Wiegen-, Heil- und Tanzlieder sind universell erkennbar, Liebeslieder nicht

Tanzende Jiwaka. Foto: media.defense.gov

Harvard-Forscher entdeckten mit automatisierter Mustererkennung weltweite Gemeinsamkeiten in Musik

In der neuen Science hat ein Team um den Harvard-Psychologen Samuel Mehr die Ergebnisse einer Studie zu kulturabhängigen und kulturunabhängig Elementen von Musik veröffentlicht. Dazu teilten sie in der Natural-History-of-Song-Datenbank (NHS) gesammelte Musikstücke aus 315 verschiedenen Kulturen in vier Kategorien ein: Schlaflieder, Heilgesänge, Tanzlieder und Liebeslieder.

In diesen vier Kategorien untersuchten sie anschließend mittels automatisierter Mustererkennung, ob es zwischen den Stücken aus verschiedenen Kulturen Gemeinsamkeiten gibt. Außerdem ließen sie Experten und Laien raten, in welche Kategorie die Stücke gehören. In drei dieser Kategorien fand die künstliche Intelligenz welche, die den natürlichen Intelligenzen wahrscheinlich dabei hilft, sie richtig zuzuordnen:

Schlaflieder klingen eher sanft als geschrien, Heilgesänge eher monoton als abwechslungsreich und Tanzmusik ist in allen Kulturen eher schnell als langsam. Weitere statistische Auffälligkeiten gibt es bezüglich Akzenten, Intervallen und dem Tonumfang.

Rhythmen und Melodien können innerhalb der Kategorien sehr stark variieren

Rhythmen und Melodien können dagegen innerhalb der Kategorien sehr stark variieren, wobei sie sich tendenziell um so mehr ähneln, je ähnlicher sich die Kulturen insgesamt sind. Die "Tonalität" - die Variation von Grundton aus - ist allen Kulturen bekannt. Was sie daraus machen, kann jedoch sehr unterschiedlich sein. Auffällig häufig sind aber pentatonische Systeme, was naheliegenderweise damit zusammenhängt, dass die menschliche Hand, die Musikinstrumente bedient, fünf Finger hat.

Die Kategorie der Liebeslieder ist dagegen nicht universell, worauf bereits eine im letzten Jahr veröffentliche Studie von Mehr und dem Harvard-Evolutionsbiologen Manvir Singh mit 118 Lieder-Snippets von 86 Völkern hindeutete. Hier konnten weder Computer noch Zuhörer auffällige Gemeinsamkeiten entdecken.

Das liegt auch daran, dass das zugrunde liegende Konzept der Liebe stärker kulturgebunden und mit verschiedenen Gefühlen verbunden ist, die sich dann auch in einem Liebeslied widerspiegeln: Es kann ein Element eines Balzrituals sein, ein Preislied auf eine Person oder ein Objekt, oder ein Trauergesang über einen Verlust (vgl. Northern Soul im Netz: Die Demokratisierung bezaubernder Musik).

Kulturabhängiges Urteil darüber, ob man eine Musik als angenehm oder unangenehm empfindet

Kulturabhängig ist auch das Urteil darüber, ob man eine Musik als angenehm oder unangenehm empfindet. Das bewies vor drei Jahren der Kognitionsforscher Josh McDermott vom Massachusetts Institute of Technology, der für seine in Nature veröffentlichte Studie dazu nicht nur US-Amerikanern, sondern auch Tsimane-Indianern und bolivianischen Stadtbewohnern Tonfolgen vorspielte.

Dabei zeigte sich, dass die US-Amerikaner und die bolivianischen Städter ganzzahlige Verhältnisse wie 3:2 und 5:4 als angenehm und Halbtonverhältnisse wie 16:15 als unangenehm empfanden, während die Jäger und Sammler hier keine Präferenzen zeigten. Als unangenehm empfanden sie lediglich besonders "raue" Kombinationen, die wie ein Alarmsignal wirkten und eher in Genres vorkommen, bei denen ein vermitteltes Genießen zweiter Ordnung vorliegt (vgl. Gewaltmarsch in die Freiheit).

Soziales Synchronisieren

Dass andere Teile der Wirkung von Musik auf Menschen "fest verdrahtet" sind, wäre evolutionsbiologisch gut erklärbar: Musik dient nämlich der Koordination gemeinsamen Agierens, wie die Musikwissenschaftler Patrick E. Savage und Steven Brown, die Musikethnologin Emi Sakai und der Evolutionsforscher Thomas E. Currie 2015 in den PNAS statistisch belegten. Das hängt auch mit den Phänomen Tanz zusammen, bei dem Bewegungen aufeinander abgestimmt werden. Darauf, dass das nicht nur kulturell erlernt ist, deutet das Verhalten von Tieren wie den Graurücken-Leierschwänzen hin, die sich ebenfalls rhythmisch zu Musik bewegen. (Peter Mühlbauer)