Will the Real Velociraptor Please Stand Up?

Ein Gespräch mit Stan Winston, den Schöpfer der Dinos von Jurassic Park 3

Können Roboter schauspielern? Unterhält man sich mit Stan Winston, dem kreativen Kopf hinter den animatronischen Dinos, die in Jurassic Park 3 über die Leinwände stapfen, könnte man zumindest den Eindruck erhalten. In einer Zeit, in der Computeranimationen und digitale Effekte immer Raum auf den Leinwänden einnehmen, gilt Winston als einer der letzten Veteranen echter Handarbeit. Ob einfache Make-ups, von Hand bewegte Puppen oder komplexe Roboter, bei denen häufig sogar Wissenschaftler der NASA vor Neid erblassen, Stan Winstons Schöpfungen sind immer zum Anfassen.

Aus seinem 1983 gegründeten Studio sind einige der unvergesslichsten Figuren der jüngeren Kinogeschichte hervorgegangen. Ob "Aliens" oder "Terminator 2", ob "Predator", "Small Soldiers" oder die Dinos aus der "Jurassic Park"-Trilogie, Stan Winstons Kreaturen prägten das fantastische Kino der letzten 20 Jahre.

Herr Winston, welches war das beeindruckendste Monster ihrer Kindheit?
Stan Winston: King Kong. Das ist für mich auch immer noch eine der gelungensten Leinwandkreaturen der Filmgeschichte. Und was damals in "King Kong" gemacht wurde und wie es gemacht wurde, unterscheidet sich kaum von unseren heutigen Methoden. Schon damals versuchte man, so viel wie möglich mit maßstabsgerechten Modellen zu arbeiten. Es wurden eine gigantische Roboter-Affenhand und ein riesiger Gorillaschädel nachgebaut, alles andere wurde mit kleineren Figuren und der Stop-Motion-Technik animiert. Heute arbeiten wir genauso ? nur realistischer und mit noch mehr Aufwand.
Wie kamen Sie dazu, selbst als Special-Effects-Künstler zu arbeiten?
Stan Winston: Ich verstehe mich nicht als Special-Effects-Künstler. Ich entwerfe Kreaturen und dazugehörige Charaktere. Als ich "King Kong" sah, interessierte ich mich nicht für die technische Seite, sondern für die Figur des Affen selbst. Er war eine großartige Gestalt, die einem richtig ans Herz wuchs. Ebenso wie die fantastischen Figuren in "Der Zauberer von Oz", einem weiteren Lieblingsfilm von mir.
Ich hatte auch immer schon eine Vorliebe für Monster, die von Schauspielern verkörpert wurden, die ihnen Tiefe verliehen. Spencer Tracy in "Dr. Jekyll und Mr. Hyde", Charles Laughton als "Glöckner von Notre-Dame", Boris Karloffs "Frankenstein" waren großartige Monsterfiguren, die von der Performance der Schauspieler lebten. Solche Charakterisierungen waren immer meine Inspiration, nicht Special Effects. Und genau darin besteht auch meine Arbeit: Ich erdenke solche Wesen. Ob es sich um ein einfaches Make-up wie in "Edward mit den Scherenhänden" oder die riesigen animatronischen Dinosaurier in "Jurassic Park" dreht, am Anfang steht bei mir immer der Versuch, konsistente, glaubwürdige Figuren zu schaffen. Um meine Entwürfe in die Tat umzusetzen, habe ich ein riesiges Team aus Spezialisten, die dann die nötigen technischen Effekte entwickeln.
Kommt es bei der Entwicklung dieser Figuren nicht auch häufig zu Differenzen mit den Regisseuren?
Stan Winston: Eigentlich nicht. Film ist nun mal das Medium der Regisseure, sie haben das letzte Wort. Meine Aufgabe ist es, Vorschläge zu machen und passende Charaktere zu entwickeln. Zu dem Film "Predator" wurde ich zum Beispiel hinzugezogen, weil das fertige Werk nicht funktionierte. Ich erklärte dem Regisseur John McTiernan und dem Produzenten Joel Silver, dass das daran läge, dass das Monster einfach nicht glaubwürdig sei. Es hatte keine Persönlichkeit. Also musste eine glaubwürdige Figur geschaffen werden. Dann sah ich dieses Poster in Joel Silvers Büro von einer Kreatur mit Dreadlocks, und ein Gespräch mit James Cameron über "Aliens", an dem wir damals arbeiteten, brachte mich auf die Idee, diesem Wesen noch ein paar Insektengliedmaßen hinzuzufügen. Diese Ideen hatten nichts mit dem technisch Machbaren zu tun, sondern lediglich damit, der Kreatur ein konsistentes Profil zu verpassen.
Welche neuen Figuren erwarten den Zuschauer in "Jurassic Park 3"?
Stan Winston: Ich halte den Film für den besten Teil der Reihe, weil die Dinos ihre bisher besten Performances abliefern. Die Velociraptoren sind jetzt voll entwickelte Persönlichkeiten, die miteinander kommunizieren und vor allem viel subtiler auf die Menschen reagieren. Sie sind einfach bessere Schauspieler geworden. Und dass das möglich ist, liegt daran, dass wir verschiedene Technologien miteinander kombinieren, ohne dass der Zuschauer es bemerkt. Es gibt ebensoviel CG (= Computer Graphics, computeranimierte Aufnahmen) wie Animatronics-Szenen (mit fernsteuerbaren Robotermodellen), die nahtlos miteinander integriert sind. Man bekommt weder eine Puppenshow noch einen Animationsfilm geboten, keinen Disney-Film oder "Shrek" und auch keinen Mixfilm mit realen Schauspielern in animierten Umgebungen, sondern einen Film mit durchgehend realen Figuren, denn es ist für den Zuschauer unmöglich, einen Unterschied zu sehen.
Sind komplett computeranimierte Filme wie "Toy Story", "Shrek" und "Final Fantasy" nicht ein Anzeichen dafür, dass die Arbeit mit aufwändigen Robotermodellen und Puppen langsam obsolet wird?
Stan Winston: Nein, denn bei solchen Filmen erwartet der Zuschauer schließlich nichts anderes als eben Animationen. Die Figuren sind toll, die Animationen sind brillant, aber man ist sich immer der Tatsache bewusst, so etwas wie einen Zeichentrickfilm zu sehen.
"Shrek" unterscheidet sich für das Publikum nicht sonderlich vom "König der Löwen" und stellt keine Konkurrenz für die Live Action anderer Filme wie "Jurassic Park" dar. Auch wenn man weiß, dass einige Szenen computeranimiert sind, glaubt man an die Realität der Dinos, da man diese Szenen nicht erkennen kann. Der entscheidende Punkt hierbei ist die Glaubwürdigkeit der Schauspieler, und die hängt eben auch mit ihrer möglichst glaubhaften Interaktion mit den Kreaturen zusammen. Je besser die Performance der Saurier, desto besser die Performance der menschlichen Akteure. Jeder gute Schauspieler wird bestätigen, dass 50 Prozent seiner Arbeit im Reagieren auf die Umgebung besteht. Deshalb wird man umso besser, je professioneller die anderen Beteiligten sind.
Ein Schauspieler, der vor einem imaginären Monster erschrickt, kann also nie so überzeugend sein, wie einer, der ein Modell vor sich hat?
Stan Winston: Genau, die gesamte Performance wird runder und glaubwürdiger. Am Ende von "Jurassic Park 3", wenn der Velociraptor sich der von Tea Leoni verkörperten Figur nähert, an ihr herumschnüffelt und sie anstupst, dann haben wir es mit einem Austausch zweier Schauspieler zu tun. Sie haben Kontakt miteinander, bilden ein organisches Ganzes, dass man mit CG niemals auf die Leinwand hätte bringen können. Tea Leoni könnte niemals so realistisch agieren, wenn sie kein animatronisches Gegenüber hätte.
Dass das nicht funktioniert, kann man in dem Film "Dragonheart" sehen. Darin gibt es einen wunderbar animierten Drachen - doch Dennis Quaid, den ich für einen tollen Schauspieler halte, liefert die meiner Meinung nach schlechteste Leistung seiner Karriere ab. Warum? Weil es einfach nichts gab, an das er sich bei seiner Arbeit hätte halten können, er agierte in einem Vakuum. Dasselbe Phänomen lässt sich in "Star Wars: Die dunkle Bedrohung" beobachten. Dem außerordentlich begabten Liam Neeson (Darsteller des Jedi-Ritters Qui-Gon Jinn) gelingt es nicht, mit dem nicht vorhandenen Jar Jar Binks glaubwürdig zu interagieren.
An welchen neuen Technologien wird derzeit in den Spezialeffekt-Studios getüftelt?
Stan Winston: Vor allem werden die derzeit bestehenden Techniken verfeinert, ob CG oder Animatronics. In "Jurassic Park 3" haben wir Sachen gemacht, die noch nie jemand auf der Leinwand gesehen hat. Wir haben große Fortschritte bei den Robotern und Modellen gemacht und wir haben digitale Dinos geschaffen, die sich nicht mehr von den Live-Action-Modellen unterscheiden lassen. Es gibt Szenen, in denen Roboter-Raptoren mit computeranimierten in einer Einstellung auftauchen, ohne dass man sie unterscheiden könnte. Es gab niemals zuvor eine so große Übereinstimmung zwischen Live und Digital Action.
In Zukunft wird vor allem dem Bereich der Künstlichen Intelligenz bei den Spezialeffekten eine noch größere Bedeutung zukommen. Ich arbeite derzeit mit Wissenschaftlern vom M.I.T. (Massachusetts Institute of Technology) zusammen, die kommunikationsfähige Roboter entwickeln. Uns geht es vor allem darum, Modelle zu schaffen, die den Augenkontakt halten können. Das ist eine der schwierigsten Aufgaben bei der glaubwürdigen Interaktion mit den Schauspielern.
Das ultimative Ziel, das wir verfolgen, ist dasselbe wie bei den CG-Spezialisten und Filmen wie "Final Fantasy": menschliche Schauspieler durch Roboter ersetzen zu können (Das Gesicht des digitalen Kinos). Das ist schon ein paarmal gemacht worden, ohne dass es den Zuschauern aufgefallen ist. In "Interview mit dem Vampir" gibt es eine Szene mit Tom Cruise, in der ihm der Hals aufgeschlitzt wird und er hinterher am Boden verbrennt. Das war ein Roboter, den wir so programmiert haben, dass er jede Nuance von Toms Bewegungen drauf hatte.
Anzeige