Wieder Augenwischerei zur Genetik der Depression

Bild: RyanMcGuire/Pixybay License

Münchner MPI für Psychiatrie fällt erneut mit unseriöser Pressemitteilung auf

Wir haben uns hier bereits mehrmals mit den Ursachen psychischer Störungen und vor allem von Depressionen beschäftigt. Anlass war eine Initiative der Stiftung Deutsche Depressionshilfe unter Leitung Professor Ulrich Hegerls, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Leipzig, die uns dazu aufrief, die biologische Forschung zu psychischen Störungen ernster zu nehmen.

Die Stiftung hatte damals über ein Meinungsforschungsinstitut herausfinden lassen, für wie relevant die Allgemeinbevölkerung biologische gegenüber psychosozialen Ursachen hielt. Ergebnis: Für 65% waren die biologischen, für 91% die psychosozialen Faktoren von Bedeutung (Was sind Ursachen von Depressionen?).

Ich argumentierte gegen die Initiative der Stiftung, dass die Allgemeinbevölkerung dem Trend nach genau richtig liege, denn immerhin ist es ja Stand der psychiatrischen Forschung, dass die gefundenen genetischen Risiken minimal sind. Sie sind allenfalls für die Forscher interessant, die damit Studie um Studie publizieren können, für ihre Lebensläufe und ihre Forschungsmittel, bleiben aber allesamt bedeutungslos für die Praxis.

Nicht ohne Grund scheiterte ja das Großprojekt der amerikanischen Psychiater, die Diagnosen ihres DSM-5 von 2013 auf ein neurobiologisches Fundament zu stellen: Für keine der mehreren hundert darin unterschiedenen psychischen Störungen ließ sich auch nur ein einziges biologisches Diagnosemerkmal anführen, obwohl man seit über 170 Jahren danach sucht.

Bedeutung schwerer Lebensereignisse

In einem Folgeartikel legte ich noch einmal nach, nachdem ich selbst ein paar Studien über Risikofaktoren psychischer Störungen gesichtet hatte. Die gefundenen Effekte für psychosoziale Faktoren - vor allem schwere und schwerste Lebensereignisse wie Todesfälle, erlebte Misshandlung, Verlust der Arbeit - waren um ein Vielfaches größer als die der genetischen Faktoren (Mehr über Ursachen von Depressionen).

Wenn man sich nur die Ergebnisse für die schwersten Lebensereignisse anschaute, war der Effekt für das Psychosoziale etwa 8,5-mal so groß! Man sollte sich also fragen - völlig entgegengesetzt zur Aufklärungs- oder vielleicht doch passender Verklärungskampagne der Stiftung Deutsche Depressionshilfe -, ob die Allgemeinbevölkerung den Beitrag der biologischen Faktoren nicht sogar weit überschätzt?

Das würde mich jedenfalls nicht überraschen, wenn man bedenkt, dass Initiativen wie das Humangenomprojekt oder die "Dekade des Gehirns" jeweils mit öffentlichkeitswirksamer PR flankiert wurden. Der Bevölkerung sollte vermittelt werden, dass ihre Steuermilliarden für die biomedizinische Forschung gute Investitionen in die Zukunft und insbesondere ihre zukünftige Gesundheit sind.

Fehlerkorrektur

Ich könnte meine Tage damit füllen, die systematischen Fehler und Übertreibungen in wissenschaftlichen Publikationen, Pressemitteilungen sowie im Wissenschaftsjournalismus aufzuzeigen (Interessengeleitetes Schreiben: EEG, das Gehirn und Depressionen). Doch das wäre eine sehr deprimierende Art und Weise, seine Lebenszeit einzusetzen.

(Am Rande Dank an einen Kollegen aus der Neuropsychologie für den Hinweis auf das neue Buch des Wissenschaftsphilosophen Jacob Stegenga von der Cambridge University. In "Medical Nihilism" zeigt er mithilfe theoretischer wie empirischer Argumente auf, übrigens illustriert mit einem Gehirnscan auf dem Buchumschlag, dass die biomedizinische Forschung, salopp gesagt, eine Geldverbrennungsmaschine ist, die den Patienten in den allermeisten Fällen gar nichts nutzt.)

Berichte, die den Beitrag von Genen und Gehirn systematisch übertreiben, über Jahrzehnte hinweg, könnten jedenfalls erklären, warum die Allgemeinbevölkerung der Biologie im Bereich der psychischen Gesundheit überhaupt so einen großen Stellenwert einräumt. Ein aktuelles Beispiel für unseriöse Pressemitteilungen lieferte jetzt gerade - wieder einmal - das Max Planck-Institut (MPI) für psychiatrische Forschung in München, eine der Hochburgen der biologischen Psychiatrie in Deutschland.

Gentest für Depressionen

So berichtete das Institut in seiner Mitteilung vom 5. April 2019: "Gentest sagt Depressionsrisiko für Kinder und Jugendliche voraus. Forscher können bestimmen, welche Kinder mit höherer Wahrscheinlichkeit erkranken werden." Die der Meldung zugrundeliegende Studie von Thorhildur Halldorsdottir und Kollegen und unter Leitung der MPI-Direktorin Elisabeth Binder ist gerade im American Journal of Psychiatry erschienen.

Eine Warnung vorweg: Wenn Forscher von "Vorhersage" (englisch: prediction) sprechen, dann heißt das in der Regel bloß, dass irgendein statistischer Zusammenhang gefunden wurde. Implizit wird vorausgesetzt, dass der in den erhobenen Daten gefundene Effekt sich auch auf die Zukunft übertragen lässt. Getestet wird das aber nur selten.

In diesem Sinne aber schon einmal einen Pluspunkt für die Münchner Psychiater: In einer Stichprobe von über 460.000 Erwachsenen waren zuvor nämlich 44 genetische Risikomerkmale für Depressionen gefunden worden. Diese wurden nun auf ihre Aussagekraft hin überprüft, nämlich in einer zufällig in Schulen ausgesuchten Gruppe von Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren (N=1450) und einer Patientengruppe von Kindern und Jugendlichem im Alter von 7 bis 18 Jahren (N=279). Dazu die Pressemitteilung:

Trotz vieler Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten in Deutschland gelangen weniger als 50 Prozent der behandlungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen in die Versorgung. Oft wird die Erkrankung zu spät entdeckt.

MPI-Pressemitteilung vom 5. April 2019

Und wer hätte schon etwas gegen bessere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten für depressive Kinder? Wie dem auch sei, von Seiten der Planung her hat die Studie also schon einmal Stärken, wenn auch die Größe der Patientengruppe für allgemeine Aussagen eher bescheiden ist. Mit solchen Einschränkungen muss reale Forschung in den Humanwissenschaften aber auskommen: Depressive Kinder fallen ja nicht einfach so vom Himmel.

Die Pressemitteilung

Schauen wir zunächst noch einmal in die Pressemitteilung, was bei der Untersuchung herausgekommen sein soll:

Das internationale Forschungsteam … hat nun erstmals herausgefunden, dass mittels eines genetischen Profils vorausgesagt werden kann, ob ein erhöhtes genetisches Risiko für eine Depression bei Kindern und Jugendlichen vorliegt. Große Genom-weite Studien in Erwachsenen haben im vergangenen Jahr wichtige Erkenntnisse zur Genetik der Depression gebracht. Das Team testete nun, ob die genetischen Profile auch genutzt werden können, um Vorhersagen über Entstehung, Schweregrad und Erkrankungsbeginn bei Kindern und Jugendlichen zu tätigen.

MPI-Pressemitteilung vom 5. April 2019

Wie üblich wird dieser Befund durch ein paar knackige O-Töne der beteiligten Forscher zitiert, in diesem Falle konkret:

Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körner, Direktor der [Klinik und für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LMU München], sieht dieses Ergebnis als einen Meilenstein für unser Ursachenverständnis von Depression bei Kindern: 'Mit dieser Studie ist ein wichtiger Schritt in Richtung des Verstehens der komplexen genetischen Ursachen der Depression bei Kindern und Jugendlichen gelungen. Allerdings erklärt der Score nur eine Risikoerhöhung und nicht die Erkrankung!'

MPI-Pressemitteilung vom 5. April 2019

Und die MPI-Direktorin Elisabeth Binder merkt an:

Es gibt noch viel zu tun, um die frühzeitige Diagnose von Depressionen bei Jugendlichen zu verbessern. Wenn wir jedoch wissen, welche Kinder mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Depression entwickeln, haben wir die Möglichkeit, wirksame Präventionsstrategien einzusetzen und die enorme Belastung der Depression zu reduzieren.

MPI-Pressemitteilung vom 5. April 2019

Reden über Wahrscheinlichkeiten

So weit so gut. Eine Grundregel im Einmaleins des kritischen Verständnisses solcher Meldungen lautet nun, dass es meistens nichts Gutes zu heißen hat, wenn nicht konkret berichtet wird, wie groß ein gefundener Effekt oder eine Wahrscheinlichkeit ist. Manche Forscher (und unisono manche Journalisten) werden hier vielleicht erwidern, dass man die Allgemeinbevölkerung nicht mit schwierigen Details belasten will. Doch denken wir einmal an dieses Beispiel:

Ein Münzwurf sagt mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit voraus, ob morgen in Berlin die Sonne scheint oder nicht. Das wäre dann reines Zufallsniveau (unter der Hilfsannahme, dass dort genauso oft die Sonne scheint wie nicht, sonst kann man sich ein beliebiges 50-50-Beispiel denken).

Nun bekommen Berliner Meteorologen Millionen für ein Forschungsprojekt, um einen Supercomputer mit Daten zu füttern, um das Wetter vorherzusagen. Ergebnis: Es gelingt mit höherer als Zufallswahrscheinlichkeit, etwa 50,1%. Die Forscher sind begeistert, der Direktor des Instituts sagt, man könne nun mit höherer Wahrscheinlichkeit Sonnenschein vorhersagen und seine Kollegin spricht gar von einem "Meilenstein".

Signifikanz oder Relevanz?

Bei seriöser Forschung können wir davon ausgehen, dass "irgendwie höher" in der Regel bedeutet: statistisch signifikant höher. Das ist aber schon der erste Haken an der Sache: Für die Veröffentlichung der Ergebnisse in einer Fachzeitschrift ist statistische Signifikanz das Maß aller Dinge.

Die Allgemeinbevölkerung interessiert sich aber für die praktische Relevanz. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe und dafür ist eben die Effektgröße entscheidend oder um im Beispiel zu bleiben: Ob die Vorhersage nur mit mageren 50,1% oder annähernd perfekten 98% gelingt. In welchem Falle würden sie eher ihren Regenschirm zuhause lassen, wenn Ihnen Sonnenschein angekündigt wird?

Alter Wein …

Und nun kommt die traurige Pointe: Was uns hier als neue Entdeckung ("erstmals herausgefunden") angepriesen wird, als "Voraussage des Depressionsrisikos für Kinder und Jugendliche" (Titel der Pressemitteilung) oder gar als "Meilenstein für unser Ursachenverständnis von Depression bei Kindern" oder "ein wichtiger Schritt in Richtung des Verstehens der komplexen genetischen Ursachen der Depression" (Klinikdirektor Gerd Schulte-Körne) und von der MPI-Direktorin in einen praktischen Zusammenhang gestellt wird ("…haben wir die Möglichkeit, wirksame Präventionsstrategien einzusetzen und die enorme Belastung der Depression zu reduzieren."), ist nichts als alter Wein in neuen Schläuchen.

Wir wissen doch seit Jahrzehnten, dass es im psychischen Bereich für alles irgendwelche leicht erhöhten genetischen Risiken gibt (siehe hierzu den Klassiker über Erblichkeit und biologische Erklärung von Eric Turkheimer aus Jahr 1998) und der Genetik-Guru Kenneth Kendler führte schon 2005 aus, dass die im psychiatrischen Kontext gefundenen Risikogene so kleine Effekte aufweisen (Quotenverhältnis um 1,5), dass man sie nicht redlicherweise als Ursachen bezeichnen kann. Übrigens schrieb Kendler das in derselben Zeitschrift, in der nun der "Meilenstein" erschienen ist, eben dem American Journal of Psychiatry. Und jetzt dürfen Sie dreimal raten, wie groß die von den Münchner Psychiater gefundenen Effekte sind!

Schreiben über Effektgrößen

Hier kommt der Punkt, an dem es tatsächlich nicht einfach ist, Laien die Bedeutung von Effektgrößen zu vermitteln. Ich will es aber auf zwei Weisen versuchen: Da schreiben die Forscher beispielsweise, dass ihr genetisches Modell 7,7% der Unterschiede in der Stärke der depressiven Symptome erklärte. Das ist immer noch abstrakt - aber auch ziemlich weit entfernt von 100%.

Vielleicht hilft es, den biologischen Befund in Bezug zu einem psychosozialen Befund zu setzen: Die Forscher haben nämlich neben dem genetischen Profil auch Angaben über Kindesmisshandlung erhoben, also einen psychosozialen Faktor. Und in einem von den Forschern berechneten kombinierten Modell trug der genetische Faktor mit einem Quotenverhältnis von 1,6 zur Vorhersage der Depressionen in der Patientengruppe bei, der psychosoziale aber mit 3,9, also in etwa zweieinhalbmal so viel.

Der genetische Faktor ist also auffällig nahe an den 1,5, die Kendler Anno 2005 eher müde lächeln ließen. Noch deutlicher war der Unterschied in der Zufallsgruppe mit den Daten der 1450 Kinder und Jugendlichen: Der Effekt von Kindesmisshandlung auf die Stärke depressiver Symptome war hier mehr als achtmal so groß wie der Effekt der Risikogene.

Wie Misshandlung definiert wurde

Dabei muss man auch noch wissen, dass in der Patientengruppe alle mögliche Arten von Misshandlung über einen Kamm geschert wurden, nämlich "emotionale", wozu die Forscher Anschreien und Beleidigen zählten, "physische", also Schläge, und "sexuelle", nämlich ungewollte sexuelle Handlungen. In der Zufallsgruppe galten aber nur diejenigen Kinder und Jugendlichen als Opfer von Missbrauch, die mittlere bis schwere Misshandlungen erlebt hatten.

Das erklärt auch, warum im Ergebnis dann unter den Patienten satte 53,0% als Opfer von Kindesmissbrauch geführt werden, in der Zufallsgruppe aber nur 9,1%. Man kann also davon ausgehen, dass der Unterschied zwischen dem biologischen und dem psychosozialen Faktor noch größer gewesen wäre, wenn man hier den Missbrauch - ein Beispiel für die oben erwähnten schweren Lebensereignisse - genauer erfasst und sich auf die schweren Fälle von Gewalt und sexuellem Missbrauch konzentriert hätte.

So nähern wir uns den Effektgrößen, die ich in den älteren Artikeln über die Ursachen von Depressionen berichtet hatte. Diese wurden übrigens in den 1990er Jahren erhoben (auch von Kendler und Kollegen). In den Sozialwissenschaften wusste man das schon sehr viel länger, dass eben psychosoziale Faktoren wie schwere Lebensereignisse, aber auch Beziehungsstatus, Wohlstand, Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit bedeutende Risikofaktoren für psychische Störungen sind (für eine Zusammenfassung, siehe diesen Klassiker von John Mirowsky und Catherine Ross).

Fakt und Fiktion

Die Fakten sind also: Während immer und immer wieder bestätigt wird, was wir schon längst wissen, dass nämlich schwere Lebensereignisse und andere psychosoziale Faktoren psychische Störungen, unter anderem Depressionen, ursächlich bedingen, blasen biologische Psychiater in Führungspositionen ihre um ein Vielfaches kleineren Funde, die ausschließlich von akademischem Interesse sind, medial auf. So wird aus einem alten Hut ein angeblicher Meilenstein der Ursachenforschung.

Mir ist das in diesem Fall besonders schwer begreiflich, da die Forscher ihre Ergebnisse in der Originalarbeit durchaus realistisch darstellen, insgesamt ist es überhaupt eine der besseren Arbeiten der biologischen Psychiatrie, die ich in meinem Leben gelesen habe, wo sie korrekterweise schlussfolgern:

Gemäß unseren Ergebnissen war der Zusammenhang zwischen den PRS [das sind die genetischen Risikomerkmale, polygenic risk scores] und dem Ausbruch der Krankheit von kleiner Ordnung (Gefahrenquote=1,544). Auch wenn das die Relevanz für die öffentliche Gesundheit nicht ausschließt, legt die niedrige Vorhersagegenauigkeit den Schluss nahe, dass die PRS allein nicht hinreichend zur Vorhersage des Krankheitsausbruchs sind und dass für ein optimiertes Vorhersagemodell andere Faktoren miteinbezogen werden müssen.

Halldorsdottir et al., 2019, S. 6; dt. Übers. d. A.

Widerspruch zur Pressemitteilung

Für mich hört sich das ziemlich widersprüchlich zu dem an, was in der Pressemitteilung des MPIs über die Studie berichtet wird. Hierüber könnte man schmunzeln und sagen: "So ist halt die Welt, der eine verdient sein Brot mit Brötchenbacken, der andere mit akademischen Zahlenspielen oder schräger Wissenschaftskommunikation." Es geht hier aber um psychische Probleme vieler Millionen Menschen, die mit erheblichen Einschränkungen und großem Leid, bis hin zur Selbsttötung, für die Betroffenen und ihre Umgebung verbunden sind.

Nebenbei: Wenn man Forscher auf die überzogenen, in den Medien kolportierten Aussagen über ihre Studien anspricht, dann bekommt man manchmal als Antwort: "Ach ja, diese Journalisten, die drehen einem immer das Wort im Mund um." Wir sehen hier aber, wie die Studienleiter und die Presseabteilung der Forschungseinrichtung das selbst tun.

Dementsprechend haben Timothy Caulfield, Juraprofessor mit einem Faible für die Erforschung von Wissenschaftskommunikation an der University of Alberta in Canada, und Celeste Condit, Forschungsprofessorin für Kommunikation an der University of Georgia in den USA, in einem Artikel über den Ursprung von Hype in der Wissenschaft festgestellt, dass Forscher und Presse-Abteilungen der Institute ihren eigenen Beitrag zur Übertreibung leisten.

Ihr Hauptaugenmerk lag dabei zufälligerweise - oder vielleicht doch nicht so zufällig? - auf der Genetik. Einer der gefundenen Mechanismen bestand in der Verwendung von Ausdrücken, die einen Durchbruch nahelegen. Hat hier vielleicht jemand etwas von einem "Meilenstein" gesagt?

Die Vereinigung amerikanischer Psychologen schreibt in ihrem Ethik-Code übrigens vor, dass Forscher ihre Ergebnisse in der Öffentlichkeit nicht falsch oder täuschend darstellen (§5.01); und dass sie auch für die Aussagen verantwortlich sind, die andere in ihrem Auftrag tätigen (§5.02).

Gespaltene Persönlichkeit

Meiner Erfahrung nach wissen die Forscher natürlich, dass sie übertreiben. Manche reden auf einer Konferenz nach ein, zwei Bieren und im kleinen Kreis ganz anders über ihre Ergebnisse als während des Vortrags oder mit den Journalisten. Manche geben auf Nachfrage auch unverhohlen zu, dass sie das Spiel um öffentliche Aufmerksamkeit und Forschungsgelder strategisch spielen. Wie sich das Leben mit so einer gespaltenen Persönlichkeit für diejenigen wohl anfühlt?

Erinnern wir uns noch einmal an den Anspruch der Studienleiterin und MPI-Direktorin Binder, "wirksame Präventionsstrategien einzusetzen und die enorme Belastung der Depression zu reduzieren". Die Forscherin bekam am MPI auch eine ganze Abteilung mit dem Ziel, psychiatrische Forschung in die klinische Praxis zu überführen. "Translationale Forschung in der Psychiatrie" nennt man das.

Ich lasse die Leserinnen und Leser selbst darüber nachdenken, wie vielen psychisch Kranken einschließlich den Kindern, die Opfer von Missbrauch werden, man mit den Milliardenbeträgen tatsächlich helfen könnte, die jetzt in akademische Zahlenspiele versenkt werden. Nämlich indem man die Leute zuhause oder in den Kliniken besser betreut oder Gewalt, Armut und anderen Formen der Ausgrenzung vorbeugt, wo sie entstehen: in unserer Gesellschaft, nicht im Genetiklabor.

In diesem Sinne haben sich auch eine Reihe amerikanischer und britischer Psychiater um Roberto Lewis-Fernández, Professor an der Columbia University in New York, gegen die dominierende Neuro-Forschung in ihrer Disziplin ausgesprochen. In letzter Konsequenz stünden sogar Menschenleben auf dem Spiel, die man mit der Einführung neuer Therapie- und Präventionsmethoden retten könnte, für die es aber kein Geld mehr gebe. Die Alternative ist, wie der Cambridge-Philosoph Jacob Stegenga treffend formuliert hat: medizinischer Nihilismus.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.