Wie krank ist Clinton?

Auch die Mimik der Kandidatin befeuerte Spekulationen über ihren Gesundheitszustand. Foto: Lucas Cobb. Lizenz: CC BY 2.0

Mehr als ihre angeschlagene Gesundheit könnte der Kandidatin der Demokraten ihre mangelnde Transparenz schaden

Am 8. Januar 1992 erbrach sich der damalige US-Präsident George Bush senior über den damaligen japanischen Premierminister Kiichi Miyazawa. Das Ereignis weckte bei vielen Wählern nachhaltige Zweifel an Bushs Gesundheitszustand und gilt als einer der Gründe, warum der Republikaner die Präsidentschaftswahl am 3. November 1992 gegen Bill Clinton verlor. Dass wissen auch die aktuellen Präsidentschaftsbewerber Hillary Clinton und Donald Trump, die beide den Eindruck erwecken wollen, trotz ihres fortgeschrittenen Alters fit für das oberste Staatsamt zu sein.

Clinton ist mit 68 zwar zwei Jahre jünger als Trump, hat aber in Sachen Gesundheitseindruck die schlechteren Karten, nachdem sie ein Zuschauer am Samstag dabei filmte, wie sie bei einer Gedenkveranstaltung zum 15. Jahrestag der Anschläge auf die World-Trade-Center-Türme schwankte, stolperte und gestützt werden musste. Anschließend verbrachte man sie in die Manhattaner Wohnung ihrer Tochter, die sie später mit der Bemerkung verließ, es gehe ihr "großartig" und es sei "so ein schöner Tag in New York".

Nachdem das Amateurvideo viral wurde und nach den Sozialen auch die Mainstreammedien erreichte, hieß es aus Clintons Wahlkampfteam erst, die Kandidatin habe wegen der Veranstaltung im Freien zu viel Hitze abbekommen und ihr Körper sei dehydriert gewesen. Später teilte Clintons Ärztin Lisa Bardack mit, man habe bei der Präsidentschaftskandidatin schon am Freitag eine Lungenentzündung diagnostiziert und ihr deshalb Antibiotika verabreicht. Beobachter in Sozialen Medien hatten bereits letzte Woche bemerkt, dass Clinton auf einer Wahlkampfveranstaltung in Cleveland, Ohio auffällig oft husten musste. Bardack hatte das erst mit einer angeblichen Allergie erklärt - und Clinton selbst scherzte, sie reagiere wohl allergisch, wenn sie an ihren Konkurrenten Donald Trump denke.

Dieser Kaskade voneinander abweichender Erklärungen dürfte Clintons extrem schlechte Glaubwürdigkeitswerte nicht gerade verbessern, sondern wird wohl weitere Amerikaner davon überzeugen, dass man der ehemaligen Außenministerin nicht trauen kann. Der Journalist David Frum fasste diesen Effekt wie folgt zusammen: "Lektion für die nächsten vier Jahre: Egal worum es geht, glaube nie die erste Antwort aus Hillary Clintons Weißem Haus".

Der eher lockere Umgang mit der Wahrheit, den die Politikerin unter anderem bei ihren Aussagen zur E-Mail-Affäre an den Tag legte, trug auch dazu bei, dass bereits vor dem New-York-Video viel über ihre Gesundheit spekuliert wurde (vgl. Medienschlacht um die Gesundheit von Clinton und Trump). Ebenfalls Anteil daran hatte eine Gehirnerschütterung, die sie sich zuzog, als sie im Dezember 2012 - angeblich aufgrund einer Magen-Darm-Infektion - das Bewusstsein verlor. Ein Blutgerinnsel, dass damals operativ entfernt werden musste, sorgte dafür, dass eine Anhörung zur Bengasi-Affäre ausfiel. Später machte Clinton dieses Blutgerinnsel für angebliche Gedächtnislücken verantwortlich.

Wegen ihrer aktuellen Erkrankung musste die Ex-Präsidentengattin eine Reise nach Kalifornien absagen, wo sie Spenden sammeln, eine Wahlkampfrede zur wirtschaftlichen Entwicklung halten und in der Fernsehshow von Ellen DeGeneres auftreten wollte. Dem Journalisten David Shuster zufolge gab es außerdem ein - nicht offiziell bestätigtes - Geheimtreffen der demokratischen Parteiführung, die darüber beraten haben soll, ob man die Kandidatin austauschen muss. Das DNC kam dabei angeblich zum Ergebnis, dass die Entscheidung den Parteiregeln nach vollständig in den Händen Clintons liegt, weshalb sich Anhänger von Bernie Sanders keine falschen Hoffnungen machen sollten.

Auch Donald Trump, der Clinton via Fox News gute Genesung wünschte, glaubt nach eigenen Angaben nicht, dass er sich noch auf einen anderen demokratischen Kandidaten umstellen muss, betont jedoch, er sei für alles bereit, "was auch immer passiert". Informationen von CNN und Bloomberg nach hat er sein Wahlkampfteam am Sonntag angewiesen, das vorher durchaus präsente Thema Clinton-Gesundheit vorerst nicht mehr anzusprechen.

Clintons Zusammenbruch setzt indirekt auch Trump unter Zugzwang, mehr als das bislang veröffentlichte kurze Gesundheitszeugnis herauszugeben, dessen ungewöhnlich lobender Superlativ-Duktus manche Beobachter daran zweifeln ließ, ob es tatsächlich von einem Arzt verfasst wurde. Später stellte sich heraus, dass dem wirklich so ist - auch wenn dieser Arzt noch exzentrischer frisiert ist als der Milliardär. Seine wenig medizinische Wortwahl rechtfertigte der Mediziner damit, dass er das Gutachten in Eile verfasst und sich wahrscheinlich unbewusst der Ausdrucksweise des Auftraggebers angepasst habe. Nun will Trump die Ergebnisse einer detaillierteren Untersuchung veröffentlichen, die angeblich schon durchgeführt wurde.

Nicht unbedingt für einen guten Gesundheitszustand Hillary Clintons spricht auch die inzwischen öffentlich bereute Bemerkung, bei der Hälfte von Trumps Unterstützern handle es sich um "bedauernswerte Rassisten, Sexisten, Homophobe, Ausländerfeinde [und] Islamfeinde", die " zum Glück nicht Amerika" seien. Trump twitterte darauf hin nur: "Wow, Hillary Clinton war so beleidigend gegenüber meinen Unterstützern, Millionen beeindruckender, hart arbeitender Menschen. Ich glaube, das wird sie in den Umfragen einiges kosten".

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