Wie viel Einkommen ist nötig, um zufrieden zu sein?

Auf jeden Fall spielt nicht nur das Einkommen eine Rolle, zumindest nicht von Anfang an. Bild: Pietro Zanarini/CC BY-2.0

Nach einer weltweiten Umfrage sind Männer mit einem geringeren Einkommen als Frauen glücklich, in Westeuropa ist dazu ein Jahreseinkommen von 80.000 Euro erforderlich

Macht Geld glücklich? Ist man desto glücklicher, je mehr Geld man besitzt? Sind die Milliardäre also die glücklichsten Menschen? Tröstend wird ja gerne gesagt, dass auch die Armen glücklich sein und zufrieden leben können, dass das Haften am Materiellen vielleicht sogar eher unglücklich macht und die Jagd nach immer mehr Reichtum die permanente Unzufriedenheit am Köcheln hält.

Klar ist nur, dass wenig Geld oder ständiges Sparenmüssen auch nicht an sich für frohe Laune sorgt. Und, wenn man keine finanzielle Sicherheit hat, auch mit kleineren Unwägbarkeiten zurechtkommen zu können, ist kein Vergnügen.

Amerikanische Psychologen haben nun wieder einmal versucht herauszufinden, ob und wie subjektives Wohlbefinden, also selbst beschriebene Lebenszufriedenheit und Glück, an die Höhe des Einkommens gebunden ist. Die Studie ist in Nature Human Behaviour erschienen. Interessant dabei ist, dass sie mit Gallup World Poll Daten einer weltweiten Umfrage auswerten können, für die 1,7 Millionen Menschen ab dem Alter von 15 Jahren befragt wurden.

Bislang haben Umfragen ergeben, dass es eine positive Verbindung zwischen Einkommen und Lebenszufriedenheit gibt. Noch aber sei nicht klar, ob eine Obergrenze existiert, ab der es keine weitere Steigerung der Lebenszufriedenheit oder des Glücks mehr gibt. Es habe sich nur herausgestellt, dass die Verbindung zwischen dem Einkommen und dem Glück bei höherem Einkommen schwächer wird.

Nach einer auf die USA beschränkten Studie wird eine Sättigungsgrenze bei einem Jahreseinkommen von 75.000 US-Dollar erreicht. Andere Umfragen hätten dies nicht bestätigt. Ein wichtiges Problem bei all diesen Studien sei, dass das abgefragte Einkommen nicht mit der Haushaltsgröße verbunden wurde, es aber einen erheblichen Unterschied macht, ob eine Einzelperson 75.000 US-Dollar Einkommen hat oder ein Haushalt mit vier Personen.

In der von den Psychologen ausgewerteten Umfrage ist das jährliche Einkommen mit der Zahl der Personen im Haushalt verbunden. Allerdings wird auch hier nur das Einkommen herangezogen, nicht das gesamte Vermögen. Berücksichtigt wird auch nicht, wie hoch etwa die Verschuldung ist.

Nach der Auswertung liegt das durchschnittliche Einkommen, bei dem ein Sättigungsgrad bzw. ein "Wendepunkt" für die allgemeine Lebenszufriedenheit erreicht wird, bei 95.000 US-Dollar, etwa 76.000 Euro. Geht es nur um das gerade gefühlte Gutgehen (emotional well-being), so erreicht dies mit 60.000 US-Dollar einen Höhepunkt, ist man negativ gestimmt (negative emotions) dann bei 75.000 US-Dollar.

Aber das ist ein Weltdurchschnitt. Zwischen Ländern, Kontinenten und Regionen gibt es erhebliche Unterschiede, die auch von deren Wohlstand und dem Preisgefüge abhängen. Bleibt man bei der Lebenszufriedenheit, so sind die Menschen in Lateinamerika und der Karibik schon mit dem geringsten Einkommen zufrieden, nämlich mit 35.000 US-Dollar.

In Afrika südlich der Sahara ist man mit 40.000 US-Dollar etwas anspruchsvoller, aber bei den Menschen in Osteuropa und dem Balkan sind es mit 45.000 kaum mehr. In Südostasien liegt der Wendepunkt bei einem jährlichen Einkommen von 70.000 US-Dollar.

In Westeuropa und Skandinavien soll der Wert 100.000 US-Dollar betragen, etwa 80.000 Euro. In Deutschland liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen bei knapp 44.000 Euro, also weit darunter. Nur in Liechtenstein und Monaco sind die Bewohner mit 116.000 bzw. 180.000 erst mit einem höheren Jahreseinkommen als die europäische Sättigungsgrenze für die Lebenszufriedenheit glücklich.

Anspruchsvoller sind die Menschen in Nordamerika (105.000) und Ostasien (110.000), im Nahen Osten/Nordafrika ist man erst mit 115.000 US-Dollar Jahreseinkommen zufrieden oder am stärksten unzufrieden.

Interessant ist, dass Männer im Weltdurchschnitt mit weniger Geld zufrieden sind als Frauen. Sie sollen schon bei 90.000 US-Dollar so zufrieden sein, dass ein höheres Einkommen sie nicht mehr glücklicher machen würde. Für Frauen müssen es aber 100.000 US-Dollar sein, um nicht noch mehr Zufriedenheit anzustreben.

Dass Menschen mit geringer Bildung mit 70.000 US-Dollar zufrieden sind, aber Menschen mit besser Ausbildung erst mit 115.000 US-Dollar, hängt offensichtlich mit der Lebenswirklichkeit zusammen. 70.000 sind für jemand, der mit weniger rechnen muss, bereits Glück, während die Gutverdiener mehr brauchen, um zufrieden zu sein.

Wie man die Lebenszufriedenheit abhängig vom Einkommen einschätzt, dürfte sehr stark auch mit sozialen Vergleichen und einer größeren Kluft zwischen Arm und Reich zusammenhängen. Die Psychologen rätseln hingegen vor allem, warum ab einem bestimmten Einkommen die Lebenszufriedenheit nicht weiter zunimmt.

Das könne, so schlagen sie vor, mit den Kosten verbunden sein, die mit hohen Einkommen einhergehen: hohe Arbeitsbelastung, Verantwortung, wenig Freizeit etc. Das könne die Gelegenheiten für positive Erfahrungen wie Freizeit mindern.

Das übersieht, dass es auch zahlreiche Menschen gibt, die ein hohes leistungsloses Einkommen beziehen, das sie geerbt haben, und selbstbestimmt tätig sind, um ihr Einkommen zu vermehren. Die Belastung dürfte bei Geringverdienern, eventuell mit mehreren Jobs, und prekären Mitglieder der Mittelschicht, die den Absturz fürchten, deutlich höher sein.

Wahrscheinlich ist schon eher, dass die Vergleiche mit anderen Wohlhabenden mit wachsenden Einkommen eher zunehmen, wozu auch gehört, dass materielle Werte und Besitztümer eine immer wichtigere Rolle spielen. Kaum denkbar jedenfalls ist, dass viele Menschen ihr Einkommen nicht mehr steigern werden, wenn eigentlich der Sättigungswert erreicht ist. (Florian Rötzer)

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