Wie sich der Konjunkturindex verbessern ließe

Das ifo Institut sieht bei der Umfrage zur Konjunkturlage kein Problem mit durchaus möglichen Manipulationen

Das ifo Institut ist eines der größten und renommiertesten Wirtschaftsforschungsinstitute Deutschlands. Es befragt unter anderem Manager, wie sie die Konjunktur beurteilen und berät Entscheidungsträger. Wer jedoch kritisch nachhakt, wie die Statistiken und Ergebnisse zustande kommen, kann Überraschungen erleben.

Der Vorstandsvorsitzende eines großen süddeutschen Unternehmens - nennen wir ihn Herrn K. - bekam eine vor zwei Monaten eine elektronische Postkarte. Absender: das ifo Institut für Wirtschaftsforschung, München/ifo Befragungsbüro Köln. Er sei eingeladen, "an der Verbandsumfrage des ifo Institutes teilzunehmen". Der dazu passende persönliche URL für die "Ifo-Managerbefragung zur Konjunkturlage" wurde gleich mitgesendet (der offene Zugang wurde ifo mitgeteilt. überdies wurde ifo um eine bislang ausstehende Antwort gebeten).

Die Rechtssprechung sieht Werbung dann als unerwünscht an, "wenn sie außerhalb einer bestehenden Geschäftsbeziehung versandt wird und keine Zustimmung des Empfängers vorlag oder zu mutmaßen war." Das war hier der Fall. Herr K. fragte als mündiger Bürger nach, welche Daten über ihn gespeichert seien "und ob diese Daten hinreichend gegen Missbrauch gesichert sind." Die Antwort kam postwendend: Es sei alles in Ordnung, "da die Verknüpfung der Umfrageantworten mit den Personendaten nur über unsere Befragtendatenbank erfolgen könnte".

Als kurz darauf weiterer freundlicher Spam eintrudelte, wieder mit der höflichen Aufforderung, einen Online-Fragebogen zur Konjunkturlage auszufüllen, sah sich Herr K. diesen genauer an. Und schrieb zurück: Die Umfrage sollte Hinweise zum Datenschutz enthalten. Das sei nicht der Fall. Er empfehle auch, das sicherere Protokoll HTTPS zu verwenden. Die eingesetzte Software lade zum Missbrauch ein, auch wenn die angesprochene Klientel vermutlich daran "größtenteils" nicht interessiert sei.

In der Tat hat jeder Befragte eine offenbar eindeutig identifizierbare Identifikationsnummer, die aus dem URL hervorgeht. Auch die Nummer der Umfrage ist enthalten. Herr K. warnte, dass es "mit nicht gerade allzu großem Scharfsinn möglich sei, die Ergebnisse der Umfrage zu 'Investitionen in Forschung und Entwicklung' nachhaltig zu beeinflussen", in dem man automatisiert einen großen Teil der befragten Personen selbst antworten lässt. Nur codierte URLS würden Abhilfe schaffen.

Um eine deutliche Verbesserung des deutschen Geschäftsklimaindexes zu erzielen, reicht es sicher völlig, vermöge eines kleines Skriptes die Personen 1-10000 positiv antworten zu lassen. Wenn Sie dazu verschiedene Proxy-Server verwenden, und die Antworten leicht variieren, glaube ich kaum dass jemand etwas bemerkt.

Zu Gunsten des ifo Instituts muss man anmerken, dass die Spezialisierung immer weiter um sich greift. Hans-Werner Sinn, der Leiter des Instituts, veröffentlichte kürzlich den Bestseller: Ist Deutschland noch zu retten?

Tenor: weniger Macht für Gewerkschaften, Zuwanderer sollten nur "verzögert in das Sozialsystem integriert werden", der Sozialstaat müsse abgebaut werden (Mehrarbeit für weniger Arbeit). Wer das fordert, hat nicht immer und automatisch Kenntnisse, die das Internet betreffen. Wer Wirtschaftsbosse und andere Entscheidungsträger berät, muss nicht wissen, was ein Proxy-Server oder was Barrierefreiheit bedeuten.

Die Website des ifo Instituts begrüßt den sicherheitsbewussten Surfer mit der Meldung: "Um ifo Websites anzuzeigen, muss im Browser Javascript aktiviert sein." Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt vor dem Einsatz von JavaScript. Die Benutzerfreundlichkeit wird offenbar nur verzögert in das Website-System des Wirtschaftsforschungsinstituts integriert.

Das ifo Institut antwortete Herrn K. lapidar, man werde den Vorschlag mit den codierten URLs "in Zukunft aufgreifen". Man habe jedoch keinen Grund zu der Annahme, "dass unsere Umfragen Manipulationen ausgesetzt" seien. Das hat sich seit gestern geändert. Das aktuelle Konjunkturmonitoring ist nicht mehr ganz repräsentativ für die Zielgruppe, denn der Autor hat seinen Teil dazu beigetragen, die konjunkturelle Stimmung kräftig anzuheizen. 2005 werden die Investitionen gesteigert (mehr Kugelschreiber) und alte Anlagen ersetzt (neue Maus). Die gute Nachricht: Der einzig vorhandene Arbeitsplatz wird im nächsten Jahr nicht ins Ausland verlagert.

Wenig später schwankte die Stimmung und ein ganz anderes Meinungsbild wurde abgeschickt. Und kurz nach Mitternacht mussten einige Punkte noch einmal revidiert werden. Auch Herr K. bekam schon wieder eine Postkarte - die dritte - des Instituts: "Sie sind eingeladen, an der Managerbefragung zur Konjunkturlage teilzunehmen. Sie finden den aktuellen Fragebogen unter Ihrem persönlichen Link.." Und so fort. (Burkhard Schröder)