Wie kommt man ins Maul des Drachen?

..und schaut ihm bei der Artikulation zu: Forum-News aus der Dschihadosphäre

Welche westlichen Bücher lesen die Entscheider-Dschihadis? Was steht z.B. bei al-Qaida-Vize Sawahiri im Bücherregal? Was empfiehlt der Durchschnittsdschihado? Wie nennt man den Zeigefinger eines militanten Salafisten? Wovon träumt der echte Dschihadist? Warum schreiten die Salafisten (noch) nicht in die Kämpfe im Libanon ein? Was will Osama Bin Laden mit seinen Kommentaren zu Israels Geburtstag? Was posten Forumsteilnehmer von bekannten islamistischen Webseiten? Und wie kommt man in ein islamisches Forum?

Der Vize vor seinem Bücherregal

Antworten auf diese Fragen finden sich auf dem kürzlich ins Leben gerufenen Blog Jihadica.com. Dort erfährt man, dass al-Qaidas Sawahiri das ins Arabische übersetzte Buch "Common Sense: A Study of the Bushes, the CIA, and the Suspicions Regarding 9/11" von Kenyon Gibson, einem amerikanischen Autor, der dem Hanf und Verschwörungstheorien literarisch zugetan ist, im Regal hat – herausgefunden hat dies ein Forumsteilnehmer der islamistischen Webseite al-Ekhlaas, das der Betreiber von Jihadica regelmäßig besucht, um dort geäußerten Tendenzen, Denkrichtungen, Diskussionen, Mobilisierungsdiskursen und Argumenten von Salafisten nachzuspüren.

Zum festen Repertoire der Forumsmitglieder gehören offensichtlich Buchempfehlungen, wie jene des Ekhlaas-Forumsteilnehmers, namens Rahib Irhab, was englisch als ”Terrible Terrorism” wiedergegeben wird, der seinen Kollegen das Buch "Inside Jihad" von Omar Nasiri nahelegt, damit sie daraus lernen könnten, wie militante Gruppen unterwandert werden. Der Empfehlungsliteraturlink eines weiteren Forumsteilnehmers führt zu einem PDF-Download der Encyclopedia of Modern U.S. Military Weapons.

Der Link würde typischerweise zu einer Rapid-Share-Seite führen, um rechtlichen Ärger für die Forumsverantwortlichen zu vermeiden; die meisten Links aus Dschihadi-Foren seien nur temporär nutzbar, klärt Blog-Betreiber William McCants seine Leser auf. Sie erfahren auch, dass Sawahiri in seiner Wahl des Gibson Buches nicht weit vom arabischen Mainstream entfernt ist. Neben Verschwörungstheorien seien auch Übersetzungen von Noam Chomsky und Michael Moore beliebt, was laut McCants das Verständnis der Araber für die Absichten der USA in der Region ziemlich prägen würde.

Das Blog von William McCants versteht sich nach eigener Darstellung als "Clearinghouse" für „Materialien, die sich auf den militanten, übernationalen sunnitischen Islamismus - gewöhnlich unter dem Begriff Dschihadismus bekannt – beziehen“. Eine für die größere Öffentlichkeit zugängliche Quelle zur Erforschung eines komplexen Phänomens also von dem viel die Rede ist, das aber nicht nur aus sprachlichen Gründen und wegen ideologischer Hindernisse ein schwer zugängliches Gebiet ist:

At the moment, much of this material is diffuse, known only to a few specialists, and inaccessible to the public and policymakers unless they pay a fee. Jihadica provides this material for free and keeps a daily record of its dissemination that can be easily searched and studied.

McCants kennt sich hier aus. 2005 übersetzte er im Auftrag des Olin Institute for Strategic Studies der Harvard-Universität ein als stragisches Schlüsselwerk der al-Qaida bezeichnetes Buch: The Management of Savagery von Abu Bakr. Seit Jahren gilt McCants als führender westlicher Fachmann für „Dschihadi-Studies“, vor allem was Strategien und ideologische Hintergründe betrifft; McCants arbeitet am Combating Terrorism Center der Militärakademie West Point, wo er grundlegende Arbeiten veröffentlich hat, und ist nicht nur für Medien ein oft gefragter Experte, sondern auch für das FBI – der Verdacht auf eine geistige Nähe zu Memri oder ähnlich voreingestellten Übersetzerdiensten, bzw. vom Feindbild betörten Islamistenjägern, der in diesem Zusammenhang aufkommen könnte, bestätigt sich bei der Lektüre von McCants Texten zum Glück nicht. Hier zeigt sich eine ganz andere Klasse, was auch von anderen fachkundigen Bloggern, die sich wissenschaftlich mit der islamistischen Bewegung auseinandersetzen, bestätigt wird.

Das Jihadica-Blog ist dabei leichter zugänglich als die meist sehr umfangreichen Schriften von McCants. Er dokumentiert auf eine wohltuend unpolemische und sachbezogene Art einen Einblick in die Denkweise von Salafisten.

So etwa wenn es um die Schwierigkeiten der miltanten sunnitischen Dschihados geht, eine Position in einem Konflikt zu finden, auf den sie sich mit dem Bild „im Maul des Drachen“ beziehen - die bürgerkriegbeschwörenden Auseinandersetzungen im Libanon. Da der Konflikt von islamistischer Seite federführend von der schiitischen Hisbullah bestritten wird, wird über eine etwaige Beteiligung im Kampf gegen den Staat unter den sunnitischen Eiferern kontrovers argumentiert: Lebanon in the Mouth of the Dragon: Why Aren’t the Salafis Fighting?.

Die Macht der Foren

Wie groß die Macht der Foren in der „Jihadosphere“ sein kann, zeigte sich laut McCants zuletzt in den jüngsten Erklärungen Osama Bin Ladens zum 60.Geburtstag von Israel. Dem ersten „Palästina-Statement“ von Bin Laden, das am 16.Mai von as-Sahab veröffentlicht und verteilt wurde, seien Monaten des Drucks vorausgegangen, in denen Dschihadis al-Qaida online dazu aufgefordert habe, „etwas in den besetzten Gebieten zu unternehmen“.

Die zweite "Botschaft" Bin Ladens zu Palästina und Israel, die am 18.Mai bekannt wurde, und die nicht wie die erste an den Westen, sondern an die Muslime adressiert war - „Muslims, Bin Laden argues, will only reclaim Palestine from the Jews by fighting, not compromising, since the only law that matters today is 'the law of the predator.' To fight a wolf, you have to be a wolf“ - regt bekannte Dschihad- Experten augenblicklich zu größeren Spekulationen über die neue Al-Qaida-Strategie in den Pästinensergebieten an.

Möglich, so McCant in seinem gestrigen Posting, dass der Erwartungsdruck, den Bin Laden mit seinen Reden genährt hat, so hoch wird, dass die Kommandozentrale der al-Qaida sich bald mehr einfallen lassen muss als bloße Erklärungen:

Bin Laden may only be throwing a bone to the Jihadis online and to those living in countries surrounding around Israel, but this sort of talk (increasingly frequent) also creates expectations, which in turn creates pressure for the al-Qaeda High Command to do more than talk.

(Thomas Pany)

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