Wie sicher sind Sicherheitsdienste?

Vor Jahren wurde bekannt, dass Wachschutz bei Neonazis ein beliebtes Tätigkeitsfeld ist, nun werden immer wieder islamische Fundamentalisten enttarnt, die bei Security-Firmen arbeiten

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So haben wir uns längst daran gewöhnt, bei allen möglichen Anlässen gründlich kontrolliert zu werden: beim Einchecken am Flughafen, beim Einlass bei Konzerten, Sport- oder sonstigen Kulturveranstaltungen, wie z.B. Stadtfeste oder Public Viewing. Künftig sollen z. B. in Nordrhein-Westfalen (NRW) Sicherheitsunternehmen auch verstärkt in Schwimmbädern zum Einsatz kommen, da die Betreiber sich außerstande sehen, anderweitig den alltäglich gewordenen Belästigungen und sexuellen Nötigungen weiblicher Badegäste beizukommen.

Immer häufiger wird also Wachschutz eingesetzt. Doch wer kontrolliert uns da eigentlich? Und wer kontrolliert die "Kontrolletis"?

Dass Wachschutz ein Traumjob für Neonazis zu sein scheint, das ist seit vielen Jahren bekannt. Doch nun wird immer häufiger ruchbar, dass auch islamische Fundamentalisten in diesem Bereich tätig sind. Radikalisierte Muslime und Wachschutz - ein Thema, das Gerichte beschäftigt und auch Sicherheitsfirmen, nur die zuständigen Sicherheitsbehörden und auch die Politik haben das offenbar nicht auf dem Schirm. Das legt zumindest eine Anfrage bei verschiedenen Landesämtern für Verfassungsschutz (LfV) sowie der Bundesbehörde nahe.

Konkrete Informationen waren nirgendwo abrufbar, in Hinsicht auf die Bearbeitung meiner Anfrage wurde ich vertröstet. Auf wann? Bis ein Fußballstadion Ziel eines islamistischen Anschlags wird, weil gottesfürchtige Sicherheitsleute ihre mit Bombengürtel versehene Glaubensbrüder durchwinkten? Lediglich das LfV NRW vermittelte den Eindruck, einen konkreten Verdacht ernst zu nehmen und den Hinweisen nachzugehen.

"Alte Bekannte" beim Wachschutz

Die Bielefelderin Birgit Ebel traute ihren Augen nicht: Bei den Wachleuten, die den Bielefelder Leinwebermarkt Ende Mai/Anfang Juni dieses Jahres absichern sollten, kam ihr ein Mann bekannt vor - vermutlich handelte es sich um jemanden, der schon in jungen Jahren in salafistischen Kreisen in Herford verkehrte. Eine Szene, die die Lehrerin an einer Herforder Gesamtschule und Mitbegründerin der Präventionsinitiative "extrem-dagegen", seit Jahren beschäftigt.

Der junge Mann, den Birgit Ebel glaubt in dem Mitarbeiter der Sicherheitsfirma erkannt zu haben, ist in einem Beitrag des Senders RTL der Journalistin Düzen Tekkal zu einem Angriff auf einen jesidischen Imbiss in Herford im 6. August 2014 zu sehen, der zu einer Massenschlägerei ausartete. Anlass war ein Plakat, das an einem Imbiss aufgehängt wurde, mit dem für eine Solidaritäts-Demonstration mit den irakischen Jesidinnen und Jesiden aufgerufen wurde.

Besagter Jugendlicher war in dem Beitrag zu sehen in einer Gruppe, u.a. mit dem 6 Monate danach enttarnten und verhafteten Konvertiten und IS-Rückkehrer aus Herford, Sebastian B., sowie weiteren einschlägig bekannten Salafisten, von denen zwei im letzten Sommer die Haft antreten sollten, der einer der beiden sich durch Flucht entzog.

Das vermittelt nicht eben ein Gefühl von Sicherheit. Ob es sich bei dem Wachmann tatsächlich um besagten salafistischen Jugendlichen handelt, ob er nach wie vor dieser Ideologie anhängt und sich in einem entsprechenden Umfeld bewegt, das sind Fragen, die nun geklärt werden müssen. Das Sicherheitsunternehmen, die Stadt Bielefeld und das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) NRW sind über den Verdacht in Kenntnis gesetzt.

Wenn sich dieser Verdacht bestätigen sollte, wäre das indes keine große Überraschung. Bereits 2012 wurde bekannt, dass der polizeibekannte Konvertit und Fundamentalist Florian L. als Beschäftigter des Wachschutzes beim Berliner Flughafenprojekt BER im Einsatz war.

Laut Cicero war "L. illegal, aber vom Arbeitsamt als Praktikant an eine Sicherheitsfirma vermittelt, für den Objektschutz des Containerdorfes außerhalb der gesondert geschützten Baustelle tätig, arbeitet dort aber nicht mehr. Die Sicherheitsmaßnahmen auf der Baustelle wurden nach einer Krisensitzung verschärft. Die Behörden fürchten, er könnte einen Sprengstoffanschlag vorbereitet haben".

Ein Urteil des Verwaltungsgerichts Regensburg

Florian L. fiel durch Tragen typisch salafistischer Kleidung auf und nannte sich "Abu Azzam al Almani", nach dem Palästinenser Scheich Abdallah Yusuf Azzam, einer der Chefideologen der Dschihadistenszene und angeblich Mentor von Osama bin Laden. 2017 war unter den Sicherheitsleuten, die die Strecke der Tour de France im nordrhein-westfälischen Mönchengladbach absicherten, Eren R., ein Mann, der bereits in jungen Jahren mit Pierre Vogel in Kontakt gekommen und in salafistische Kreise eingetaucht war. Zu dem Zeitpunkt hatte er den Ausstieg aus der Szene schon beschlossen. Aber: "Wenn ich das gemacht hätte, was man vermutete, nämlich Terroranschläge zu verüben, wäre hier die optimale Möglichkeit gewesen", wird der junge Mann von rp-online zitiert.

Im April 2019 urteilte das Verwaltungsgericht Regensburg, dass ein Mann, der der salafistischen Szene zugeordnet wird, nicht in einem Sicherheitsunternehmen arbeiten darf, das u.a. Flüchtlingsunterkünfte bewacht.

Radikalisierte Bewerber oder Mitarbeiter, die sich radikalisieren, sind - nicht nur im Wachschutz - offenbar ein relevantes Problem: "Das Landesamt für Verfassungsschutz Hessen (LfV), die Vereinigung für die Sicherheit der Wirtschaft (VSW) und Ernst & Young informierten deshalb gemeinsam in einem Workshop über die Möglichkeiten, eine Radikalisierung von Mitarbeitern frühzeitig zu erkennen sowie über mögliche reaktive Maßnahmen", ist auf der Webseite "sicherheit.info" zu lesen.

Fundamentalisten auf der Jagd nach potentiellen Gotteskriegern

Birgit Ebel wurde nicht nur beim Leinewebermarkt damit konfrontiert, dass womöglich Salafisten, also fanatische Muslime, die die Errichtung eines Gottesstaates propagieren und diesen auch gewaltsam durchzusetzen bereit sind, für unsere Sicherheit sorgen, sondern auch bei einem anderen "alten Bekannten" stieß sie auf Fotos, die der inzwischen erwachsene Mann in sozialen Netzwerken postete, die ihn zum einen als Salafisten outen und zum anderen als Sicherheitsmann im Einsatz in Fußballstadien zeigen.

Ganz offen und identifizierbar zeigen ihn die Fotos gemeinsam mit seinem Bruder im Einsatz bei einem Spiel des SC Paderborn 07 und von hinten bei dem Spiel Werder Bremen gegen Schalke am 8.3.2019. Auch in dem Fall sind die Sicherheitsunternehmen, die Fußballvereine und das LfV NRW informiert.

Bei dem jungen Mann handelt es sich um Islam M., einem Tschetschenen, der 2012 bei einer Koran-Verteilaktion der Gruppe "Millatu Ibrahim" in Detmold dabei war. Es gibt Fotos, die das belegen. "Millatu Ibrahim" wurde von dem Österreicher Mohamed Mahmoud und dem Berliner Denis Cuspert alias Deso Dogg gegründet, die, wie ihnen vorgeworfen wurde, eine entscheidende Rolle bei der Ausreise deutscher Gotteskrieger in den Irak und nach Syrien gespielt haben sollen. Denis Cuspert alias Deso Dogg ist der Deutsche, der in den Reihen des IS am höchsten aufgestiegen ist. Er kam angeblich bei Gefechten ums Leben, seine Witwe lebt mittlerweile in Hamburg. Auch Mohamed Mahmoud soll in Syrien umgekommen sein.

Augenzeuginnen berichteten, dass an jenem Stand im Mai 2012 mehrere Jugendliche im schulpflichtigen Alter anwesend gewesen seien und dass sie auch gezielt Gleichaltrige angesprochen hätten.

An der Detmolder Koranverteilung nahmen offenkundig auch weitere jüngere Brüder von Islam M., u.a. Schamil, teil sowie auch der Vater der tschetschenischen Familie. 300 Korane sollen dabei verteilt worden sein. Anwesend an jenem Tag war auch der Gladbecker Konvertit Michael N. alias Abu Dawud, der als international gesuchter IS-Dschihadist bekannt wurde und im vergangenen Jahr in Syrien ums Leben gekommen sein soll. Das berichteten zumindest die Medien. Es gibt Fotos, auf denen Islam M. beim Gebet mit Abu Dawud zu sehen ist.

Ursprung der Koran-Verteilaktionen war "Lies!", eine Kampagne der Organisation "Die wahre Religion" (DWR), bzw. der "Stiftung Lies". Diese wurde von dem in Köln lebenden Ibrahim Abou-Nagie ins Leben gerufen, einem Deutschen palästinensischer Herkunft. Im Rahmen von "Lies!" wurden bundesweit in Innenstädten Korane verteilt, vorwiegend an junge Leute, insgesamt geschätzt 3,5 Millionen Exemplare. Die Stände, an denen diese ausgegeben wurden, waren gern in der Nähe von Schulen platziert.

Ziel war es, Menschen, vor allem junge, mit der "wahren Religion" in Berührung zu bringen. Doch Beten allein genügte nicht, viele wurden animiert, sich dem IS anzuschließen. Nach Schätzungen des Innenministeriums sind 140 Personen aufgrund der Aktivitäten der DWR und vor allem der Koran-Verteilaktion "Lies!" nach Syrien oder den Irak ausgereist.

Einige von ihnen sind zu Tode gekommen. Der Frankfurter Islamist Bilal G. gilt als maßgeblich Beteiligter der Koranverteilung und als "rechte Hand" von Ibrahim Abou-Nagie. Er trat vornehmlich im hessischen Raum auf, unterhielt aber auch Kontakte nach Ostwestfalen-Lippe. Als am 15.11.2016 die "Lies!"-Kampagne bundesweit verboten wurde, stellte er sich in den Dienst von Pierre Vogel und unterstützte ihn bei der Verteilung von Biografien des Propheten Mohammad. Pierre Vogel nannte die Kampagne "We love Mohammad!", sie orientierte auf dieselben Zielgruppen und hatte der Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall zufolge die bekannten "Lies!"-Aktivisten als Unterstützer.

Kontakte zwischen Pierre Vogel und Denis Cuspert alis Deso Dogg sind durch ein Video belegt. Der kurdisch-stämmige Bilal G. wurde im Frühjahr 2018 verhaftet. Schon als 19jähriger war er u.a. wegen versuchten Totschlags zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Im Gefängnis hat er eigenem Bekunden nach zu Allah gefunden.

Das prädestinierte ihn geradezu für Seelenfänger Ibrahim Abou-Nagie, denn die Läuterung durch Glauben ist eine gern erzählte Geschichte der Salafisten, mit denen Jugendliche geködert wurden, die - sagen wir mal - nicht ganz so "rechtgeleitet" gelebt haben.

Die "wahre Religion", insbesondere der aktive Kampf, z. B. beim IS, würde für ein gutes Karma sorgen, und beim Märtyrertod für 72 Jungfrauen im Paradies, so das Versprechen. Dennis Cuspert alias Deso Dog alias Abu Talha al-Almani, der u.a. dazu beitrug, den Gangsta-Rap, ein extrem gewaltverherrlichendes, frauen- und schwulenfeindliches sowie zutiefst rassistisches und antisemitisches Genre zu etablieren, vertonte diese Geschichten.

Musik gilt islamischen Fundamentalisten zwar als "haram", verboten, aber der Zweck heiligt schließlich die Mittel, und die Kids waren mit Beats leichter zu erreichen als dem staubtrockenen Koran. Außer ihm und Bilal G. waren die beiden Konvertiten Sven Lau und Pierre Vogel lange Zeit Weggefährten von Ibrahim Abou-Nagie und Aktivisten der Kampagne "Lies!". Zwischen Pierre Vogel und Ibrahim Abou-Nagie kam es jedoch zu Unstimmigkeiten, weshalb Pierre Vogel sich sozusagen selbständig machte.

Die Kampagne "Lies" wurde im November 2016 verboten, obwohl der Berliner Menschenrechtsanwalt Hans-Eberhard Schultz das zu verhindern versuchte. Die Lücke füllte zunächst Pierre Vogel mit "We love Mohammed", später kam "Millatu Ibrahim" dazu, die ebenfalls, am 14. Juni 2012 - also rund 4 Wochen noch dem Koranstand in Detmold -verboten wurde.

In dieser Szene ist Islam M. also quasi groß geworden. In sozialen Netzwerken postet er Fotos von sich, die ihn zeigen vor einer Moschee, die der "Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş" (IGMG/Nationale Sicht), der türkischen Muslimbruderschaft, angehört, als Kampfsportler eines Paderborner Clubs, in der typischen Salafistentracht, gemeinsam mit einem Glaubensbruder mit dem erhobenen Zeigefinger, dem Zeichen des IS und eben als Wachmann.