Wie schnell man zum russischen Agenten wird

Kommentar: Recherche scheint überflüssig, wenn Medien "den Feind im Osten" im Visier haben

Die North-East-Antifa gehört zu den linken Gruppen in Berlin mit einer beachtlichen Kontinuität. Während viele Antifagruppen meistens nach wenigen Jahren wieder verschwinden, gibt es die NEA schon mehr als ein Jahrzehnt. Nun hat sie es gemeinsam mit einer Westberliner Antifagruppe sogar geschafft, in der New York Times erwähnt zu werden. Der Anlass war natürlich nicht die kontinuierliche "Antifa-Arbeit" der Gruppen, sondern die angebliche Unterstützung durch Russland.

So heißt es in der New York Times:

Ein Beispiel: Webseiten, die offenbar für zwei deutsche antifaschistische Gruppen, Antifa West Berlin und Antifa Nord Ost, werben, teilen sich einen Server, der von Hackern der russischen Regierung genutzt wird, die das National Committee der Demokraten während der Wahlen 2016 angegriffen haben. Die Registrierungsinformationen für eine der deutschen Seiten schließt eine anonymisierte E-Mail-Adresse mit ein, die auch für die Einrichtung russischer spearphishing-Seiten verwendet wurde.

New York Times

Von den deutschen "Qualitätsmedien" ungeprüft übernommen

Diese Behauptungen wurden ungeprüft und ohne mit den Antifagruppen auch nur in Kontakt getreten zu sein, von sogenannten deutschen Qualititätsmedien wie etwa dem Deutschlandfunk, Spiegel Online, FAZ übernommen.

An dem Spiegelbericht kann deutlich gezeigt werden, wie die hegemonialen Behauptungen von der allgegenwärtigen russischen Unterwanderungsstrategie kritische Berichterstattung verhindert. Schon in der Überschrift zum Bericht, wo es heißt, dass "der Kreml nicht nur die AfD - sondern auch lokale Antifa-Gruppen" unterstütze, wird etwas behauptet, was des Beweises bedarf. Der aber wurde nicht geliefert.

Was Deutschland betrifft, zeigt sich laut "New York Times" ein ungewöhnlicher Zusammenhang: Einerseits ist die Verbindung zwischen AfD und Russland bekannt. Andererseits unterstützt Russland offenbar auch linke Kräfte, wie die amerikanischen Journalisten recherchiert haben. So würden zwei lokale Gruppen, die "Antifa West Berlin" und die "Antifa Nord Ost", denselben Server nutzen, den auch die Hacker der russischen Regierung gebrauchen. Eine E-Mail-Adresse, mit der eine der Websites der Lokalgruppen registriert wurde, sei von russischer Seite ebenfalls eingesetzt worden, um an vertrauliche Daten zu gelangen. Bemerkenswert: Erst kürzlich riefen beide Seiten zu einer Anti-AfD-Demonstration auf.

Spiegel-Online

Nun hätte der Widerspruch, dass Russland neben der AfD und deren schärfste Gegner unterstützt, ja Anlass für eine Recherche sein können. Dann hätte natürlich die betroffene Gruppe selber mit den Vorwürfen konfrontiert werden müssen. Doch das wurde nicht gemacht. Die unbelegten Behauptungen wurden zu Tatsachen erklärt und noch mit dem Verweis auf die New York Times veredelt.

Kritisch gegenüber der aktuellen EU wie dem aktuellen Russland

In einer gemeinsamen Erklärung weisen die beiden betroffenen Antifagruppen die Behauptungen einer russischen Beeinflussung klar zurück.

Seit vergangenem Wochenende werden Vorwürfe gegen uns, Antifa Westberlin und North-East Antifascists/Antifa Nordost, vor allem seitens der New York Times formuliert. Der konkrete Vorwurf lautet, dass wir mindestens mit der russischen Regierung koorperieren, wenn nicht gar von ihr finanziert werden mit dem Ziel Europa zu destabilisieren. Die einzige Grundlage für diesen Vorwurf ist der Server, den wir für unsere Webseiten (antifa-westberlin.org & antifa-nordost.org) nutzen, der laut "New York Times" auch von russischen Hackern 2016 genutzt wurde. Dass auf diesem Server über 130 weitere Webseiten liegen, die offensichtlich wenig miteinander gemein haben - außer dass sie allesamt ihre Anonymität schätzen und schützen wollen - lässt die "New York Times" dabei unerwähnt. Die Vorwürfe sind nicht nur technisch kaum haltbar, wie die Journalistin Karolin Schwarz auf ihrem Twitterprofil bereits ausführlich beschrieben hat, sondern auch inhaltlich schlicht absurd.

Aus der gemeinen Erklärung von NEA und Antifa-West

Dort erklären die beiden Gruppen, dass sie sich sowohl kritisch zur Politik der EU als auch zur russischen Politik positionieren. Sie kritisieren mit Recht, dass in den Schlagzeilen nur weiter an der Verschwörungstheorie vom russischen Einfluss auf Ereignisse in Europa gebaut wird.

Dieses Beispiel für eine Falschbehauptung sollte Anlass sein, besonders kritisch nachzufragen, wenn wieder einmal eine oppositionelle Gruppe zu Agenten Russlands erklärt wird. Die Journalistin Karolin Schwarz fasste auf Twitter den Sachverhalt gut zusammen: "Hier werden Gruppen zu russischen Agenten erklärt, weil sie anonyme Dienste nutzen."

Tatsächlich waren vor ca. 15 Jahren russische Server für die außerparlamentarische Linke populär, weil man sich dort anonym anmelden konnte. Damals war es noch nicht üblich, dass es reichte, einen russischen Server zu haben, um zum Feind erklärt zu werden.

Das ist auch ein Symptom für den vielzitierten Rechtsruck, nur wird das Russland-Bashing gar nicht als solcher erkannt. (Peter Nowak)