Wikipedia auf dem Weg zum Orwellschen Wahrheitsministerium

Wenn B über A spricht, erfährt man etwas über … B

Die zahlreichen Beispiele des tendenziösen Abwertens einer Mainstream-missliebigen Person, nennen wir sie A, folgen oft einem leicht erkennbaren Muster. Man kann dann lesen: "B bezeichnete A als …", "C kritisierte die Argumentation von A als …", "In einer Rezension über A’s Werk schrieb D …", egal wie inkompetent und irrelevant B, C und D im Vergleich zu A sein mögen.

Die deutsche Wikipedia ist hier sogar noch schmieriger als die englische, beispielsweise findet sich im Artikel über den langjährigen CIA-Analysten und Whistleblower Ray McGovern, der regelmäßig transatlantische Kriegspropaganda seziert, der Vorwurf, seine Ansichten seien von "Verschwörungsseiten" irgendeines Rechten übernommen - wenn dann wird es wohl umgekehrt sein, aber wie dumm ist diese Bemerkung?

Findet sich überhaupt nichts Substanzielles zu monieren oder werden falsche Zitate aufgedeckt, dann flüchten sich die weiteren Kritiker in Formulierungen wie "A pflegt einen Diskurs…", "A bedient einen Jargon …", "A’s Schriften sind getränkt von …" oder gar "A’s Werk erinnert an". Ein unsägliches Meta-Geschwätz. Wikipedia hat ein Problem. Wer dort mit wachen Sinnen unterwegs ist, kann dies nicht leugnen.

Es war zu schön, um wahr zu werden

Nun kann man natürlich einwenden, Wikipedia sei nur als Spiegel der Welt konstruiert, in dem uns eben hier die Krise der Medien entgegenblickt. Abgesehen davon, dass dieses Argument jeden Missstand rechtfertigt, muss Wikipedia natürlich den Anspruch behalten, fair, neutral und ausgewogen zu sein und nichts zu unterschlagen.

Ein unverfängliches, aber instruktives Beispiel aus der Wissenschaft ist der italienische Physiker Gian Domenico Romagnosi, der als erster den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus entdeckte. Generationen von "Mainstream" - Historikern hatten voneinander ab- und die Entdeckung Hans Christian Ørsted zugeschrieben, bis jemand Romagnosi bei Wikipedia als alternatives Faktum präsentieren konnte.

Solche Erfolge könnte Wikipedia auch in der Politik und Zeitgeschichte erreichen, wenn denn die entsprechenden Einträge nicht als "Verschwörungstheorie" etikettiert oder gleich gelöscht würden. Warum findet sich zum Beispiel beim Artikel über die Giftgasangriffe von Gouta nicht jene Studie des MIT, die in der legendären Anstalt vom 20.10.15 erwähnt wurde und massive Zweifel an der Urheberschaft der syrischen Regierungstruppen begründet?

Wie ist es zu erklären, dass Seiten wie Propagandaschau oder die Ständige Publikumskonferenz trotz erheblicher Reichweite keinen Wikipedia-Eintrag haben? Dafür gilt ein ukrainisches Schmählied über Putin enzyklopädisch relevant, das - hier bedient sich der Autor einmal der Technik der Verklammerung - sicher auch von Faschisten gesungen wird.

Einige Wikipedia-Nutzer und auch Administratoren verstoßen dabei heftig gegen die eigenen Regeln, indem Sie z.B. Nutzer sperren, die in einer entsprechenden Diskussion die "falsche" Meinung vertreten haben - hier sind die Recherchen von Markus Fiedler ebenfalls sehr aufschlussreich. Manchmal ist ein Blick in die Versionsgeschichte oder Diskussion (wenn noch nicht archiviert) interessanter als der Artikel selbst.

Regeln und Menschen, die sie anwenden

Das Regelwerk von Wikipedia ist zwar nicht besonders übersichtlich, aber überwiegend sinnvoll und jedenfalls ursprünglich gut gemeint. Als der große Wurf, der ein stabiles Funktionieren über Jahre hinweg garantiert, hat sich das System jedoch nicht herausgestellt. An der Spitze der Hierarchie von Wikipedia stehen (anonyme) Administratoren, die weitgehende Rechte wie Löschung von Artikeln oder Sperrung von Nutzern haben (darüber gibt es sehr wenige, ebenfalls anonyme, "Bürokraten"). Derzeit gibt es noch knapp zweihundert Administratoren, in deren Händen mehr oder weniger das Schicksal von Wikipedia liegt. Wie kommen sie zu dieser Macht?

Administratoren werden gewählt, ein wesentliches Kriterium ist jedoch, wie viele Meriten sie sich vorher als Artikelbearbeiter, -korrektor oder "Sichter" erworben haben. Der Idealismus, so viel unbezahlte Arbeit in den Dienst der Allgemeinheit gestellt zu haben, verdient allen Respekt. Er qualifiziert jedoch noch nicht automatisch für eine Führungsposition in einer der einflussreichsten Organisationen in der Welt.

Abgesehen davon hat Wikipedia ein massives Nachwuchsproblem. Viele Autoren wurden vergrault durch den ruppigen Umgangston und eine rigide Löschpraxis "nicht relevanter" Themen, nun kreist eine langsam älter werdende Clique von Computerfreaks immer mehr um sich selbst. Wikipedia ist auch ein Beispiel dafür, dass Macht korrumpiert.

Die vermeintlich selbstlose Tätigkeit muss nach Jahren eben doch einen Gewinn abwerfen - und sei es durch Machtmissbrauch gegenüber Neulingen und Andersdenkenden. Anders kann man es nicht nennen, was in den Löschdiskussionen vor sich geht - das Niveau geht gegen Null, die Aggressivität durch die Decke. Oft entdeckt man, dass sachkundige Neulinge, die ihre Meinung in wohlformulierten Beiträgen eingebracht haben, inzwischen gesperrt wurden.