Wilde Kopfjagd

Amoralisch, raffiniert und brachial: "Domino"

Bei kaum einem amerikanischen Regisseur gehen filmische Sinnstiftung und Gewalt-Erzählung eine derartig symbiotische Beziehung miteinander ein wie bei Tony Scott. Hatte er mit "Man of Fire" (2004) auf die ökonomischen Strukturen von Entführung und Folter hingewiesen, so erweist sich sein neuer Film "Domino" als ein Lehrstück über Identitätsfindungs-Prozesse. Im Zentrum steht auch hier wieder die Gewalt.

"Domino" basiert auf einer wahren Geschichte. Domino Harvey (Keira Knightley) kommt als Tochter des Schauspielers Lawrence Harvey und des Models Sophia Wynn (Jacqueline Bisset) auf die Welt. Ihre Kindheit und Jugend sind von den Privilegien der USA-High-Society geprägt. Doch Domino interessiert sich nur wenig für dieses Leben. Nach dem Tod ihres Vaters gibt ihre Mutter sie ins Internat, danach versucht Domino ein Studium in Los Angeles und eine Karriere als Model. Erst die Teilnahme an einem Kopfgeldjäger-Seminar eröffnet ihr eine Perspektive. Sie entschließt sich, die Sicherheit der oberen Zehntausend hinter sich zu lassen und den gefahrvollen Weg eines "bounty hunters" zu gehen. Zusammen mit ihren Mentoren und Kollegen Es Mosbey (Mickey Rourke) und Choco (Edgar Ramirez) sorgt sie mit unorthodoxen Methoden dafür, dass Kautionsflüchtige wieder der Justiz vorgeführt werden.

Als der Kautionshändler Claremont Williams III (Delroy Lindo) der Gruppe den Auftrag gibt, das verschwundene Geld eines Bankraubs wiederzubeschaffen, geraten die drei, denen sich der afghanische Sprengstoff-Experte Alf (Rizwan Abassi) sowie ein Reality-TV-Team anschließt, in lebensgefährliche Situationen. Nicht nur stellt sich heraus, dass der Kautionshändler weit mehr mit dem Verschwinden des Geldes zu tun hat, als er anfangs zugibt, auch scheint die Mafia ihre Finger im Spiel zu haben: Die vermeintlichen Bankräuber, zwischenzeitlich von ihrem Auftraggeber erschossen, waren die Söhne eines mächtigen Paten. Dieser glaubt nun, dass Domino und ihr Team für die Tötung verantwortlicht sind, und beginnt die Jagd auf die Kopfgeldjäger, die der Situation nur entkommen können, wenn sie beweisen, dass sie unschuldig am Tod der Bankräuber sind und das Geld wiederbeschaffen.

Familienfilm

"Es ist eine sehr komplexe Geschichte", gibt Tony Scott zu. "Es ist wie ein großes Puzzle. Das Publikum muss aufpassen, um bei der Geschichte mithalten zu können." Die Zusammenfassung der Erzählung vermag in der Tat nur einen sehr vagen Überblick über das, was in "Domino" passiert, zu geben. Der Grund für diese Vagheit ist jedoch weniger in der Komplexität der Handlungsstruktur zu suchen, als vielmehr in der Art und Weise, wie der Film erzählt wird. Er ist gerahmt und wird immer wieder unterbrochen von Szenen, in denen die Erzählerin und Hauptfigur Domino einer FBI-Psychologin (Lucy Liu) gegenüber sitzt.

Diese versucht herauszufinden, inwiefern die Kopfgeldjäger-Gruppe an den zahlreichen Morden, Schießeien und schließlich sogar der Sprengung eines Hochhauses im Zentrum von Las Vegas mitschuldig ist. Für Domino, die der Psychologin ihre Erinnerungen an die Vorfälle rekapituliert, steht viel auf dem Spiel: Gefängnis, wenn ihre Geschichte nicht geglaubt wird und wenn sie die Wahrheit sagt, womöglich die Klapsmühle.

Der Film stellt also sozusagen das Gedächtnisprotokoll der Hauptfigur dar, den Versuch, Struktur und Logik in ihre Erinnerungen zu bringen. In der Rahmenhandlung spiegeln Tony Scott und sein Drehbuchautor Richard Kelly damit gleichzeitig die Art und Weise, wie mit den Mitteln kohärenten Erzählens "Authentizität" und Glaubwürdigkeit entsteht. Dass der Film selbst so unglaublich komplex wirkt, verdeutlicht, wie brüchig dieses Vorgehen ist. Andererseits ist der Gedächtnisbericht Dominos aber auch ein Versuch der Figur, sich selbst eine Biografie zusammen zu erzählen. Der Kontrast zwischen ihrer biologischen und ihrer selbstgewählten Familie wird im Film mehr als einmal inszeniert.

Die Erzählung von Reichtum und Sorglosigkeit, die ihre Mutter für sie bereit hält, lehnt Domino als zu ereignisarm ab. Der frühe Tod ihres leiblichen Vaters, der ihr gelegentlich in Wiederholungen alter Filme wieder begegnet, ist für sie vielleicht der Anlass, sich eine neue Familie und damit eine andere Biografie zu suchen. Das, was Sigmund Freud einen "Familienroman" nennt, schreibt sich Domino während ihres FBI-Verhörs zusammen.

Über Wahrheit und Lüge im cineastischen Sinne

Über die formalen Mittel filmischer Erzählung erhält der Zuschauer einen Einblick in die Wunschfamilienkonstellationen Dominos. Über die Tatsache, dass einiges von dem, was uns gezeigt wird, nicht stimmt, täuscht "Domino" mit seinen zahlreichen bild- und ton-ästhetischen Tricks hinweg: Wie bei "Man on Fire" wird Schrift über die Bilder gelegt, die den Zuschauern einerseits als Authentisierungssignal dient (Ort- und Zeitangaben der derzeitigen Handlungseinheit "belegt") auf der anderen Seite ästhetisieren diese ständigen Überlagerungen den Film auch so sehr, dass man im wahrsten Sinne des Wortes den "Durchblick" durch die Informationsflut verliert. Scott und Kelly gängeln ihre Zuschauer auf diese Weise durch ein Erzählgeflecht, in dem wesentliche Details nicht stimmen - und lassen Domino ein lücken- und fehlerhaftes Gedächtnisprotokoll ablegen, das sie nach und nach wieder relativiert.

Was Alfred Hitchcock in "Stage Fright" (USA 1950) noch als moralischer Vorwurf entgegen gebracht wurde, verliert den skandalösen Beigeschmack, wenn Scott es durch den Gedächtnisfilter Dominos praktiziert: die lügende Rückblende. Gleich mehrere Szenen werden im Verlauf des Film noch einmal neu, dann aber "korrekt" erzählt. Erst im Verlauf der Erzählung entwickelt sich durch diese "Korrekturen" eine stimmige Geschichte.

Diese Geschichte ist oberflächlich so stimmig und entspricht dem Wahrheitswunsch und dramaturgischen Verlagen des Zuschauers (das sich nach einer klassischen Erzählung mit Anfang, Mitte und Happy End sehnt) so sehr, dass dieser gar nicht bemerkt, wie unmöglich das, was ihm dort präsentiert wird, eigentlich ist. Das vermeintliche Gedächtnisprotokoll Dominos enthält etliche "Szenen", in denen sie gar nicht anwesend ist, erzählt von Details, die sie deshalb gar nicht kennen kann und etabliert eine erzähl-logische Kausalität, die sich eigentlich erst mit der Kenntnis der ganzen Geschichte und deren Interpretation einstellen kann.

Die Kontinuität und Kohärenz des Erinnerungsprotokolls ist also eigentlich unmöglich - sie ist in ihrer Art und Weise jedoch "filmisch" und (natürlich) auch auf eine solche Art komponiert. Der französische Literaturwissenschaftler Paul Ricoeur hat in seinem Hauptwerk "Zeit und Erzählung" (1988-91) diese Form des Erzählens die Erschaffung "narrativer Identität" genannt. Er beschreibt in seiner Theorie, warum uns fiktionale Biografien authentisch erscheinen und welche Ästhetiken zum Einsatz kommen, um diesen Eindruck von Authentizität zu stiften.

Ein Film erklärt das Leben

Die Geschichte von Domino ist aber nicht nur authentisch erzählt, sie ist authentisch, weil sie "auf einer wahren Begebenheit" basiert: Die 1969 geborene Domino Harvey beendete im Alter von 23 Jahren ihre Karriere als Fotomodell und wurde Kopfgeldjägerin. Im Juni dieses Jahres fand man sie tot in der Badewanne ihres Hollywood-Appartements - gestorben an einer Überdosis Drogen.

Es ist wirklich die Geschichte eines Mädchens, das im Haus auf dem Hügel lebt und davon träumt eine Kopfgeldjägerin zu sein, um dann diesem Traum um Haaresbreite zu entkommen - während dieser Zeit stand die Zeit still - und das war die wahre Domino.

Tony Scott

Was der Regisseur von "Domino" hier etwas verkompliziert als "Traum" umschreibt, ist jener "Familienroman", den sich angeblich auch die reale Domino Harvey zusammen geträumt haben soll und dann schließlich in die Realität umgesetzt. An welchen Stellen sich der Film von der Lebensgeschichte der jungen Frau löst und ihr seine eigenen Fiktionen beimengt, ist unklar. Klar ist, dass Scott einige Zeit mit der Frau verbrachte, von der er sehr fasziniert war. Seine Anwesenheit in ihrer Lebens-Geschichte verdoppelt er durch die Anwesenheit des Reality-TV-Teams in der Geschichte der Film-Domino.

Die Verkettung von Realität und Fiktion, die Glättung der Gedächtnislücken und Filmlügen, die empathische Nähe, in der Scott die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Domino inszeniert, zeugen von einem großen Bedürfnis, das Leben der Frau im Nachhinein "schönzureden". Hier soll Verständnis für die Nonkonformität, die Suche nach Gefahr und vor allem die Gewalttätigkeit geschaffen werden. Schon in "Man on Fire" (vgl Finale Geschäfte: Entführung und Folter) hatte Scott versucht Gewalt zu legitimieren, indem er ihre zwei Erscheinungsformen (gute, gerechtfertigte vs. böse, selbstzweckhafte) einander gegenüberstellte und bilanzierte. In "Domino" ist Gewalt stets moralisch unbewertetes "Mittel", kaum je wird sie von den Figuren legitimiert - etwa dadurch, dass diese im Auftrag des Gesetzes handeln; immer jedoch erfüllt sie den Zweck, die Geschichte voranzubringen, Dominos "Familienroman" zu einem Happy End zu verhelfen. Scott ist sich dieser Begründungsstruktur durchaus bewusst, wenn er die Ästhetizität der Gewalt und ihrer Darstellung betont:

Filme für die ganze Familie gibt es zur Genüge, und ich halte das Publikum schon immer für klug genug, um zwischen Realität und Fantasie unterscheiden zu können und zum Beispiel die Gewalt in "Domino" wahrzunehmen wie eine betont grelle Farbe in der abstrakten Malerei.

Tony Scott

In "Domino" zeigt Tony Scott die von ihm in der Vergangenheit schon häufiger aspektierten Motive in neuer Konfiguration. Faszinierend dabei ist vor allem die "Amoralität", mit der er seine Geschichte erzählt und die vor allem durch die frappierende Clip-Ästhetik zum "Vorschein" kommt. Richard Kellys Drehbuchfassung der Lebensgeschichte Domino Harveys hat dabei viel Ähnlichkeit zu dessen Regie-Debüt "Donnie Darko", in welchem sich ebenfalls imagination, Realität und Zeitfluss ins narrative Gehege kommen.

Anders als bei "Man on Fire" tragen die Darsteller in "Domino" nur wenig zum Gesamteindruck des Films bei. Keira Knightley bleibt eine recht unscheinbare Erfüllungsgehilfin des "Neureichengöre wird Kopfgeldjägerin"-Plots; die Schauspieler-Urgesteine Mickey Rourke und Christopher Walken (als der Chef des Reality-TV-Senders) halten sich ebenso im Hintergrund. Nein, im Zentrum von "Domino" stehen Bild, Ton, Montage, Effekte und vor allem das Spiel mit der Erzählung - und das so intensiv und brachial, dass es sicherlich einge Zuschauer nicht bis zuende "mit ansehen" werden können. (Stefan Höltgen)

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