Wie gut ist Deutschland bisher durch die Pandemie gekommen?

Deutschland mit relativ geringem Aufholbedarf in der Wirtschaft

In der zweiten Gruppe, die die Lebensqualität repräsentiert, schneidet Deutschland mit 31 Punkten deutlich besser ab. Dabei ist die Stärke der Maßnahmen (Kriterium 6) auf mittlerem Niveau.

Beim Bruttoinlandsprodukt für 2021 gehört Deutschland zu den Ländern mit den geringsten Steigerungen zum Vorjahr, was daran liegt, dass Deutschland 2020 wirtschaftlich relativ gut überstanden hat und daher im Folgejahr 2021 keinen so großen Nachholbedarf wie viele andere Länder hat.

Hier wird Deutschland eindeutig unter Wert eingestuft. Dafür gibt es bei den drei anderen Faktoren Mobilität und vor allem Güte des Gesundheitswesens und Stand der humanitären Entwicklung hohe Bewertungen.

Das Ergebnis für den November insgesamt liegt in Deutschland weit unter dem Durchschnitt der anderen Länder. Alle west- und nordeuropäischen Länder stehen erstmalig besser da als Deutschland. Die Bilanz vor dem Regierungswechsel in Deutschland fällt somit nur mäßig aus.

Tabelle 1: Länderbewertungstabelle

Es ist lohnenswert, die in der Gesamtrangliste (über die letzten sieben Monate) führenden (zwölf) Länder auf Gemeinsamkeiten zu untersuchen (siehe Tabelle). Diese Länder haben einen Punktedurchschnitt von über 70, was auf einer üblichen Notenskala mit gut bis sehr gut einzustufen ist.

Seit Beginn der Bewertungen vor knapp einem Jahr gibt es vier führende Nationen, die jetzt immer noch ganz oben stehen. Vor den verstärkten Impfmöglichkeiten war zu Beginn Neuseeland mit seiner konsequenten No-Covid-Strategie führend.

Dann erfolgten ein Rückfall wegen der gefährlicheren Delta-Mutante und der zunächst relativ geringen Impfquote. Aufgrund des jetzt erhöhten Impftempos konnten danach Singapur und Norwegen die Spitzenpositionen einnehmen.

Weil in diesen beiden Ländern größere Infektionen ausgebrochen sind, ist seit drei Monaten Hongkong in Führung gegangen. Dieses Land hat exzellente Corona-Maßzahlen und schneidet auch bei den Kenngrößen zur Lebensqualität hervorragend ab.

Unter den zwölf bestplatzierten Ländern für das Jahr 2021 (siehe letzte Spalte der Tabelle) sind mit Hongkong, Singapur, Südkorea und China vier asiatische Staaten, und zwar demokratische und autokratische Länder.

Ferner gehören die nordeuropäischen Länder Norwegen, Dänemark, Finnland und mit leichtem Abstand wegen der missglückten Strategie zu Coronabeginn jetzt auch Schweden dazu. Den dritten Block bilden die vier westlich orientierten Staaten Neuseeland, Australien, Israel und Kanada.

Man kann den Erfolg dieser Länder mithilfe der Verbindungen innerhalb eines dreifachen Fundaments erklären, das aus der Regierung, der Bevölkerung und der Wissenschaft besteht.

Beziehung der Bevölkerung zum Staat relevant

In allen zwölf Ländern sind die Beziehungen zwischen diesen drei wesentlichen Säulen sehr stark ausgeprägt. So ist die Kommunikation zwischen Regierung und Bevölkerung nicht nur traditionell in den nordeuropäischen Staaten, sondern auch in Neuseeland, Australien und Kanada besonders positiv.

In den asiatischen Staaten besteht zwar eine andere Kultur mit mehr Gehorsam gegenüber dem Staat, aber das ist wie in Israel ebenfalls erfolgreich. Diese Kulturen haben ebenfalls ein ungestörteres Verhältnis zur (medizinischen) Wissenschaft und dieses zeichnet sich auch durch eine gute Zusammenarbeit mit der Politik aus.

Der Glauben an die Fähigkeiten der Regierung, die Pandemie abzuwehren, und der Wille, die aufgestellten Regeln zu befolgen sowie die Solidarität innerhalb der Bevölkerung tragen in hohem Maße zur Qualität der Seuchenabwehr in diesen Ländern bei. Ganz anders hingegen in Deutschland und den USA, die auf den Plätzen 23 und 25 weit zurückliegen.

Hier steht die Individualität der Menschen vor der Solidarität, ein größerer Teil ist staatsverdrossen oder zieht alternative Medizinansätze vor, wobei man häufig auf Ideologien beharrt und faktenresistent ist. In den USA ist diese schädliche Entwicklung schon sehr weit fortgeschritten, während in Deutschland noch Hoffnung besteht, eine weitere Spaltung der Gesellschaft abzuwenden.

Allein schon durch den Vergleich der beiden Plätze bzw. Punktwerte, die die Länder beim aktuellen November-Ranking und in der Gesamtrangliste für die zurückliegenden sieben Monate erzielen, lassen sich die Auf- und Absteiger in der zeitlichen Corona-Entwicklung ablesen.

Fünf Länder sind zuletzt besonders erfolgreich gewesen. Chile und Israel haben exzellente Impfquoten (Kriterium 5) verbunden mit hoher Mobilität (Kriterium 7).

Ähnliches gilt auch für Taiwan, Japan und Brasilien. Letzte bleiben jedoch insgesamt mangelhaft in der Bewertung. Europäische Länder, die in den letzten Monaten Spitzenpositionen eingenommen hatten, sind nicht dabei, weil die aktuelle hohe Infektionswelle dort Schaden anrichtet. Zu den Ländern, die die höchsten Einbußen bei den Punktwerten haben, insbesondere bei Kriterium 1 (Inzidenzen der monatlichen Infektionen) und Kriterium 4 (Positivrate), gehören die Schweiz, Norwegen und Deutschland sowie Singapur.

Die gerade sich stark ausbreitende neue Omikron-Mutante mischt die Karten neu. Sie ist wohl ansteckender und könnte sich in vielen Ländern bis Januar durchsetzen. Inwieweit sie den Immunschutz der Impfungen umgehen kann, ist zurzeit noch nicht geklärt. Aber gerade in der Wintersaison könnte es die europäischen Länder hart treffen. Es tritt damit eine Situation ein, die alle vor die nächsten Herausforderungen stellen werden.

Prof. Dr. Walter Mohr: Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, Lehr- und Forschungstätigkeiten an Fachhochschulen und Universitäten mit über 50 Veröffentlichungen, insbesondere in den Bereichen Zeitreihenanalyse und Wirtschafts- und Wahlprognosen sowie medizinischen Qualitätsuntersuchungen (eHealth).

Dr. Frank W. Püschel: Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften, Lehrtätigkeiten im Hochschulbereich, Forschungsschwerpunkt auf den Gebieten der Zeitreihenanalyse und Wirtschaftsprognosen. Aktuell tätig in der Geschäftsführung eines Medizinprodukteherstellers.

(Walter Mohr, Frank W. Püschel)