Wie sicher sind die vier in der EU zugelassenen genetischen Covid-19-Impfstoffe?

Thrombosen nach mRNA- und Vektorimpfstoffen

In mehreren Studien wurde das potenzielle Thromboserisiko der zugelassenen Covid-19-Impfstoffe (zumeist Comirnaty und Vaxzevria) untersucht. Allerdings waren die Ergebnisse der verschiedenen Studien nicht konsistent, sodass es schwierig ist, aus den Studien eine eindeutige Aussage in Hinblick auf ein potenzielles Thromboserisiko nach Covid-19-Impfstoffen abzuleiten.

Sofern in den Studien auch SARS-CoV-2-Infektionen und das dadurch bedingte Risiko für Thrombosen untersucht worden waren, war das Risiko nach Virusinfektion stets höher als nach Impfung.

Der PRAC hat auf seiner letzten Sitzung seltene Fälle von venösen Thromboembolien (VTE) nach Covid-19 Vaccine Janssen ausgewertet. VTE war bereits im Rahmen der Zulassung als potenzielles, weiter zu untersuchendes Signal aufgefallen, da in der großen klinischen Prüfung, die zur Zulassung dieses Impfstoffs führte, in der geimpften Gruppe ein höherer Anteil an VTE-Fällen beobachtet wurde als in der Placebogruppe.

In der Zusammenschau aller Daten einschließlich internationaler Spontanmeldungen kam der PRAC zu dem Schluss, dass eine begründete Möglichkeit besteht, dass seltene Fälle von VTE mit der Impfung mit Covid-19 Vaccine Janssen in Zusammenhang stehen könnten.

Eine Analyse der Spontanmeldungen aus Deutschland über Lungenembolien ergab für alle vier Impfstoffe kein Signal.

Die Meldungen einer Sinusvenenthrombose ohne Angabe einer Thrombozytopenie nach Vaxzevria an das PEI waren im Zeitintervall bis zum 30.09.2021 höher als statistisch zufällig erwartet, allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Fälle wegen fehlender Angaben der Thrombozytenzahl in Wirklichkeit einem TTS entsprechen.

Möglicherweise hat auch eine insgesamt erhöhte Aufmerksamkeit für Sinusvenenthrombosen nach Vaxzevria zu einer erhöhten Meldebereitschaft geführt.

Für Comirnaty, Spikevax und Covid-19 Vaccine Janssen konnte kein Risikosignal hinsichtlich Sinusvenenthrombosen identifiziert werden.

Guillain-Barré-Syndrom nach Vektorimpfstoffen

Sehr selten können Personen, die mit Vaxzevria oder Covid-19 Vaccine Janssen geimpft wurden, ein Guillain-Barré-Syndrom (GBS) entwickeln. Die Melderate eines GBS nach Impfung mit einem Vektorimpfstoff war sehr niedrig mit einer Meldung pro ca. 100.000 bzw. 120.000 Impfdosen.

Das GBS ist eine akute Entzündung des peripheren Nervensystems und der Nervenwurzeln (Polyradikuloneuritis). In den meisten Fällen bildet sich die Symptomatik zurück. Allerdings kommt es bei manchen Patienten zu einem verlängerten Krankheitsverlauf, neurologischen Restsymptomen oder relevanten bleibenden Schädigungen. Auch Todesfälle können vorkommen.

Das Miller-Fisher-Syndrom (MFS) ist eine seltene Variante des GBS und ist charakterisiert durch Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Augenmuskellähmung und Verlust/Abschwächung der Muskeleigenreflexe.

Insgesamt wurden dem PEI 255 Fälle eines GBS/MFS berichtet, davon haten zwei Fälle nach Vaxzevria, drei Fälle nach Comirnaty und ein Fall nach Moderna einen tödlichen Verlauf. 17 Patienten (acht nach Vaxzevria, sieben nach Comirnaty und einer jeweils nach Spikevax und Covid-19-Vaccine Janssen) mussten intensivmedizinisch behandelt und teils invasiv beatmet werden.

GBS ist eine bekannte Nebenwirkung nach den beiden adenoviralen Vektorimpfstoffen und in der jeweiligen Fachinformation entsprechend genannt. Für beide mRNA-Impfstoffe ist die Melderate eines GBS deutlich niedriger (Tabelle 7, S. 30) und nicht höher als statistisch zufällig zu erwarten wäre.

Anaphylaxie nach mRNA- und Vektorimpfstoffen

Anaphylaktische Reaktionen – darunter versteht man schwere allergische Sofortreaktionen – sind sehr selten beobachtete Komplikationen aller vier zugelassenen Covid-19-Impfstoffe.

Die Melderate einer Anaphylaxie beträgt in Deutschland ca. sechs Fälle auf eine Million Erstimpfungen für jeden der beiden mRNA-Impfstoffe und ca. ein bis zwei Fälle auf eine Million Zweitimpfungen. Über tödliche Zwischenfälle aufgrund einer Anaphylaxie wurde bisher nicht berichtet.

Die Melderate einer anaphylaktischen Reaktion für Vaxzevria in Deutschland ist etwa gleich hoch wie für die beiden mRNA Impfstoffe und mit zwei Fällen pro eine Million Impfungen etwas niedriger für Covid-19 Vaccine Janssen.

Gemäß Fachinformationen der beiden mRNA-Impfstoffe und von Vaxzevria sollte Personen, die nach der ersten Impfdosis eine anaphylaktische Reaktion entwickelt haben, keine zweite Impfdosis verabreicht werden.

Die Ergebnisse retrospektiver Studien weisen allerdings darauf hin, dass Personen mit allergischen Sofortreaktionen einschließlich Symptomen, die eine anaphylaktische Reaktion vermuten lassen, nach einer ordnungsgemäßen allergologischen Diagnostik gefahrlos erneut geimpft werden konnten, da die Patienten zumeist keine echte (Immunglobulin-E-vermittelte) allergische Sofortreaktion aufwiesen.

Um die impfenden Ärzte beim Umgang mit Personen mit positiver Allergieanamnese in Bezug auf die Covid-19-Impfung zu unterstützen, hat das PEI gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut (RKI) und in enger Zusammenarbeit mit den allergologischen Fachgesellschaften Deutschlands ein Flussdiagramm entwickelt.

Darin werden sowohl das mögliche Vorgehen nach anaphylaktischer Reaktion auf die bislang zugelassenen Covid-19-mRNA-Impfstoffe als auch Empfehlungen zur Vorgehensweise bei jeglicher Allergie in der Anamnese dargestellt. Damit soll ein Beitrag zu einer größeren Sicherheit bei der Anwendung von Covid-19-Impfstoffen geleistet werden.5

Wie groß ist die Dunkelziffer bei den gemeldeten Nebenwirkungen?

Mit dieser wichtigen Frage beschäftigt sich ein Artikel der Ärztin und Journalistin Martina Frei in der Schweizer kritischen Internet-Zeitung Infosperber vom 17.10.2021, den ich abschließend kurz vorstellen möchte.

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass es nach Impfungen eine erhebliche Dunkelziffer an nicht gemeldeten Impfnebenwirkungen geben kann. Das ist auch in früheren Sicherheitsberichten des PEI über die Corona-Impfung schon mehrmals angeklungen, wobei von einem möglichen "underreporting" gesprochen wurde.

Der Grund sei, dass Nebenwirkungen in der Regel nur mit "passiven" Meldesystemen erkannt werden. Dabei sind die Geimpften und die Impfenden aufgefordert, jeden Verdacht auf eine unerwünschte Wirkung zu melden, wie das derzeit in der Schweiz, aber auch in Deutschland und einigen anderen Ländern mit entsprechenden Meldesystemen der Fall ist.

Bei "aktiven" Meldesystemen dagegen würde immer wieder bei Ärzten, Spitälern und/oder den Geimpften nachgefragt, ob ihnen etwas aufgefallen ist. Diese Meldesysteme seien hinsichtlich der Zahl der festgestellten Nebenwirkungen ergiebiger, wie in dem Artikel an einem Beispiel aus der Literatur, in dem es um die Nebenwirkungen nach einer Pockenschutzimpfung geht, eindrucksvoll gezeigt wird. Dass es sich dabei um ein sehr personalintensives und deshalb sehr viel kostenaufwendigeres Verfahren handelt, dürfte klar sein.

In Deutschland wurde mit der zusätzlich eingerichteten SafeVac-App (siehe oben) für die Bevölkerung der Versuch gemacht, vermutete Nebenwirkungen zeitnah und umfassend zu sammeln. Doch kaum war die Covid-Impfkampagne richtig angelaufen, sei das PEI mit dem Auswerten der vielen Meldungen nicht mehr nachgekommen, wie das ZDF im Juni 2021 in einem ausführlichen Beitrag berichtet hat.

Obwohl mit der Safe-Vac-App keine repräsentativen Daten erhoben werden können, habe die Auswertung für die teilnehmenden Männer von 18 bis 29 Jahren ein Risiko von elf Verdachtsfälle von Herzmuskelentzündung pro 100.000 Geimpften in dieser Altersgruppe ergeben, heißt es in dem Artikel.

Das seien ähnliche Zahlen, wie sie auch zwei aktuelle israelische Studien im "New England Journal of Medicine" berichten. Beide Studien ermittelten in einer retrospektiven Untersuchung die Rate an Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) nach der Covid-19-Impfung mit Comirnaty. Dabei seien (zeitweise) sowohl aktive als auch (permanent) passive Meldesysteme eingesetzt worden. Die aktive Beobachtung bestand darin, dass die Spitäler aufgefordert wurden, alle Kranken zu melden, die wegen Myokarditis behandelt wurden.

Somit gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die vom PEI ermittelte und oben angegebenen Melderate für Myokarditis nach Impfung mit mRNA-Impfstoffen von der Größenordnung her ein realistischer Wert ist. Ob diese Beurteilung auch für die anderen oben beschriebenen möglichen ernsten Nebenwirkungen zutrifft, ist schwer zu sagen. Im Infosperber heißt es dazu6:

Sehr schwere Nebenwirkungen oder solche, die kurz nach einer Impfung auftreten, werden vermutlich eher gemeldet als leichte, erst spät auftretende oder solche, bei denen Ärzte keinen Zusammenhang mit der Impfung herstellen. Auch die Häufigkeit von Nebenwirkungen, die Arbeitsbelastung der potenziellen Melder und die mediale Berichterstattung können eine Rolle spielen, ob es überhaupt zu einer Meldung kommt. Die Möglichkeit, dass eine Nebenwirkung durch ein Arzneimittel verursacht sein könnte, genügt für eine Verdachtsmeldung.

Martina Frei, Infosperber

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen:

1. Der aktuelle 15. Sicherheitsbericht des PEI zeigt, dass die genannten schwerwiegende Nebenwirkungen und Impfkomplikationen bei den vier in der EU zugelassenen genetischen Impfstoffen zwar sehr selten vorkommen, aber das Risiko nicht gleich null ist, wie es manchmal behauptet wird. Im Risikovergleich sind in dieser Hinsicht die beiden mRNA-Impfstoffe möglicherweise günstiger zu beurteilen als die beiden Vektorimpfstoffe.

2. Da im Falle einer Infektion mit Sars-CoV-2 das Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen hoch ist (z. B. bei Personen von 50 bis 60 Jahren und älter, bei Menschen mit Risikofaktoren wie Adipositas, Diabetes, chronische Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen unabhängig vom Lebensalter, bei Schwangeren), überwiegt der Nutzen einer Impfung bei diesen Gruppen das Risiko einer Impfung deutlich.

3. Bedauerlich ist, dass es bei diesen Bevölkerungsgruppen bei uns in Deutschland im Vergleich etwa zu den skandinavischen Ländern noch erhebliche Impflücken bestehen. Diese könnten mit dazu beitragen, dass im Laufe der nächsten Monate wieder mehr Menschen an Covid-19 schwer erkranken, auf den Intensivstationen behandelt werden müssen und eventuell dort versterben.

4. Deshalb wäre es aus medizinischen Sicht wünschenswert, wenn es gelänge, in den nächsten Wochen mehr Menschen aus den oben genannten Bevölkerungsgruppen, die sich bisher nicht haben impfen lassen, vom Nutzen einer Impfung zu überzeugen. Das sollte vorwiegend durch eine intensive Aufklärung über Nutzen und Risiko der Impfung vonseiten der niedergelassenen Hausärztinnen und -ärzte, denen ihre Patienten vertrauen, geschehen.

5. Von politischer Seite sollte Folgendes bedacht werden: Von Menschen, die einer Covid-19-Impfung skeptisch gegenüberstehen, ist immer wieder zu hören, dass Viele Vorbehalte gegenüber den zugelassenen genetischen Impfstoffen haben und sich impfen lassen würden, wenn traditionelle Vakzine zur Verfügung ständen.

6. Deshalb ist es für mich nicht nachvollziehbar, dass traditionell hergestellte Vakzine wie z. B. die beiden von der WHO registrierten chinesischen Impfstoffe Coronavac und Sinopharm als eine zusätzliche Impfmöglichkeit in der EU bisher nicht zugelassen worden sind. Beide Impfstoffe verwenden das abgetötete Sars-CoV-2-Virus. Coronavac ist der in der Welt am meisten verbreitete Impfstoff und auf die beiden Vakzine aus China entfallen weltweit fast die Hälfte aller verwendeten Impfstoff-Dosen gegen Covid-19.7

Klaus-Dieter Kolenda, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin - Gastroenterologie, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin/Sozialmedizin, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Seit 1978 ist er als medizinischer Sachverständiger bei der Sozialgerichtsbarkeit in Schleswig-Holstein tätig. Zudem arbeitet er in der Kieler Gruppe der IPPNW e.V. (Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs und für soziale Verantwortung) mit. E-Mail: klaus-dieter.kolenda@gmx.de

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

(Klaus-Dieter Kolenda)