Wie man Studiengebühren gerecht gestalten könnte

Ein Erfahrungsbericht von US-amerikanischen und deutschen Universitäten

Nach dem Urteil des Verfassungsgerichts, das die bundesgesetzliche Regelung über die Erhebung von Studiengebühren kippte, sehen manche schwarz. Neben Hartz IV seien Studiengebühren, so die Kritik, ein weiterer Schritt zum Abbau der sozialen Gerechtigkeit. Das muss aber nicht sein, denn vom kostenlosen Studium haben eben nicht nur die unteren Schichten profitiert, sondern vor allem der Nachwuchs von Besserverdienenden. Wenn also Studiengebühren nicht mehr aufzuhalten sind, dann sollte man sich daran machen, diese so zu gestalten, dass nur Zahlungskräftige zahlen müssen.

1988 kam ich als Austauschstudent aus den USA nach Hamburg. Meine private Universität in New Orleans - Tulane - war zu der Zeit eine der teuersten in den USA. Dafür genoss ich gerade in meinem Auslandjahr unübertroffene Studienbedingungen: Für jede Stunde in einem Seminar oder in einer Vorlesung bezahlte Tulane eine Stunde Privatnachhilfe mit einem deutschen Doktoranten, der persönlich von unserem "Betreuungsprofessor" in Hamburg ausgewählt wurde.

Damals lagen die Studiengebühren pro Jahr bei rund $ 13.000. Mit so viel Geld kann man sich einiges leisten, denken Sie nun, aber: Nicht jeder zahlte die volle Summe. Neben Stipendien für akademisch ausgezeichnete Studenten gab es Stipendien für Bedürftige wie mich. Mein Vater hatte nämlich das "Glück", im Jahr vor meiner Einschreibung Insolvenz anmelden zu müssen, weil die Kundschaft bei seiner Apotheke wegen Straßenarbeiten lange ausgeblieben war. Tulane fand aber, dass in mir reichlich Potenzial steckte und erließ mir die Studiengebühren zu 100 Prozent für die ganzen vier Jahre. Meine Miete und sonstige Ausgaben bezahlte ich mit staatlich geförderten Darlehen wie Pell Grants. Ich habe selten während des Semester gejobbt.

Was mich damals am meisten überraschte, war die unverhohlene Einstellung des Präsidenten meiner Universität, der mehrfach dahingehend zitiert wurde, dass er eine Robin-Hood-Politik betreibe: Er schraubt die Studiengebühren so hoch, dass viele sie gar nicht bezahlen könnten. Solche Leute konnten dann besser an staatlich geförderte Darlehen (wie BAföG) kommen. Die Uni hatte also ausgerechnet, dass nicht alle zahlen müssten, wenn ein Bruchteil richtig heftig zur Kasse gebeten wird.

Manche Studenten konnten sich nicht nur diese horrenden Summen leisten, sondern sie fuhren auch in einem BMW Cabriolet herum. Und ich durfte nicht nur ein Jahr lang Einzelunterricht wie in Oxford genießen, sondern auch noch eine Ausbildung als Jazz-DJ beim Radiosender der Universität absolvieren. Habe ich die Tenniskurse, Schwimmkurse und den Musikunterricht vergessen?

Aber zurück zu Hamburg 1988: Die Studenten der Hansestadt hatten mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Uni-Gebäude waren verbarrikadiert, Vorlesungen und Seminare fielen ersatzlos aus. Ich fragte meine Tutorin, was das sollte - die Studenten streiken? Ich kam aus einer Welt, wo man um einen Studienplatz an einer guten Uni kämpfen musste. Man fühlte sich privilegiert, wenn man einen guten Platz bekommen hatte.

"Das ist gerade das Problem", erklärte mir meine Tutorin, "die Studienplätze hier sind nicht gut. Die Vorlesungen und Seminare sind so überfüllt, dass manche auf dem Boden sitzen oder stehen müssen. Und die Professoren müssen teilweise bis zu 80 Hausarbeiten für ein Seminar lesen. In der Sprechstunde hat man deshalb auch nur 2 Minuten Audienz beim Prof, die Bücher in der Bibliothek sind ständig ausgeliehen oder gar nicht erst vorhanden, usw." Ach so, sagte ich, das kenne ich nicht.

Zum Glück überbrückte meine Tutorin die ausgefallenen Veranstaltungen, sodass ich nicht nur Privatunterricht zu Kursen, sondern auch anstatt diesen hatte. Nach diesem Austauschjahr ging ich zurück nach Tulane zu Seminaren mit 10 Studenten und Professoren, die eine halbe Stunde Zeit in der Sprechstunde für einen hatten.

1990 ging ich mit meinem Bachelors Diplom nach Austin/Texas, wo ich einen Magister machen wollte. Diese Uni hatte rund 50.000 Studenten (Tulane: weniger als 10.000) und kostete weniger als $ 1.000 pro Semester. Die Stimmung unter den Studenten war nur leicht anders. Der Begriff "Slacker" war gerade in Mode gekommen, um die vielen jungen, intellektuellen, offenen Aussteiger in Austin zu beschreiben (der gleichnamige Film von Austinite Richard Linklater gibt diese Stimmung treffend wieder). Man konnte in Austin T-Shirts mit der Aufschrift kaufen: "The University of Texas at Austin: The Best 5 or 6 Years of My Life." (der Witz daran ist u.a., dass ein Bachelor nicht mehr als 4 Jahre in Anspruch nehmen sollte).

Aber niemand beklagte sich über überfüllte Seminare oder schlechte Studienbedingungen. Manche der Studenten, die ich als Assistant Instructor in meinen Deutschkursen hatte, erklärten mir gelegentlich reumütig, sie hätten ihre Hausausgaben nicht machen können, weil sie so spät gearbeitet hatten. Es war außerdem Golfkrieg I, und ich hatte Studenten, die bei der Reserve waren. Manchmal habe ich für diese Leute gewünscht, dass die Studiengebühren zehnmal höher gewesen wären, damit sie gar nicht in Versuchung geraten wären, ihr Studium auf diese Art zu finanzieren.

1993 trat ich eine auf fünf Jahre befristete Stelle als Lektor für Englisch an der Freiburger Universität an. 1994 und 1997 stand ich auf der anderen Seite der Barrikaden. Meine Kurse fielen teilweise wochenlang aus. Immer wieder kam ich zum Unterricht und fand das Klassenzimmer von einigen meiner Studenten so wie Vertretern der Studentenschaft besetzt, die mir erklärten, mein Kurs würde nicht stattfinden. Stattdessen würde man sich über die Misere an den deutschen Hochschulen unterhalten, um Lösungen zu finden.

Ich erklärte mich immer bereit zu solchen Gesprächen, solange sie auf Englisch stattfanden, damit der Zweck der Lehrveranstaltung nicht völlig verloren ginge. Manche Studenten sahen in mir vielleicht so etwas wie einen Kommilitonen - ich war als 25- bis 30-jähriger Magister nicht wesentlich älter als der Durchschnitt in vielen Kursen - und erwarteten nicht, dass ich so viel Verständnis für Studiengebühren aufbringen würde. Aber ich erklärte immer wieder, dass es durchaus Studenten gibt, deren Eltern es sich leisten könnten, jedes Semester einige Tausend Euro abzudrücken.

Ich machte mir vielleicht nicht viele Freunde dadurch, aber ich fragte immer wieder, weshalb ein Abiturient ein Recht darauf haben soll, beispielsweise die Schriften Heideggers mit einem hoch bezahlten Experten zu lesen, während ein junger Mensch, der kein Abi gemacht hat, kein Recht auf eine Lehrstelle hat.

Es ist vielleicht nicht die Aufgabe der Universitäten, den Reichtum um zu verteilen. Aber die Hochschulen sollten auch kein Sammelplatz für junge Leute sein, die noch nicht wissen, was sie machen wollen, aber erst mal krankenversichert sein möchten, während sie ein paar Kurse in Ethnologie und Englisch belegen. Ich kannte solche Fälle persönlich (ganz nette Leute übrigens). Sie waren sicherlich die Ausnahme. Ich schätze ganz unwissenschaftlich, dass die Zahl derer, die ohne weiteres eine vierstellige Summe pro Semester zahlen könnte, größer ist, denn im Moment zahlen alle, damit eher Gutbetuchte ein kostenloses Studium haben können.

Wenn die Studiengebühren auf jeden Fall eingeführt werden, dann könnte man sich doch überlegen, ob es nicht besser wäre, wenn 40 Prozent der Studenten € 2000 pro Semester bezahlen, als wenn 80 Prozent € 1000 pro Semester bezahlen.

An Unis wie Tulane findet eine solche Umverteilung jedenfalls statt. Die Reichen zahlen für alle. Bei der Abschlusszeremonie (Graduation) sprach ich mit dem Vater eines Freundes, der das Pech hatte, so reich zu sein, dass er für die ganzen vier Jahre die vollen Studiengebühren zahlen musste. Ich hatte ein relativ gutes Diplom bekommen, während sich mein Freund mit Ach und Krach durchgewurschtelt hatte. Sein Vater legte seine Hand auf die Schulter seines Sohnes, schaute mich an und sagte: "At least somebody got my money's worth."

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