Wille zur Kontrolle

Lifelogging - Teil 2

Abgesehen davon, ob Lifelogging wirklich einen Boom darstellt und wir tatsächlich am "Beginn eines neuen Lifelogging-Jahrzehnts" stehen (wie Jim Gemmell, Architekt der Software MyLifeBits Ende 2013 auf der SenseCam-Konferenz in San Diego verkündet), stellt sich die Frage, welche Thesen zur Erklärung der Verbreitung digitaler Selbstvermessungswerkzeuge und -praktiken herangezogen werden können und wie stimmig diese tatsächlich sind.

Zunächst wurde durch die vielen Selbsttests der letzten Zeit suggeriert, dass Lifelogging allein dem Ego-Tuning diene. Diese Optimierungsthese ist hochplausibel, erklärt das Phänomen aber nicht restlos. Auch die damit verbundene, vom Transhumanismus inspirierte Enhancementthese liegt durch die "Verschmelzung" von Mensch und Selbstvermessungstechnik zwar nahe, trifft wohl aber nur auf wenige Exemplare extremer Lifelogger zu.

Die Gamificationthese hingegen, nach der Menschen einfach Spaß daran haben, sich durch Punktesysteme und Listenplätze "belohnen" zu lassen, deckt sicher bei aller Richtigkeit nur einige Anwendungsfelder ab (z.B. sportliche Vergleiche, Fitnessrankings und Healthscores). Letztlich greifen diese Thesen doch zu kurz. Um die Verbreitung aller Praktiken der Selbstvermessung unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt zu verstehen, braucht es eine universalistische These.

Für diese Perspektive bietet sich ein modernisierungstheoretischer Rahmen an, der davon ausgeht, dass wir in Zeiten privatisierter Kontingenz leben (müssen): Weder wissen wir, wie sich die Zukunft gestaltet, noch können wir uns darauf verlassen, dass es steuernde Instanzen gibt. Die Adaptivität moderner Gesellschaften und deren Selbststeuerungsfähigkeit sind begrenzter, als wir (und vor allem viele Politiker) dies gerne wahrhaben wollten.

Modernisierung, als eine "innere Leistung" von Gesellschaften, ist so komplex und kontraproduktiv geworden, dass sich Verbesserungen an der einen Stelle sehr oft als Verschlechterungen an einer anderen Stellen erweisen. Zur bekannten Klage über die Unübersichtlichkeit gesellt sich eine mehr oder weniger ausgeprägte Totalkapitulation vor "globalen" Herausforderungen.

An diesem Punkt schließt meine These zur Verbreitung von Lifelogging (und damit auch von Big Data) an. Diese Totalkapitulation kommt einer Verlagerung der Beherrschbarkeit der Welt gleich. Aufgrund des vollkommen ungenügenden Einflusses auf "globale" Risiken, kommt es zu einem wegweisenden Richtungswechsel. Die latente Überforderung mit exogenen Problemen und Gefährdungen (Klimawandel, Terrorismus, Finanzkrise, geopolitische Konflikte etc.) führt dazu, dass endogene Probleme und Gefährdungen (der eigene Körper, die eigene Gesundheit, das eigene Wohnumfeld, der eigene Arbeitsplatz etc.) verstärkt in den Blick genommen und techno-wissenschaftlich "behandelt" werden. Dort, wo es einen "Hebel" gibt, wird angesetzt, weil die großen Krisen alternativlos als nicht mehr beherrschbar wahrgenommen werden.

Beispiele dafür gibt es genug: Prognosen zur Entwicklung der Wirtschaft überfordern alle (ob sie es zugeben oder nicht). Aber Schritte am Arbeitsplatz oder Lesegeschwindigkeiten von Dokumenten lassen sich gut in den Griff bekommen. Sinn ist die Mangelware des 21. Jahrhundert, tausend Angebote konkurrieren um die Gunst der Orientierungssuchenden, ohne auch nur die Spur einer verlässlichen Lösung anbieten zu können.

"Überbelichtung" eines bestimmten Aspekts

Glück ist einfach ein viel zu komplexes Thema. Aber einzelne Indikatoren unserer Stimmung lassen sich leicht vermessen (Mood-Tracking). Das ganze Leben ist ein Rätsel. Aber der Körper kann leicht zum Ersatz-Tempel gemacht werden, indem einzelne Parameter kontinuierlich als Messwerte erfasst werden. Letztlich ist es in fast jedem Bereich der Gesellschaft ähnlich. So ist z.B. auch Bildung ist eine nicht mehr beherrschbare Kategorie. Also werden in Evaluationen einzelne Aspekte wie z.B. die "Workload" in Studiengängen vermessen, gemittelt, gewichtet und verglichen. Schade nur, dass niemand weiß, wie sich dieses Vermessungspuzzle wieder zu einem Gesamtbild zusammensetzen lässt.

Die Idiotie der Kennzahlen besteht geradezu in der "Überbelichtung" eines bestimmten Aspekts oder Ausschnitts aus der Lebenswelt. Natürlich stimmt es, dass Kennzahlen Komplexität reduzieren und Listen und Rankings der Orientierung dienen. Einzelwerte ohne Kontext oder auch die Summe der Daten dürfen aber nicht mit komplexen Phänomenen verwechselt werden. Vielmehr spiegeln sie die Realität immer nur unzureichend und entfalten eine eigene Agenda. Digitale Daten ermöglichen einfache Formen sozialer Vergleiche, aber sie erhöhen auch den Herdentrieb und damit den sozialen Druck. Kennzahlen, die durch digitale Selbstvermessung entstehen, sind letztlich ein Mittel zur Disziplinierung von Menschen.

Der Wille zur Kontrolle wird ubiquitär und totalitär. Aus einer "Welt des totalen Chaos’" wurde eine "Welt der totalen Kontrolle". In ihr gibt es ein breites Spektrum verschiedener Varianten von Kontrollphantasien. "Es werden aufregende Zeiten sein. Alles verändert sich gerade. Die Welt, wie wir sie kennen, wird sich durch Lifelogging komplett ändern. (...) Es geht darum, die digitale Existenz der Menschen sicherzustellen", so nochmals Jim Gemmell. Und vielleicht hat er sogar Recht. Angst, Lust und Risiko stehen am Anfang dieser digitalen Existenz. Die Angst, in einer Gesellschaft der Fitten und Erfolgreichen nicht mehr mithalten zu können sowie die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Die Lust, an der Bezifferung aller nur möglichen Aspekte des eigenen Lebens. Aber auch das Risiko, dass diese Ziffern eine neue Sozialfigur entstehen lassen: den digitalen Versager. Einer, der es nicht schafft, den Willen nach Kontrolle "innerer" Gefahren in angemessener und sozial erwünschter Weise nachzukommen.

Aus Angst vor dem Kontrollverlust werden Regierungen, Organisationen und vermehrt auch Individuen alles unterdrücken, was sich nicht (regelmäßig) quantifizieren lässt. Aspekte, die sich nicht in Kennzahlen ausdrücken lassen, scheinen immer weniger real zu sein. Aber mit dieser Kontrollwut ersetzen wir die Welt, die wir (noch) kennen durch ein virtuelles Environment, das Beherrschbarkeit suggeriert, ohne diese je bieten zu können. Unser "Second Life", geprägt durch den Willen zur Kontrolle, hat gerade erst begonnen. (Stefan Selke)