Willkommen im Club

Die Energie- und Klimawochenschau: Emissionen "adeln" China zum Industrieland, Speicher statt strategischer Reserve, Atomkraft trotz Werbekampagne zu teuer und das Ende des EEG kommt unvorbereitet.

Chinesen verursachen jetzt statistisch pro Kopf genauso viel CO2 wie die Europäer. Das Land ist damit auch offiziell im Club der Industrieländer angekommen, in denen der Pro-Kopf-Ausstoß zwischen 6 und 19 Tonnen liegt. Rechnerisch bringt es jeder der 1,3 Mrd. Chinesen mittlerweile auf durchschnittlich 7,2 Tonnen CO2 pro Jahr und erreicht damit nahezu EU-Durchschnitt (7,5 Tonnen). Als größter Emittent hat China die USA schön längst überholt.

Klimaziele werden nicht erreicht

Auch der weltweite Ausstoß an CO2 erreichte 2011 sein bisher größtes Ausmaß, 34 Mrd. Tonnen wurden in die Atmosphäre gepustet, so die Zahlen der Forschungsabteilung der EU-Kommission (CO2-Emissionen steigen weltweit weiter an). Mit 31,6 Mrd. Tonnen etwas niedriger lagen die Berechnungen, die die IEA im Mai veröffentlicht hatten. Damit hat sich der jährliche CO2-Ausstoß seit 2010 um 3 Prozent und seit dem Referenzjahr 1990 um insgesamt 50 Prozent erhöht.

Um das 2-Grad-Ziel noch einzuhalten, dürften bis 2050 pro Jahr durchschnittlich noch 22,5 Mrd. emittiert werden. Solch eine Reduktion ist nicht zu erwarten, das heißt, die Klimaziele werden nicht erreicht. Dabei geschieht bei uns gerade auch Erfreuliches in Sachen Emissionsvermeidung und Umstellung auf Erneuerbare. Die CO2-Emissionen in der EU sind 2011 um drei Prozent zurückgegangen und sogar die der USA um 2 Prozent. Ehrlicherweise muss man hinzufügen: vor allem wegen des milden Winters und gedrückter Konsumlaune.

Aber immerhin dies: Der Bau des größten Steinkohlekraftwerksprojekt in Deutschland bei Brunsbüttel wurde jetzt gestoppt und damit 10 Mio. Tonnen zusätzlicher CO2-Emissionen pro Jahr vermieden. Und das mit der klaren Erkenntnis, dass sich der Betrieb von Kohlekraftwerken auch mit billiger australischer Steinkohle nicht mehr lohnt. Die Gesellschafterversammlung der SüdWestStrom-Kraftwerksgesellschaft (SWS), die sich jetzt zur Stornierung des 3,2 Mrd. Projekts entschloss, begründete dies damit, dass durch den schnellen Ausbau der Erneuerbaren Energien der Neubau von Kohlekraftwerken überflüssig sei - trotz des Atomausstiegs und der damit wegfallenden Erzeugerkapazitäten. Stattdessen seien jetzt Kraftwerke nötig, die kurzfristig einspringen können.

Aber auch von seltsamen Blüten gibt es zu berichten. So forderte die polnische Regierung gerade die Zuteilung von Emissionshandelsrechten im Wert von 33 Mio. Euro, um mit diesen Zertifikaten am Emissionshandel teilzunehmen. Problem ist, dass das Kraftwerk in Stara Wieś-Stasin überhaupt nicht existiert. Zwar wurden die Pläne des Kraftwerksbauers GDF Suez bereits im Juni 2011 vorgelegt, aber bisher wurde noch nicht einmal mit dem Bau begonnen. Ein polnisches Regierungsmitglied erklärte das Kohlekraftwerk daraufhin kurzerhand zur "Anlage im Bau". Euractiv entdeckte in Polen noch zwölf weitere solcher Geisterkraftwerke.

Integration der Erneuerbaren schreitet voran - auch PV-Anlagen werden regelbar

Natürlich muss neben einem Mehr an Erneuerbaren Energien auch deren intelligente Einbindung in die Energieversorgung erfolgen. Beschlossen wurde dazu nun die Systemstabilitätsverordnung. Damit wird die Nachrüstpflicht für die 300.000 PV-Anlagen, die vor dem 1. Januar 2012 ans Netz gegangen sind, verbindlich. Das Problem war bisher, dass sich ältere Photovoltaikanlagen bei einer Überschreitung der Netzfrequenz von 50,2 Hertz vom Netz abkoppeln.

Bei einer stetig wachsenden Anzahl von Anlagen könnte das zum Problem werden, wenn sich im Extremfall zeitgleich mehrere GW abschalten. Der resultierende Leistungssprung könnte dabei viel höher sein als die vorgehaltene Primärregelleistung, so dass die Leistungsfrequenzregelung die Netzfrequenz nicht mehr stabilisieren könnte.

Auch das fast zeitgleiche Wiederanschalten danach könnte zu einem neuen Überschreiten der Frequenz von 50,2 Hertz, damit zu einem erneuten Abschalten und so zu einer Art Jo-Jo-Effekt im Niederspannungsnetz führen. Die Netzbetreiber müssen jetzt dafür sorgen, dass ältere PV-Anlagen innerhalb der nächsten drei Jahre nachgerüstet werden.

Daneben wurden jetzt eine Menge neuer Forschungsprojekte gestartet, die die Entwicklung von Speichern für die Weiterentwicklung des Stromnetzes voranbringen sollen. Stromüberschuss von Sonne und Wind soll durch die Möglichkeit zur Speicherung flexibel einsetzbar werden. Denn schließlich sollen bis 2050 80 Prozent des Stromverbrauchs erneuerbar gedeckt werden.

Die drei Bundesministerien für Wirtschaft, Umwelt und Forschung haben insgesamt 60 Forschungsprojekte zur Energiespeicherung zu mehreren Schwerpunkten, sogenannte "Leuchttürme", gesponsert:

  • Der Leuchtturm "Wind-Wasserstoff-Kopplung" bündelt Projekte, in denen an der Erzeugung von Wasserstoff oder Methan aus überschüssigem Windstrom geforscht wird. Hauptansatzpunkt ist das Optimieren der Elektrolyse.
  • Der Leuchtturm "Batterien in Verteilnetzen" entwickelt Lösungen für die Kopplung von Batteriespeichern mit dezentralen Erneuerbaren-Energie-Anlagen. Der Schwerpunkt liegt bei der Fotovoltaik. Das Stromnetz soll so entlastet werden und Solarstrom vor Ort genutzt, gespeichert oder bedarfsgerecht einspeist werden.

EEG-Umlage wird reformiert - Aus für schnell gestricktes Marktmodell

Außerdem sollen auch die zu hohen Umlagen auf die Strompreise korrigiert werden. Als erstes soll dazu die "Managementprämie" gestrichen werden. Das BMU hat dazu gerade einen Entwurf vorgelegt. Danach wwird die Managementprämie ab dem kommenden Jahr um 0,30 Cent/kWh abgesenkt, wodurch jährlich 160 Mio. Euro an Stromkosten verhindert werden.

Dabei war diese Prämie von der Koalition gerade erst mit der EEG-Novelle zum 1. Januar 2012 in einer Art Markteuphorie eingeführt worden. Sie ist ein Bonus, der Zusatzkosten der Anlagenbetreiber abdecken sollte, die nicht über die EEG-Vergütung, sondern über eigene Verträge ihren Strom vermarkten. Es hat sich herausgestellt, dass dieser Anreiz zu üppig ausgelegt war. Ab 2013 soll diese Prämie bei fluktuierenden Energien um 0,30 Cent/kWh abgesenkt werden, bei nicht-fernsteuerbaren Anlagen wird sie noch weiter abgesenkt.

Es wäre zu wünschen, dass noch mehr Transparenz in die vorgeblich so hohe EEG-Umlage käme, denn die Diskussion über den Einspeisevorrang und die Vergütung zugunsten irgendwelcher schnell gestrickten "Marktmodelle" ist im vollen Gange. Wie die "Marktprämie" zeigt, schaffen sie keine Entlastung, sondern zusätzliche Kosten.

Gerade erst kritisierte der Vorsitzende des "Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung", also das Wirtschaftsberatergremium der Bundesregierung, die überaus erfolgreiche Einspeiseregelung des EEG. Es würden immer neue planwirtschaftliche Elemente eingeführt, statt dessen solle man mehr auf "marktwirtschaftliche Steuerung" setzen, um die Kosten "im Zaum zu halten".

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) fordert dagegen die Bundesregierung auf, die Umstellung auf eine regenerative Energieversorgung auch gegen die Widerstände in den eigenen Reihen durchzusetzen. Gerade der Einspeisevorrang für Strom aus erneuerbaren Energien sei für die vielen Akteure die wichtigste Grundlage, um in neue Anlagen zu investieren. Wer die Abschaffung des Einspeisevorrangs fordere, wolle bewusst den Ausbau erneuerbarer Energien stoppen.

Dazu kommt, dass etwa 1 Cent pro Kilowattstunde mittlerweile allein auf die großzügige Befreiung vieler Industriezweige von der EEG-Umlage zurückzuführen ist. Auch die durch die Erneuerbaren weiter sinkenden Börsenstrompreise werden nicht an die Endverbraucher weitergegeben. Im Juli erreichte der Strompreisindex des Verbandes der energieintensiven Industrien ein neues Rekordtief seit März 2010. Dennoch jammert der Bundesverband der Deutschen Industrie zusammen mit Wirtschaftspolitikern und Medien über eine angeblich teure Energiewende.

Lerne das Atom kennen

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat eine Verlängerung des Betriebsplans für Gorleben beantragt. Damit ist auch weiterhin kein Baustopp in Sicht. Der derzeitige Hauptbetriebsplan läuft zum 30. September aus, das BfS begründet seinen Antrag damit, dass ein gültiger Hauptbetriebsplan in jedem Fall vorliegen müsse, egal ob Gorleben in Zukunft weiter untersucht, offen gehalten oder verfüllt würde. Nach Ansicht der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg deutet das darauf hin, dass Gorleben, entgegen anderslautender Beschwichtigungen, bei der Endlagersuche bereits als Referenzstandort vorgesehen sei.

In Polen soll es eine Werbekampagne richten und Akzeptanz für das geplante Atomkraftwerk in Pommern schaffen. 18 Mio. Zloty will sich die Regierung Tusk die Werbekampagne "Lerne das Atom kennen" kosten lassen. Greenpeace Polen kündigt Aufklärungsarbeit an, um die Polen über die tatsächlichen Kosten der Atomenergie aufzuklären. Außerdem gebe es weder eine Alternativplanung noch überhaupt ein Konzept für ein Endlager.

Auch für die weiteren AKW-Neubauten in Osteuropa und Finnland läuft es gar nicht gut. Die Fertigstellung des neuen finnischen Druckwasserreaktors Olkiluoto 3 verzögert sich weiter. Der Reaktor wird nicht wie geplant 2014 ans Netz gehen, einen neuen Termin konnte Betreiber TVO nicht nennen. Eigentlich sollte das deutsch-französische Konsortium Areva-Siemens das Kraftwerk schon 2009 fertiggestellt haben. Aber durch die Verzögerungen haben sich auch die Baukosten von ursprünglich geplanten 3 Mrd. Euro bis jetzt schon fast verdoppelt.

Litauen schließlich plant eine Volksabstimmung über den Bau eines AKWs bei Visaginas. Bis 2020 soll es in Kooperation mit Lettland, Estland und Hitachi gebaut werden. Das AKW soll die baltischen Staaten unabhängiger von Energieimporten aus Russland machen. Aber ob gebaut wird, ist weiter unsicher, auch in den Partnerländern. Sollten sich Lettland und Estland aus dem Projekt noch zurückziehen, könnte sich Litauen das Kraftwerk alleine nicht leisten. Selbst ein Ausgang des Referendums pro AKW-Bau könnte dann nicht umgesetzt werden. Bei geplanten Anfangskosten von 5 Mrd. ist dieses Szenario nicht unwahrscheinlich. (Matthias Brake)