Wie legitim ist die Neuzeit?

Die ideengeschichtliche Auseinandersetzung zwischen Blumenberg und Schmitt, jüngst in einem Briefwechsel dokumentiert, wirft mehr Fragen auf als Antworten

Sich in Briefform auszutauschen, ist vollkommen aus der Mode gekommen. Telefon, SMS oder Email haben die Kommunikation unter Abwesenden ersetzt. Auch Dispute und Konflikte zwischen Personen, Gruppen oder Parteiungen werden häufig nur noch via Bildschirm und Massenmedien ausgetragen. Leider, ist man genötigt zu sagen, wenn man den Briefverkehr zwischen Hans Blumenberg und Carl Schmitt zur Hand nimmt, den die beiden Herausgeber, Alexander Schmitz und Marcel Lepper, angereichert mit umfangreichem Hintergrundmaterial, Abbildungen und einem informativen Nachwort soeben im Suhrkamp Verlag publiziert haben.

Kultivierter Austausch unter Andersdenkenden

Dort kann man noch einmal jene hohe Kunst des kultivierten Austauschs bewundern, den Gebrauch geschliffener Worte und zugespitzter Rede, die durch elektrisch-elektronisches Zeugs der Vergangenheit angehört. Aber nicht nur das: Die fünfzehn Briefe, die sich die beiden Gelehrten zwischen 1971 und 1978 zugesandt haben, in einer Zeit, die hierzulande von Gewalt, Gesinnungsschnüffelei und Terror geprägt war, geraten unversehens zum Lehr- und Musterbeispiel, wie eine intellektuelle Auseinandersetzung trotz widerstreitender Positionen, Herkünfte und Traditionen frei von ideologischen Scheuklappen und persönlichen Eitelkeiten in gegenseitiger Hochachtung und Wertschätzung geführt werden kann.

Carl Schmitt, Bild: Archiv Carl Schmit - Förderverein Plettenberg e.V.

Allein der Sache verpflichtet und am Mehrwert des Gedankens orientiert, wird man Zeuge, wie der verfemte Kronjurist, „katholische Verschärfer“ und Begriffsfetischist mit dem Philosophen, „Halbjuden“ und Metaphorologen disputiert, der Gnostiker, Substanzdenker und letzte Anhänger des jus publicum Europaeum mit dem Funktionalisten und Verfechter wissenschaftlicher Vernunft. Obwohl selbst Überlebender eines Konzentrationslagers, solidarisiert sich Blumenberg 1976 gar mit dem „intellektuellen Abenteurer“ Schmitt.

Hans Blumenberg, Bild: (c) Suhrkamp Verlag

Der hatte das Zitieren jüdischer Autoren zwar am Vorabend von WK II höchstselbst verboten und „wahrhaft abscheuliche Dinge“ von sich gegeben, wie Blumenberg schreibt, die im damaligen „intellektuellen Milieu“ üblich waren und bis heute „nicht ausgestorben“ sind, war nach dem Krieg aber selbst „Opfer“ intellektueller Verfemung und Ausgrenzung einer ebenso selbstgerechten wie „konformistischen Öffentlichkeit“ geworden. Ganz offenbar hat der Münsteraner Philosoph mehr als bisher bekannt unter der Lautstärke der studentischen Megaphone gelitten, die damals Seminarräume und Vorlesungssäle beschallten. Auch er sieht sich seinerzeit im Rang eines Verfolgten, der von politischen Aktivisten an der Ausübung seiner Deputats- und Lehrpflichten gehindert wird.

In einem Brief an Jacob Taubes am 24.5.1977 demonstriert er eindrucksvoll sein Desinteresse an einer moralischen Bewertung bundesrepublikanischer Geschichte. Darin wettert Blumenberg gegen alle „moralischen Zensoren“, die „an allen Ecken und Enden ihre Gerichtstage halten, wieder Schilder umhängen und Plätze auf der Skala zwischen Rechts und Links verteilen“ und zeigt sich als wahrer Sturkopf, der, wie man vermuten kann, gerade deswegen 1971 auch den Kontakt zu Carl Schmitt gesucht hat.

Neugründung der Moderne

Das Feld, auf dem sich die Fragen entzünden, ist das Gebiet der Anthropologie. Anlass der Kontroverse ist „Die Legitimität der Neuzeit“, jenes Buch also, das Blumenberg 1966 veröffentlicht und mit dem er schlagartig bekannt wird. Darin hatte er die Leistungsfähigkeit der „Säkularisierungsthese“ Schmitts, wonach alle säkularen Begriffe theologischer Herkunft sind, als Kampfbegriff abgetan und die Neuzeit als funktionales Äquivalent des frei gewordenen Platz des Königs durch das autonome Subjekt interpretiert.

In den Augen Blumenbergs bedeutet „Säkularisierung“ ursprünglich die unrechtmäßige Enteignung kirchlicher Güter und Vorstellungen aus dem kirchlich-geistlichen Besitz. Die „Illegitimität“ steht folglich am Anfang der „Verweltlichung“, indem sie sich Dinge und Ideen aneignet, die ihr gar nicht gehören und diese widerrechtliche Aneignung obendrein auch noch invisibilisiert.

Das Heranrücken an Schmitts Positionen ist aber nur eine vordergründige und scheinbare. Der Metaphorologe, der sich bekanntlich im „Vorraum des Denkens“, im „Vorbegrifflichen“ aufhält, zielt auf den Untergrund und Subtext des Begriffs. Da es weder ein Epochen überschreitendes Substrat gibt, das sich im Wechsel der Zeiten durchhält, noch einen Grundschatz an festen Ideen und Glaubenssätzen, die sich in neuer oder anderer Gestalt zeigen, kann es, so folgert Blumenfeld, auch keine Erbschuld geben, die die neuzeitliche Vernunft gegenüber der Theologie abtragen müsse. Vielmehr habe sie sich in einer eigentümlichen Art von „Selbsthauptungswillen“ selbst wie einst Münchhausen am Schopf aus dem Sumpf aller frömmelnden Gotttümelei herausgezogen. Schlagendes Beispiel dafür sei die Fortschrittsgläubigkeit, die Wissbegierde des Menschen und sein Wunsch nach Perfektibilität, die auf die aktive Kraft des geschichtsmächtigen Subjekts setzt.

Verzehr alter Bestände

Schmitts Hellsichtigkeit zeigt sich darin, dass er trotz aller Beiläufigkeit, mit der Blumenberg seine „Politische Theologie“ handstreichartig abserviert, in dieser strukturellen Umwidmung sofort einen Generalangriff auf die Fundamente seiner Lehre erkennt.

Was Blumenberg als „legitim“ bezeichne, entpuppe sich bei juristischem Licht betrachtet höchstens als „legal“. Legitim habe es immer mit Dauer, Alter, Herkommen und Tradition zu tun, während „legal“ immer auf die „Unverbrüchlichkeit des Gesetzes“ abziele. Nur deswegen könne Blumenberg die theoretische Neugierde auch der Rechtfertigung für unbedürftig erklären. „Die Erkenntnis“, heißt es dort, „bedarf keiner Rechtfertigung, sie rechtfertigt sich selbst; sie verdankt sich nicht Gott, […] sondern ruht in ihrer eigenen Evidenz.“ Ihre Immanenz und „creatio ex nihilo“, die sie ist, wendet sich polemisch gegen jede Form von theologischer Transzendenz.

Es verwundert daher nicht, dass Schmitt Blumenberg des unlauteren Vermanschens diffuser Positionen zeiht. Er führt an, dass es ihm als Juristen vor allem um die systematische Entwicklung spezifischer Begriffe zu tun ist. In dieser Eigenschaft pflege er einen „Säkularisierungsbegriff“, der sich primär am frühneuzeitlichen Codex Juris Canonici ausrichte, der einen Transfer theologischer Motive ins Feld des Politischen erlaubt habe. So sei es dem europäischen Völkerrecht beispielsweise gelungen, das Freund-Feind Verhältnis in eine formale Rechtsbeziehung zu kleiden. Dadurch habe es einen „nicht-diskriminierenden Kriegsbegriff“ geschaffen, der fortan vom Recht und nicht mehr vom Gutdünken einer Ideologie oder Moral bestimmt sei.

Diese kontinuierliche Dynamik, die von der Theologie über die Politik zum Recht führt, behaupte sich vor allem in Zeiten der Krise. Im Ernstfall, wenn der Souverän gezwungen wird, sein „wahres Gesicht“ zu offenbaren, zeige sich, so Schmitt, die Brüchigkeit aller Aufklärung, Vernunft und Liberalität. Im Aufruhr, im Generalstreik oder im Krieg durchbreche, „die Kraft des wirklichen Lebens“, wie wir in der „politischen Theologie“ lesen, „die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik.“

Schmitt zitiert Gregor von Nazianz, der „das Eine immer im Aufruhr gegen sich selbst“ sieht. Stasis bedeute alttestamentarisch immer auch Bewegung, Aufruhr, Tumult. Die Überwindung von Finsternis, Fremdheit und Feindschaft ist trotz vollmundiger Versprechen und Ankündigungen der Neuzeit nicht gelungen. Für Schmitt bewahre der Mensch seine „Freiheit durch Untaten, nicht durch Taten“. Darum können Herren und Knechte auch niemals Freunde werden. Der revolutionäre Kampf um Anerkennung ist und bleibt auch weiterhin eine ebenso feindliche wie tödliche Auseinandersetzung. Man schafft ihn nicht aus der Welt, indem man die Revolution oder den Staatenkrieg einfach verbietet oder moralisch ächtet.

Schon deswegen sind allen Enttheologisierungs-, Entpolitisierungs- und Neutralisierungsbestrebungen von Haus aus enge Grenzen gesteckt. So sehr Apolitiker das Politische auch in institutionelle Wirkzusammenhänge zu verstricken, zu bändigen oder abzuschwächen versuchen, in Verträge, Diskussionen und Kompromisse, finden sich dafür neue Akteure und Gruppierungen, erwacht seine „nackte Gestalt“ erneut. Der Ernst des Politischen wird wieder hergestellt.

Geringfügige Annäherung

Blumenberg gibt Schmitt in Maßen Recht, ohne aber an der „Unvereinbarkeit der Positionen“ zu rütteln. Frage er nach dem „Erhalt“ von Dingen und Gegenständen, gehe Schmitt immer vom „Extrem“ aus, von Gut und Böse, Ausnahme und Normalfall, Wunder und Zeichen. Der „occidentale Rationalismus“ habe den „Ausnahmefall“ aber mit guten Gründen verworfen. Schon für Pierre Bayle gelte, dass nur „ein Staat aus Atheisten ein guter und einwandfrei funktionierender Staat sein kann.“ Ein kurzfristiges Scheitern der Aufklärung muss daher nicht gleich bedeuten, hinter ihre Begrifflichkeiten zurückzufallen und auf ihre säkularisierten Formen zurückzugreifen.

Gleichwohl gibt er aber zu, eine Sichtweise favorisiert zu haben, die ihm durch Schmitts Replik nun deutlicher geworden sei. Die von ihm als „legitim“ ausgewiesene Neuzeit sei eine historische Kategorie, und keine systematische. Auch bevorzuge er eine deskriptive und keine normative Herangehensweise. Darum könne die neuzeitliche Vernunft auch nicht als Epoche der „Selbstermächtigung“ begriffen werden. Anders als Schmitt sei er überzeugt, dass die Legitimität einer Epoche gerade im Bruch mit der Vergangenheit bestünde, beispielsweise in der Trennung von Weltlichkeit und Spiritualität, der Abkehr vom Absoluten und der Einführung von Gewaltenteilung.

Und genau hier liegt auch die Bruchstelle, der „Kern der Differenz“. Schmitt, der Tiefendenker und Stifter historischer Identität, geht von einer gnostischen „Selbstentzweiung“ aus, einem Schöpfergott und einem Erlösergott, die sich diametral gegenüberstehen und gegenseitig belauern und bekämpfen. Eingeschränkt, behauptet Schmitt, dabei Goethe zitierend, wird ein Gott immer nur durch einen anderen. Schmitt spielt hier auch auf Hegel an, der Napoleons Größe einst darin erkannt zu haben glaubte, dass er nur von einem durch ihn selbst erzeugten Feind besiegt werden könnte.

Blumenberg wiederum kann mit dieser heidnischen Deutung der Schöpfungsgeschichte wenig anfangen. Für ihn schafft ihre Deutung nicht ewige Feindschaft, sondern eher Ein- und Begrenzung von Gewalt. Die „Menschwerdung aus dem Schoße der Jungfrau“, wie er das Christentum bezeichnet und mit der er den „Dualismus gnostischer wie neuplatonischer Deszendenz“ abwehrt, delegiert diese Sache an die Menschheit, als Auftrag, den absoluten Machtanspruch jeder Religion zu verhindern.

Von den letzten Dingen

Für den Denker der Kontinuität, der alle Aufmerksamkeit auf die durch Kontingenzen und Verfall bedrohten Gegenwarten richtet, kann das verständlicherweise weder Ausweg noch Lösung sein. Im Gegensatz zu Blumenberg ist Schmitt überzeugt, dass Geschichtsbewusstsein und Heilsgeschichte vereinbar sind und sich nicht ausschließen. Brücke und quasi „letztes“ Argument, um die Differenz von Einmaligkeit und Wiederholbarkeit, von Transzendenz und Immanenz zu schließen, ist dafür die Lehre vom Kat-echon.

Sie geht bekanntlich auf den Apostel Paulus und seinen zweiten Brief an die urchristliche Gemeinde in Thessalonich zurück. Grund des damaligen Schreibens war eine gewisse Unruhe, die die Thessalonicher angesichts der Erwartung des Jüngsten Gerichts erfasst hatte. Um deren „apokalyptisches Fieber“ abzukühlen, bittet Paulus seine Brüder um Geduld und ermahnt sie zur Besonnenheit. Solange der „Mensch der Gesetzesfeindschaft“, wie der Antichrist dort bezeichnet wird, sich nicht erhebt „über alles, was Gott oder Heiligtum genannt wird“, wird der Herr auch nicht kommen zu richten die Bösen und die Guten.

Die letzten Dinge kommen folglich erst dann in Gang, wenn die bestehende Ordnung zerfällt. Um das göttliche Zorngericht zu verhindern, und das Ende der Zeit in die Zukunft zu verschieben, bedarf es mithin „haltender“ Kräfte, die das Böse niederhalten und damit das Erscheinen des Antichristen abwenden. Zurzeit von Paulus schrieb man das dem Römischen Reich, im Mittelalter den deutschrömischen Kaisern und in der Moderne Napoleon zu. Dass Alexandre Kojève später in Stalin, und Carl Schmitt in Hitler ähnliche Gestalten erkannt haben wollen, ist überliefert.

Überliefert ist auch, dass diese Mächte zu allen Lebzeiten von jeder Generation immer wieder neu bestimmt werden müssen. Die moderne Theologie, insbesondere der Protestantismus, hat sich von dieser alttestamentarischen Apokalyptik getrennt und ihr jede heilsgeschichtliche Bedeutung geraubt. Seitdem hat sie für die Christologie nur noch „metaphorischen“ Wert. Heilsgeschichte ist Privatsache geworden, „innerweltliche Askese“, wie wir beim Protestanten Max Weber erfahren. Die Theologie bezieht das oder den Kat-echon, wenn überhaupt, nur noch auf den Missionsauftrag der Kirche. Den Antichristen aufzuhalten, ist fortan der „Predigt des Wortes“ vorbehalten.

Neutralisierungen und Entpolitisierungen

So gesehen bildet die „protestantische Entschärfung“ der Lehre vom Kat-echon das dialektische Gegenstück zu Schmitts „katholischer Verschärfung“. Für Schmitt geht dadurch das Bewusstsein für den historischen Ort und die Lage der westlich-abendländischen Kultur verloren: die „Ortung auf Rom“, die den Fortbestand des christlichen Äons verbürgt. Und so kommt es auch, dass für Schmitt das wilde Treiben des Antichristen zunächst in der Ökonomie und später in der Technik fortwirkt. Der Liberalismus, der beiden Sachgebieten frönt, verbreitet die Illusion, man könne den Feind zu einem „Diskussionspartner“ oder wirtschaftlichen „Konkurrenten“ umfunktionieren. Durch sie würden die „christlichen Völker“ aber blind für die drohenden Gefahren und ihre Bereitschaft zum Kampf gegen „die eigene Frage als Gestalt“ gelähmt und erstickt.

Hinzu kommt, dass Schmitt, ähnlich wie Heidegger oder Horkheimer/Adorno, im „Geist der Technizität“ die grenzenlose Macht und Herrschaft des Menschen über die Natur und seine menschliche Physis zu entdecken glaubt, die aus dem diesseitigen Dasein des Menschen mittels Maschinen eine societas perfecta auf Erden errichten will. Mit Blumenberg meint Schmitt einen besonders aggressiven Repräsentanten dieser modernen Fortschrittsgläubigkeit gefunden zu haben, für den alles Theologische unwissenschaftlich ist.

Den Einspruch gegen die „Selbstrealisierung der Vernunft aus dem Geist des Subjekts“ formuliert Schmitt durch radikalen Rückgriff auf den sakralen Urgrund der europäisch-abendländisch-christlichen Kultur. Der letzte deutsche Politische Theologe hält es für absurd, eine Welt, die man nicht erklären kann, durch sich selbst erklären zu wollen. Dem hält Blumenberg entgegen, dass man nicht wie Schmitt den Verfall und Niedergang der Welt predigen kann, wenn sie andererseits doch zu unserem Besten geschaffen worden ist.

Absolute Gewalt

In seinem letzten Einwurf, der „Politischen Theologie III“, die er Jacob Taubes nach Beendigung des Briefwechsels mit Schmitt zustellt, geht Blumenberg nochmals darauf ein. Er äußert keine Zweifel, dass Theologie ebenso politisch wie Politik theologisch werden kann. Blick und Taktik werden immer danach trachten, die Teilung der Gewalten auszuschalten und das Absolute wiederherzustellen. Das gilt für Hobbes und dessen Niederwerfung des Naturzustandes durch den allmächtigen Staat ebenso wie für Rousseau, der denselben zum romantischen Idyll erklärt. Bei Marx und Hitler taucht dieser Absolutismus in Gestalt der „Diktatur des Proletariats“ und der „völkischen Gemeinschaft“ wieder auf.

Dem kann man sich laut Blumenberg nur entwinden, wenn wir unser Bild von der Evolution des Menschen grundlegend verändern. Gerade der Wille zur Selbstbehauptung, der sich im Kampf ums Dasein und im Kampf um Anerkennung bewähren muss, stellt sich bei Lichte betrachtet selbst als jenes „Absolute“ dar, das durch die Kreation noch so vieler neuer nicht zu überbieten ist.

Denken, das an der Zeit ist

Mag das Wortgefecht bisweilen auch esoterisch anmuten, aktuell und hochpolitisch ist es allemal. Man kann dabei an Frau Unseld-Berkewicz denken, die anlässlich der Präsentation des „Verlags der Weltreligionen“ in Leipzig von einer „letzten Wirklichkeit“ sprach, mit der wir noch nicht in Berührung gekommen sind (Dem "verlorenen Wissen" auf der Spur?).

Man kann auch an Martin Mosebach denken und dessen heftig kritisierte Preisrede anlässlich der Verleihung des diesjährigen Georg Büchner Preises (Vom Morden im Denken). Darin hatte er starke Zweifel an der Legitimität der Moderne geäußert und dem „Säkularismus“ unterstellt, den modernen Totalitarismus mit hervorgebracht zu haben.

Und man kann auch an den Dialog von Jürgen Habermas mit Josef Ratzinger denken (Auf dem Gipfel von Freundlichkeiten), wo der Vernunftphilosoph dem überraschten Publikum mitteilte, dass sowohl die säkulare Vernunft als auch der von ihr getragene Verfassungsstaat nicht in der Lage seien, ihre „normativen Grundlagen“ aus sich selbst heraus zu schöpfen. Beide seien auf die Absicherung durch „religiöse Traditionen“ angewiesen, auf religiöse Lebensentwürfe und substanzielle Überzeugungen, um ihre Legitimationsbasis zu behaupten.

Dramatisch wird es hingegen, wenn wir an die Diskussion um den „Islamofaschismus“ denken, der dabei ist, das Erbe des Ost-West Gegensatz anzutreten. Im Blick darauf sprechen Neokons wie Norman Podhoretz bereits vom „Vierten Weltkrieg“ (His Toughness Problem - and Ours), während abendländische Kulturkämpfer wie der Holländer Leon de Winter ehemaligen Außenministern in offenen Briefen vorhalten, dass „Kriegsdrohungen“ sinnvoller als Verhandlungen sind (Joschka Fischer spielte Mullahs in die Hand).

Neues Absolutum

Aus dem Wunsch nach universeller Verbindlichkeit bestimmter eigener Normen und Werte geht eine höchst gefährliche Semantik hervor. Der Universalismus ist zum „neuen Absolutum“ geworden. Er verleiht westlichen Verfassungen einen quasi transzendentalen Charakter. Um Demokratie und Menschenrechte global und mit Waffengewalt durchzusetzen, mutieren Kriege zu „humanen Interventionen“. In diesem Sinn ist der Jihad nicht mehr bloß eine zweckentfremdende Indienstnahme von Werten und „Religion“ durch Islamisten, sondern eine ebenso furchtbare wie logische Konsequenz des sakralisierten Verfassungsstaates.

Epimetheus, Gatte der Pandora und Ursprung allen menschlichen Übels, mit dem Schmitt sich identifiziert, hätte letztlich Recht: Das Politische geht unmittelbar aus der Verfassung hervor. Schmitts Verdienst ist es, die Gewalt dieser Setzungen, Umsetzungen und Umbesetzungen, namentlich die auch einer „Legitimation durch Verfahren“ (Luhmann), in polemischer Frontstellung kenntlich und visibilisiert zu haben.

Was dieser Verfassungsstaat anderen Völkern antut, kann man derzeit im Irak oder in Afghanistan beobachten. Dort zeigt sich, dass „christliche Völker“ und der Liberalismus sehr wohl in der Lage sind, ihre Existenz als eine Sache der Entscheidung zu betrachten. In einem solchen wertdemokratisch aufgeheizten Klima hat Blumenbergs lapidare Feststellung, wonach die Neuzeit weniger ein „gesichertes historisches Merkmal“ als vielmehr „ihr dauerndes kritisches Officium“ ist, naturgemäß wenig Aussicht gehört zu werden.

Hans Blumenberg, Carl Schmitt, Briefwechsel 1971-1978 und weitere Materialien, herausgegeben und mit einem Nachwort von Alexander Schmitz und Marcel Lepper, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2007. 309 Seiten mit Abbildungen, 22,80 Euro.

(Rudolf Maresch)

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