aber — die Holländer. Normalerweise können die Holländer auch kein Englisch, sie sagen "surface" für "service", und so weiter. Aber sie haben es sich seit Jahr und Tag zur Gewohnheit gemacht, amerikanische Filme mit Untertiteln anzuschauen, und dabei haben sie Amerikanisch gelernt. Die Holländer sind die einzigen Europäer, die mühelos selber Amerikanisch sprechen und verstehen können.

Weiter landeinwärts kommen die Deutschen. Sie sehen sich seit Jahr und Tag jeden amerikanischen Film in einer Wenzel Lüdecke-Version an. Sie haben noch nie die Originalstimmen von Robert de Niro oder Meryl Streep gehört, dafür aber kennen sie die Stimme von Christian Brückner, der auf einem Audiobuch den "Prozess" von Kafka vorträgt. Die deutsche Stimme von Meryl Streep ihrerseits liest "Die Wand" von Marlen Haushofer.

In Österreich schließlich ist Englisch so gut wie komplett unbekannt. Österreich ist quasi die andere DDR, oder die DDR hätte das andere Österreich werden können, wenn man sie nicht gleich als toten Matjeshering in das BRD-Sandwich mit reingewürgt hätte.

Fortsetzung folgt (Tom Appleton)