Wie können wir besser mit Medikamenten, Genussmitteln und Drogen umgehen?

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Einführung zur Serie über Drogenpolitik

Die zahlreichen Widersprüche in der Drogenpolitik lassen sich nicht mehr leugnen: Die heutige Regulierung ist traditionell verwurzelt und von politischen Interessen beeinflusst. Insbesondere haben die USA im 20. Jahrhundert ihre Verbotsideen, hinter denen ursprünglich die Ausgrenzung von Minderheiten wie Gastarbeitern oder Hippies stand (Mit Drogenpolitik wird Sozial- und Migrationspolitik gemacht), international durchgesetzt. Was dabei herauskam und in heute fast allen Ländern gilt, spiegelt die wissenschaftlichen Ergebnisse zur Gefährlichkeit verschiedener Substanzen nicht gut wider (Die Doppelzüngigkeit der Gesundheitspolitik).

Dabei waren noch im 19. Jahrhundert Kolonialmächte wie Großbritannien oder Frankreich selbst die größten Drogendealer und führten sogar Kriege zur Durchsetzung ihrer Macht- und Handelsinteressen. In Deutschland hatte man zwar den Höhepunkt der Kolonialzeit verpasst, dafür aber früher als andere Länder den leistungssteigernden Nutzen - nicht so sehr die damit einhergehenden Risiken - stimulierender Substanzen wie Amphetamin ("Speed") militärisch untersucht. Den "Blitzkrieg" führten viele Wehrmachtsoldaten auf Drogen (siehe etwa Norman Ohlers "Der totale Rausch: Drogen im Dritten Reich").

Den von US-Präsidenten Richard Nixon Ende der 1960er ausgerufenen "Krieg gegen die Drogen", wo der wenige Jahre vorher ermordete John F. Kennedy wahrscheinlich für eine liberalere Politik gestanden hätte, muss man heute als gescheitert ansehen. Absurderweise ist gerade in den repressiven USA die Anzahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Drogen und Medikamenten in den letzten Jahren rasant gestiegen.

Insbesondere kosteten dort Überdosen von Opioiden (starken Schmerzmitteln) 2017 fast 50.000 Menschen das Leben (vor allem Männer), wodurch vor dem Jahr 2000 noch weniger als 10.000 Menschen jährlich gestorben waren. Zum Vergleich: Bei Unfällen im Straßenverkehr kamen dort 2017 rund 37.000 Menschen ums Leben. Die sogenannte Opioidkrise der USA geht aber nicht nur auf das Konto der Drogenszene. Auch Pharmaunternehmen und Ärzte haben zur massenweisen Verbreitung der Substanzen beigetragen - und daran kräftig mitverdient.

Wir sehen aber auch deutliche Lockerungstendenzen: Nach den Niederlanden und Portugal probiert man in immer mehr Staaten Nordamerikas die Legalisierung von Cannabis aus. International gerät zudem der mögliche medizinische Nutzen vieler heute (noch) verbotener Substanzen vermehrt in den Fokus von Wissenschaft und Gesundheitspolitik. Die bahnbrechende Forschung des Züricher Psychiatrieprofessors Franz X. Vollenweider zur Behandlung psychischer Störungen mit bewusstseinsverändernden Substanzen wie Psilocybin, Ketamin oder MDMA (Ecstasy) seit inzwischen mehr als 20 Jahren sei hier nur als Beispiel angeführt.

Was nicht verboten ist, ist erlaubt!

Im rechtsstaatlichen Kontext einer politisch liberalen und demokratischen Verfassung bedarf nicht die Legalisierung, sondern das Verbot einer besonderen Begründung: Was nicht verboten ist, ist erlaubt! Auch in Deutschland hat das Bundesland, das am härtesten gegen Drogen vorgeht - nämlich Bayern -, mit Abstand die meisten Todesfälle zu verzeichnen (Warum repressive Drogenpolitik nicht funktioniert). Die heutige Gesetzeslage bindet Ressourcen von Polizei und Justiz, die an anderer Stelle fehlen. Dabei gäbe es ohne die Verbote einen Großteil der Drogenkriminalität gar nicht.

Die neue Artikelserie über Drogenpolitik beginnt mit einem Beitrag Christian P. Müllers, Professor für Suchtmedizin an der Universitätsklinik Erlangen. In "Die Droge als Instrument: Psychologische und neurobiologische Mechanismen der Drogeninstrumentalisierung" fasst er wesentliche Forschungsergebnisse zu Nutzen und Risiken verschiedener Substanzen (auch des Alkohols) zusammen. Müller plädiert dafür, die Chancen des Substanzkonsums nicht zu übersehen. Die meisten Menschen wüssten sehr gut, was sie täten und welche Zwecke sie damit beabsichtigten. Entscheidend sei die bestmögliche Aufklärung der Konsumenten.

In meiner Replik "Drogen als Instrumente - zur Anpassung? Kritische Anmerkungen zum Vorschlag, Drogen zum Erreichen von Zielen einzusetzen" weise ich darauf hin, dass die Aufhebung von Verboten mit einem zunehmenden Druck auf die Menschen einhergehen wird, sich an gesellschaftliche Verhaltens- und Leistungsnormen anzupassen. Diese Tendenz sehen wir heute schon sehr deutlich bei der Verschreibung von Psychopharmaka und beim "Gehirndoping" (Gehirndoping und die süchtige Arbeitsgesellschaft). Darauf reagiert Christian Müller in seiner kurzen Replik "Drogen als Anpassung - weil wir es können?"

Den vorläufigen Abschluss der Serie bildet mein Artikel "Medikamente und Drogen im Wandel gesellschaftlicher Erwartungen". In diesem zeige ich auf, wie sich unser Denken über Drogen im Laufe der Zeit verändert. Insbesondere ist die Unterscheidung in die Kategorien Genussmittel, Medikament und Droge abhängig von Wertvorstellungen und in diesem Sinne ein sozial-politisches Konstrukt.

So mache ich am Beispiel der Stimulanzien wie Methylphenidat ("Ritalin") und Amphetamin ("Speed") zur Leistungssteigerung die Doppelmoral in unserem Umgang mit den Mitteln deutlich: Wenn immer mehr Kinder, Jugendliche und inzwischen auch junge Erwachsene vom Arzt diese Mittel verschrieben bekommen, weil sie angeblich an einer - auch nach über 100 Jahren immer noch nicht objektiv feststellbaren - Aufmerksamkeitsstörung leiden, dann gilt das als richtig; wenn Soldaten sich ihrer bedienen, um im Einsatz besser zu funktionieren, auch dann gilt das als wünschenswert; wenn aber Jugendliche oder junge Erwachsenen dieselben Mittel nehmen, um etwa auf Partys mehr Spaß zu haben, dann ist das auf einmal ein Drogendelikt, mit dem sich Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte beschäftigen sollen (und nach dem Legalitätsprinzip sogar müssen).

Die Überwindung des einfachen Dualismus zwischen (guten) Medikamenten und (bösen) Drogen eröffnet neue Gestaltungsräume in der Diskussion über die beste Drogenpolitik. Damit trete ich keineswegs für eine radikale Freigabe der heute kontrollierten Substanzen ein. Mir geht es vielmehr darum, aufzuzeigen, wie unsere Kultur das Denken über und den Umgang mit den Substanzen prägt. Kritisches Denken und wissenschaftliche Ergebnisse können und sollen den unbefriedigenden Status quo verbessern.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)