Wie geht es weiter mit der Opposition in Syrien?

Parade der Jaish al-Islam unter dem ehemaligen Führer Zahran Allusch (im Dezember letzen Jahres getötet), dem Bruder Mohammeds. Bildquelle: Propagandamaterial

Der Rücktritt des Chefunterhändlers der Oppositionsvertretung: Die Dschihadisten auf der Verliererstraße

Mohammed Alloush (oder Allusch), der Chefunterhändler der im saudi-arabischen Riad zusammengestellten syrischen Oppositionsvertretung "Hohes Verhandlungskomitee" (HNC), ist zurückgetreten. Die Nachricht zog weite Kreise, sie tauchte selbst in den fünf-minütigen Kurzzusammenfassungen der "Nachrichten aus aller Welt" der öffentlich-rechtlichen Sender auf. Sie wurde also für wichtig gehalten.

Demgegenüber fielen allerdings die Erklärungen für den Rücktritt spärlich aus. Man beschränkte sich weitgehend auf die Wiedergabe des Statements des Zurückgetretenen. Allusch machte das "starrköpfige Assad-Regime" für seinen Schritt verantwortlich, die Bombardements der syrischen Armee und die internationale Gemeinschaft, die es nicht schaffe, die syrische Regierung zur Einhaltung von Abmachungen, wie z.B. die Waffenruhe oder Hilfslieferungen für belagerte Städte, zu verpflichten. Das sind die Stereotype und Schuldzuweisungen, die ein Oppositionsführer von sich gibt. Schade, dass dies nicht besser mit Ergänzungen aufbereitet wird.

Gerne hätte man mehr über diese Personalie erfahren. Denn Mohammed Alluschs Rücktritt ist ein Politikum, wie die Rücktrittsnachrichten auch herausstellen. So ist von "einem schweren Rückschlag für die Bemühungen um eine Beendigung des Blutvergießen in Syrien" die Rede. Kurz: Derzeit ist unklar, wie, wann und mit wem die Gespräche in Genf weitergehen sollen. Oder auch: Es sieht ganz danach aus, dass die militärischen Operationen das Sagen haben.

Russland: Positiver Rücktritt

Allusch gehört zur salafistischen Miliz Jaish-al-Islam, die stark von Saudi-Arabien unterstützt wird, weswegen er auch in Riad als Chefunterhändler der Regierungsgegner bestellt wurde und seine Miliz von der Waffenruhe profitierte, obwohl sie im Bündnis mit der al-Qaida-Gruppe al-Nusra-Front steht.

Die Beschreibung "salafistisch" soll hier nur auf eine Nuance in der Unterschiedlichkeit zur dschihadistischen Ideologie der Nusra-Miliz verweisen, die angesichts der grundsätzlichen Frontstellung gegen die syrische Regierung angeht, nachrangig ist. Jaish al-Islam geht mit großer Brutalität gegen Mitglieder anderer Konfessionen vor. Die Milizionäre sind Gotteskrieger.

Aus Saudi-Arabiens Medienimperium kamen nach Wissen des Autors auch keine weiteren Erklärungen zu Alluschs Rücktritt. Es wäre schon interessant zu erfahren, ob man nun einen Nachfolger sucht oder das Projekt "Hohes Verhandlungskomitee" erstmal ins Gefrierfach stellt.

Dagegen kommentierte die russische Nachrichtenagentur Tass den Schritt eindeutig als positiven Einfluss auf die internen syrischen Gespräche. Russland wollte, dass die UN Jaish al-Islam und Ahrar al-Sham auf die Liste der terroristischen Organisationen setzt. Damit wären sie ebenfalls vom Schutz der Waffenruhe ausgenommen gewesen. Der Antrag wurde abgelehnt. Beide Gruppen haben große Unterstützer mit den Sponsorstaaten Saudi-Arabien, Katar und der Türkei und damit im Hintergrund auch die USA.

Vonseiten der Unterstützerstaaten wurde immer wieder versucht, die beiden Gruppen dazu zu bringen, sich zumindest nach außen irgendwie kenntlich von al-Nusra zu distanzieren. Auch eine gut funktionierende Camouflage einer Distanz hätte für die Interessen der Unterstützer getaugt. Gut in Erinnerung ist, dass katarische Unterhändler früher schon versucht hatten, al-Nusra dazu zu bringen, eine Erklärung zu veröffentlichen, in der sich die Miliz von al-Qaida distanziert, auch ein neuer Name war im Gespräch. Eine Abkehr von ihrer Ideologie allerdings nicht.

Das sagt einiges über die Intention: Den Sponsormächten liegt, ungeachtet der Dschihad-Ideologie, hauptsächlich daran, dass die Opposition gegen Assad militärisch stark bleibt. Ohne al-Nusra, Ahrar al-Sham und Jaish al-Islam bleiben nur FSA-Truppen, die militärisch chancenlos sind. Dazu kommt die Absicht, auch den iranischen Verbündeten in Syrien ein starkes militärisches Kontra gegenüberzustellen.

Mit der Person Mohammed Allusch sind demnach taktische oder strategische Überlegungen verbunden. Die Frage wäre, ob Allusch fallen gelassen wurde, weil die Unterstützung von Jaish al-Islam nicht mehr als aussichtsreich gilt und andere Abmachungen wichtiger werden, etwa die Aufteilung von syrischen Interessensgebieten?

Vorrücken der syrischen Armee

Dass nun die syrische Armee einen strategisch wichtigen Ort in Ostghouta erobert hat, spricht zumindest dafür, dass Jaish al-Islam nicht mehr so stark ist wie früher. Die Miliz war, wenn auch in Konkurrenzkämpfen verstrickt, lange Zeit in dieser Region dominant.

Auch an anderen Orten sieht es nicht gut aus für die bewaffnete Opposition. In Idlib, wo die Jaish al-Fatah- Koalition, mit dabei die al-Nusra-Front und Ahrar al-Sham, im vergangenen Jahr mit Unterstützung von Saudi-Arabien und der Türkei, wichtige militärische Erfolge erzielten, die letztlich auch ein Grund für das Eingreifen Russlands in Syrien waren, werden Luftangriffe gemeldet, anscheinend mit russischer Beteiligung.

Laut der regierungsfreundlichen Publikation al-Masdar sollen gestern über 100 russische Angriffe erfolgt sein. Es sieht ganz danach aus, als ob die syrische Armee (SAA) mit russischer Hilfe das Gebiet der Kontrolle von Ahrar al-Sham und der al-Nusra-Front entziehen will.

Die militärische Opposition hat im Norden derzeit keine guten Karten, in Idlib nicht und in Ostghouta, wie es aussieht, auch nicht. Man darf gespannt sein, wer als nächster Chefunterhändler der Opposition nach Genf geschickt wird. (Thomas Pany)

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