Wieviel ist eigentlich Vertrauen wert?

Auf der Spur der Opportunitätskosten der Misstrauensindustrie

Mir ist bisher ein einziges Mal ein Fahrrad gestohlen worden: Als es in einem angeschlossenen Keller einer Eigentumswohnanlage stand. Auch mein Auto und mein Haus schließe ich grundsätzlich nicht ab. Nicht nur ältere Mitbürger schütteln über mein Verhalten den Kopf. Dabei verhalte ich mich statistisch korrekt. Seit 1990 hat die Zahl der Autodiebstähle in Deutschland von 100.000 pro Jahr auf 20.000 abgenommen. In der 276.000 Einwohner zählenden Industriestadt Augsburg mit einem Ausländeranteil von 16,7% konnten 2010 exakt 97 Wohnungseinbrüche vermeldet werden. Selbst in der Millionenstadt München, Zentrum einer Metropolonregion mit 2,6 Millionen Einwohnern, wurden 2010 gerade 1160 Wohnungseinbrüche gezählt. Darf ich erwähnen, dass ich als in Oberbayern ansässiger Bürger noch nie ausgeraubt oder bestohlen wurde?

Große Verluste dagegen habe ich mit zehnseitigen, von Anwälten und Beratern überprüften Verträgen gemacht, die schließlich vor Gericht landeten. Unser Rechtssystem beruht ausschließlich auf Misstrauen. Obwohl im Bürgerlichen Gesetzbuch steht, dass auch mündliche Vereinbarungen rechtsgültig sind, sieht dies kein Gericht und auch kein Insolvenzverwalter so.

An jeder Ecke werden schriftliche Bestätigungen mit Unterschrift verlangt. Wer vorhat, dem anderen für ihn nachteilige Bedingungen anzudrehen, tut dies inzwischen nur noch in einem möglichst kleingedruckten Anhang, der als "Allgemeine Geschäftsbedingungen" mit Unterschrift anerkannt wird. Da steht dann all das drin, was der Unterzeichnende sicher nicht gerne unterschreiben würde: Kündigung erst nach 24 Monaten, keine Gewährleistung, keine Renditegarantie, kein weiteres Nutzungsrecht und vieles mehr.

Es gibt eine riesige Misstrauensindustrie, die aus Versicherungen, Anwälten, Wirtschaftsprüfern, Notaren und Beratern besteht. Sie verursacht Milliarden an sogenannten Transaktionskosten, Kosten also, die alleine dadurch entstehen, dass zwischen Bürgern, Wirtschaft und Staat geschäftliche Vereinbarungen getroffen werden.

Als Opportunitätskosten bezeichnet man Kosten, die durch Handlungen ausgelöst, aber nicht in diesen eingepreist sind. Ein Beispiel: Wenn wegen schlechter Verkehrsverbindungen Tausende mit dem Auto zur Arbeit fahren müssen, sind deren Kosten Opportunitätskosten für die Sparmaßnahmen im öffentlichen Nahverkehr.

Teures Misstrauen gegenüber dem Staat

Ein drastisches Beispiel für exorbitante Opportunitätskosten für die Gemeinschaft hat die britische new economic foundation in ihrem Bericht A bit rich errechnet: Danach schädigt jeder britische Steuerberater die Gemeinschaft des Vereinigten Königreiches mit dem 47-Fachen seines Jahreseinkommens von 70.000 bis 200.000 britischen Pfund. Dass es überhaupt ein angesehener und legaler Beruf sein kann, Firmen und Privatleuten dabei zu helfen, die Zahlung von Steuern und Abgaben an die Gemeinschaft zu reduzieren und zu vermeiden, ist Ausdruck des größtmöglichen Misstrauens zwischen Bürgern und Staat.

Es verwundert nicht, dass der Beruf des Steuerberaters ausschließlich in defizitären Staaten wie den USA, Großbritannien und Deutschland andauernd boomt. In Norwegen und der Schweiz dagegen ist er nicht so verbreitet. In Deutschland gibt es sogar eine ganz ohne Sarkasmus als Körperschaft des öffentlichen Rechts bezeichnete Bundessteuerberaterkammer, die 86.279 (2009) Mitglieder der edlen Zunft zählt. Der Steuerberater ist ein staatlich anerkannter und geprüfter Beruf.

Nach Schätzung der deutschen Steuergewerkschaft gehen Deutschland allein durch zu wenige Finanzbeamte 30 Milliarden Steuern jährlich verloren. Ein einziger Betriebsprüfer, so wurde errechnet, spielt pro Jahr eine Million Euro ein. Gelingt es den deutschen Steuerberatern, den gleichen Betrag, also als Berater von 50 Kunden je 20.000 Euro Steuern zu "sparen" - was für ein verrückter Begriff, wenn man weiß, dass jeder fehlende Euro für Zinsen aufgebracht oder gar durch neue Schulden finanziert wird -, dann entgehen der Gemeinschaft weitere 86 Milliarden Euro im Jahr. Mit einem Durchschnittsbruttogehalt von 70.000 Euro fallen die Steuerberater selbst auch noch mit 6 Milliarden Euro ins Gewicht.

Das Misstrauen der Bürger gegen "den Staat" kostet also in Deutschland die Gemeinschaft bereits ohne Berücksichtigung von Schwarzarbeit unvorstellbare 122 Milliarden Euro. Dies ist erheblich mehr, als insgesamt für Zinsen und in Normaljahren selbst für die Neuverschuldung benötigt wird. Die weltweit grösste Steuerberatungsfirma Deloitte veröffentlich regelmässig einen World Tax Advisor, dessen einziger Inhalt darin besteht, die jeweils nationalen Steuergesetze entweder zu umgehen oder aber - falls gerade ein armes Land Dumpingsteuern beschlossen hat - Holdings und Vermögenswerte in dieses Land zu verlagern.

Allen Ernstes sprechen Politiker auch in Europa von einem "Steuerwettbewerb", das heißt also von einem Wettbewerb zwischen den Staaten, möglichst viele Steuern in ihrem Land zu verbuchen. Die Verlierer dieses unsinnigen Wettbewerbs müssen dann mit Milliardenbürgschaften und Krediten vom Europäischen Stabilitätsfonds (EFSF), mit EU-Strukturhilfen, vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und von der Europäischen Zentralbank (EZB) gestützt werden. Vor allem aber müssen ihre verblieben Steuermittel bis zur Hälfte für die damit verbundenen, hohen Zinsen verwendet werden.

Da Deutschland trotz der beachtlichen, fehlenden 122 Milliarden Euro pro Jahr mit 560 Milliarden Euro zu den Staaten der Welt mit den höchsten Steuereinnahmen zählt, ist davon auszugehen, dass alleine in den 27 EU-Staaten jährlich eine Billion Euro durch das fehlende Vertrauensverhältnis zwischen Bürger und Staat als Opportunitätskosten anfallen.

Man könnte deshalb annehmen, dass die europäische Kommission und die Regierungen ein Interesse daran hätten, das Vertrauen zwischen den Bürgern und ihren Staaten zu verbessern. Das Gegenteil ist leider der Fall: Die 50.000 Beschäftigten der Europäischen Union müssen in Brüssel im Schnitt auf ein 100.000 Euro Einkommen nur 8,73 Prozent Steuern abführen. Für ihre Krankenversicherung werden 2 Prozent veranschlagt. Um die lästigen Budgetverhandlungen mit den Staaten abzuschaffen, möchte sich die EU nun durch eine Finanztransaktionssteuer direkt finanzieren. Da die Bürger diese Steuer nicht direkt spüren werden, weil sie in den Gebühren der Banken und Finanzdienstleister versteckt werden, wird sie dazu führen, dass auch weiterhin keinerlei Vertrauensbeziehung zwischen Bürgern, EU und Regierungen entsteht.

Daraus ließe sich eigentlich ableiten: Ein Wiederhersteller des Vertrauens, ein Vertrauensberater, hätte eigentlich nicht nur eine sozial und menschlich befriedigende Aufgabe vor sich, sondern auch ein äußerst lukratives Geschäftsfeld, denn die Senkung der Opportunitätskosten ist in allen europäischen Staaten schlichtweg die Alternative zu Kürzungen im Staatshaushalt und weiteren Steuerbelastungen.

Wenn Vertrauen so wertvoll ist - warum stößt es dennoch auf breitestes Desinteresse?

Die psychoanalytische Vertrauenstheorie geht davon aus, dass Vertrauen bereits in der frühen Kindheit entsteht oder eben nicht. Es gilt als eine völlig von Sozialisation und Erziehung abhängige Tugend. Eltern und Erzieher werden deshalb seit Jahrzehnten beschworen, eine Vertrauensbeziehung zum Kind aufzubauen. Deren wichtigster Baustein aber ist Kontinuität - und genau die ist durch Patchworkfamilien, Job- und Wohnsitzwechsel, Bildungs- und Selbstverwirklichungsphasen der Eltern und Erzieher weitgehend verloren gegangen.

Wenn es also stimmen würde, dass Kontinuität der wichtigste Baustein bei der Entwicklung und dem Erwerb von Vertrauen wäre, dann könnte bei dessen Fehlen auch kein Vertrauen mehr nachwachsen. Vertrauen wäre damit eine Währung der Kriegsgenerationen, die ihre Gültigkeit verloren hat. Nun könnte Vertrauen aber auch auf anderen Wegen entstehen, etwa durch vernünftige Einsicht darin, dass alle Beziehungen durch Vertrauen besser gelingen.

Allerdings steht diese Einsicht unter dem Druck, sich ständig gegen ihre Widerlegung behaupten zu können. Der Alltag ist voll mit Erlebnissen von enttäuschtem Vertrauen. Er wird daher von vielen sowohl im Privat- wie im Berufsleben als belastend empfunden. Zur Kompensation dieser Belastung sucht man die kleinen Fluchten: die Wochenendreise, den Rückzug ins Private, die Flasche Wein mehr, das Outdoor-Sporterlebnis. Von Menschen, die unter enttäuschtem Vertrauen leiden und sich mehr oder weniger verbittert von der Gemeinschaft, ja selbst von ihrer eigenen Familie und ihren Freunden abgewendet haben, Einsicht in den Nutzen von Vertrauen zu erwarten, ist nicht idealistisch, sondern einfach unrealistisch.

Wirkliche Vertrauenserlebnisse entstehen immer nur im Zustand des Schenkens und Gebens. Sie bestehen ganz wesentlich in der Empfängnis eines unerwarteten Geschenks. Über Jahrtausende ist es üblich gewesen, Vertrauen über Geschenke herzustellen, nicht über Versprechungen. Die gesamte antike Opferkultur unter Einschluss der christologischen Version vom Opfer des Sohnes Gottes beruht auf dem Gedanken, durch ein versöhnendes Geschenk das Vertrauen wiederherzustellen. Hellenische Kriegsflotten pflegten den Brauch, zunächst ein Schiff durch Versenken an Neptun zu geben, bevor sie mit ihrer Flotte zu Eroberungen aufbrachen.

Wir haben gelernt, das Opfer zu umgehen. Die Organisation unserer Gesellschaft scheint uns ein opferfreies Dasein zu ermöglichen. Zumindest sind wir uns keines Opfers bewusst - wenn da nicht unsere verrinnende Lebenszeit wäre. Jede Sekunde, jede Minute, die wir mit Steuervermeidung, Geldanlage, Klagen und Klageerwiderungen, Schutz des Eigentums und anderen Akten der persönlichen Vorteilsnahme verbringen, fehlen uns im Genuss des Gewinnes aus dieser Vorteilsnahme.

Vertrauen, so eine weitere Überlegung, könnte sicher einen gehörigen Gewinn an Lebensqualität bedeuten. Damit aber wäre Vertrauen nur noch eine Frage der individuellen Lebensgestaltung, nicht mehr eine Voraussetzung für das Funktionieren von Staat und Gesellschaft. (Alexander Dill)

Anzeige