Wikipedia-Gate

Manipulationen aus dem US-Kongress sorgen für Wirbel

Spätestens seit der Affäre um John Seigenthaler, dem per Wikipedia eine Verwicklung in den Kennedy-Mord unterstellt, ist die Wikipedia in Blick der Öffentlichkeit geraten. Eine vermeintlich groß angelegte Manipulation von Wikipedia-Artikeln durch US-Parlamentarier wächst sich derzeit zum Skandal aus. Die Erwartungen bestätigen sich bei genauem Hinsehen nicht, allerdings wirft die Episode kein gutes Licht auf den politischen Anstand in den USA.

Begonnen hatte die Geschichte mit einem Artikel der Zeitung Lowell Sun. Das Heimatblatt des US-Abgeordneten Matty Meehan berichtete über Manipulationen im Wikipedia über den Abgeordneten aus Massachusetts. Ein Mitarbeiter hatte zwei Mal in den Wikipedia-Artikel über ihren Arbeitgeber eingegriffen, beim ersten Mal den eher kurz geratenen Artikel durch eine ausführlichere PR-Biografie ersetzt und beim zweiten Mal einen Abschnitt über ein nicht eingehaltenes Wahlversprechen entfernt. Meehans Büroleiter räumte die Änderungen ein, sprach aber im Wesentlichen von einer Verbesserung des Artikels. Man habe nicht vorgehabt, unbotmäßig in die Wikipedia einzugreifen.

Geschönt, gelöscht, verbessert

Seitdem entwickelt sich die Geschichte immer weiter. Mehrere Parlamentarier mussten inzwischen eingestehen, dass ihre Mitarbeiter an ihren Wikipedia-Artikeln miteditiert hatten. Mit Folgen: Inzwischen wird darüber spekuliert, dass die Änderungen in dem Artikel über den demokratischen Senatoren Joe Biden dessen Chancen auf eine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2008 verschlechtern.

In den von den Abgeordnetenbüros geänderten Artikeln zeigt sich immer das gleiche Bild. In den Artikeln verschwanden einige kritische Aspekte zu den betroffenen Abgeordneten, während ihre Verdienste in besserem Licht dargestellt wurden. Teilweise wurden aber auch schlicht Fehler korrigiert, die der Wikipedia-Community noch nicht aufgefallen waren.

Eine Wikipedia-interne Überprüfung der Vorgänge brachte zwar einige belastende Edits zu Tage, die Gesamtbilanz sieht jedoch wenig beunruhigend aus: Bei den über 1.000 Veränderungen, die zu dem Proxy-Server des US-Repräsentantenhauses zurückverfolgt wurden, waren nur äußerst wenige „bad faith“ - also mit erkennbar böser Absicht - erstellt worden. Die meisten anonymen Änderungen aus dem Parlamentsnetz sind sogar als konstruktiv zu bezeichnen. Eine Überprüfung der angemeldeten Nutzer, die sich aus dem Kongressnetz bei der Wikipedia beteiligten, sah noch besser aus: Sie arbeiteten durchgehend konstruktiv mit – und zeigten dabei auch wenig Interesse an politischen Artikeln. Ein Hinweis, dass die Mitarbeit an der Wikipedia inzwischen zum ganz normalen Büroalltag gehört – auch beim US-Parlament.

Kindereien aus dem Senat

Schlechter sieht die Bilanz aus für den US-Senat aus. Hier wurde eine ganze Reihe von böswilligen Änderungen gefunden. Allerdings zeigten diese weniger Manipulationswillen als kindische Unreife der Parlamentsmitarbeiter: Mal wurde ein Abgeordneter beschimpft, dass er nach Pferdemist stinke, ein anderer wurde als größte Nervensäge des US-Senats bezeichnet. Solche plumpen Anwürfe werden durch die Wikipedia-Community in der Regel schnell entdeckt und beseitigt.

Dass die Berichterstattung über die Wikipedia-Manipulationen mittlerweile in die zweite Woche geht, hat seine Gründe in Falschinformationen, die immer wieder an die Oberfläche kommen. So berichtet die Nachrichtenagentur AFP, dass Mitarbeiter mit einer Email-Adresse des US-Parlaments von der Mitarbeit ausgeschlossen seien worden. An der Meldung ist wenig dran: Zwar war gegen eine zentrale IP des US-Repräsentantenhaus tatsächlich mehrfach eine Sperre verhängt worden, aber sie war jeweils nach kurzer Zeit wieder aufgehoben worden. Auch die von Medien aufgegriffene Warnung der Wikipedia vor Artikeln über US-Politikern sind wohl nur auf ein Missverständnis zurückzuführen – die Wikimedia Foundation als Betreiber der Wikipedia hat allerdings bisher keine Anstrengungen unternommen, der überbordenden Gerüchteküche entgegenzutreten.

Dass Wikipedia-Edits zum Politikum werden können, ist schon länger bekannt: So sorgten zwei Änderungen an den Artikeln über Jürgen Rüttgers und Peer Steinbrück aus dem Netz des Bundestages im Landtagswahlkampf Nordrhein-Westfalen für aufgeregte Medienberichte (Manipulationen, Wahlkampf und ein Wiki). Etwas offener ging ein Mitarbeiter der FDP-Geschäftsstelle vor, als er die Biografie des FDP-Generalsekretärs Dirk Niebel glätten wollte. Nachdem seine anonym vorgenommen Änderungen gescheitert waren, wandte er sich per Email an die Wikipedia-Community. Der Erfolg war bescheiden: Die vermeintlich „wahrheitswidrigen Behauptungen“ sind immer noch in der Wikipedia enthalten – allerdings etwas ausführlicher belegt. (Torsten Kleinz)

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