Wie wird ein Song zum Hit?

Amerikanische Forscher sind der Formel für garantierte Publikumserfolge auf der Spur

Jedes Jahr werden weltweit tausende Filme gedreht, hunderttausende Songs aufgenommen und mehrere Millionen Bücher veröffentlicht. Und obwohl das nun schon seit vielen Jahren so läuft, konnte man bislang nie so recht vorhersagen, welche Kreationen nennenswerten Erfolg haben werden und welche nicht. Um das Geheimnis des Erfolgs zu lüften haben amerikanische Forscher ein umfangreiches Online-Experiment durchgeführt. Die Ergebnisse wurden soeben im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht.

In zwei Testrunden wurden insgesamt 14.000 jugendliche User eingeladen, sich auf einer Website 48 bislang unbekannte Songs von quasi unbekannten Bands anzuhören und diese anschließend zu bewerten. Wer wollte, konnte die Songs auch runterladen. Um den sozialen Einfluss zu messen, wurden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip unterschiedlichen Gruppen zugeteilt. In einem Teil der Gruppen erfuhren einige wenige Teilnehmer, wie oft ein Song runtergeladen worden war – weil man herausfinden wollte, ob und wie diese Art von Information die Bewertung der Songs und deren Erfolg beeinflussen würde. In den Kontrollgruppen gab es keine Informationen zum Download-Verhalten der anderen User.

Wie erwartet, hatte die Information über die Anzahl der Downloads tatsächlich einen Einfluss: Populäre Songs wurden populärer, während unpopuläre auf der Beliebtheitsskala noch weiter nach unten rutschten. Darüber hinaus stellten die Forscher fest, dass das Ergebnis umso schwerer vorauszusagen war, je größer der soziale Einfluss war. Mit anderen Worten: die Schwierigkeit, vorauszusagen, welche Songs sich zum Hit, und welche sich zum Flop entwickeln würden, nahm umso mehr zu, je mehr sich die Testhörer untereinander austauschten und beeinflussten.

Millionen Downloader können nicht irren?

Ausschlaggebend für den Erfolg eines Songs innerhalb der 'informierten' Gruppen war also nicht die 'Qualität' eines Songs – die in der Studie nicht im Einzelnen analysiert wird – sondern die Meinung der anderen. Anders ausgedrückt: Anscheinend mögen Menschen vor allem das, was andere auch mögen. Sie möchten lieber Teil einer Meinungsmehrheit sein, als ein Dasein als Außenseiter zu fristen. Und sei es nur innerhalb einer verhältnismäßig kleinen Gruppe. Denn: obwohl alle 'informierten' Gruppen auf dieselben Songs Zugriff hatten, entwickelte sich deren Popularität innerhalb der verschiedenen Gruppen sehr unterschiedlich. Was natürlich auch daran liegen kann, dass der persönliche Geschmack innerhalb der Gruppen sehr unterschiedlich verteilt sein kann. Ein Aspekt, der in der Studie nicht gesondert untersucht wurde.

Die Bedeutung der Studie liegt weniger in der Erkenntnis, dass Meinungsführer und Erfahrungsaustausch wichtige Faktoren sind, die darüber bestimmen, ob etwas innerhalb einer bestimmten Gruppe populär wird oder nicht. Vielmehr könnte die Internet-basierte Studie von Matthew J. Salganik, Peter Sheridan Dodds und Duncan J. Watts die Methodologie der Soziologie bereichern.

Schon seit langem mühen sich Soziologen ab, um – in Anlehnung an die Überlegungen von James S. Coleman – den Zusammenhang zwischen Interaktionen auf dem so genannten Mikrolevel einerseits und dem so genannten Makrolevel andererseits vorhersagen zu können. Wenn man nämlich erst einmal wüsste, wie individuelle Entscheidungen ganze Gruppen beeinflussen, dann wäre die Soziologie ein gutes Stück weiter. Bislang konnte man Experimente mit mehreren tausend Teilnehmern nur unter großem Zeit- und Geldaufwand durchführen. Durch das Internet jedoch eröffnen sich neue Perspektiven. Die Forscher erwarten deshalb, dass – basierend auf ihren Erkenntnissen – bald noch viel größere Online-Studien mit virtuellen Märkten und ähnlichem durchgeführt werden.

Natürlich könnten auch die Autoren der Studie persönlich von den Ergebnissen profitieren, etwa indem sie durch geschickte Nutzung von Gruppenprozessen ihre eigenen Publikationen zu Bestsellern machen. Jedenfalls beschäftigt sich einer der Autoren, Duncan J. Watts, schon seit längerem mit der Frage, wie man Erfolg vorhersagen kann im Allgemeinen und mit der Frage, wie er seine eigenen Büchern zu Bestsellern und sich selbst zum Star machen kann im Besonderen. (Katja Schmid)