Wikipedia als Neocon

Im Fall der Entführung eines Journalisten wurde die Öffentlichkeit bewusst belogen

Der Ideologie der Neocons nach ist es notwendig, die Öffentlichkeit zu ihrem eigenen Besten zu belügen. Nun wurde bekannt, dass sich im Fall der Berichterstattung um einen entführten Journalisten auch die Wikipedia-Führung um James Wales dieser Vorstellung beugte.

Im November letzten Jahres wurde der damals in Afghanistan tätige Journalist David Rohde zusammen mit seinem Fahrer und einem Dolmetscher das Opfer einer Entführung. Um mögliche Lösegeldforderungen niedrig zu halten, vereinbarten Mitarbeiter seiner Zeitung, der New York Times, mit Nachrichtenagenturen und anderen Medien auf dem "kurzen Dienstweg" Stillschweigen über das Ereignis. Auf diese Weise sollte der Eindruck vermittelt werden, Rhode sei eine eher unwichtige Figur, um die sich niemand wirklich sorgt.

Ein Freund von Rhode bearbeitete darüber hinaus dessen Wikipedia-Eintrag. Dort löschte er unter anderem Rhodes frühere Tätigkeit beim Christian Science Monitor (einer Zeitung, die trotz des Namens tatsächlich keineswegs explizit christlich ausgerichtet ist) und ließ vor allem Rhodes Arbeit während des Bosnienkrieges besonders moslemfreundlich erscheinen. Sehr plastische Schilderungen seiner Gefangennahme durch bosnische Serben sollten den Entführern den Eindruck vermitteln, dass sie selbst ähnlich handeln und damit auf Seiten der "Feinde des Islam" stehen würden. Um diese Änderungen glaubhafter erscheinen zu lassen, nahm die New York Times auch Änderungen in ihrem Online-Archiv vor.

Die Entführung selbst sollte im Wikipedia-Eintrag nicht erwähnt werden. Allerdings gab es dort Nutzer, die aus nichtamerikanischen Quellen davon erfuhren und ihr Wissen weitergeben wollten. Also wandte sich die New York Times an den Wikipedia-Gründer James Wales, der mit den ihm zur Verfügung stehenden Sonderrechten dafür sorgte, dass der Eintrag stets den Wünschen der Zeitung entsprach. Um Aufsehen zu vermeiden wurden auch andere Administratoren mit der Kontrollaufgabe betraut und setzten unter anderem Schreibrechte zurück. Kommentare, die auf Berichte einer afghanischen Nachrichtenagentur verwiesen, wurden mit Verweisen auf deren angeblich mangelnde Verlässlichkeit abgebügelt, darob empörte Nutzer als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt.

Nachdem Rhode Ende Juni schließlich unter etwas merkwürdigen Umständen die Flucht gelang, brachte auch die New York Times die Geschichte - und Wikipedia sieht sich seitdem mit einem erheblichen Vertrauensverlust konfrontiert: Die Darstellungen in den angeblich wenig verlässlichen Quellen entpuppten sich als zutreffend, während eine angeblich verlässliche ihr Archive manipulierte. Und die Verschwörungstheorie erwies sich mit einem Mal als die Wirklichkeit - als eine echte, real existierende Verschwörung. Da fragte sich nicht nur David Ardia vom Citizen Media Law Project, in welchen anderen Fällen die Führung des Online-Lexikons möglicherweise Unwahrheiten zur Geltung verhilft.

Während Wikipedia-Nutzer und Blogger auf die grundsätzliche Problematik des im "Ausnahmefall" Rhode praktizierten Vorgehens hinwiesen und anmerkten, dass keineswegs klar ist, ob und inwieweit die manipulierte Fassung des Eintrags dazu beitrug, dass die Entführung ein glimpfliches Ende nahm, nutzte man den Fall in Medien wie dem Spiegel für ein Loblied auf die breitflächig praktizierte Selbstzensur, in dem es unter anderem hieß: "In ethnisch aufgeheizter sozialer Stimmung verzichtet man darauf, auf die Ethnie von Gewalttätern zu verweisen". Ob es Rhodes wohl dienlich gewesen wäre, wenn er sich im Bosnienkrieg an diesen Ratschlag gehalten hätte? (Peter Mühlbauer)

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