Wildes Flüchtlingslager in Idomeni von der Polizei geräumt

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Die Presse wird bei Reportagen systematisch behindert

In den frühen Morgenstunden des Mittwochs wurde in Idomeni an der Grenze zur EJR Mazedonien das dort bestehende wilde Flüchtlingslager geräumt. Um 7:30 h weckten Einsatzhundertschaften die campierenden Flüchtlinge und Immigranten, die nicht über Papiere aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan verfügten. 26 Busse standen bereit. Wer nicht freiwillig in den Bus steigen wollte, wurde von den Polizeikräften, zumindest gemäß der Aussagen der Flüchtlinge und eines kurzzeitig dort präsenten Journalisten, unter Benutzung der Knüppel in den Bus geprügelt.

Dutzende Busse warteten und leerten den Bereich um die Gleise innerhalb von nur drei Stunden. Hinterher rückten Reinigungstrupps an, welche den Abfall und die in der Eile zurückgelassenen Habseligkeiten der Flüchtlinge nahezu rückstandslos entfernten.

Vorangegangen war ein von den Anwohnern von Eidomeni, aber auch von der EU mehr oder weniger deutlich gestelltes Ultimatum. Künftig überwacht die Frontex, wer an griechischen Grenzen den Weg nach draußen findet. Ansonsten wurde den Griechen auch mit dem Ausschluss aus dem Schengen-Raum gedroht. Es wird in Athen in den Etagen von Ministerien gemunkelt, dass die Weigerung der Regierung zur Frontex-Präsenz auch mit einem regen Schmuggel an der Grenze zusammenhängen könnte.

Die Anwohner hingegen hatten einen nachvollziehbaren Grund für ihr Ultimatum. In Eidomeni leben nur wenige Familien, etwas mehr als 100 Personen, welche den knapp 3500 Flüchtlingen zahlenmäßig weit unterlegen waren. Weil die Hilfsorganisationen ihre Präsenz und Versorgung vor Ort wegen der Unruhen an der Grenze eingestellt hatten, blieben die Flüchtlinge faktisch ohne jegliche Versorgung. Nur freiwillige Helfer wagten sich vor Ort.

Die Hungernden und bei Nachttemperaturen um 0 Grad Celsius Frierenden versuchten sich mit dem Plündern von Feldern und der Kühlschränke der Anwohner zu ernähren. Aus Häusern, die kurz- oder langfristig leer waren, wurden Möbel und weitere Gegenstände als Brennmaterial zur Heizung und zum Kochen entwendet. Vor Ort stehende Eisenbahnwagons dienten den Flüchtlingen für einen gleichen Zweck.

Zeugen werden vom "Tatort" entfernt

Der Eisenbahnverkehr mit dem Ausland kam in Griechenland während der knapp dreiwöchigen Krise an der Grenze komplett zum Erliegen. Lieferverträge mit erst kürzlich gewonnen Kunden konnten nicht eingehalten werden. Der wirtschaftliche Schaden ist noch nicht komplett abschätzbar. Aus diesen Gründen räumte die Polizei bei Ablauf aller Ultimaten das Gelände.

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Der als einziger Zeuge agierende Journalist wurde von der Polizei sehr schnell vom "Tatort" entfernt. Er hatte zwischenzeitlich ein Foto der Misshandlung eines Flüchtlings in soziale Netzwerke ins Internet geladen. Die Verletzungen des jungen Mannes wurden von der Polizei bestätigt, sie seien jedoch bei einem Gerangel der Flüchtlinge untereinander und nicht durch die Polizei entstanden, heißt es offiziell. Zusätzlich dazu hatten einige der Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Athen frische Verbände an ihren Angaben nach durch Polizeigewalt entstandenen Verletzungen.

Die gesamte Veranstaltung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Reporter und Fotografen, die widersprachen, kassierten eine Festnahme. Offiziell ging es bei den Festnahmen wie üblich um die einfache Feststellung der Personalien. Dass im Nebeneffekt nach der Überprüfung die gesamte Aktion vorbei war, tat den Beamten aber nicht wirklich leid.

Die Photounion Greece antwortete noch am Nachmittag mit einer Pressemeldung, in der sie ironisch die Polizei aufrief, bei künftigen Aktionen die Einladung zum Kaffee-Trinken auf der Wache doch frühzeitiger aussprechen. Die von der Krise gebeutelten Fotojournalisten könnten sich so die Fahrtkosten zum eigentlichen Einsatzort sparen und müssten auch nicht die schwere Ausrüstung mitschleppen. Es half nichts. Die Presse blieb auch bei der Ankunft der Busse in Athen weitgehend außen vor.

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Trotzdem wurde, auch über die Helfer und die mit ihnen über Mobiltelefone in Verbindung stehenden Flüchtlinge bekannt, dass die Busse im Konvoi nach 17:30 h in Athen eintreffen würden. Wohin sie genau fuhren, soll bei der Abfahrt nicht deutlich gewesen sein.

Zumindest im Fall eines Notlagers, des Taekwondo Stadions im Olympischen Komplex von Faliro bei Athen ergab sich das Ziel während der Fahrt. Immigrationsminister Ioannis Mouzalas soll noch vom Hubschrauber, mit dem er von der Grenze nach Athen zurückflog, aus mit den Bürgermeistern der Region Attika über eine Aufnahme der Menschen verhandelt haben.

Victory-Zeichen

Wie zu erwarten, treten bei planlosen Aktionen unerwartete, eigentlich vorausschaubare Probleme auf. Das Taekwondo Stadion ist eine "offene Unterkunft", aus der die dort lebenden Flüchtlinge frei raus und in die sie wieder hinein können. Auf diese Weise wurden die bis Mitte Februar in Betrieb befindlichen geschlossenen Lager, in denen die Flüchtlinge wie Häftlinge lebten, abgeschafft. Sie waren im Volksmund als Konzentrationslager bekannt.

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Im Taekwondo Stadion, dessen Zutritt am Mittwoch den Journalisten, aber auch den freiwilligen Helfern untersagt wurde, gibt es jedoch keineswegs genügend Betten oder sanitäre Anlagen für die Aufnahme von zusätzlichen 1.500 oder 1.600 Flüchtlingen. Das war den ankommenden von der Grenze Vertriebenen schon bei der Ankunft bekannt.

Noch in den Bussen zeigten sich die Flüchtlinge keineswegs frustriert oder wütend. Die meisten von ihnen machten das Victory-Zeichen. Es sollte sich zeigen, woher die Zuversicht kam.

Es resultierte ein surreales Schauspiel während die Busse mit Polizeieskorte im Konvoi ankamen und wie nach einer generalstabsmäßigen Planung in Reih und Glied auf dem umzäunten Vorplatz geparkt wurden. Erst als alle Busse standen, öffneten sich die Türen. Die Flüchtlinge stiegen aus und mehr als die Hälfte von ihnen eilte direkt zum Ausgang des Platzes und rannte auf die Straßen von Faliro.

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Gegenüber den draußen wartenden Pressevertreter gaben sie frank und frei zu, dass sie nach einem Weg zurück an die Grenze suchen würden. Die Zurückgebliebenen gaben dagegen an, dass sie müde seien und erst eine Nacht schlafen wollten, bevor sie sich erneut auf den Weg machen. Gemäß der geltenden Gesetze, aber auch mit dem vorläufigen Aufenthaltsstatus, den sie als registrierte Flüchtlinge haben, kann die Polizei sie nicht daran hindern. Es ist also absehbar, dass sich bei Eidomeni in Kürze wieder die gleichen Szenen der letzten drei Wochen abspielen. (Wassilis Aswestopoulos)