Wie wirksam und sicher sind die neuen Vektor-Impfstoffe?

Kritische Sichtung der bisher publizierten Daten über die AstraZeneca- und Sputnik V-Vakzine sowie ein Vergleich mit den zugelassenen mRNA-Impfstoffen

In meinem letzten Telepolis-Beitrag zu den Corona-Impfungen habe ich mich mit der Wirksamkeit und Sicherheit der beiden mRNA-Impfstoffe - das Kürzel steht für Messenger-Ribonukleinsäure - von Biontech-Pfizer und Moderna beschäftigt, die bisher in Deutschland zugelassen worden sind.

Angesicht der bestehenden Impfstoff-Knappheit hatte ich mich in dem Artikel für eine schnelle Zulassung und Verfügbarkeit von weiteren wirksamen und sicheren Impfstoffen ausgesprochen und vorgeschlagen, dass dabei auch der russische Sputnik V-Impfstoff berücksichtigt werden sollte, der in Dessau offensichtlich auch per Lizenz produziert werden könnte. Damit könnten in den nächsten Monaten in Deutschland wahrscheinlich viele Menschenleben gerettet werden.

Deshalb beschäftige ich mich im vorliegenden Beitrag mit den vorliegenden Daten über Wirksamkeit und Sicherheit der neuen Vektor-Impfstoffe, zu denen auch Sputnik V gehört. Ich stütze ich mich dabei vor allem auf einen aktuellen Artikel in der Februar-Ausgabe der pharmakritischen wissenschaftlichen Zeitschrift Der Arzneimittelbrief, der sich vor allem mit dem Vektor-Impfstoff von AstraZeneca befasst.1Die Daten über Sputnik V habe ich den jüngst erschienenen Publikationen der britischen Wissenschaftszeitschrift The Lancet entnommen.

Was sind Vektor-Impfstoffe?

Traditionelle virale Impfstoffe (Vakzine) zur aktiven Immunisierung enthalten abgeschwächte, nicht mehr vermehrungsfähige beziehungsweise abgetötete Viren. Die neuen Vektor-Impfstoffe dagegen gehören wie die mRNA-Impfstoffe zu den künstlich hergestellten genetischen Vakzinen. Sie verwenden manipulierte, für Menschen nicht pathogene Viren als Transportvehikel (Vektoren), um das Impfantigen selbst beziehungsweise seine Erbinformation in die Zelle einzuschleusen. Bei zugelassenen Impfstoffen sind diese Verfahren bisher nicht routinemäßig eingesetzt worden. Eines der wenigen Beispiele ist die Ebola-Vakzine des Gamaleya-Instituts in Russland.

Für die jetzt gegen Sars-CoV-2 geprüften Vektor-Impfstoffe werden harmlose Adenoviren entweder menschlicher Herkunft wie zum Beispiel beim Impfstoff von Sputnik V oder dem von Johnson & Johnson oder Adenoviren von Schimpansen wie bei dem Impfstoff von AstraZeneca verwendet. Sie transportieren die Erbinformation für das Spike-Glykoprotein, das das Sars-CoV-2 bei der Infektion zu seinem Eintritt in die Wirtszellen benötigt. Nach Eintritt in die Zelle produzieren die manipulierten Adenoviren dann das Spike-Protein selbst und generieren damit eine Immunantwort des Organismus.

Zu den derzeit bereits eingesetzten Vektorimpfstoffen gegen Sars-CoV-2 zählen der an der Oxford-Universität entwickelte und vom schwedisch-englischen Konzern AstraZeneca vermarktete Impfstoff (ChAdOx1 nCoV-19), der Sputnik V-Impfstoff (Gam-Covid-Vac) vom staatlichen Gamaleya-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau, der CanSino-Impfstoff aus China und der Impfstoff des US-Konzerns Johnson & Johnson (Ad26.CoV2-S).

Ergebnisse aus Phase-I/II-Studien mit diesen Vakzinen haben gezeigt, dass die Induktion von neutralisierenden Antikörpern und CD4-/CD8-vermittelter T-Zell-Immunität ähnlich stark ist wie bei den beiden bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffen von Biontech-Pfizer und Moderna.

Studienergebnisse mit dem AstraZeneca- Impfstoff

Die AstraZenica-Vakzine wurde als erster Vektorimpfstoff gegen Covid-19 von der Europäischen Kommission (EC) am 29.1.2021 für Menschen ab 18 Jahren bedingt zugelassen. Dieser Impfstoff hatte bereits einen Monat zuvor eine Notfallzulassung in Großbritannien erhalten und es wurden schon mehrere Millionen Briten damit geimpft.

Wirksamkeit

Im Arzneimittelbrief wird berichtet, dass der primäre Studienendpunkt in zwei der vier vorliegenden Phase-III-Studien des Astrazeneca-Impfstoffs die Verhinderung eines bestätigten, symptomatischen Auftretens von Covid-19 vierzehn Tage nach der zweiten Impfung war. Ein Krankheitsfall war definiert über einen positiven PCR-Test und das Vorhandensein von mindestens einem der nachfolgenden Symptome: Fieber ≥ 37,8°C, Husten, Kurzatmigkeit, Geruchs- oder Geschmacksverlust. Jeder Fall musste von einem verblindeten "Endpoint Review Commitee" bestätigt werden.

Die Daten aus zwei der vier Studien fehlen in dieser ersten, vorab am 8.12.2020 publizierten Zwischenanalyse, weil die prädefinierte Mindestfallzahl von Covid-19-Fällen in diesen Studien noch nicht erreicht war. Der primären Analyse zur Wirksamkeit liegen somit nur die Daten von 11.636 Probanden aus Großbritannien und Brasilien zu Grunde, die beide Impfungen erhalten hatten. Davon waren 86,7 Prozent im Alter von 18 bis 55 Jahren (mittleres Alter 40 Jahre) und 60,5 Prozent Frauen. Die mediane Nachbeobachtungszeit beträgt 3,4 Monate.

Insgesamt wurden in dieser Zeit 131 Fälle von Covid-19 diagnostiziert, 30 im Arm der AstraZeneca-Vakzine (0,5 Prozent) und 101 im Arm der Kontrollgruppe (1,7 Prozent), bei der ein Meningokokken-Impfstoff als Placebo eingesetzt wurde. Hieraus errechnet sich eine relative Wirksamkeit der Impfung von insgesamt 70,4 Prozent.

Demnach heißt es im Arzneimittelbrief zur Wirksamkeit:

Die durch den ersten in der Europäischen Union zugelassenen Adenovirus-basierten Vektor-Impfstoff von AstraZeneca induzierte Immunität, gemessen an der Induktion neutralisierender Antikörper und spezifischer T-Zellen, ist vergleichbar mit den beiden bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffen, auch bei älteren Menschen. Die klinische Wirksamkeit, also der Schutz vor Erkrankung an Covid-19, liegt bei ca. 70 Prozent.

Arzneimittelbrief 2/2021

Weiter heißt es dort, dass die berechneten Ergebnisse für die AstraZeneca-Vakzine eine deutlich geringere Wirksamkeit, verglichen mit den mRNA-Impfstoffen (mehr als 90 Prozent), suggerieren. Ein derartiger indirekter Vergleich sei jedoch nicht zulässig, unter anderem, weil die Studien unterschiedliche Probanden in unterschiedlichen Regionen der Welt eingeschlossen haben, in denen teilweise auch schon stärker ansteckende Virusvarianten kursierten. Zudem würden sich die einzelnen Studien mit dem Antra-Zeneca-Impfstoff in ihrer Durchführung deutlich unterscheiden (Einschlusskriterien, verwendete Impfdosis, Impfabstand, Vergleichstherapie), was externe Vergleiche erschwere.

Bei dem wesentlich wichtigeren Endpunkt, der Verhinderung von Krankenhausbehandlungen beziehungsweise schweren Covid-19-Verläufen zwei Wochen nach der zweiten Dosis, betrug die Wirksamkeit der Impfung jedoch 100 Prozent (null vs. fünf Fälle). Für die Interpretation dieses Ergebnisses müssen jedoch weitere Zwischenanalysen mit mehr Fällen abgewartet werden.

Eine Reihe von Zwischenanalysen aus den oben genannten vier Studien haben weitere Informationen ergeben, die aber ebenfalls mit Vorsicht gedeutet werden müssen. Basierend auf 332 Patienten mit Covid-19 und 619 positiven Abstrichen bei 17.177 initial seronegativen Probanden wird darin eine Wirksamkeit der AstraZeneca-Vakzine-Vakzine ab Tag 22 nach der ersten Impfung von 76 Prozent berechnet. Außerdem habe man Hinweise darauf, dass die Wirksamkeit mit den Abständen zwischen beiden Impfungen ansteigt: 54,9 Prozent bei weniger als sechs Wochen und 82,4 Prozent nach mehr als zwölf Wochen.

Aus dieser Auswertung ergeben sich laut Arzneimittelbrief auch schwache Hinweise darauf, dass die Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine zum Teil auch vor asymptomatischen Infektionen schützen könnte.

Der Artikel im Arzneimittelbrief weist darauf hin, dass eine weitere post-hoc-Auswertung der Daten der älteren Studienteilnehmer sich auf die Frage konzentrierte, ob der AstraZeneca-Impfstoff auch bei Älteren eine ausreichende Immunität induziert.

Insgesamt drei Alterskohorten wurden in diese Analyse eingeschlossen, 160 im Alter von 18 bis 55 Jahre, 160 im Alter von 56 bis 69 Jahren und 240 im Alter von 70 Jahren und älter. Die Titer der gegen das Spike-Glykoprotein von SARS-CoV-2 gerichteten neutralisierenden Antikörper waren 28 Tage nach der zweiten Impfung in allen Gruppen ähnlich hoch, genauso wie die Ergebnisse der gegen das Spike-Glykoprotein gerichteten T-Lymphozyten. Dies weist darauf hin, dass der Impfstoff möglicherweise auch bei älteren Personen ausreichend wirksam ist.

In das bisherige Impfprogramm von AstraZeneca wurden nur relativ wenige Probanden über 65 Jahre eingeschlossen. Deshalb ist die Schutzwirkung bei älteren Menschen derzeit nicht ausreichend zu beurteilen, sodass weitere Auswertungen abgewartet werden müssen. Das ist der Grund dafür, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland die Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine aktuell nur für Personen zwischen 18 und 64 Jahren empfiehlt.

Das gilt auch für die Wirksamkeit gegen neue Virusmutationen sowie für die Beobachtung, dass die Wirksamkeit möglicherweise höher ist bei niedrigerer Erstdosis und/oder einem längeren Intervall zwischen der ersten und zweiten Impfung. Weiterhin ist unklar - wie auch bei den mRNA-Impfstoffen -, ob durch die Impfung eine "sterile Immunität" erzeugt wird, das heißt, ob die Transmission von SARS-CoV-2 im Falle einer Infektion verhindert oder vermindert wird.