Wie geht’s weiter mit dem Todesflieger?

Bild: Jeff Hitchcock/CC BY-2.0

Boeing produziert seit März die 737 Max auf Halde, jetzt beugt sich der Hersteller den Realitäten - und setzt die Produktion erst einmal aus

Nachdem zwei Maschinen des Krisenfliegers Boeing Max 8 abgestürzt waren (Telepolis berichtete), galten für den Jet seit dem Frühjahr 2019 internationale Flugverbote. 346 Menschen hatten bei den Crashs binnen weniger Monate ihr Leben verloren. Danach kamen Zweifel an der Seriosität der Neuauflage des Fliegers auf, auch die Rolle der amerikanischen Aufsichtsbehörde FAA wurde weltweit kritisch diskutiert.

Im Oktober meldete die Nachrichtenagentur "Reuters", Boeing habe die US-Börsenaufsicht SEC in einem Schreiben von der Möglichkeit eines Produktionsstopps unterrichtet. Jetzt ist es offenbar so weit. Die Produktion der Max 8 soll mit Beginn 2020 auf Eis gelegt werden.

20 Milliarden Dollar auf Halde

Aber was heißt das wirklich? Rund 400 Maschinen hatte Boeing zum Zeitpunkt der Abstürze ausgeliefert. Als Sofortmaßnahme drosselte der US-Flugzeugbauer das Produktionsziel der Max 8 auf 42 Stückzahlen pro Monat. Nun, Ende 2019, verstopfen rund 400 neu produzierte Maschinen die Parkflächen des Herstellers - wegen der anhaltenden Flugverbote. Die nicht ausgelieferten Jets werden auf einen Wert von zusammen 20 Milliarden US-Dollar geschätzt. Sie ließen sich auch im Falle einer raschen Zulassung nicht so einfach wieder an den Start bringen. Es würde einen zeit- und kostenaufwändigen Vorlauf geben, für jedes einzelne Exemplar müsste die Flugtüchtigkeit nachgewiesen werden.

Boeing hatte eigentlich darauf gesetzt, noch 2019 eine Wiederzulassung für das Modell zu bekommen. Die US-Flugaufsichtsbehörde FAA erklärte aber am vergangenen Mittwoch, sie werde das Flugverbot in diesem Jahr nicht mehr aufheben, das Procedere einer Wiederzulassung werde sich ins Jahr 2020 ziehen. Die Behörde, die selbst unter Beschuss geraten war, warf dem Konzern zuletzt vor, "unrealistische" Zeitpläne für die Wiederaufnahme des Betriebs der Maschine verfolgt zu haben. Dem neuen FAA-Chef, Steve Dickson, wird ein angespanntes Verhältnis zu Boeing-Boss Dennis Muilenburg nachgesagt.

Mit der Entscheidung dürfte sich Boeings Krise zuspitzen: Auch ein nur vorübergehendes "Aus" der Produktion des Airbus-Rivalen wird wohl die gesamte US-Wirtschaft belasten. Der Fertigungsstopp trifft zahlreiche Zulieferer, Airlines und weitere Firmen, die in Mitleidenschaft gezogen werden, so zum Beispiel Rumpf- und Triebwerkshersteller und viele Lieferanten im In- und Ausland.

Ob und wann die Max-8-Produktion wieder anlaufen könnte, dazu gibt es vom Hersteller keine verbindlichen Verlautbarungen, jedoch sind sich Insider sicher, dass der Entscheid längst überfällig war: Boeing hat sich jetzt den Realitäten gebeugt. Ein komplettes Aus für die 737 ist damit aber ganz sicher nicht beabsichtigt.

Boeings Krise, Boeings Laune

Kosten entstehen auch so: Wegen der weltweiten Flugsperre mussten Airlines tausende Flüge streichen und andere Maschinen einsetzen. Sie erwarten von Boeing deswegen Entschädigung. Boeing hatte Berichten zufolge im Juli bereits 5,6 Milliarden Dollar (knapp 5,1 Milliarden Euro) für solche Zahlungen zurückgestellt. Die US-Fluglinie Southwest Airlines, der größte Abnehmer der 737 Max in den USA, gab am vergangenen Donnerstag eine Entschädigungsvereinbarung mit Boeing bekannt, eine Summe wurde nicht genannt.

Boeing ist der größte Exporteur der USA. Mit einem entsprechend großen Ego. Presseberichten zufolge erklärte US-Senator Richard Blumenthal, der Konzern scheine aber endlich eingesehen zu haben, dass die Luftfahrtaufsichtsbehörden sich nicht "seiner Laune" beugen würden. Die "Laune" des Wirtschaftsriesen hat nun definitiv ein Nachspiel, wenn ab Januar 2020 die Produktion der 737 auf unbestimmte Zeit gestoppt wird. Die Reihe 737 ist schließlich das meistverkaufte Flugzeug von Boeing - volumenstarker Umsatztreiber und Gewinnbringer des Unternehmens.

FAA-Chef Steve Dickson ließ Ende November noch verlauten, er wisse, "dass der Druck groß ist, dieses Flugzeug wieder in Betrieb zu stellen". Die FAA (die amerikanische Zulassungsbehörde) werde sich bei der Prüfung der überarbeiteten Trimmautomatik MCAS aber nicht unter Termindruck setzen lassen. Derweil gehen Beobachter wie der Luftfahrt-Experte Jens Flottau von einer baldigen Wiederaufnahme der 737-Max-Produktion aus. Flottau etwa äußerte im Interview: "Natürlich, das Flugzeug wird wieder gebaut werden. Boeing spricht zwar davon, dass man ab Januar die 737 erst einmal nicht mehr baut. Ich gehe aber davon aus, dass der Stopp vielleicht zwei, drei Monate anhält."

Wie auch immer - es bleibt zu hoffen, dass die Passagiere und Crews es dann mit einem sicheren Flieger zu tun bekommen. Die Toten macht der Hickhack nicht wieder lebendig. (Arno Kleinebeckel)