Wie tödlich wäre eine Grippe-Pandemie wie die von 1918?

Der Influenza-A-Virus wird gegenwärtig gegenüber Antivirenmittel resistenter, aber Untersuchungen deuten darauf hin, dass 1918 die meisten Menschen nicht an der Grippe selbst starben

Seit die Grippe-Pandemie im Jahr 1918 wütete, geht die Angst vor einem neuen Grippeerreger um, der möglicherweise noch weitaus gefährlicher sein könnte, weil die Menschheit gewachsen und sich stärker urbanisiert hat, aber auch eine globale Ansteckung sehr viel schneller erfolgen könnte.

Influenza A-Virus. Bild: CDC

Von Experten heißt es, es sei nicht die Frage, ob eine gefährliche weitere Grippe-Pandemie kommt, sondern lediglich wann. Seit Jahren wird immer wieder vor dem nächsten Vogelgrippevirus gewarnt, gegen den es in der ersten Welle keinen wirklichen Schutz geben könnte. Aus diesem Grund wurde auch der Influenza-Virus der Epidemie von 1918 rekonstruiert (Angst vor der Grippe-Epidemie).

Gerade wird etwa von Wissenschaftlern berichtet, dass die Viren vom Typ A (H1N1) in den USA zunehmend resistent gegenüber dem Neuraminidase-Hemmer Oseltamivir (Tamiflu) sind. A (H1N1)-Viren haben in den USA einen Anteil von etwa 19 Prozent unter den Influenza-Viren. In der Grippesaison 2007/2008 waren nach den Untersuchungen 12,3 Prozent der A(H1N1)-Viren gegen Tamiflu resistent. Nach vorläufigen Daten der Grippesaison 2008/2009 sollen nun bereits 98,5 Prozent resistent sein.

Wie viele Menschen 1918 an den Spanischen Grippe erkrankt und schließlich gestorben sind, ist Gegenstand von Vermutungen. Die Schätzungen gehen weit auseinander. 20 Millionen Menschen seien an ihr gestorben, sagen die einen, andere meinen, es könnten auch bis zu 100 Millionen gewesen, während bis zu 700 Millionen infiziert gewesen sein könnten (Fasttracks wundersame Wandlungen).

Wissenschaftler der Emory University in Atlanta gehen allerdings davon aus, wie sie in Emerging Infectious Diseases [http://www.cdc.gov/eid/content/15/2/346.htm berichten], dass die meisten Todesfälle nicht durch den Virus, sondern durch eine zusätzliche bakterielle Infektion verursacht wurden. Letztes Jahr hatten Wissenschaftler bereits herausgefunden, dass 1918 zwischen dem Auftauchen der ersten Symptome einer Grippe-Infektion und dem Tod bei Zivilisten und Soldaten zwischen 7 und 11 Tage vergingen, und vermutet, dass dies auf eine zusätzliche bakterielle Infektion zurückgeführt werden könne. Der Influenza-Virus würde nur selten den Tod herbeiführen, aber den Körper des Infizierten schwächen, so dass Bakterien einwandern können, die eine schwere Lungenentzündung hervorrufen.

Einen ähnlichen zeitlichen Abstand zwischen dem Aufkommen der Symptome und dem Tod stellten auch die Wissenschaftler der Emory University bei Soldaten fest, die 1918 an der Grippe starben. Der Median von 10 Tagen decke sich ziemlich genau mit dem Verlauf einer durch Streptococcus pneumoniae verursachten Lungenentzündung, die 1918 vielfach bei den an der Grippe Erkrankten aufgetreten ist. In den 1920er und 1930er wurde in Studien der Verlauf einer solchen damals noch unbehandelbaren Lungenentzündung beschrieben. Der praktisch identische Verlauf beweist zwar nicht, dass die meisten Menschen 1918 an bakteriell verursachter Lungenentzündung gestorben sind, aber dieser Schluss liegt nahe, weil die meisten Grippetoten auch Lungenentzündung hatten.

Sollte dies zutreffen, dann ließen sich die Folgen einer erneuten Grippe-Pandemie heutzutage sehr viel besser bekämpfen. Antivirale Medikamente wie Tamiflu gewähren einen gewissen Schutz, auch wenn dieser nach den oben erwähnten Analysen geringer wird, ein spezifisches Impfserum benötigt zur Herstellung eine gewisse Zeit nach Ausbreitung eines gefährlichen Virus. Wenn die Menschen aber vor allem durch eine zusätzliche bakterielle Infektion bedroht werden, dann ließe sich diese heute wirksam mit Antibiotika bekämpfen, wenn das Gesundheitssystem darauf eingestellt ist und die Menschen auch mit Antibiotika versorgt werden können.

Aus diesem Grund wäre vermutlich eine ähnliche Pandemie wie 1918 heute bei weitem nicht mehr so tödlich, zumindest nicht in den reicheren Ländern. Zudem ist diese in den außergewöhnlichen Umständen während und nach des Ersten Weltkriegs aufgetreten, was sicher auch dazu beigetragen hat, dass es so viele Tote gegeben hat.

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