Wikipedia auf dem Weg zum Orwellschen Wahrheitsministerium

Homo extinguens

Jemand hat Wikipedia einmal wohlwollend als "Diktatur der Zeitreichen" bezeichnet, aber leider muss man eine unangenehme Wahrheit aussprechen: der bei Löschdiskussionen involvierte Personenkreis unterliegt seit Jahren einer Negativevolution hinsichtlich Bildung und Charakter. Wer hat denn Lust, seine Zeit für Recherche und das Abfassen von Beiträgen aufzuwenden, nur um diese nach einer Kanonade von polemischen Vorwürfen alsbald im Archiv verschwinden zu sehen?

Wer intelligent und gebildet ist, etwas zu tun hat im Leben und damit erfolgreich ist, macht das nicht oft. Übrig bleiben die anderen. Extremformen dieser Spezies werden sogar bei Wikipedia ironisch als "Löschtrolle" bezeichnet, dennoch ist hier offenbar eine Nische entstanden für Menschen, die ihren Sinn im Ausradieren von Information suchen.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: ich denke, dass die Mehrzahl der Administratoren überdurchschnittlich intelligente, idealistische und integre Menschen sind (wenn ich auch nur eine sehr kleine Stichprobe persönlich kenne), die sich jedoch zu wenig Gedanken machen über den allgemeinen Zustand des Projekts.

Offensichtlich gibt es aber neben diesen eine schlagkräftige Gruppe, die eine klare Agenda verfolgt: Wikipedia politisch auf Linie zu halten und alternative Sichtweisen zu unterbinden - Markus Fiedlers Dokumentarfilm nennt hier konkret eine Reihe von Nutzern, die sich besonders manipulativ verhalten.

Hinter der Kulisse ist noch nicht der Rechtsstaat

Welche Interessengruppen am Werk sind, darüber kann man natürlich nur spekulieren. Gesichert ist jedoch, dass Dutzende von Thinktanks und Tausende von Mitarbeitern von Ministerien und Geheimdiensten auf der ganzen Welt sich mit Öffentlichkeitsarbeit und PR befassen.

Anzunehmen, diese würden nicht ein bisschen mitreden wollen, was in der weltweit wichtigsten (und als objektiv geltenden) Informationsplattform geschrieben steht, wäre wohl haarsträubend naiv. Dass Unternehmen massiv Inhalte editieren, ist bekannt. Geheimdienste, die ja auch in konventionellen Medien Geschichten lancieren, stellen sich dabei wohl kaum ungeschickter an. Wer hat also bei Wikipedia das sagen?

Wikipedia beschreibt ihre eigene Struktur als "eine Art gemischter Verfassung, die neben Zügen von Demokratie und Anarchismus sowie von Oligarchie und Meritokratie auch Elemente von Technokratie, Plutokratie und Diktatur aufweist". Nett formuliert, aber wollen wir das?

Und vor allem: darf das sein in einem demokratischen Rechtsstaat? Wikipedia ist seiner Kinderstube entwachsen und zu einer Quelle geworden, die nicht nur als objektiv gilt, sondern auch über ein faktisches Monopol verfügt. Man hört, Google wolle zum Faktencheck auf Wikipedia zurückgreifen - allein die Idee, Wahrheit zentral zu definieren, ist eine der faschistoiden Wahnvorstellungen der heutigen Zeit.

Abgesehen davon spielt Wikipedia ja tatsächlich eine wichtige Rolle, der sie gerecht werden muss. Sie ist Teil des Gemeinwesens geworden, in dem intransparente Strukturen, die außerhalb des Rechtsstaates oder gegen diesen operieren, nicht geduldet werden dürfen. Persönlichkeitsrechte, Rechte von Vereinen und Unternehmen, die Freiheit von Wissenschaft und Kunst - all das verwirklicht heute Wikipedia, und immer häufiger gehen auch die Grundrechte auf Information und freie Meinungsäußerung durch dieses Nadelöhr. Sie müssen durchgesetzt werden. Damit meine ich nicht Zensurinstrumente wie das NetzDG, sondern grundlegend andere Macht- und Entscheidungsstrukturen.

Strukturelle Probleme und Ideen dazu

Die Anonymität muss zumindest ab der Ebene der Administratoren fallen. Diktaturen sind gesichtslos, aber in einem demokratischen Gemeinwesen müssen die Entscheidungsträger sichtbar sein. Dies ist auch nötig, um das verbreitete Problem der Befangenheit zu vermeiden. Persönliche Interessen, mit denen Sachdiskussionen unsichtbar infiltriert sind, vergiften Objektivität, welche im übrigen eine naive Wunschvorstellung ist. Denn jeder, der bei Wikipedia auch nur einen Edit ausführt, hat bestimmte eigene Interessen, ober er sie sich nun eingesteht oder nicht. Diese durch Klarnamen transparenter zu machen wäre allemal besser als die derzeitige Situation.

Letztlich ist die derzeitige Organisationsstruktur aber wahrscheinlich ungeeignet, sich gezielten Machtinteressen zu widersetzen. Was Wikipedia eigentlich braucht, ist eine Form der Gewaltenteilung. Diejenigen, welche allgemeine Regeln beschließen, sollten schärfer von den Autoren getrennt werden, und vor allem müsste die Anwendung der Regeln bei Streitigkeiten unabhängigen Gremien unterliegen - so wie dies im realen Leben mit der Gerichtsbarkeit der Fall ist (so sollte es zumindest sein). Es gibt zwar bei Wikipedia ein Schiedsgericht, die sehr geringe Anzahl der Anfragen spricht aber nicht für ein großes Vertrauen in diese Institution.

Qualität hat ihren Preis

Die Interpretation so unbestimmter Begriffe wie zum Beispiel "enzyklopädische Relevanz" ist eine schwierige Aufgabe, die Distanz, Abstraktionsvermögen und die Kenntnis von Vergleichsfällen erfordert - nicht umsonst haben Richter eine jahrelange Ausbildung. Wikipedia benötigt dringend transparente, qualifizierte Instanzen zur Lösung von Konflikten, deren Entscheidungen dann durchgesetzt werden.

Qualität - eine Binsenweisheit - kostet Geld. Um ein ordentliches und gerechtes Funktionieren einer "Verwaltung" und "Gerichtsbarkeit" von Wikipedia zu gewährleisten, muss man wohl vom Prinzip der absoluten Kostenfreiheit Abschied nehmen. Das bedeutet keineswegs Kommerzialisierung, die Rechtspflege kennt ja auch Gebühren, die vor dem Missbrauch der Rechtsmittel durch Querulanten abschrecken.

Warum sollte also der Einspruch gegen eine Löschung bzw. die Anrufung des Schiedsgerichts nicht mit moderaten Kosten verbunden sein, die im Falle des Obsiegens natürlich erstattet werden? Und vielleicht spräche auch nichts dagegen, das Prinzip einer angemessenen Entlohnung weiter auszubauen. Viele wären eher bereit, für das Funktionieren einer so großartigen Idee etwas Geld auszugeben als auf Dauer anonymen Verwaltern zu vertrauen, die, aus welchen Gründen auch immer, zu viel Zeit haben.