Wie hat das Bundeswehrlabor die Nowitschok-Vergiftung nachgewiesen?

Nawalny ist auf dem Weg der Besserung und will mit seiner neuen Bekanntheit möglichst umgehend nach Russland zurück. Nach einer Umfrage Ende 2019 wollten ihn nur 2 Prozent der Russen als Präsidenten, andere Politiker waren etwas beliebter

Alexei Nawalny, der nach seinem Kollaps in Russland zum gut geschützten Gast der Bundesregierung wurde, weil er einem Giftanschlag der russischen Regierung bzw. vom "System Putin" zum Opfer gefallen ist, während man sich den Flüchtlingen auf Lesbos deutlich weniger und langsamere humanitäre Hilfe zuteil kommen lässt, will nach eigenem Bekunden nicht in Deutschland bleiben und um Exil bitten, sondern nach seiner Entlassung aus der Charité wieder nach Russland zurückkehren.

Seine Sprecherin Krra Yarmish bestätigt die Intention Nawalnys: "Journalisten haben mir den ganzen Morgen geschrieben und mich gefragt, ob es wahr ist, dass Alexej plant, nach Russland zurückzukehren", schrieb sie. "Ich verstehe den Grund für die Frage, aber ich finde es noch immer merkwürdig, dass jemand anders denken könnte. Ich bestätige noch einmal allen: Es wurden nie andere Optionen in Betracht gezogen."

Nachdem er wochenlang durch den Anschlag zum Spielball politischer Interessen im Konflikt zwischen EU/Nato und Russland wurde und globale Aufmerksamkeit erhielt, ist er wohl jetzt auch in ganz Russland zu einer bekannten Person geworden, die einen größeren politischen Einfluss haben wird als je zuvor. Schließlich wurde er als größte Bedrohung für Putin dargestellt, was davor Bill Browder für sich in Anspruch nahm. Der drängt darauf, Nawalny zu benutzen, um ein europäisches Sanktionsgesetz durchzusetzen. Das ist zwar in Arbeit, aber er bedauert, dass es nicht zu einem weiteren Magnitski-Gesetz werden soll, um es sich selbst an die Fahne heften zu können. Der Magnitski-Fall ist ähnlich dubios wie nun das, was mit Nawalny geschehen ist. Vieles an der Geschichte, die Broder erzählt, stimmt nicht (Browder und das Magnitski-Narrativ: Ende einer Desinformationskampagne?). Dazu siehe auch den Film The Magnitsky Act - Behind the Scenes von Andrei Nekrasov.

Nach einer Umfrage des nicht vom Kreml gesteuerten und unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Levada-Zentrum vom Februar 2020, sagten in der Umfrage, die Ende Dezember durchgeführt wurde, gerade einmal 2 Prozent der Russen, sie würden Nawalny wählen. Das ist schon mehr als in den Jahren zuvor, als weniger als 1 Prozent dies sagten. Tatsächlich führt Putin in weitem Abstand mit 38 Prozent die Liste an, der Konkurrent mit den meisten Stimmen ist Wladimir Schirinowski von der rechtsextremen und nationalistischen Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR) mit auch nur chancenlosen 4 Prozent, gefolgt von Pawel Grudinin von der Kommunistischen Partei mit 3 Prozent. Warum man hierzulande Nawalny als den gefährlichsten Gegner Putins aufgebaut hat, verdankt sich vermutlich Unkenntnis oder politischem Interesse.

Gestern hat Nawalny über seinen Instagram-Account ein Foto aus dem Krankenhaus von sich, umgeben von seiner Frau Julia, seiner Tochter Dasha und seinem Sohn Zakhar, veröffentlicht - Aufmerksamkeitswert hoch, in wenigen Stunden gab es bereits mehr als eine Million Likes. Er wirkt tatsächlich wieder ganz munter drei Wochen nach dem angeblichen Nowitschok-Anschlag. John Helmer wies darauf hin, dass das Foto aus einer Perspektive gemacht wurde, die verhindert zu sehen, ob bei Nawalny eine Tracheotomie zur künstlichen Beatmung vorgenommen wurde, die man bei Julia Skripal deutlich sehen konnte. Das als eines der gefährlichsten Nervenkampfstoffe bezeichnete Nowitschok - um welche Substanz es sich handelte, ist weiterhin unbekannt -, konnte entweder von den russischen und deutschen Ärzten gut behandelt werden, auch wenn zunächst beiden Gruppen das Gift nicht bekannt war, und/oder Nawalny hatte das große Glück, dass er mit zu wenig Gift in Kontakt gekommen ist, das schon in kleinsten Mengen tödlich sein soll. Erstaunlicherweise hatte auch sonst niemand aus seinem Team, den anderen Passagieren und dem Flugpersonal sowie den Sanitätern, die ihn ins Krankenhaus brachten, Vergiftungserscheinungen. Auch die russischen Ärzte sollen ihn dort nicht mit Schutzanzug behandelt haben, das russische Labor stellte schließlich angeblich keinen Giftstoff fest.

Igor Nikulin, ein ehemaliges Mitglied der UN-Kommission für chemische und biologische Waffen, sagte in einem Interview mit Hinblick auf das Foto, er bezweifle ob Nawalny, der auf der Aufnahme gut aussehe, mit Nowitschok vergiftet wurde. Er verwies auf Skripal, von dem man nach der Vergiftung nichts mehr gesehen habe, obgleich die britischen Ärzte ihn sicher so gut wie die deutschen Nawalny behandelt hätten. Skripals Tochter mit einer leichteren Vergiftung trat noch einmal in einem Video auf, wo sie, abgesehen von der noch sichtbaren Tracheotomie-Narbe, völlig wiederhergestellt aussah. Nawalny sieht allerdings dünn und mitgenommen aus, was die Vermutung von Nikulin nicht gerade bestätigt.

Navalny also hat sich entschieden, schnell wieder nach Russland zurückzukehren. Er wisse, was ihm passiert ist und wo er sich befindet, und will nach Russland zurückkehren, um seine Mission weiter zu verfolgen. Wenig verwunderlich will er nicht mit den russischen Behörden zusammenarbeiten, was auch bedeuten dürfte, dass Deutschland dem Rechtshilfeersuchen der russischen Generalstaatsanwaltschaft nicht nachkommen wird. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft hatte erklärt, man werde Informationen über den Gesundheitszustand nur mit Nawalnys Zustimmung weitergeben. Die Frage ist nun, ob die Ergebnisse der Blut-, Urin- und Hautproben, in denen Nowitschok nachgewiesen worden sein soll, zu den persönlichen medizinischen Daten gehören werden. Allerdings gibt es da noch eine Wasserflasche, auf der ebenfalls nach einem Spiegel-Bericht und einem Artikel in The InsiderNowitschok-Spuren gefunden wurden, aber von dieser ist seitdem nicht mehr die Rede. Nur eine Nebelkerze des Spiegel? Fragen gibt es viele, die natürlich auch von Russland, beispielsweise von der Ständigen Vertretung Russlands bei der EU, gestellt werden.

Offen ist weiterhin, wann das Bundeswehrlabor, das schwedische und das französische Militärlabor und OPCW-Inspektoren Proben von Nawalny zur Untersuchung entnommen haben (von der Flasche ganz zu schweigen). Angenommen wird, dass bei Skripal das vor kurzem in die OPCW-Liste aufgenommene, also erst nach dem Anschlag verbotene Nowitschok A234 verwendet wurde. Offiziell hat dies die OPCW nicht bestätigt, aber offenbar gehen Insider aus Militärlaboren davon aus. Gleichzeitig belegen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, dass Nowitschok-Verbindungen westlichen Staaten schon lange bekannt sind, schließlich hatte Vil Mirzayanov, einer der Entwickler, 1994 bereits die Formel veröffentlicht und ist dem BND Nowitschok zugespielt worden, auch wenn unklar ist, welche Substanz. In dieser Studie wurde von Wissenschaftlern des U.S. Army Combat Capabilities and Development Command Chemical die Hydrolyse von A230, A232 und A234 untersucht, also wie schnell sich Nowitschok-Verbindungen in Wasser, also auch in einem Körper, auflösen.

Wie ließe sich Nowitschok nachweisen?

John Helmer hat Telepolis Aussagen eines britischen Toxikologen über die Möglichkeiten der Messung und Entdeckung eines Toxins vermittelt, der anonym bleiben will. Wir geben sie hier sinngemäß wieder, auch mit der Bitte um kritische Einwände und Ergänzungen.

Im Blut bzw. Serum könne die Ausgangsverbindung identifiziert werden, wenn sie selbst noch nachweisbar ist oder von den bindenden Rezeptorstellen extrahiert werden kann. Eine solche Extraktion sei im Fall von Nawalny erwähnt worden. Das wäre allerdings ein neuer wissenschaftlicher Ansatz zur Bestätigung einer Vergiftung mit einer Organophosphorverbindung. Solche Verbindungen werden für Chemiewaffen, aber auch für Pestizide und Insektizide verwendet. In Fällen einer zufälligen oder suizidalen Pestizidvergiftung sei die Verbindung klar und müsse nicht durch eine Analyse von Proben des Patienten identifiziert werden.

Ohne die Dosis und die Zeit zu kennen, die vor der Probeentnahme vergangen ist, und auch ohne Wissen, wie gut Nawalnys Leber funktioniert, würde ich dennoch vermuten, dass das Ausgangstoxin wahrscheinlich im Serum nicht mehr zu finden war, besonders weil die Dosis nicht tödlich war.

Metaboliten im Blut

Hingegen können im Serum Metaboliten identifiziert werden. So ist beispielsweise Benzoylecgonin (BZE) der hauptsächliche Metabolit von Kokain. Wenn BZE im Blut gefunden wird, dann wird nach britischem Recht ein Fahrer, auch wenn der Metabolit nicht mehr psychoaktiv ist, bestraft, wenn die Konzentration im Blut höher als 80 ng/ml ist. Die Nowitschok-Vernindungen sind kleine Moleküle, daher sind auch ihre Metaboliten kleine Fragmente. Die Metaboliten im Serum würden, um es noch einmal zu sagen, nicht eindeutig genug für einen positiven Nachweis sein.

Metaboliten im Urin

Die menschliche Leber leistet den größten Teil der Arbeit, nicht körpereigenes Material zu entfernen. Nahrung wird in Glukose verwandelt, Drogen und Toxine in wasserlösliche Glucuronide, also durch eine Bindung an Glucuronsäure (Glucuronidierung). Diese werden dann über die Niere an die Blase geleitet. Dieser Prozess beinhaltet eine Hydrolyse, was einfach eine Reaktion des Toxins auf Wasser bedeutet, um zu sehen, ob das beim Abbau hilft. Die oben genannte Studie des US-Militärlabors hat sich dafür interessiert.

Wenn es zu viel Toxin, beispielsweise durch Aufnahme von Alkohol, gibt, kann die Leber eine große Last nicht schnell genug metabolisieren, so dass die Ausgangsverbindung (z.B. Ethanol) im Urin gefunden werden kann. Es ist unwahrscheinlich, dass Nowitschok im Urin gefunden werden kann, zumal die Studie den Hydrolyse-Effekt dieser Verbindungen untersucht hat.

Zusammenfassung

Das Bundeswehrlabor könnte behaupten, man habe die Rezeptorbindung umgekehrt, die Ausgangsverbindung des neuen Nowitschok isoliert und dann dem französischen und dem schwedischen Labor berichtet, wie man vorgehen muss, oder, realistischer, diesen ihre Ergebnisse gegeben, wie dies gemacht wurde. Oder es wurde die Ausgangsverbindung von der Kleidung, der Mütze etc. genommen, was der Beweis wäre.

Es könnte auch eine Kombination sein: "Wir wussten aufgrund der Rückstände auf dem Wasserverschluss, nach was wir suchen mussten, und dann haben wir dies durch das Entbinden des gebundenen Nowitschok in Nawalnys Serum bestätigt." Dies würde erklären, warum die Russen dies nicht machen konnten oder nicht machten. (Florian Rötzer)