Wie im Fernsehen

Nach einer psychologischen Studie ahmen Kleinkinder emotionale Reaktionen von Erwachsenen im Fernsehen nach

Menschen wachsen zunehmend in Medienumgebungen auf. Das schließt ein, dass zu den Menschen, denen man leibhaftig begegnet, auch diejenigen kommen, mit denen man nur mittels der Medien umgeht. Im Fernsehen ist man als Zuschauer allerdings nur Voyeur. Gleichwohl können zumindest bei Kleinkindern offenbar auch diese virtuellen Vorbilder das emotionale Verhalten gegenüber der Welt prägen.

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Menschen sind soziale Wesen und wachsen in Gruppenverbänden auf. Dabei spielt die Aufmerksamkeit, die eine Person erhält und die sie für andere Personen aufwendet, eine große Rolle, die nicht nur das Verhalten untereinander regelt, sondern auch jeweils das Selbstwertgefühl bestimmt. Und natürlich lernen Kinder Verhalten anhand der Beobachtung des Verhaltens anderer Menschen. Seit Jahrzehnten hat sich bereits der TV-Bildschirm in diese soziale Struktur integriert, der Aufmerksamkeit abverlangt und ihr als Belohnung relativ mühelos stets Abwechselndes bietet. Darunter auch Menschen, die sich als entweder direkt an die Zuschauer richten oder die in ihrem fiktivem oder realem Leben beobachtet werden.

Die virtuelle Erweiterung der Bekanntschaften, die möglicherweise auch manche im wirklichen Leben ersetzen, da Fernsehen Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, die dann natürlich nicht für anders zur Verfügung stehen, bietet den Zuschauern wahrscheinlich das tröstende Gefühl, nicht mehr wirklich einsam und irgendwie über die Teilnahme am Leben der anderen in der Welt zu sein. Doch ähnlich wie im Umgang mit anderen Menschen, die man schätzt und denen man mit Aufmerksamkeit begegnet, können auch die Fernsehbekanntschaften Verhalten und Einstellungen prägen, verstärken, verändern - vor allem wenn es sich um Prominente handelt, die dank ihrer bereits akkumulierten Aufmerksamkeit diese weiter an sich binden und durch ihre Prominenz auch gemeinsame Bekannte in Gruppen sind.

Die Psychologinnen Donna Mumm von der Tufts University und Anne Fernald von der Stanford University berichten in ihrem Artikel "The Infant as Onlooker: Learning from Emotional Reactions Observed in a Television Scenario", der in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Child Development veröffentlicht wurde, über die Wirkung von Personen im Fernsehen auf Kleinkinder im Alter von 10 und 12 Monaten.

Während Kinder bis zu einem Alter von 10 Monaten offenbar vom Fernsehen noch nicht beeindruckt sind, weil sie vermutlich nicht verstehen können, was dieses Fenster in eine andere Welt bedeutet, so scheinen Einjährige schon durch das beobachtete Verhalten von Erwachsenen im Fernsehen geprägt zu werden. Das wäre natürlich auch ein Ergebnis, das wiederum wichtig für die weiterhin umstrittene Medienwirkungsforschung in Bezug auf Gewaltdarstellung sein könnte. Allerdings war dies nicht Thema der Studie, zudem war das Versuchsdesign sehr einfach und hat für die Untersuchung komplexerer Sachverhalte wenig Bedeutung.

Für die Studie filmten die Wissenschaftlerinnen eine Schauspielerin, wie sie auf unterschiedliche Gegenstände wie einen Ball oder einen spiralförmigen Briefhalter unterschiedlich mit ihrem Gesichtsausdruck und ihrer Stimme reagiert. Manchen Gegenständen wandte sie sich erfreut zu, manche ignorierte sie und gegenüber manchen zeigte sie Ablehnung. Bevor sie den Film gesehen haben, spielten die Kleinkinder angeblich unterschiedslos mit allen Gegenständen, danach aber haben sie das Verhalten der Schauspielerin nachgeahmt. Wenn die Schauspielerin auf einen Gegenstand negativ reagiert hatte, vermieden die Kinder diesen und wandten sich lieber dem anderen zu. Mumm interpretiert das so:

"Schon Kinder im Alter von 12 Monaten treffen Entscheidungen auf der Grundlage der emotionalen Reaktionen der Erwachsenen in ihrer Umgebung. Es zeigt sich, dass sie auch emotionale Informationen verwenden können, die sie vom Fernsehen beziehen. Das bedeutet, dass Erwachsene zweimal überlegen sollten, bevor sie in einem harschen oder überraschten Tonfall sprechen oder ein Kleinkind eine an ältere Personen gerichtete Fernsehsendung sehen lassen."

"Interessant" könnte das Ergebnis möglicherweise vor allem für die Werbung sein, um die Kinder für bestimmte Produkte zu begeistern, falls denn die Demonstrationen der Fernsehbekanntschaften tatsächlich anhaltend wirken und ihr Verhalten sich wie ein Mem in die aufnahmebereiten und noch wenig resistenten Hirne einprägen sollte. (Florian Rötzer)

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