Wilder Westen für Fahrradfahrer auf städtischen Straßen

Bild: Ulamm/CC By-Sa-3.0

Nach US-Wissenschaftlern sei es ein Problem, dass sich Fahrradfahrer ihre eigenen Verhaltensnormen zurechtbasteln, Verkehrsregeln also nicht funktionieren

Fahrradfahrer in der Stadt kennen das Problem, dass Autofahrer aus dem Umland oder den Vorstädten weniger Erfahrung mit Fahrradverkehr haben, zumal wenn sie es mit größeren Pulks zu tun haben oder es darum geht, wer Vorrecht hat. Auf den Straßen der Städte findet oft ein Kampf zwischen Auto- und Fahrradfahrern statt. Auch wenn es Verkehrsregeln gibt, ist die Situation aufgeladen, denn es geht auch um Moral zwischen den hinter ihren Lenkrädern in zunehmend oft in SUVs sitzenden Luftverpestern und den umweltfreundlichen, krachvermeidenden und gesundheitsorientierten Fahrradfahrern, die zudem weniger Platz verbrauchen, auch wenn sie in der Menge und dank einer fahrradfreundlichen Politik die Autofahrer zunehmend einengen, die - auch als gelegentliche Fahrradfahrer - gewohnt sind, die Herrschaft über die Straße auszuüben.

US-Wissenschaftler von der University of Nebraska-Lincoln und der University of Colorado haben eine weltweite Umfrage von Fahrradfahrern und Antworten aus einer Umfrage in den USA ausgewertet. Dabei ging es etwa darum, was Fahrradfahrer sagen, wie sich Autofahrer gegenüber Fahrradfahrern benehmen sollen, gerade auch, wenn diese rücksichtlos fahren oder sich nicht an Verkehrsregeln halten, also wenn sie etwa nicht an einem Stoppschild halten, in der Mitte der Straße oder entgegen der Richtung einer Einbahnstraße fahren.

Einen Konsens scheint es nach den Wissenschaftlern nicht zu geben, auf den Straßen herrsche beim Fahrradfahren auf städtischen Straßen eine Wild-West-Stimmung. "Es gibt all dies konfligierenden Ideen, wie ein Fahrradfahrer sich verhalten soll - manche sind legal, manche illegal", sagt Daniel P. Piatkowski vom College of Architecture an der University of Nebraska und einer der Autoren. Es gebe allerdings eine allgemeine Haltung, nämlich zu vermeiden, von einem Autofahrer verletzt oder getötet zu werden.

Autofahrer sind eher tolerant, wenn es um die Überschreitung von Geschwindigkeitsbegrenzungen geht, und wütend auf Fahrradfahrer die ihre freie Fahrt behindern. Fahrradfahrern wähnen das Recht oft auf ihrer Seite, weil sie die Luft nicht verschmutzen, aber auch weil sie bei weitem keine so gefährlichen Todesmaschinen fahren. Umgekehrt ist es wohl Autofahrern nicht immer bewusst, dass sie, relativ gesichert im Inneren ihres geschützten Raums, mit ihren Fahrzeugen gegenüber ungeschützten Fahrradfahrern und Fußgängern ein Todesrisiko darstellen. Das haben jüngste Terroranschläge deutlich gemacht, bei denen Fahrzeuge als Mordwerkzeuge genutzt wurden. Aber es kann eben auch schon mangelnde Aufmerksamkeit sein, die einen Autofahrer zum unfreiwilligen Mörder werden lassen. Dazu braucht es nur wenig, beispielsweise das Übersehen eines Fahrradfahrers auf dem Radweg beim Einfahren in eine Straße.

Befragt wurden für die in der Zeitschrift Transportation Research veröffentlichten Studie, wie gesagt, Menschen, die sowohl mit dem Rad als auch mit dem Auto fahren, um herauszubekommen, was für Fahrradfahrer akzeptierte Normen des Verkehrsverhaltens für andere Fahrradfahrer oder für sich selbst als Autofahrer sind. Wenn Menschen mehr fahrradfahren, sind sie, das konnte man vermuten, auch als Autofahrer gegenüber Radfahrern toleranter. Eine zunehmend aggressive Haltung gegenüber anderen Fahrradfahrern könnte nach den Wissenschaftlern aber darauf hindeuten, dass es sich um eine "altruistische Bestrafung" handelt, womit Fahrradfahrer ihre eigenen Verhaltensnormen durchsetzen wollen, die keineswegs mit den Verkehrsregeln übereinstimmen müssen, sondern auf ihrer persönlichen Erfahrung basieren.

Auch unter Fahrradfahrern herrschen Konflikte

So sind Fahrradfahrer, die sich regelkonform verhalten, auf die Verkehrsregeln achten und einen Helm tragen, eher wütend über diejenigen, die sich um die Regeln nicht scheren. Wer hingegen die Fähigkeiten von anderen, richtig fahren zu können, bezweifelt oder zugibt, beim Radfahren ein Handy zu benutzen, ist nachsichtiger. Was als Verkehrsregel akzeptiert wird und was nicht, ist höchst unterschiedlich. So finden es 65 Prozent der Befragten in Ordnung, bei einem Stoppschild weiterzufahren, aber ebenso viele geben sich verärgert, wenn Fahrradfahrer eine Einbahnstraße verkehrt herum fahren.

Und 80 Prozent finden es in Ordnung, wenn Fahrradfahrer auf der Fahrspur von schmaleren Straßen fahren, wenn es keinen Seitenstreifen gibt, auch wenn die Autos dadurch behindert werden. Das ist auch überall erlaubt. Erstaunt waren die Wissenschaftler aber über die Aggressivität, die ein solches regelkonformes Verhalten bei einigen auslösen kann. Allerdings brodelt im Verkehrsverhalten bei den meisten wohl schnell Aggressivität auf, wenn die anderen nicht so agieren, wie man es selbst für richtig findet.

Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass die Fahrradfahrer sich nach ihren eigenen Regeln verhalten. Das sei ein Problem: "Das bedeutet, dass Verkehrsregeln oder Verkehrssignale nicht funktionieren." Deswegen würden eine "multimodale Verkehrserziehung, Infrastruktur und überarbeitete Verkehrsregeln" notwendig sein, "um angemessenes Fahrverhalten auf alle Weisen vorzuschreiben und sichere, effiziente und multimodale Interaktionen zu erleichtern".

Allerdings könnte sich die Zeit der Autofahrer dem Ende zuneigen, wodurch die Frage entstehen würde, wie sich Fahrradfahrer gegenüber autonomen Fahrzeugen verhalten werden. Sind deren Reaktionen vorhersehbar und auf Unfallvermeidung ausgerichtet, wovon man ausgehen kann, dann könnten Fahrradfahrer noch stärker Regeln missachten, weil sie ziemlich sicher sein können, dass ein autonomes, strikt regelkonform sich verhaltendes Fahrzeug in möglicherweise riskanten Situationen bremsen oder ausweichen wird. (Florian Rötzer)